Jahrgang 
14-26 (1877)
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414 lluſtrirte Chronik der Zeit.

einſamkeit trafen; Philibert ſchob ſeine Abreiſe immer weiter hinaus und ſprach endlich gar nicht mehr davon, und ſtatt Skizzen von den pittoresken Punkten der Gebirgslandſchaft zu entwerfen, wie er anfangs gethan, hatte er jetzt Valentinens Bild zu malen begonnen. Während ſie neben ihm auf den mooſigen Steinen ſaß und aufmerkſam den beredten Schilderungen lauſchte, die er von Italien und Rom, von den Schönheiten des durch die Natur und die Kunſt gleich begünſtigten Landes, von dem bunten heiteren Leben in der großen Stadt entwarf, ſuchte ſein Pinſel ihr liebliches Bild auf der Leinwand feſtzuhalten. Ihr, die nie aus dieſen abgelegenen Gebirgsthälern herausgekommen, erſchien Alles, was Philibert ihr von dem freien, geiſtig angeregten, geſelligen Treiben in den ver⸗ ſchiedenen Kreiſen der römiſchen Geſellſchaft erzählte, wie ein fremd⸗ artiges farbenprächtiges Märchen, das ihre Phantaſie wie mit einem Zauber umſtrickte, wenn ſie es mit dem öden, monotonen Leben verglich, das ſie im Hauſe ihres Vaters führte. Am Morgen, wenn ſie erwachte, war ihr erſter Gedanke an Philibert, und wie ein Kind auf ſeine Weihnachtsbeſcheerung, ſo freute ſie ſich jeden Tag von Neuem auf die Stunden, die ſie mit ihm zubringen durfte. Ein unausgeſetzt heiterer Himmel begünſtigte dieſe Zuſammenkünfte in der einſamen Bergwildniß, und da Valentine ſtets allein ſehr weite Spaziergänge zu machen pflegte, ſchöpfte Niemand Verdacht aus ihren langen Abweſenheiten vom Hauſe, ſelbſt der Abbé ſah ſie ohne Argwohn ſich auf viele Stunden entfernen, weil Philibert vor ſeiner erſten Begegnung mit Valentine ihm geſagt, daß er in den nächſten Tagen abreiſen würde und Abſchied von ihm genommen hatte. Er glaubte ihn alſo längſt auf dem Weg nach Rom, und Phili⸗ bert trug Sorge, ihm nicht mehr unter die Augen zu treten und ihn in dieſem Glauben zu belaſſen. Madame Godefroi bekümmerte ſich immer wenig um das Thun und Laſſen ihrer Tochter, und Herr Godefroi, der ſonſt vielleicht doch ſein Veto gegen dieſe allzu lange ſich ausdehnenden einſamen Spaziergänge derſelben eingelegt haben würde, war von ernſten Sorgen ſo in Anſpruch genommen, daß er wenig Sinn für etwas Anderes hatte.

Die Gährung unter dem Landvolk nahm ja einen immer drohenderen Charakter an, die Bauern wieſen dem Intendanten Godefroi's hohnlachend die Thüre, wenn er kam, um die rückſtän⸗ digen Zinſen und Pachtgelder einzufordern, ſie nannten ſeinen Herrn einen Blutſauger und Wucherer, behaupteten, er habe noch Frohnden und Abgaben von ihnen erhoben, nachdem dieſelben längſt aufge⸗ hoben geweſen, und durch Beſtechung der Regierungsbeamten die Publikation der bezüglichen, von der Nationalverſammlung erlaſſenen Geſetze verhindert. Zugleich führten ſie allerlei drohende Reden und ließen dunkle Andeutungen fallen, daß ein Tag kommen würde, an welchem ſie für alle erlittene Unbill ſich an ihren Unterdrückern rächen würden. Jakobiniſche Emiſſaire durchzogen das Land und wiegelten allenthalben die Armen gegen die Reichen und Beſitzenden auf. Die Stimmung der Bauern war namentlich in der Gegend von Ibaraye eine ſehr aufgeregte, und es konnte kein Zweifel ſein, daß bei dem Ausbruch eines Aufſtandes die Sicherheit und das Eigenthum Herrn Godefroi's, gegen den, als einen der reichſten Männer in dieſen Gebirgsthälern, der allgemeine Haß vorzugsweiſe gerichtet war, ernſtlich gefährdet ſein würde. Er wußte das auch, aber er zögerte noch immer, mit den Seinen zu emigriren, weil er ſich ſchwer von ſine ſchönen Beſitzthum trennte und die Gefahr, in d er ſchwebte, theils unterſchätzte, theils noch nicht ſo nahe glaubte.

