Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

ing. Theils Familienverhältniſſe, theils die ſchlechten Ausſichten auf Avancement in einer vorausſichtlich langen Friedensperiode beſtimmten jedoch Schlägel, im Jahre 1863 ſeine Entlaſſung zu nehmen und zur Vervollſtändigung ſeiner Ausbildung nach Paris zu gehen, wo er einige Zeit lebte und unabſichtlich die Studien zu dem geſchichtlichen Roman

Pariſer Todtentanz machte. Zufällige Umſtände und äußere Einflüſſe

trieben ihn nach ſeiner Heimkehr in eine mehr publiziſtiſche und politiſche Thatigkeit hinein, die dem in deutſch⸗nationalem Sinne wirkenden Dichter eine Verurtheilung zu einjähriger Feſtungshaft und eine Anklage auf Hochverrath zuzog, denen er durch Ueberſiedelung nach der Schweiz auswich.

Der Wunſch, ſich einen ausgedehnteren Wirkungskreis zu ſchaffen, führte Schlägel 1869 nach Berlin, wo der bekannte Verlagsbuchhändler Otto Janke ſeine literariſche Thätigkeit freundlich förderte. Max v. Schlägel debütirte nun mit einigen Sammlungen von Novellen und Novelletten (Feuerſeelen u. ſ. w.), welche durch ihre Lebendigkeit und friſche An⸗ ſchaulichkeit Aufſehen erregten und ein ungewöhnliches Talent verriethen. Während er darauf im Plauen'ſchen Grunde bei Dresden an dem Schau⸗ platze des furchtbaren Unglücksfalles im Kohlenwerk Segen⸗Gottes für ſeinen trefflichen RomanHelden der Arbeit Studien ſammelte, brach der Krieg von 1870 aus. Um über die Epiſoden des Kriegs Berichte zu ſchreiben, wollte Schlägel ſich auf den Kriegsſchauplatz begeben, erreichte aber leider das Hauptquartier des Kronprinzen von Preußen nicht, ſon⸗ dern hatte das Unglück, nebſt ſeinem Freunde O. v. Marſchall den Fran⸗ zoſen in die Hände zu fallen, nach der kleinen Felſenfeſte Bitſch geſchleppt und dort unter den mannigfachſten Entbehrungen gefangen gehalten zu werden, was er in ſeinemGefangen und belagert(Jena, Coſtenoble) ſo draſtiſch beſchrieben hat, bis er endlich kurz vor dem Waffenſtillſtand ausgetauſcht wurde.

Nach dem Frieden widmete ſich Schlägel ganz ſeiner rührigen und erfolg⸗ reichen Thätigkeit als belletriſtiſcher Schriftſteller. Bald in Feldkirch, bald am Genferſee, bald in Ungarn, bald an den oberitalieniſchen Seen lebend, von ſeiner Gattin begleitet, entwickelte er eine ausgiebige, auch qualitativ bedeu⸗ tende Thätigkeit. Sein glänzendes Erzählertalent verſucht ſich am liebſten an volksthümlichen Stoffen; mit Vorliebe ſucht er ſich ſeine Helden unter den Männern der Arbeit und weiß ſeine Heldinnen, lauter gediegene, echt weibliche und innerlich tüchtige Naturen, mit den einſchmeichelndſten und kräftigſten Farben naturtreu zu ſchildern. Dieſes offene Auge für das Volk, für den wahren Fortſchritt, für das kernhaft Tüchtige, Geſunde und Edle hat auch ſeinen Erzählungen jene große Popularität verliehen, melthe ſie inmitten der hochgehenden Fluth der heutigen Produktion aus⸗ zeichnet.

Die Rieſenburg in der fränkiſchen Schweiz. (Mit Bild auf S. 424.)

