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„ Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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den anderen Genoſſen höchlich daran, als der Beſtrafte unter der ſchweren Laſt ächzte und bitterlich klagte.
Trotz der unglaublichen Verhärtung und Stumpfheit ſeines Gemüthes, woraus allein ſich ſeine ſchrecklichen Raub⸗ und Gewalt⸗ thaten erklären laſſen, hatte Tullian doch auch zweimal inmitten ſeiner Verbrecherlaufbahn Regungen des Gewiſſens. Auf dem Wege zur Vollführung eines Verbrechens ſtieß er in tiefer Nacht unver⸗ ſehens mit dem Kopfe an die mit dem Rade verſehene Säule eines Hochgerichts. Schaudern und Zittern ergriff ihn bei dieſer Ent⸗ deckung; er erwachte aus dem Taumel ſeines Verbrecherlebens, doch nur für einige Augenblicke, denn bald erſtickte ſein böſer Geiſt dieſe Mahnung und Regung zum Beſſeren durch den Gedanken, daß es lächerlich ſei, wenn er, der in ſeinem Leben ſo grauſame und ſchwere Thaten ohne Anwandlung von Reue und Furcht vollbracht, ſich vor einem elenden todten Stück Holz fürchte. Stärker noch und eindringlicher regten ſich die beſſeren Gefühle und die Stimme des höchſten Richters in ſeinem Inneren bei einer anderen Gelegen⸗ heit. An einem prächtigen Herbſtmorgen lag er ganz allein auf dem Hüttenberge bei Freiberg. Die aufgehende Soune vergoldete die Wolken und beleuchtete Stadt und Dörfer, Berg und Thal mit roſigem Glanze. Da ſtieg der Gedanke an einen allmächtigen Gott, der dies Alles erſchaffen, in ſeiner Seele auf, und daß er dieſen durch ſeine Miſſethaten ſo ſchwer erzürnt habe. Mit dieſer Be⸗ trachtung verband ſich bald eine andere. Eine Natter, die er neben ſich gewahrte und mit ſeinem Degen in Stücke zerhieb, wandte noch züngelnd das Kopfſtück nach ihm. Dies war ihm ein Bild der vielen Menſchen, an denen er ſich ſchwer vergangen und die den höchſten allmächtigen Richter um Rache wider ihn anſchrieen. Er faßte den Vorſatz, ein beſſeres Leben zu beginnen und nach Frank⸗ reich zu gehen; doch hielt auch dieſe beſſere Stimmung leider nicht lange vor, und weiter ſtürzte er auf der verbrecheriſchen Bahn vorwärts, bis er das verdiente Ende fand.
Bereits im Jahr 1705 war er in Leipzig abermals verhaftet worden und büßte fünf Jahre als Gefangener des dortigen Zucht⸗ hauſes. Doch in der Neujahrsmeſſe 1710 gelang es ihm, indem er ſich den Schlüſſel des Zuchthauſes zu verſchaffen wußte, dieſen in Wachs abdrückte und hiernach heimlich einen Nachſchlüſſel anfertigen ließ, mit ſieben anderen Gefangenen zu entkommen. Indeſſen ſollte er die wieder erlangte Freiheit nicht lange genießen; denn ſchon im September deſſelben Jahres, nachdem er freilich in dieſer kurzen Zeit mit ſeinen Raubgeſellen noch eine Menge ‚ſchwerer Diebſtähle und Raubanfälle vollbracht, wurde er wieder verhaftet und ſollte nicht wieder auf freien Fuß kommen. Folgendes waren die näheren Umſtände bei dieſer letzten Verhaftung. Tullian paſſirte zu dieſer Zeit das Thor in Freiberg und wurde von dem Thorwärter nach ſeinem Paſſe befragt. Er hatte jedoch einen ſolchen nicht aufzu⸗ weiſen, berief ſich indeſſen zu ſeiner Legitimation auf den Haupt⸗ mann Geißler in Freiberg, zu welchem ihn der Thorwärter beglei⸗ tete. Vor der Wohnung des Hauptmanns geriethen Beide in Wort⸗ wechſel und Tullian ſtach den Thorwärter mit ſeinem Degen nieder. Die vorübergehende Menge lief herzu, umringte den Mörder, über⸗ wältigte ihn und lieferte ihn dem Rathe der Stadt zur Haft ein. Vor dieſem leugnete Tullian, trotz der angewandten Folter, die er muthig überſtand, den Thorwärter mit Vorſatz erſtochen zu haben; doch wurde der gefährliche Verbrecher, den man alsbald in ihm erkannte, im November 1711 abermals in den Feſtungsbau zu Dresden gebracht. Aber auch hier ſcheiterten alle Verſuche, ihn zu überführen oder zu einem Geſtändniß ſeiner Thaten zu bringen, an ſeiner Verſtocktheit und ſeiner Standhaftigkeit in Ertragung der ärgſten Folterqualen. Ja, er ſchmiedete