Jahrgang 
14-26 (1877)
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454 Illuſtrirte Chronik der Zeit.

ſolcher ſei, habe er ja genugſam bewieſen. Damit entließ er Andreas in ebenſo höflicher wie freundlicher Weiſe.

Als der Kaufmann dann aber noch einige Zeit in ſeinem Zimmer auf und ab ſchritt, geſtalteten ſich ſeine Gedanken doch ganz anders, als nach ſeiner Unterhaltung mit dem jungen Manne zu erwarten ge⸗ weſen wäre. Er war keineswegs ein ſolcher Gemüthsmenſch, wie er ſich dargeſtellt hatte, ſondern überlegte jetzt ſehr kühl und klar, welche Verbindung ſeiner Tochter, reſpektive ſeiner Familie, die meiſten Vortheile bringen werde, die mit dem Sohne des Schloß⸗ hauptmanns, der aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeinem Vater einſt im Amte folgen werde, oder die mit dem jungen Hofbaumeiſter, der ſich des Königs Huld ſo ſchnell errungen und vermöge ſeines Talentes wohl noch eine ſchöne Zukunft habe. Eine beſondere Neigung für den Kaſimir empfand er nicht, auch wußte er, daß er die geiſti⸗ gen Fähigkeiten deſſelben nicht beſonders hoch anſchlagen durfte und ſo neigte ſich ſehr bald bei der Abwägung der Vortheile, welche die beiden Freier boten, das Zünglein der Wage auf die Seite Schlüter's.

Schon am andern Morgen begab ſich daher der Kaufmann zu dem alten Schloßhauptmann Nikolaus v. Wodzinski, hütete ſich aber wohl, demſelben den Zweck ſeines Kommens direkt mitzutheilen. Zunächſt gab er an, daß ihn der Wunſch zum Schloſſe hinauf ge⸗ führt habe, einmal den Pavillon ſeines früheren Gaſtes zu ſehen, den man ihm in der Stadt ſo ſehr gerühmt habe. Bei der Wan⸗ derung durch den Park ließ er ſodann verſchiedene Bemerkungen über den jungen Baumeiſter fallen, daß er gleich von Anfang an von deſſen bedeutendem Talent überzeugt geweſen ſei, daß ihn ſein freundliches, liebenswürdiges Weſen ſtets angenehm berührt habe. Auch ſeiner Familie ſei der junge Mann ſtets ein ſehr willkommener Gaſt, ja er fürchte ſogar, daß ſich in dieſer ein Intereſſe für den⸗ ſelben entwickelt habe, das über die freundſchaftlichen Gefühle hinaus gehe. 3

Bei dieſer letzten Bemerkung ſtutzte der alte Wodzinski, aber er antwortete noch nichts darauf, wußte er doch noch gar nicht, worauf Bialonski hinauswollte. Seine Vermuthung, dieſer werde ſich noch genauer ausſprechen, erfüllte ſich aber nicht; der Kaufherr ging auf andere Themen über und verabſchiedete ſich, nachdem er den Pavillon gebührend bewundert, mit vieler Herzlichkeit. Wodzinski war dabei ziemlich kurz angebunden, Bialonski that jedoch, als merke er das gar nicht, es entging ihm die Mißſtimmung keineswegs und er war ſehr befriedigt, daß er die vorbereitenden Gedanken ſo geſchickt dem Alten beigebracht hatte; er mochte ſie nun in ſeinem Gehirn eine Zeit lang herumwälzen, worauf ein entſcheidenderer Schritt gethan werden konnte, der ihm dann ſicherlich nicht unerwartet kam, bei dem er die übelſte Stimmung bereits überwunden hatte, ſo daß die Freundſchaft dadurch keinen völligen Bruch erlitt. Denn nichts vermied der ſchlaue Kaufherr ſorgfältiger, als offene Feindſchaft, wohl wiſſend, daß dieſe auf den Geſchäftsmann in jeder Geſtalt nachtheilig wirkt.

