Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 413

errungen, daß er ſich nicht als einen Cagot betrachtet, und gewiß hat er es Ihnen gegenüber, Herr Godefroi, nicht abſichtlich an dem ſchuldigen Reſpekt fehlen laſſen.

Hm! brummte Godefroi halb beſänftigt,wenn der Morato wirklich, wie Sie ſagen, ein tüchtiger Künſtler geworden iſt, ſo kann man es entſchuldigen, wenn er in der Fremde vergeſſen hat, daß er ein Cagot iſt. Könnte man es doch ſelbſt ſchier vergeſſen, wenn man ihn anſieht. Es iſt ganz unbegreiflich, wie der Sohn eines Cagot, der er doch zweifellos iſt, zu einer ſo ſtattlichen Ge⸗ ſtalt, ſo dunkeln Augen und Haaren und einem ſo hübſchen, intelli⸗ genten Geſicht gekommen iſt; ſehen die Leute ſeines Stammes doch ſonſt alle aus wie Kakerlaken und ſind elende, an Leib und Seele verkrüppelte Geſchöpfe.

Bei Philibert Morato haben ſich viele Umſtände vereinigt, um ihn phyſiſch und moraliſch über das Niveau ſeiner Stammes⸗ genoſſen zu erheben, entgegnete der Abbé.Man erzählt ſich, daß ſein Urgroßvater einen vor der Nache Richelieu's fliehenden Edel⸗ mann auf geheimen Gebirgspfaden, von denen nur die Cagots Kenntniß haben, nach Spanien führte, von dieſem als Dank einen Beutel voll Gold erhielt, und es mag wohl an dieſem Gerede etwas Wahres ſein, denn die Moratos gelten für wohlhabende Leute, deren

1 hübſches, geräumiges Haus ſich ebenſo von den halb verfallenen Hütten der übrigen Cagots unterſcheidet, wie ihre reinliche, anſtän⸗ dige Kleidung von den ſchmutzigen Lumpen, in denen jene einher⸗ gehen. Dann fließt auch in ſeinen Adern Zigeunerblut, das wohl ſeine Augen und Haare ſo dunkel gefärbt und ſeinen Gliedern Kraft und Geſundheit gegeben haben mag. Eben jener Urgroßvater von ihm, der der Retter des vornehmen Edelmannes geworden, fand einſt ein todkrankes Zigeunerweib mit einem kleinen Mädchen unfern ſeines Hauſes matt und verſchmachtend am Wege; er nahm Beide mit⸗ leidig in ſein Haus, und als die Mutter bald darauf ſtarb, zog er das Kind derſelben mit ſeinen eigenen auf. Später heirathete dann ſein älteſter Sohn die Zigeunerdirne, und ſo ſind die Moratos nur als halbe Cagots zu betrachten.

Ei, Sie ſind ja ſehr genau informirt über die Verhältniſſe und die Genealogie dieſer Cagotfamilie, ſagte Dambrinnes ſpöttiſch.

Ich habe mich immer für die Moratos beſonders intereſſirt, entgegnete mild der Abbé,weil ich ſie als fromme, mildthätige Menſchen kennen gelernt. Der Vater Philiberts zeichnete ſich auch durch Intelligenz und rührigen Fleiß ſehr vortheilhaft vor ſeinen Stammesgenoſſen aus, und dieſer ſelbſt war ein ſo begabter, auf⸗

geweckter Knabe, daß die Eltern auf meinen Rath hin ihn nach

Die Erde van der Venus aus geſehen.(S. 420.)

Paris ſchickten, weil ich es für eine Sünde gehalten, wenn man ihm bei ſeinen großen Fähigkeiten nicht die Gelegenheit gegeben, die⸗ ſelben auszubilden.

Madame Godefroi, welche es für einen Verſtoß gegen die Würde einer ſo vornehmen Dame, wie ſie es in ihren Augen war, hielt, einen Cagot zum Gegenſtand der Unterhaltung an ihrem Tiſche zu machen, hob jetzt die Tafel auf und begab ſich auf die Terraſſe, wo der Kaffee ſervirt war. Der junge Dambrinnes benützte die Ge⸗ legenheit, um ſich Valentinen nun, da man ſich draußen freier bewegen konnte, noch einmal zu nähern, aber ſie wies ſeine etwas unbeholfe⸗ nen Verſuche, ihr die Cour zu machen, ſo kurz und ſchnöde ab, daß er ſich wieder zu Herrn Godefroi flüchtete, der um ſo liebenswür⸗ diger und zuvorkommender gegen ihn wurde, je unfreundlicher ihn ſeine Tochter behandelte. Bald darauf zog ſich Valentine, Kopfweh vorſchützend, in ihr Zimmer zurück und kam trotz des ſtrafenden Blickes, den ihr Vater ihr zuwarf, als ſie ſich entfernte, den ganzen Abend nicht wieder zum Vorſchein.

Am folgenden Tage richtete Valentine ihren Spaziergang, wie

ſie es verſprochen, wieder nach der einſamen Berghalde, wo ſie Phi⸗

libert Keſtern getroffen, und fand den jungen Maler ſchon dort,

ſie erthartend. Sein Benehmen gegen ſie war viel unbefangener

Die Erde vom Monde aus geſehen.(S. 420.)

und freundlicher, als bei der erſten Begegnung, die gereizte Bitter⸗ keit, die geſtern oft aus ſeinen Worten klang, war ganz verſchwun⸗ den, er mochte, da ſie heute wieder gekommen war und ganz ſo herzlich und vertraulich wie in den Tagen ihrer Kindheit mit ihm plauderte, wohl die Ueberzeugung gewonnen haben, daß ſie wirklich nichts von ſeiner Anweſenheit gewußt, und nicht, wie er voraus⸗ geſetzt, ein Zuſammentreffen mit ihm vorher abſichtlich vermieden hatte.

Bald hatten Beide ganz den Ton der früheren Jahre wieder ge⸗ funden, und in munterem, angeregtem Geſpräch ſchwand ihnen die Zeit des Beiſammenſeins nur zu ſchnell dahin. Valentine zeigte das wärmſte Intereſſe für Alles, was ihn betraf, ſie wurde nicht müde, Fragen über ſeine Vergangenheit an ihn zu richten und mit glänzenden Augen und gerötheten Wangen hörte ſie zu, wenn er er⸗ zählte, mit wie viel Schwierigkeiten und Hinderniſſen er zu kämpfen gehabt, wie viel harte Anſtrengung und raſtloſen Fleiß es ihn gekoſtet, bis er ſich einen geachteten Künſtlernamen errungen, und wie jetzt die Zukunft ſo hell und freundlich vor ihm liege und er in der Ausübung ſeiner Kunſt ſeine höchſte Befriedigung finde.

Ohne ſich eine gegenſeitige Zuſage gegeben zu haben, er⸗ ſchien es den beiden Jugendgeſpielen ganz ſelbſtverſtändlich, daß

ſie ſich nun jeden Tag zur ſelben Stunde oben in der Verg⸗