abermals Pläne, ſich wieder in Freiheit zu ſetzen. Dieſe gingen auf nichts Geringeres hinaus, als auf einen allgemeinen Aus⸗ und Durchbruch ſämmtlicher Bau⸗ gefangenen; und in der That wurde das Unterfangen mit einer ſolchen außerordentlichen Schlauheit und Energie vorbereitet, daß das Gelingen in naher Ausſicht ſtand. Tullian und ſeine Mit⸗ verſchworenen hatten ſich unvermerkt in den Beſitz von Brechſtangen, Haken, Feilen, Leinen u. ſ. w. zu ſetzen gewußt, ſich mit dieſen Inſtrumenten unterirdiſche Gänge gemacht, den Schutt bei Seite geſchafft und die äußerſten Mauern, durch welche man auf dem damals gefrorenen Stadtgraben und nach Niedermachung der Wachen in's Freie gelangen konnte, bis auf die letzte Schicht durchbrochen. Doch glücklicherweiſe wurde das Komplot, welches, wenn es gelungen wäre, das Land auf's Neue mit einer Menge Diebe und Mörder überſchwemmt hätte, welche man froh war hinter Schloß und Riegel
zu haben, noch rechtzeitig durch den Oberzeugmeiſter Schmid ent⸗
deckt und die verwegenen Geſellen nun in doppeltes und dreifaches
Eiſen geſchmiedet und in beſondere, weit feſtere und ſichere Gefäng⸗
niſſe gebracht. Tullian fand aber trotzdem wieder Gelegenheit, unter
gefälſchter Adreſſe und auf ſehr umſtändlichem Wege mit einem
ſeiner früheren Hehler und Diebesgenoſſen, bei welchem er noch Chronik ꝛc. 1878.
verſchiedene geraubte Sachen liegen hatte, einem gewiſſen Michael Schmied in Niederbobritzſch, in ſchriftlichen Verkehr zu treten und nicht nur Verfügungen über jene Sachen zu treffen, ſondern auch den Adreſſaten mit Inſtruktionen zu verſehen, was er vor Gericht ausſagen ſolle. Denn es war eine beſondere Unterſuchungskom⸗ miſſion für die Verbrechen Tullian's und ſeiner Genoſſen, von denen man mehrere gleichfalls eingefangen hatte, ſowie für viele andere ſchwer gravirte Baugefangene niedergeſetzt worden. Jener Briefwechſel Tullian's dauerte ein volles Jahr, bis endlich die Unterſuchungskommiſſion dahinter kam. Damit war Tullian's Verhängniß entſchieden. Die Kommiſſion ließ klugerweiſe den Briefwechſel noch eine Zeit lang fortbeſtehen, wußte es aber ſo einzurichten, daß Briefe und Antwortſchreiben, bevor ſie die Adreſſaten erhielten, von dieſen unbemerkt in ihre Hände gelangten, und ließ beglaubigte Abſchriften davon zu den Akten nehmen. Nach⸗ dem man auf dieſe Weiſe hinlängliche Beweiſe wenigſtens von einem Theile der Schuld Lips Tullian's erlangt hatte, wurde jener Schmied nebſt ſeiner mitſchuldigen Ehefrau verhaftet. Beide, von geringer Bildung und ſchwachem Verſtande, leugneten jedoch den gegen ſie ſprechenden Beweiſen gegenüber auf das Hartnäckigſte. Tullian indeſſen, zu klug, um ſich der Logik der Thatſachen ver⸗ ſchließen und noch auf die Möglichkeit einer Ausflucht hoffen zu können, zumal er glauben mußte, daß die Schmied'ſchen Eheleute Alles verrathen hätten, war, als ihm die Letzteren unter Vorlegung und Mittheilung des Inhalts jener Korreſpondenz konfrontirt wurden, wie vom Donner gerührt und verſprach, nachdem ihn der Vorſitzende der Kommiſſion eindringlich dazu ermahnt hatte, ein offenes, freiwilliges Bekenntniß aller ſeiner Miſſethaten nach vier⸗ undzwanzigſtündiger Bedenkzeit abzulegen. Er hielt ſein Wort und bekannte gegen fünfzig ſchwere Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit, gab auch alle ſeine Genoſſen an, von denen einige, wie erwähnt, bereits im Feſtungsbau ſich befanden, andere dagegen erſt eingefangen werden mußten. Eine völlige Sinnesänderung, wie man das nicht ſelten, auch bei den früher verſtockteſten Verbrechern findet, war jetzt, nachdem er ſein Herz durch offenes Bekenntniß ſeiner Sünden erleichtert und nun der Gnade Gottes ſicher ſein durfte, mit ihm vorgegangen. Er ermahnte auch ſeine in der Feſtungshaft ſich befindenden Genoſſen, ſeinem Beiſpiele zu folgen, indem er ſie auf das ewige Leben und die Gnade Gottes aufmerkſam machte und dabei viele paſſende Stellen aus der Bibel und gang⸗ baren Kirchenliedern citirte.
