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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 415
Verbindung nicht gibt, aber dann haſt Du gethan, was Recht und Pflicht gebieten, und mein Gewiſſen macht mir keinen Vorwurf, wenn ich das Elternhaus heimlich verlaſſe, um ohne ſeinen Segen die Deine zu werden und mein Glück nicht einem ungerechtfertigten Vorurtheil opfere.“ 8
Bezwungen von dem bittenden, liebevollen Blick, mit dem ſie ihn anſah, ſagte er:„Du forderſt ein großes Opfer von mir, Valentine, und ich ſetze mich durch dieſe Werbung bei Deinem Vater nur einer zweckloſen und harten Demüthigung aus. Aber um Deinetwillen, Geliebte, bringe ich dieſes Opfer. Doch wenn ich mit Spott und Hohn von Deinem Vater heimgeſchickt werde..“
„Dann,“ fiel ſie ein,„verſpreche ich Dir, daß ich übermorgen um dieſe Stunde wieder hier ſein will, bereit, Dir in die weite Welt zu folgen.“—
„Alſo Verſprechen gegen Verſprechen?“ ſagte er.
Sie gelobte mit Hand und Mund, ihr gegebenes Wort zu halten, und nach einem langen, zärtlichen Abſchied trennte ſich das neuverlobte Paar.
So lange Valentine dem Geliebten Auge in Auge gegenüber geſtanden und unter dem Bann ſeiner liebenswürdigen, gewinnenden Perſönlichkeit geweſen war, hatte ſie wirklich für möglich gehalten, daß ihr Vater ſeine Zuſtimmung zu der Wahl ihres Herzens gäbe. Wenn er Philibert nur erſt geſprochen und kennen gelernt, meinte ſie damals, dann mußte er es ja natürlich finden, daß ſie ihm ihre Liebe geſchenkt und es begreifen, daß neben ihm ein Mann wie Etienne Dambrinnes ihr als Freier ebenſo widerwärtig als un⸗ annehmbar dünkte. Aber jetzt, da Philibert fern war, der Blick ſeines Auges, der Klang ſeiner Stimme ihr nicht mehr Muth und Zuverſicht gaben, begann ſie die Sachlage in einem weniger hoff⸗ nungsvollen Lichte anzuſehen, und bange Zweifel darüber, wie ihr Vater wohl die Bewerbung des Malers, der der Sohn eines Cagot war, aufnehmen würde, ſtiegen in ihr auf. Sie ſchloß die ganze Nacht kein Auge und bleich und ſtill ſaß ſie am nächſten Morgen neben ihrer Mutter am Stickrahmen, in nervöſer Erregung auf jedes Geräuſch, jeden Schritt draußen horchend, aus welchem ſie auf das Erſcheinen des Geliebten ſchließen konnte. Endlich wurde ſie hinüber in das Zimmer ihres Vaters gerufen, und mit wankenden Knieen und laut klopfendem Herzen erhob ſie ſich, dem Rufe Folge zu leiſten, ſollten doch die nächſten Minuten die zugleich gefürchtete und erſehnte Entſcheidung bringen.
„Komm bald zurück, Mignonne,“ ſagte Madame Godefroi, welcher der Diener, der Valentine zu ihrem Vater beſchieden, einen Brief mit dem Poſtſtempel:„Paris“ überreicht hatte,„ich glaube, dieſer Brief meiner Couſine enthält eine intereſſante Nachricht für Dich.“
Der Brief, in deſſen Lektüre ſie ſich nach Valentinens Ent⸗ fernung vertiefte, meldete ihr, wie ſie vorausgeſetzt, die nahe bevor⸗ ſtehende Ankunft des Sohnes der Schreiberin, des Marquis von Champeaubert, den ſie ſich zum Schwiegerſohn erkoren. Sie hoffte, daß der Glanz des alten Namens ihrem Gatten genug imponiren würde, um ihn zu beſtimmen, ſeine Pläne in Bezug auf den „roturier“ Dambrinnes zu Gunſten des jungen Edelmannes auf⸗ zugeben, und im Geiſte ihre Tochter ſchon als„Frau Marquiſe“ ſehend, vertiefte ſie ſich bereits in alle Details des Trouſſeaus und des Brautkleides, als die laute polternde Stimme ihres Gatten ſie plötzlich ſehr unſanft aus dieſen angenehmen Träumereien auf⸗ ſchreckte.
