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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 45⁵
tend war, anzukaufen. In Folge deſſen mußte der junge Bau⸗ meiſter eine ſehr vielſeitige Thätigkeit entwickeln und nicht ſelten die Gelegenheit, ſeine geliebte Maria einmal wieder ſehen zu können, unbenutzt vorübergehen laſſen. Dafür überwand er aber auch die wenig erquicklichen Vorarbeiten verhältnißmäßig raſch und konnte ſchon acht Tage nach ſeiner Audienz beim Könige die Erdarbeiten auf dem Bauplatze beginnen laſſen.
Es war ein herrlicher Sommermorgen, als die erſten Spaten⸗ ſtiche zu den Fundamenten gethan wurden; Andreas befand ſich in einer gewiſſen freudigen Erregung, daß das Werk, auf welches er ſo große Hoſſnungen ſetzte, nun wirklich begonnen wurde, mehr⸗ mals ging er an der abgeſteckten Front auf und ab, prüfte noch⸗
mals die verſchiedenen Linien und gab auch noch da und dort bei
Bau ganz aus dem Loth gewichen ſei. Die eine Seitenwand habe ſich ſehr bedenklich geſenkt und auch das Deckengewölbe ſei bereits ſo ſehr geſprungen, daß ein Einſturz zu fürchten ſei. Offenbar habe die Königin bei dem argloſen Betreten des Pavillons in Lebens⸗ gefahr geſchwebt, und jetzt wage Niemand mehr einen Schritt in das ohne Zweiſel in nächſter Zeit einſtürzende Gebäude zu thun.
Andreas war, als werde er vom Schlage gerührt, als er das vernahm. Sofort eilte er die Allee hinab, an deren Ende hinter einem ſchattigen Bosquet der Pavillon ſtand. Unterwegs begegnete er dem alten dicken Schloßhauptmann, der ihn mit einem hämiſchen Lächeln grüßte, aber er bemerkte dies gar nicht, erwiederte den Gruß nur flüchtig und ſtand daher bald vor dem Unglücksbau. Zuerſt traute er ſeinen Augen kaum— war es denn möglich, daß die mit aller Vorſicht angelegten Fundamente ſich noch ſo bedeutend hatten ſenken können, war es denn denkbar, daß die mit größter Gewiſſenhaftig⸗ keit konſtruirte Deckenkuppel ohne beſondere gewaltſame Einwirkung ſo erheblich hatte aus einander weichen können? Es ſchwindelte ihm, er mußte ſich an einem Baume feſthalten. Eines ſolchen Schlages mitten in ſein Glück hinein war er nicht gewärtig geweſen.
Eine Viertelſtunde wohl brauchte er, ehe er ſeine Erregung ſo weit überwunden hatte, daß er die Senkungen und Riſſe genauer unterſuchen konnte. Wie die erſteren entſtanden, war ihm rein un⸗ erfindlich, die großen klaffenden Riſſe der Decke machten den Ein⸗ druck, als habe eine ſchwere Laſt auf die Kuppel gedrückt, und doch hatte er keineswegs die Dachſparren auf den äußeren Kuppelrand aufgelegt, ſo daß dieſelben etwa hätten einen unheilvollen Druck ausüben können. Nach längeren Unterſuchungen kehrte er endlich zum Bäuplatze des Arſenals zurück, ohne nur das geringſte Re⸗ ſultat erzielt zu haben; das Unglück blieb ihm völlig räthſelhaft.
Während der Mittagszeit begab er ſich noch einmal nach dem Pavillon; er hoffte jetzt, nachdem er den erſten Schrecken überwun⸗ den, vielleicht mit klareren Augen zu ſehen, was die Urſache der Senkung und der Riſſe ſei, es mußte ſich dann herausſtellen, daß nicht an ihm, etwa an ſeiner Fahrläſſigkeit oder ſeiner mangeln⸗ den Fachkenntniß, die Schuld liege. Aber wie am Morgen, ſo be⸗ mühte er ſich auch jetzt wieder vergeblich.