Bei acht ſeiner Spießgeſellen hatten ſeine Ermahnungen guten Erfolg. Er porträtirte ſie, da er ein guter Zeichner war, ſich ſelbſt an der Spitze, mit großer Kunſtfertigkeit im Armenſünderhemde auf ein Blatt und ſetzte darüber die Worte:
„Dieſe haben ſich zu Gott gewendet und ohne Tortur ihr Bekenntniß gethan.“
Später, nach Eingang des Urtheils, fertigte er eine ähnliche Zeichnung, worauf die fünfzehn anderen gefangenen Genoſſen, die hartnäckig geleugnet hatten, mit ihren Fuß⸗, Hand⸗ und Halsfeſſeln ſtanden. Beide Zeichnungen übergab er der Kommiſſion zu den Akten.
Auf eine förmliche Vertheidigung leiſtete er Verzicht, empfahl ſich Gottes und des Königs Gnade und bat nur, nach Eingang des Urtheils des Schöffengerichtes zu Leipzig, welches ihm die Todes⸗ ſtrafe durch das Rad zuerkannte, um eine gelindere Todesart. Seine Bitte wurde ihm auf Verwendung der Unterſuchungskommiſſion durch kurfürſtliche Gnade gewährt und jene Strafe in Enthauptung durch das Schwert verwandelt. Als Tullian dies verkündet wurde, hob er unter warmen Dankesworten ſeine Augen zum Himmel auf und verſicherte, nun werde er willig und getroſt zu ſeinem Tode gehen, weil er der Gnade Gottes in ſeinem Geiſte verſichert wäre und gewiß glaube, daß die Engel Gottes, ſobald er ſeine Augen geſchloſſen, ſeine Seele aufnehmen und in den Himmel bringen würden. Sein ferneres Verhalten bis zu ſeinem Tode bewies, daß ſeine Reue und Buße aufrichtig und es ihm damit Ernſt war. Mit einem ihm beigegebenen Mitgefangenen, der leſen und ſchreiben konnte, hielt er täglich drei Betſtunden und ſang geiſtliche Lieder. Von dem in ſeinem Beſitz gefundenen baaren Gelde ließ er für die Feſtungsgefangenen vier Poſtillen anſchaffen, malte eigenhändig in dieſelben einen grünen Berg mit einem rothen Herzen, in welchem ein ſchwarzes Kreuz lag, und ließ darunter ſchreiben:
„Ein geduldig Herz Trägt ſein Kreuz ohne Schmerz.“
Außerdem ermahnte er in der Dedikation, die er in die Poſtillen ſchreiben ließ, ſeine Mitgefangenen, auf ſein eigenes Beiſpiel hin⸗ weiſend, ihre Verbrechen zu bekennen und herzlich Reue und Leid über dieſelben zu tragen. Die ganze Nacht vor ſeiner Hinrichtung verbrachte er mit dem Stockmeiſter und deſſen Familie unter Beten und Singen; namentlich bat er den höchſten Richter, den vielen Mitmenſchen, denen er viel Noth und Herzeleid gemacht, es
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