„Nun, Madame, ich mache Ihnen mein Kompliment,“ fuhr er ſie an,„Sie haben Ihre Tochter fürwahr vortrefflich erzogen! Hat mir das Mädchen doch eben, als ich ihr ſagte, daß ich ihre Hand dem Sohne des Herrn Dambrinnes verſprochen, ganz unumwunden erklärt, daß ſie den Mann, den ich ihr zum Gatten beſtimmt, nun und nimmermehr heirathen werde! Und warum nicht? Blos weil er ihr nicht gefällt! Einen anderen Grund weiß das impertinente Ding gar nicht anzugeben. Gefällt ihr nicht? Der Erbe einiger Millionen gefällt ihr nicht!...“
„Die Töchter des Hauſes Rochevernon...“ begann Madame
Godefroi mit Pathos, aber ihr Gatte ließ ſie den Satz nicht vollenden. „Die Töchter des Hauſes Rochevernon gehen mich nichts an, aber die Töchter des Hauſes Godefroi,“ fiel er ihr, ihre Worte parodirend, in die Rede,„haben bis jetzt immer dem Willen ihrer Väter ſich gefügt, und meine Tochter ſoll nicht die Erſte ſein, die eine Ausnahme von dieſer guten alten Sitte macht.“
„Es iſt ein Herr da, der Herrn Godefroi zu ſprechen wünſcht,“ meldete in dieſem Augenblicke ein Diener.
„Wahrſcheinlich der Notar, den ich beſtellt habe, um den Heirathskontrakt gleich aufzuſetzen,“ brummte Godefroi übellaunig, indem er das Zimmer verließ. Zugleich trat Valentine durch die
2 entgegengeſetzte Thüre wieder in den Salon.
„Komm in meine Arme, mein Kind,“ ſagte Madame Godefroi in einem ſo zärtlichen Tone, wie ihn die Tochter noch nie von ihr gehört,„wie freue ich mich, daß Du Dich ſo entſchieden geweigert haſt, dieſen„roturier“ zu heirathen, den Dein Vater Dir zum Gatten beſtimmt. Dir winkt ein anderes, glänzenderes Loos: Dein Vetter Champeaubert kommt in wenigen Tagen, um Dir Herz und Hand zu Füßen zu legen. Meine Tochter, Du wirſt Frau Marquiſe werden!“
Valentine ſchüttelte zu dieſen mit Pathos geſprochenen Worten ihrer Mutter energiſch den Kopf.„Nein, Mama,“ ſagte ſie,„ich habe ebenſo wenig Luſt, meinen Vetter Champeaubert als Etienne Dambrinnes zu heirathen, der Eine iſt mir gerade ſo wenig an⸗ genehm wie der Andere. Wenn Dambrinnes durch ſeinen Mangel an Bildung und an feinen Formen mich verletzt, ſo gefällt mir Champeaubert's geziertes, geſchniegeltes Weſen um nichts beſſer, und ſeine endloſen Erzählungen von den Hoffeſten in Verſailles und was dieſer Prinz und jene Herzogin zu ihm geſagt, haben mich voriges Jahr, als er hier war, ſo gelangweilt, daß ich nie an ihn denken kann, ohne zu gähnen.“
Madame Godefroi ſank matt in die Kiſſen des Fauteuils zurück und zog ihr Riechfläſchchen hervor; ihre Entrüſtung über Valentinens Nad war ſo groß, daß ſie ihr für den Augenblick die Sprache raubte.