Der letzte nordöſtlichſte Ausläufer jener langgeſtreckten Höhenzüge des Jurakalks, welcher ſich aus der franzöſiſchen Schweiz bis an den Fuß des Fichtelgebirges erſtreckt, bildet das etwa zwölf Quadratmeilen umfaſſende Hochplateau inmitten der Städte Bamberg, Erlangen und Bayreuth, wel⸗ chem man den prunkenden Namen der fränkiſchen Schweiz gegeben hat. Natürlich darf man bei dieſer Bezeichnung nicht an majeſtätiſche Ge⸗ birge, Alpenſeen und Gletſcher denken, denn das genannte Hochländchen be⸗ ſteht eigentlich nur aus etwas nach Norden geneigten Tafelſtrecken, aber die jäh abfallenden und tief eingeriſſenen Thäler, die faſt ſenkrecht empor⸗ ſteigenden Felſenwände und die ſeltſamen höchſt bizarren Geſtaltungen der grauen Dolomitgeſteine, welche den Jurakalt überlagern, verleihen der Landſchaft vielfach etwas ſo Abenteuerliches und märchenhaft Wildroman⸗ tiſches, daß dieſe ſchon längſt die Beachtung der gebildeten Touriſten auf ſich gelenkt hat. Dazu kommt noch, daß in dieſer Formation ſich viele Höhlen mit wunderſamen Tropſſteinbildungen finden, welche, wie z. B. die Muggendorfer Höhlen, eines europäiſchen Rufes genießen und geognoſtiſch hoch intereſſant ſind. Wer die merkwürdige Gegend beſuchen will, der trete ſeinen Ausflug von der Bahnſtation Forchheim bei Erlangen an, wende ſich über Ebermannſtadt nach Streitberg und Muggendorf, beſichtige hier und in Gailenreuth die Höhlen und richte dann ſeine Schritte über Gößweinſtein und Pottenſtein nach dem wegen ſeiner landſchaftlichen Schönheit ſo hochgeprieſenen Thal von Tüchersfeld und nach Rabenſtein, wo das Schloß einen Beſuch verlohnt. Von Waiſchenfeld aus geht es dann nach dem Rabenecker Thal mit ſeiner alten Burgruine und über den Weiler Doos der Rieſenburg zu, von welcher wir S. 424 eine Anſicht darbieten. Dieſe ſogenannte Burg iſt aber kein altes Schloß oder deſſen Ruine, ſondern ein geognoſtiſch höchſt charakteriſtiſches Naturgebild, eine großartige Auſthürmung von Dolomitſelſen, die man von Weitem wohl für die Trümmer einer von Cyklopen erbauten Burg halten könnte. Zwiſchen den ungeheuren Felſenkoloſſen ſind ſteinerne Treppen mit Holz⸗ geländern angebracht und aus einzelnen Felſeuritzen Laub⸗ und Nadel⸗ holzbäume herausgewachſen, welche als trefſliche Maßſtäbe dienen, um die Maſſenhaftigkeit der Steinbildungen zu meſſen. Vom Gipfel der Rieſenburg, von dem man eine ziemlich ausgedehnte Umſchau hat, gelangt man in etwa anderthalb Stunden wieder nach Muggendorf, um von hier aus entweder den Rückweg nach Forchheim einzuſchlagen oder mit dem Poſtwagen nach Bayreuth zu fahren. 3

Der Antrag. (Mit Bild auf S. 425.) Es heißt zwar im Sprichwort: Weß das Herz voll iſt, deß geht der Mund über, aber das trifft doch nicht immer zu. Mancher trägt Etwas mit ſich herum Wochen und Monde lang, möcht' es gar zu gern frei

herausſagen aber er wagt es nicht, und jedesmal, wenn ſich ihm die Gelegenheit bietet, verliert er den Muth. So ging es auch wiederholt dem Gottfried. Er war der ſchmuckſte Burſch im Dorf, auch im Uebrigen, wenn es galt einen Wettritt zu machen oder ſonſt ein Kraftſtück auszuführen, ſtets unternehmend und reſolut, aber zu einem Schritt, den er nun ſchon ſeit Wochen zu thun gedachte und wobei er das offen ſagen mußte, was ſein Herz ſchon lange erfüllte, konnte er durchaus die Courage nicht finden: zu dem Antrag, den er der blonden Marie vom Buchenhofe machen wollte. Endlich aber nahm er doch alle Energie zuſammen, ſchnitt an einem Sonntag Nachmittage, während die übrigen Burſchen im Kruge ſaßen, einen ſchönen Blumenſtrauß in ſeinem Garten, machte ſich ſo ſchmuck er konnte und ſchritt hinüber zum Buchenhof. Der Zufall war ihm günſtig, die Eltern Mariens waren, wie ihm der Knecht ſagte, der am Hoſthor lehnte, hinaus in's Feld gegangen; muthig klopfte er daher an die Thür der Wohnſtube. Ein klaresHerein! wurde drinnen gerufen, und das Herz begann ihm mächtig zu ſchlagen, denn er hatte die Stimme erkannt, es war die ihre geweſen. Schnell öffnete er jetzt, als er aber über die Schwelle ſchritt, verſetzte ihm der Schreck faſt den Athem Marie war nicht allein, ihre Freundin, das manchmal recht fürwitzige Liſel, ſaß neben ihr. Doch nun gab es keinen Rückzug mehr. Freundlich grüßend trat er vor, und ſchon um ſich der Liſel gegenüber keine Blöße zu geben, machte er einen ſehr wohl geſetzten Antrag, indem er gleichzeitig ſeinen duftigen Strauß überreichte. Unſer freundliches Bild auf Seite 425, von dem tüchtigen Maler L. Tannert, zeigt uns dieſe Scene. Daß die anfangs etwas betretene Marie ſchließlich nichtNein ſagte, war wohl zu erwarten, und ſo gab es denn bald eine Hochzeit, die eine der luſtigſten war, die je im Dorfe gefeiert worden. Das Liſel aber glänzte dabei als erſte Brautjungfer. L. S.

(Mit Bild auf S. 428.)