Von alledem wußte Valentine nichts, die Außenwelt, mit Allem, was darin vorging, hatte gar kein Intereſſe für ſie, denn die Neigung, welche einſt das Kind zu dem Knaben gezogen, war jetzt zu einer tiefen, ihr ganzes Sein und Weſen beherrſchenden Leiden⸗ ſchaft geworden. Sie lebte nur in dem Glück der Gegenwart; täg⸗ lich mit Philibert zuſammen zu ſein, mit ihm zu ſcherzen und zu plaudern, ebenſo harmlos und fröhlich, als da ſie Beide noch Kinder waren, genügte ihr vollkommen; ſie dachte nicht an die Zukunft, dachte nicht daran, daß die Tage ſeines Aufenthaltes in dieſer Gegend gezählt waren und die Stunde der Trennung bald ſchlagen mußte.

Er malte mit großem Eifer an ihrem Bilde, das längſt fertig geweſen ſein würde, wenn er nicht immer wieder etwas daran zu verbeſſern und zu ändern gefunden hätte. Valentine, welche das beſtändige Modellſitzen endlich doch zu langweilen begann, ſagte eines Nachmittags, als er wieder dies und jenes an dem Bilde, an dem er eben die letzten Pinſelſtriche that, zu tadeln fand und Miene machte, es von Neuem zu übermalen:Nein, jetzt dürfen

Sie nichts mehr an dem Bilde ändern, Sie würden damit nur Ihre Arbeit verderben und ich habe keine Geduld mehr, immer mit derſelben ruhigen Haltung da zu ſitzen.

Er lehnte ſich zurück und verglich prüfenden Blickes das gemalte

endlich ſeufzend,und doch genügt mir das Bild nicht, irgend etwas fehlt noch an der vollkommenen Aehnlichkeit, aber welcher Pinſel vermöchte auch ganz den ſüßen Liebreiz, die holde Anmuth Ihres Geſichtes auf der Leinwand wiederzugeben. 4 Sie drohte ihm ſchelmiſch mit dem Finger.Sie ſind ein Schmeichler, Philibert, und werden mich am Ende noch ſo eitel machen, daß ich mir wirklich einbilde, eine Schönheit zu ſein. Eine Schönheit! wiederholte er melancholiſch,ich weiß kaum, ob Sie das ſind; ich habe noch nicht darüber nachgedacht, aber das weiß ich, daß mir nie ein Frauenangeſicht ſo ſüß und holdſelig erſchienen iſt, wie das Ihre, Valentine! Und ich möchte ſo gern ein ganz treues Porträt von Ihnen haben, damit ich auch noch in der Ferne mein Auge an Ihrer Lieblichkeit und Ihrer Anmuth erfreuen kann.

Sie war bleich geworden.In der Ferne, Philibert! Sie wollen doch nicht von hier fortgehen?

Ja, ich muß fort von hier gehen, verſetzte er leiſe,ich bin ſchon zu lange geblieben für die Ruhe meines Herzens, denn... ich liebe Sie, Valentine, und ich weiß doch, daß dieſe Liebe eine ſo ganz hoffnungsloſe iſt.

Ein heißes Roth färbte ihre Wangen.Warum hoffnungslos, Philibert? fragte ſie halb ſchalkhaft, halb ſcheu.Denken Sie ſo gering von ſich, daß Sie es nicht für möglich halten, eines Mäd⸗ chens Herz ſich zu gewinnen?

Valentine! rief er aufjubelnd und lag im nächſten Augen⸗ blick zu ihren Füßen, ihre Hände mit Küſſen bedeckend.Iſt es denn möglich, Du liebſt mich! mich, den Sohn eines verachteten Cagots?