Gleich darauf hörte man Herrn Godefroi laut und heftig auf dem Korridor ſchelten, eine tiefe, klangvolle Männerſtimme ſprach ein paar ruhige Worte dazwiſchen, dann wurde die Hausthüre klirrend in das Schloß geworfen und eine Minute ſpäter ſtürzte Jener, hochroth vor Wuth in das Zimmer. Er ſah Valentine, die in einer Fenſterniſche ſtand, nicht gleich und rief ſeiner Frau zornig entgegen:„Heute iſt ein Tag der Ueberraſchungen, Madame! Es hat ſich eben noch ein Freier für Valentine eingefunden, ein Freier von ganz beſonderer Art— ein Cagot!“
Madame Godefroi ſtieß einen Schreckensſchrei aus, ſie glaubte alles Ernſtes, ihr Mann ſei plötzlich verrückt geworden.
„Ja,“ fuhr dieſer ingrimmig fort,„ich ſcherze nicht, Madame, es iſt ein Cagot, der um unſere Tochter wirbt! Philibert Morato, der ſich einen Maler von anerkanntem Ruf nennt und behauptet, Valentine liebe ihn, ihn, den Cagot! und habe ihn ſelbſt zu mir geſchickt, um meine Zuſtimmung zu einer Verbindung mit ihm von mir zu erbitten. Der Menſch iſt natürlich ein ſchamloſer Lügner und ich bedaure, daß ich ihn nicht zur Strafe für ſeine Frechheit mit den Hunden vom Schloßhof hetzen ließ.“
Bleich, mit blitzenden Augen, ſtand jetzt Valentine hochauf⸗ gerichtet vor ihrem Vater.„Philibert Morato hat nicht gelogen,“ ſagte ſie feſt,„ich liebe ihn und nie werde ich das Weib eines anderen Mannes.“
Jetzt fiel Madame Godefroi wirklich in Ohnmacht, ihr Gatte aber faßte Valentine rauh an der Schulter.„Das wagſt Du Deinem Vater in's Angeſicht zu ſagen!“ ſtieß er zwiſchen den zornbebenden Lippen hervor.„Geh' auf Dein Zimmer und tritt mir nicht wieder unter die Augen, bis Du zur Vernunft gekommen biſt und Dich entſchloſſen haſt, dem Gatten, den ich Dir beſtimmt, Deine Hand zu reichen.“ 4
Valentine entfernte ſich in trotzigem Schweigen; die verächtliche Weiſe, in der ihr Vater von ihrem Geliebten ſprach, verletzte ſie auf das Tiefſte und erleichterte ihr den Entſchluß, ihn zu verlaſſen, um dieſem zu folgen. Sie bereitete Alles zu ihrer nach der mit Philibert getroffenen Verabredung auf den nächſten Tag beſtimmten Flucht aus dem Elternhaus vor, indem ſie einen Brief an ihren Vater ſchrieb, in welchen ſie ihn um ſeine Vergebung für den Schritt, den ſie gethan, bat und dann die nothwendigſten Kleidungsſtücke für eine Reiſe in ein kleines Bündelchen zuſammenpackte.
Langſam ſchlichen ihr die Stunden des Tages in der Einſam⸗ keit ihres Zimmers dahin, bis ſie endlich ermüdet von der ſchlaf⸗ loſen Nacht und den Aufregungen des Morgens in einen tiefen Schlummer ſank. Als ſie durch ein Pochen an ihrer Thüre erwachte, war es Nacht und der Abbé trat in Hut und Mantel mit einem Licht in der Hand zu ihr herein.
„Was iſt geſchehen!“ rief ſie und ſprang erſchreckt durch ſein ernſtes Ausſehen haſtig von dem Seſſel auf, auf dem ſie ge⸗ ſchlummert.
„Schnell, mein Kind,“ ſagte er, indem er einen auf einem Stuhl liegenden warmen Shawl ergriff und über ih. 1 Sommerkleid warf,„folgen Sie mir, wir müſſe; Prdeerfl Mama wartet ſchon unten und Ihr Vater holt, auf dem F buſje Thurmzimmer die Schatulle mit den Juwelen.“ da znit. anſahen.
Valentine ließ ſich willenlos und hale, Natür lich war 3 die Treppe hinabführen.„Warum müſſen endte der Morelnigten fragle ſie. ähnt in ſeinen durch
3 er Zuſammenkunft mit „Die Bauern von den umliegenden Der Zuſammenkunfte 3„ 3. Juli 1819 mit den
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