Eine tiefe Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich nun ſeiner, er ſah ſich dunklen, unheimlichen Gewalten gegenüber, gegen die er ſich hilflos fühlte und die ihm ebenſo gut, wie bei dieſem kleinen Bau, auch bei dem neubegonnenen großen feindſelig entgegentreten konnten. An die Frage, was der König zu dem Unglück ſagen werde, dachte er nur mit Bangen; würde er im Stande ſein, den Monarchen zu überzeugen, daß kein Baufehler vorliegen könne, ſondern daß nur unerklärbare Umſtände, vielleicht ein Quell, der ſich plötzlich durch⸗ geſickert, oder der Einſturz einer kleinen Höhle, die Senkung her⸗ vorgebracht haben?
Inn dieſer peinlichen, marternden Ungewißheit ſollte er aber nicht lange bleiben, ſchon bald nach Beginn der Nachmittagsarbeit erſchien ein Diener des Königs mit der Meldung, daß Seine Maje⸗ ſtät ihn zu ſprechen wünſche.
Ohne Verzug leiſtete er der Aufforderung Folge. Als er in das königliche Gemach trat, ſagte ihm der erſte Blick, daß der Monarch ſehr aufgebracht ſei; gleich darauf brach denn auch der Sturm des Unwillens los, auf den Andreas zunächſt gar nichts zu erwiedern wagte. Der König warf dem jungen Manne vor, daß er nicht mit der nöthigen Vorſicht zu Werke gegangen, daß er ganz wahrſcheinlich mehr auf ein gefälliges, künſtleriſches Aeußere, als
auf Solidität gegeben, daß er wohl mehr Künſtler, Bildhauer, denn Baumeiſter ſei, letzteres Fach nicht genügend ſtudirt habe und in zu großem Selbſtvertrauen und in Ueberſchätzung ſeines Wiſſens und Könnens eine Aufgabe übernommen, der er nicht gewachſen ſei. Das gehe auch ſchon aus dem Umſtande hervor, daß er auch zu dem größeren Bau, für das Arſenal, nur die, wenn er ſo ſagen ſolle, künſtleriſchen Zeichnungen und Aufriſſe gezeichnet und vorge⸗ legt habe, während er wohl die eigentlichen fachmänniſchen Zeichungen, die doch ſchließlich die Hauptſache ſeien, gar nicht angefertigt habe, wenigſtens erinnere er ſich nicht, dieſelben geſehen zu haben.
Bei dieſer letzten Beſchuldigung bäumte ſich nun aber der Stolz des jungen Baumeiſters auf, er entgegnete dem Könige erregt, daß auch ſämmtliche fachmänniſche Detailzeichnungen von ihm gemacht worden ſeien und daß er Seine Majeſtät damit nur nicht beläſtigt habe, weil er der Anſicht geweſen, dieſelben könnten nur für einen Fachmann von Intereſſe ſein. Wenn aber Seine Majeſtät befehlen, würde er ſämmtliche Zeichungen ſofort herbeiholen und vorlegen.
Der König ſtimmte dieſem Vorſchlage bei und Andreas eilte nun ſofort in ſeine Wohnung hinüber, die Belege für ſeine Fach⸗ kenntniſſe, Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit herbeizuſchaffen. Er hatte dieſelben bisher in einer breiten Schublade ſeines Arbeitstiſches auf⸗ bewahrt und ſie noch am Morgen, bevor er zum Bauplatze gegan⸗ gen war, in derſelben, als er ſie einmal aufgezogen, um ſich ſeinen Maßſtab herauszunehmen, liegen geſehen; jetzt, als er die Schub⸗ lade eilig aufzog, um die Blätter ſchnell zu holen, fuhr er wie vom Blitze getroffen zurück— die Zeichnungen waren verſchwunden!
