Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

in einer Verfaſſung zurück, die es ihm unmöglich machte, wie ſonſt ſeinen Zuſtand ein wenig zu verbergen.

Welch' traurige Nächte hatte die junge Frau ſeit der Verirrung ihres Mannes zugebracht. Sie vermochte nicht die Augen zu ſchließen, Stunde an Stunde verrann und er kam noch immer nicht, und wenn ſie dann endlich das Oeffnen der Thüre hörte, ſtellte ſie ſich ſchlafend, weil ſie es ſelber fühlte, daß ſie dann nicht mehr die Kraft beſeſſen hätte, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung zu verbergen.

Heute aber konnte ſie nicht ruhig bleiben; ſie hörte einen ſchweren Fall, dann ein dumpfes Röcheln, und als ſie Licht an⸗ zündete, ſah ſie ihren Mann am Boden liegen mit bleichem, wild verſtörtem Geſicht und undeutliche Worte vor ſich hin murmelnd.

Odttilie erhob ſich von ihrem Lager, warf raſch einen Schlafrock über und verſuchte nun, die bewußtloſe Maſſe, die vor ihr lag, zu entkleiden und in's Bett zu bringen. Wer ihr geſagt hätte, daß ihr einſt eine ſolch' grauenhafte Scene bevorſtehen würde! Sie hatte vor einem Betrunkenen ſtets ein ſolches Entſetzen gehabt und jetzt war der bis zur Sinnloſigkeit berauſchte Mann, der kaum noch zu lallen vermochte, ihr Gatte. Aber ſie mußte ihren Ekel überwinden ſie durfte ihn nicht dort am Boden hilflos liegen laſſen und dennoch ſetzte der Trunkene ſogleich ihren Bemühungen den heftigſten Widerſtand entgegen.

Fork, fort, lallte er,die Hallunken ſie haben mich ſchön geplündert, aus aus und Tannberg ſchloß voll⸗ ends die verglasten Augen und ließ wieder den Kopf auf den Boden zurückſinken.

Wie es Ottilien endlich ge⸗ lungen war, ihren Mann in's Bett zu bringen, ſie wußte es ſelbſt nicht.

Sie hatte alle Kräfte dazu gebraucht und dabei war es ihr geweſen, als müſſe ſie vor Scham und Schmerz vergehen. Ja, ſie ſchämte ſich in der Seele ihres Gatten, daß er ſo tief, ſo tief geſunken. Jetzt ſchlief er mit den geräuſch⸗ vollen Athemzügen eines Be⸗ rauſchten. In die Augen der unglücklichen Frau kam kein Schlummer. Ach, ſie hatte gemeint, in dieſer Nacht das Schlimmſte und Furchtbarſte erlebt zu haben und der Morgen ſollte ihr noch Entſetzlicheres bringen...

Wenn Max auch noch ſo ſpät nach Hauſe gekommen war, er erwachte gewohnheits⸗ mäßig doch zur rechten Zeit und verſäumte niemals ſeine

Jetzt erſt tauchte in der jungen unglücklichen Frau die Ahnung auf, daß für ſie noch etwas Schlimmeres auf dem Spiele ſtand, und ſie fragte erſchrocken:Max, was iſt geſtern geſchehen? Du kamſt geſtern ſo ſpät nach Hauſe und ſie brachte nun doch nicht ihren gerechten Vorwurf über die Lippen, als ſie die tiefe Niedergeſchlagen⸗ heit ihres Mannes bemerkte.

Ich habe meinen Schwur nicht gehalten, ich weiß es wohl, daß Du mich ſeitdem verachten mußt; aber ich war zu unglücklich; ich wollte mich betäuben und nun iſt Alles aus... O, verzeihe mir, Ottilie, daß ich Dich ſo unglücklich gemacht habe. Und Tann⸗ berg ſtreckte in leidenſchaftlicher Selbſtanklage ſeine Arme nach ihr aus.

Ja, ich war ſehr unglücklich! ſagte die junge Frau leiſe und ihre Thränen brachen unaufhaltſam hervor.Nun ſiehſt Du Dein Unrecht ein und damit iſt Alles wieder gut. Sie wollte ihn zärtlich umarmen, doch er wehrte ſie beinahe heftig ab:Nein, nein, ich verdiene nicht Deine Verzeihung, ſtammelte er verwirrt.Ich habe mich leichtſinnig in den Abgrund geſtürzt und jetzt iſt es mein einziger Schmerz, daß ich auch Dich und mein armes Kind mit hinabgeriſſen.