Thorheit, Philibert, Du biſt kein Cagot! ſagte ſie mit einem leiſen Anflug von Ungeduld, während ſie mit ihrer Hand liebkoſend über ſeinen braunen, lockigen Scheitel fuhr.

Doch, Valentine, ich bin eines Stammes und Blutes mit jenen armen Ausgeſtoßenen, entgegnete er mit ernſtem Nachdruck, indem er ſich aus ſeiner knieenden Stellung erhob und ihr ſo forſchend in die zu ihm empor gerichteten Augen ſchaute, als wollte er in den Tiefen ihrer Seele leſen,Du darfſt Dich darüber nicht täuſchen, und iſt Deine Liebe nicht ſtark genug, um dem Vorurtheil zu trotzen, das mich in meinen Stammesgenoſſen trifft, dann...

So nenne Dich immerhin einen Cagot, fiel ſie ihm zwiſchen Aerger und Rührung ſchwankend in das Wort,mich kümmert es nicht, von wem Du abſtammſt, denn ich liebe Dich, Philibert, ich kann nicht mehr leben ohne Dich, und ich will Dir folgen und wäre es ſelbſt in die Hütte eines Cagot!

Er zog ſie in überwallender Seligkeit an ſeine Bruſt.Habe Dank für das Wort, Valentine, das mir die ganze Tiefe Deiner Liebe enthüllt! Nein, mein theures, geliebtes Mädchen, ſolch' ein Opfer brauche ich glücklicherweiſe nicht von Dir zu fordern. Ich führe Dich nach Italien, in das ſchöne, ſonnige Land, wo Du das Weib eines geachteten Künſtlers ſein wirſt, dem dort keine Thür ſich verſchließt, wie hier, weil ſeine Väter Cagots waren. Und die Aufgabe meines Lebens ſoll es ſein, Dir Heimath und Eltern, die Du verläſſeſt um meinetwillen, zu erſetzen.

Mein Vater, murmelte Valentine beklommen und ihr Auge wurde feucht.

Er zog ſie feſter an ſich.Es wird Dir ſchwer, von ihm zu ſcheiden, ohne Abſchied, mit der Gewißheit, daß er Dir nimmer vergeben wird, das Weib eines Cagot geworden zu ſein, ſagte er zärklich.Ich begreife das und ehre Dein kindliches Gefühl, aber Du mußt wählen zwiſchen mir und ihm. Drüben, jenſeit der ſpaniſchen Grenze, wohnt in einem armen Gebirgsdorf ein Vikar, den ich kenne, er wird uns trauen, und als mein Meib... Er ſtockte, weil er fühlte, wie ſie in ſeinem Arm zuſammen ſchauerte. Blaß und ſchweigend ſtarrte ſie zu Boden,Du zögerſt mir zu folgen, Geliebte, ſagte er mit plötzlich erwachtem Mißtrauen,Du fürchteſt den Zorn Deines Vaters und zauderſt und ſchwankſt?

Nein! entgegnete ſie feſt, die Augen voll und klar zu ihm aufſchlagend,ich ſchwanke nicht, denn ein Leben ohne Dich dünkt mir ſchlimmer als der Tod, und vertrauensvoll folge ich Dir, wo⸗ hin Du mich führſt. Aber ehe ich heimlich aus dem Elternhaus fliehe, um Dir anzugehören, ſollſt Du wenigſtens den Verſuch machen, meines Vaters Einwilligung zu unſerer Verbindung zu erlangen. Tritt morgen ehrlich und offen vor ihn hin, ſage ihm, daß wir uns lieben, und bitte ihn um meine Hand.

Philibert lachte kurz und höhniſch auf.Du ſcherzeſt, Valen⸗ tine! Dein Vater würde den Cagot, der zu ihm käme, um ſeiner drehte Hand zu begehren, mit Hunden von ſeinem Hofe hetzen laſſen.*

Nein! ſagte ſie, ihn mit zärtlichem Stolz betrachtend,Du biſt nicht der Mann, dem er ſo zu begegnen wagen würde. Mög⸗

Bild mit dem lebenden Original.Ja, es iſt ähnlich, ſagte er

lich, ja wahrſcheinlich iſt es, daß er ſeine Zuſtimmung zu unſerer

halten, neuverle

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