Unter den verſchiedenen Feldherren des dreißigjährigen Krieges, durch den Schwert und Seuche ſo viele Menſchen fraßen und die deutſche Ge⸗ ſittung einen ſo ungeheuren Rückſchritt machte, iſt eine der originellſten Erſcheinungen jener im Waffendienſt des Kaiſerhauſes Oeſterreich ergraute Greis, Johann Therklaes*) Graf v. Tilly, deſſen Name zu jener Zeit gleich demjenigen von Wallenſtein allein eine Armee werth war. Durch und durch Soldat und eifriger Katholik, hatte er für nichts Anderes Sinn, als für den Dienſt ſeines Kaiſers und den Sieg der katholiſchen Lehre. Tilly war ein Niederländer und 1559 auf dem Schloſſe Tilly in Brabant geboren. Seine Erziehung erhielt er in einem Jeſuitenkloſter und ſollte, als ein jüngerer Sohn, Geiſtlicher werden; allein er fühlte größere Nei⸗ gung zum Soldatenſtand, ging darum erſt in ſpaniſche und 1598 in kaiſer⸗ liche Dienſte, focht 1600 mit Auszeichnung als Obriſtlieutenant in Ungarn gegen die aufſtändiſchen Magyaren und die Türken und ward in Anerkennung ſeiner geleiſteten Dienſte 1601 zum Oberſten eines Wallonenregiments be⸗ fördert und ſpäter ſogar öſterreichiſcher Artilleriegeneral. Als Kurfürſt Maximilian J. von Bayern ſeine Armee neu organiſiren wollte, erbat er ſich hiezu vom Kaiſer den General Tilly und ernannte dieſen nach glücklich vollzogener Neubildung ſeines Heeres zu ſeinem Feldmarſchall. Beim Aus⸗ bruch des dreißigjährigen Krieges marſchirte Kurfürſt Maximilian von Bayern mit 36,000 Mann unter Tilly zunächſt nach Oberöſterreich; hier⸗ auf ward der Letztere zum Feldmarſchall der katholiſchen Liga ernannt und bench mit dem Gros von deren Truppen nach Böhmen auf. Tilly's erſter Sieg war die gewonnene Schlacht am Weißen Berge bei Prag(29. Oktober 1620), welche Friedrich von der Pfalz(denWinterkönig) die böhmiſche Krone koſtete; im folgenden Jahre vertrieb er den Grafen Ernſt von Mansfeld aus dem von demſelben beſetzten Theile von Böhmen, aus Elln⸗ bogen, Pilſen und Tabor, und warf ihn in die Oberpfalz zurück. Der kleine, ſchmächtige, leibarme Tilly, der in ſeinem dürftigen Auſzug, dem ſpitzen Bart und dem Hute mit der lang herabwallenden rothen Feder ſeit⸗ her faſt eine komiſche Figur geſpielt hatte und den feindlichen Feldherren wegen ſeiner mönchiſchen Gewohnheiten und ſeines wunderlichen Weſens ein Gegenſtand des Spottes geweſen war, enthüllte ſich plötzlich als ein furchtbarer Gegner. Schlau und berechnend in ſeinen militäriſchen Unter⸗ nehmungen, voll Ausdauer und Beharrlichkeit in Allem, was er be⸗ gann, voll blinder Ergebung gegen ſeinen Kriegsherrn, von ſeltenem Feldherrntalent, war er trotz ſeiner Strenge bald ein Abgott ſeiner Sol⸗ daten, weil in der That faſt allenthalben der Sieg ſich an ſeine Fahnen heftete. Hatte er auch bei Wiesloch am 27. April 1622 nicht geſiegt, ſo ſchlug er doch am 7. Mai den Markgrafen Georg Friedrich von Baden bei Wimpffen, den Herzog Chriſtian von Braunſchweig am 20. Juni bei Höchſt und eroberte Mannheim, Heidelberg und Frankenthal. Noch ent⸗ ſcheidender war der Sieg, welchen Tilly am 8. Auguſt 1623 bei Stadt⸗ Lohn in Weſtphalen über Chriſtian von Halberſtadt erfocht, wofür er vom Kaiſer in den Grafenſtand erhoben wurde. Alsdann beſetzte er Höpfer und den niederſächſiſchen Kreis, welcher dem Kaiſer den Krieg erklärt hatte, und ſchlug ſchließlich jenes Streitmacht am 26. Auguſt 1626 bei Lutter am Barenberge. Im folgenden Jahre beſetzte er Lauenburg, beendete den Krieg gegen den Dänenkönig durch den Frieden von Lübeck und be⸗ ſetzte die Küſten von Oſt⸗ und Nordſee. 1630 ward er an Wallen⸗ ſtein's Stelle zum Generaliſſimus der kaiſerlichen Truppen ernannt, rückte zunächſt in Brandenburg ein und belagerte mit Pappenheim gemein⸗ ſchaftlich Magdeburg, die mächtigſte Stütze der Evangeliſchen, die er am 20. Mai 163] eroberte und unter unausſprechlichen Greueln ſo verwüſtete, daß nur der Dom und einige Fiſcherhütten von der ganzen Stadt noch übrig blieben und über 30,000 friedliche Menſchen Leben und Habe ver⸗

*) Therklaes iſt eine altflämiſche Abkürzung für Sir Claes, Herr Nikolaus.