Das mußt Du nicht ſagen, ermahnte Ottilie und verſuchte

mild und freundlich zu lächeln,

Du wirſt Dich aus Deiner

Verirrung ſchon wieder her⸗ ausfinden, Du haſt ja da⸗ mals auch aus Liebe zu mir Deine Leidenſchaft beherrſcht. O, Ottilie, Du weißt nicht Alles, preßte Tannberg hervor und wagte ſeine Frau nicht mehr anzublicken,ich wollte auch ein reicher Mann werden, damit Du Deine Wahl nicht zu bereuen hatteſt, und das Geld ſchien mir ja ſo leicht zu gewinnen, ſah ich doch täglich, daß die größten Dummköpfe im Handumdrehen Hunderttauſende in die Taſche ſteckten. Ich wollte deshalb auch mein Glück verſuchen... und ſpielte heimlich an der Börſe. Anfangs ging auch Alles prächtig, ich war auf dem beſten Wege, in kurzer Zeit mein Schäfchen im Trock⸗ nen zu haben da kam der nichtswürdige Krach ich verlor. Nun hielt ich es für eine glänzende Spekulation, wenn ich den Niedergang der Kurſe benutzte und noch mehr Papiere kaufte; ſie mußten doch nothwendig bald wieder ſteigen aber ſie ſanken

Amtsſtunden. Heute ſchlief er tief und feſt weiter und ſeiner Frau blieb zuletzt nichts weiter übrig, als ihn zu wecken. Er durfte ja nicht ſeine Berufs⸗ pflichten verſäumen.

Es gelang ihr nur mit großer Mühe. Endlich ſchlug er die ſchweren Lider auf und ſtarrte ſie mit verglasten Augen an.

Es iſt ſchon ſehr ſpät und Du mußt in das Comptoir, ſagte Ottilie und wandte ſich dann von ihm ab, es war ihr unmöglich, ſeinen Anblick zu ertragen.

Tannberg fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, als müſſe er ſich erſt beſinnen, dann ſagte er mit heiſerer, rauher Stimme: Ja, es iſt zu ſpät ich werde nicht gehen, und er wollte ſich umdrehen, um wieder weiter zu ſchlafen.

Dies durfte die Frau nicht dulden, und wie es ihr auch Ueber⸗ windung koſtete, ſagte ſie jetzt laut und eindringlich:Du kannſt nicht länger zögern. Oder willſt Du auch noch durch eine ſolche Säumniß Deine Stellung auf das Spiel ſetzen?

Bei dieſen Worten richtete ſich der Schlaftrunkene wieder empor und ſtarrte ſie von Neuem an. Er wollte ſich raſch erheben und der Mahnung ſeiner Frau nachkommen, aber plötzlich mußte ihm die volle klare Beſinnung zurückkehren; er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken, und ohne ſeine Frau an⸗ zuſehen, preßte er mühſam hervor:Das iſt doch vorbei ich bin ſo wie ſo verloren

Turkmeniſche Frauen aus der Gegend von Krasnowodsk.(S. 480.)

immer tiefer und der junge Kaſſirer vermochte nicht weiter zu ſprechen, er ſtockte und ſtarrte düſter, völlig verzweifelt vor ſich hin.

Ottilie hatte ſich an das Bett ihres Mannes geſetzt, um ſeine abgeriſſenen, leiſen Reden zu verſtehen, ſie unterbrach ihn mit keinem Wort, nur je weiter ihr Gatte ſprach, je tiefer ſenkte ſich ihr ſchönes Haupt. Als er nicht weiter ſprach, erhob ſie es lang⸗ ſam:Und? fragte ſie leiſe, während ihre thränenfeuchten Augen in banger Erwartung auf ſeinem Antlitz ruhten.

Der Athem Tannberg's ging langſam und ſchwer.Ich bin verloren, keuchte er endlich mühſam hervor,ich habe Alles auf das Spiel geſetzt meine Stellung, meine Ehre, o mein Gott! Er ſchlug die Hände vor's Geſicht und heiße Thränen rollten über ſeine Wangen.

Max, faſſe Dich, ſagte die junge Frau, die jetzt mitten in dem drohenden Unglück ihren Muth und ihre Selbſtbeherrſchung wieder gewann.Wenn Du Schulden gemacht haſt, um zu ſpekuliren, ſo müſſen wir uns jetzt einſchränken, alles Ueberflüſſige verkaufen, und glaube mir nur, bei Deinem hübſchen Gehalt können wir mit Fleiß und Sparſamkeit nach und nach eine bedeutende Summe decken.

Nein, nein, Du weißt noch nicht Alles! brach es von den Lippen des völlig verzweifelten Mannes.Ich habe mehrere Tauſende meiner Kaſſe entnommen und heute iſt Reviſion. Er ſtieß dabei von Neuem ein krampfhaftes Schluchzen aus.