Im erſten Augenblicke war er gar keines Gedankens fähig, ſo unerwartet traf ihn der Schlag, erſt nach Verlauf von mehreren Minuten wurde es ihm klar, daß die Blätter geſtohlen ſein mußten. Bisher war in ihm nie die Beſorgniß aufgeſtiegen, ein Dieb könne Gelüſte nach ſeinen Zeichnungen bekommen, er hatte daher die Schublade nie verſchloſſen, auch die Thüre ſeines Zimmers in großer Sorgloſigkeit des Tages über nur eingeklinkt, ein Diebſtahl war alſo auf die einfachſte und leichteſte Art auszuführen geweſen. Warum die Entwendung ſtattgefunden, erſchien ihm völlig unbe⸗ greiflich; daß vielleicht eine Infamie hinter dem Verbrechen ſtecke, wagte er kaum zu denken.
Doch was war vorläufig zu thun? Er war völlig rathlos, auch durfte er den König nicht länger warten laſſen, ſchnellen Schrittes kehrte er daher zu dieſem zurück. Als er dem Monarchen ſeine ſchlimme Entdeckung mittheilte, ging ein eigenthümlicher Zug von Zorn und doch auch wieder von einer gewiſſen Befriedigung über deſſen Geſicht.
„Es iſt gut,“ ſagte er darauf, nachdem Andreas geendet, mit ſchneidender Kälte,„ich werde die Angelegenheit nicht weiter unter⸗ ſuchen, trifft doch auch mich die Schuld, daß ich einem verhältniß⸗ mäßig noch ſo jungen Menſchen, der mir außerdem noch völlig fremd war, gleich ſo vertrauensvoll ſo große Aufträge gab, denen er noch nicht gewachſen ſein konnte. Ich will von der ganzen An⸗ gelegenheit nichts mehr hören, gebe Dir hiermit Deinen Abſchied und bewillige Dir das Reiſegeld zur Rückkehr nach Danzig. Ich wünſche, daß Du Dir daſſelbe bald auszahlen läßt und bald richtig verwendeſt.“
Mit dieſen Worten verließ er das Gemach.
Andreas ſchwindelte es, er mußte ſich an einer Stuhllehne feſt⸗ halten. So ſchnell ſah er ſein Glück wieder vernichtet, auf das er gebaut hätte wie auf Felſengrund! Und Maria!— O, er konnte den Gedanken nicht ausdenken, das Blut brauste ihm im Gehirn, als kochte es ſiedend heiß!
Die Thränen traten ihm in die Augen; doch ex wollte ſich durch⸗ aus nicht einem thatenloſen Schmerze hingeben, er mußte ſich klar werden über ſeine Situation; mit aller Gewalt ſuchte er ſeine Ge⸗ danken zu ordnen. Aber das Gemach des Königs war nicht der Ort dazu, er ſchritt daher wieder hinüber nach ſeinem Zimmer und ſetzte ſich dort vor ſeinen Arbeitstiſch. Die heiße Stirn in die Hände geſtützt, ſaß er hier lange, grübelnd und ſinnend. Was ſollte er thun, was beginnen? Sollte er wieder zurück nach Danzig, ſein Stolz bäumte ſich gegen einen ſolchen ruhmloſen Rückzug— und war ihm dann nicht auch Maria für immer verloren? Und wioderum, konnte er hier bleiben, wo er eine ſo ſchmachvolle Nieder⸗ lage erlitten?
Da, wie er ſich ſo völlig rath⸗- und hilflos ſah, legte ſich ihm plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter; erſchrocken ſprang er auf und erblickte erſtaunt den kurfürſtlich brandenburgiſchen Geſandten, Herrn Hans Joachim v. Noſtitz, vor ſich, den er— ſo war er in ſein Grübeln verſunken geweſen— gar nicht hatte eintreten hören.
Der Geſandte blickte ihn mit milder Freundlichkeit an, er theilte ihm mit, daß er ſoeben vom Könige, dem er eine Aufwartung ge⸗ macht, das Vorgefallene erfahren habe, daß er jedoch nicht glauben könne, mangelhafte Konſtruktion ſei an dem Berſten der Kuppel