Aber ſo leicht, wie er ſich das wohl dachte, ſollte er ſich doch von dem alten Schloßhauptmann nicht frei machen können, war doch auch der ein ſchlauer Patron, der vor keinem Mittel zurück⸗ ſchreckte, um ſein Ziel zu erreichen. Und dieſes war in dieſem Falle für ihn, reſpektive für ſeinen Sohn, wichtig genug, um es ſich einige Mühe koſten zu laſſen; die Goldfüchſe in der Truhe Bia⸗ lonski's erſchienen ihm zur Auffriſchung des altadeligen Wappens Derer v. Wodzinski dringend nöthig.

Sehr richtig überlegte er, daß, wenn Maria Bialonski ſeinem Sohne erhalten bleiben ſolle, der Baumeiſter geſtürzt werden müſſe. Verwerflich fand er ein ſolches Vorgehen durchaus nicht, Schlüter hatte ja ſeinen Sohn verdrängt, es war ihm alſo nichts natürlicher, als daß er ihn wieder zu beſeitigen ſuchte, und da auf direktem Wege vorausſichtlich nichts zu erreichen war, mußten Umwege ge⸗ ſucht werden. Freilich war ein ſolcher gerade im vorliegenden Falle ziemlich ſchwer zu finden, doch hatte er ſich ja ſchon ſo manchen in ſeinem Leben gebahnt, warum ſollte er nicht auch hier einen ſolchen entdecken?

Bald ſollte es ſich zeigen, daß er nicht vergebens auf ſein Talent gerechnet hatte.

Der König war durch den ſo wohlgelungenen Pavillon ſo ſehr befriedigt worden, hatte eine ſo günſtige Meinung von dem Talente Andreas Schlüter's gefaßt, daß er dieſem ſchon bei der Einweihung des kleinen Baues bemerkt hatte, er möge ſich bereits in den nächſten Tagen daran machen, einen Riß für das Arſenal, von dem er ihm ja ſchon geſagt, zu fertigen, damit er auch das bald in Angriff nehmen könne; er, der König, hoffe, daß das größere Werk nicht minder gelingen werde, als das kleine, und freue ſich ſchon, daß ſeinen Waffen nun endlich, wie er es ſchon ſo lange gewünſcht, eine würdige Stätte bereitet werde..

AÄndreas ſaß daher ſchon am frühen Morgen nach dem ereig⸗

nißreichen Einweihungstage vor ſeinem Reißbrette und überlegte, entwarf und ſann hin und her; aber nur zu oft wichen ihm ſeine Ge⸗ danken vom rechten Pfade ab, wiederholt blickte ihm durch die Ornamente des Renaiſſanceſtyls ein lieblicher Mädchenkopf entgegen, und dann verſank er in ſüße Träumereien, holde Zukunftsbilder zogen an ihm vorüber bis ihm der Ernſt ſeiner Arbeit wieder vor die Seele trat und er auf's Neue ſich in ſeine Entwürfe und Zeich⸗ nungen vertiefte. Als dann die Dämmerſtunde hereinbrach, die ihn nöthigte, den Zeichenſtift aus der Hand zu legen, unternahm er einen Spaziergang in den Park. Gar zu gern wäre in die Maſurenſtraße geeilt, in das Bialonski'ſche Haus, um ſeine geliebte Maria einmal wiederzuſehen, allein er ſcheute ſich, mit dem alten Bialonski eher wieder zuſammen zu treffen, bevor dieſer ihm die definitive und wie er hoffte zuſagende Entſcheidung mitgetheilt hatte. Er bezwang ſich alſo und ließ ſich dafür von ſeiner Phantaſie ſonnige Zukunftsbilder vorſpiegeln.

Am nächſten Tage lag er gleichfalls wieder der angeſtrengteſten Thätigkeit ob, am Abend jedoch gelang ihm die Beherrſchung wie am Tage vorher nicht, mit unwiderſtehlicher Gewalt trieb ihn die Sehnſucht hinab zur Geliebten. Mit klopfendem Herzen betrat er die Maſurenſtraße, erblickte er das ſtolze Bialonski'ſche Haus; da plötzlich hätte er vor Freude laut aufjubeln mögen: der Kaufherr trat aus der Hausthüre auf die Straße und ſchritt in der entgegen⸗ geſetzten Richtung davon. Nun war alſo keine Gefahr mehr, ihm zu begegnen, er ließ ihn daher erſt um die Ecke biegen, eilte dann in das Haus und ſchloß gleich darauf das geliebte Mädchen, das ihn bereits erwartet hatte, in ſeine Arme. Sodann theilte ihm

Maria mit, daß der Vater, nach den wenigen kurzen Aeußerungen,

die er gethan habe, zu urtheilen, wohl geneigt ſei, in die Verbin⸗ dung zu willigen, daß er auch an den Meiſter Sapovius nach Danzig geſchrieben und ſich genauere Auskunft über Andreas erbeten habe und jetzt wieder ausgegangen ſei, um zu hören, wie man in der Stadt über den neuen Hofbaumeiſter ſpreche. Er gebe eben viel auf Reputation.

Alle dieſe Mittheilungen verſetzten Andreas in die froheſte Stimmung; konnte er doch der feſten Ueberzeugung leben, daß ſein alter würdiger Meiſter Sapovius nur das günſtigſte Urtheil über

ihn fällen werde, und in der Stadt, das hatte er bereits gemerkt,

hegte man die beſte Meinung von ihm und ſeinem Talente. Der Weg lag alſo geebnet vor ihm, nur noch eine kleine Weile Geduld und er war am Ziele ſeiner heißeſten Wünſche. Um nun aber auch während dieſer Zeit des Harrens ſich ſprechen zu können, ver⸗ abredeten die beiden Liebenden mit Erlaubniß der Mutter Maria's, daß, wenn der Vater Abends ausgegangen, ein weißes Tuch an einem Fenſter des zweiten Stockwerkes Andreas davon benachrich⸗ tigen ſolle.

In Folge deſſen konnten auch an den nächſtfolgenden Abenden freundliche zwangloſe Plauderſtündchen abgehalten werden, die Andreas nach der anſtrengenden Tagesarbeit ſtets erfriſchten wie ein ſtärkendes Bad und ſeine Zuverſicht auf die baldige Erfüllung ſeiner Herzenswünſche immer mehr befeſtigten.

Dennoch ſollten ſich ſchon in kurzer Zeit die Verhältniſſe ganz anders geſtalten, als die beiden Liebesleute erwarteten. Während der junge Baumeiſter nämlich Abends glücklich an der Seite ſeiner Maria ſaß und während er dann Nachts in ſeiner Wohnung in ſüßen Träumen lag, regte ſich in und an dem neuen Pavillon der Königin ein geheimnißvolles Leben, es wurde an den Fundamenten des Baues gegraben und gewühlt und außerdem war an der Rück⸗ ſeite deſſelben eine Leiter angelegt, auf welcher dunkle Geſtalten emporſtiegen, die dann in dem kleinen dunklen Bodenraume des Häuschens verſchwanden. Mehrmals erſchollen auch dumpfe Schläge, es ächzte und krachte auf dem Boden; dann ſtiegen die Geſtalten wieder herab, ebneten auch unten an den Fundamenten wieder Alles ſorgfältig und verſchwanden hierauf im Dunkel der Nacht.

Andreas hatte mittlerweile ſeine Pläne für das Arſenal vollendet, ließ ſich daher eines Tages beim Könige melden und legte dem⸗ ſelben ſowohl den Aufriß, wie einen beſonders für das Verſtändniß von Laien gefertigten Grundriß des zu errichtenden Gebäudes vor. Den nur Fachkundigen verſtändlichen, mit großer Genauigkeit und in ziemlicher Größe ausgeführten eigentlichen Bauriß nahm er gar nicht mit in die Audienz, um den König nicht mehr als nöthig zu beläſtigen. Dem Monarchen gefiel der äußerſt elegante, ſtatt⸗ liche Aufriß ſehr wohl; die Porkale, ſowie die Embleme fanden ſogar ſeinen lebhaften Beifall; auch mit der Vertheilung des Raumes im Innern zeigte er ſich einverſtanden und ertheilte in gnädigſter Weiſe zu Allem ſeine Zuſtimmung.

Mit der Ausführung des Baues ward nun nicht gezögert, Andreas erhielt die Ermächtigung, eine größere Anzahl von Maurern, Zimmerleuten, Steinnietzen und Erdarbeitern zu engagiren, ſowie das nöthige Baumaterial, das für dieſen Bau ziemlich bedeu⸗

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