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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
mente, die von dem Ruhm und der Macht der alten Seigneurs von Rochevernon erzählten, füllte ihre Zeit aus, und ſie überließ die Erziehung ihres einzigen Kindes ganz ihrem Hausgeiſtlichen, dem Abbé Giron, und einer Bonne, die ihr eine hochgräfliche Couſine aus Paris geſchickt hatte.
So war es ganz natürlich, daß das Kind, deſſen lebhaftes und munteres Weſen von der Mutter immer als„Nulgaire“ getadelt wurde, und das, war es einmal bei ihr im Salon, ſteif wie eine Drahtpuppe daſitzen ſollte, ſich mehr an den Vater anſchloß, der zwar auch von ſeinen Geſchäften ſo in Anſpruch genommen war, daß er wenig Muße hatte, ſich um Valentine zu bekümmern, aber der ſie doch wie ſeinen Augapfel liebte, ſie in jeder Weiſe verzog und verhätſchelte und ihr alle Wünſche, die ſich durch Geld erfüllen ließen, mit freigebiger Hand gewährte. Seit ſie erwachſen war, beſchäftigte er ſich ernſtlich mit dem Gedanken, eine paſſende Parthie für ſie zu finden, und wählte lange, bis er in der Perſon des jungen Etienne Dambrinnes, deſſen Vater für den reichſten Mann auf vierzig Meilen in der Nunde galt, den geeignetſten Schwieger⸗ ſohn gefunden zu haben meinte.
Valentine war jedoch, wie wir bereits geſehen haben, mit dieſem Plane durchaus nicht einverſtanden. Der junge Dambrinnes mißfiel ihr ſehr, und trotz allen Vorſtellungen und Ermahnungen ihres Vaters behandelte ſie denſelben ſtets mit der größten Kälte und Un⸗ freundlichkeit. Heute ſchien nun ihre Stimmung gegen den ihr un⸗ willkommenen Bewerber eine ganz beſonders unfreundliche zu ſein, auf jeden Verſuch, den er machte, um ſie in ein Geſpräch zu ver⸗ wickeln, hatte ſie nur kurze einſilbige Ant⸗ worten, ohne ihm nur einen Blick zu gönnen. Godefroi, welcher fürchtete, daß Dambrinnes dieſes Benehmen Valenti⸗ nens ernſtlich übel nehmen und wegen der ihm ſo deutlich von ihr gezeigten Ab⸗ neigung am Ende ganz von ſeiner Bewerbung abſtehen würde, ſuchte ſeine Aufmerkſamkeit von dem jungen Mäd⸗ chen abzuziehen, in⸗ dem er mit ihm eine lebhafte Diskuſſion über die Nachrichten von dem Sieg des Berges über die ge⸗ mäßigte Partei der Girondiſten, welche die neueſten Zeitungen aus Paris gebracht, begann. Das war ein Thema, welches für den Sohn des reichen Finanzpächters noch mehr Intereſſe hatte, als ſelbſt Valentinens ſchöne Augen, denn durch die von den Anhängern Marat's jetzt ausgegebene Parole:„Krieg den Paläſten, Friede den Hütten,“ ſahen alle Beſitzenden ſich an Leben und Eigenthum bedroht, während ſie ſchon früher durch die ſeit der Revolution eingetretene Stockung in Handel und Wandel große Verluſte erlitten hatten. Ihm ſowohl als Godefroi erſchien die Gährung und Aufregung der unteren Klaſſen, die von den Städten aus durch politiſche Emiſſäre jetzt auch auf dem platten Lande verbreitet wurde, als ſehr bedenk⸗ lich, und ſie waren Beide einig in der Verdammung der Geſetze, welche die Nationalverſammlung in Bezug auf die Befreiung des Bauern von allen Laſten, Frohnden und Abgaben, die dieſe früher zu tragen gehabt, erlaſſen hatte.
„Ja, dieſe verkehrten Geſetze haben das ganze Unheil verſchul⸗ det,“ ſtimmte Dambrinnes ihm eifrig bei.„Die Deputirten der Nationalverſammluug waren philantropiſche Schwärmer, unpraktiſche Theoretiker, die von den thatſächlichen Verhältniſſen gar nichts ver⸗ ſtanden, alles über einen Kamm ſcheeren wollten, und ſo erließen ſie denn Dekrete, die z. B. auf die Zuſtände hier zu Lande paßten, wie die Fauſt auf's Auge.“
„So iſt es,“ nickte Godefroi,„und den Schaden davon haben wir zu tragen, täglich wird das Bauernvolk unverſchämter und aufſetziger; mein Intendant klagt, daß er Zinſen und Pachtgelder gar nicht mehr eintreiben kann, ſie meinen, da Frohnden und Zehn⸗ ten abgeſchafft ſind, brauchten ſie gar nichts mehr zu zahlen. Ich
denke oft daran, ob es nicht am klügſten wäre, dem Beiſpiel der
Emigranten zu folgen und Frankreich zu verlaſſen; die Nachrichten über Aufſtände des Landvolkes, wobei die Schlöſſer der Reichen ge⸗ plündert und verbrannt werden, mehren ſich in ſchreckenerregender Zahl.“
„Mein Vater und ich haben auch ſchon daran gedacht, auszu⸗ wandern,“ entgegnete Dambrinnes,„aber man kann ſeine Häuſer, Meierhöfe, Felder und Wieſen leider nicht mitnehmen, und man trennt ſich doch ſo ſchwer von ſeinem Eigenthum.“
„Das iſt wahr,“ entgegnete Godefroi,„deshalb bleibe ich auch noch immer, aber für den äußerſten Nothfall habe ich mich doch vorgeſehen und den größten Theil meines Vermögens in Cdelſteine umgeſetzt, die jetzt unter dem Preis zu haben ſind und doch immer ihren Werth behalten. Wird mir alſo der Boden hier zu heiß, ſo gehe ich in's Ausland und kann dort bequem leben, bis die Zu⸗ ſtände ſich hier wieder geordnet haben.“
„Halten Sie die Gefahr eines gegen die Beſitzenden gerichte⸗ ten Aufſtandes des Landvolks für ſo drohend und nahe?“ fragte Dambrinnes ängſtlich.
„Das nicht,“ verſetzte Godefroi,„das Lumpengeſindel hier hat doch keine rechte Courage, ſich an uns zu wagen, aber nach dem, was mir mein Intendant erzählt, herrſcht doch eine große Aufregung in den unteren Schichten der hieſigen Bevölkerung. Jedenfalls iſt dem gemeinen Volk aller Reſpekt vor den Höherſtehenden abhanden gekommen, davon habe ich neulich wieder einen eklatanten Beweis gehabt. Denken Sie ſich nur, vorgeſtern Morgen begegnet mir der Sohn des ver⸗ ſtorbenen Cagot Mo⸗ rato, der lange im Auslande geweſen ſein ſoll. War der Menſch. gekleidet wie ein vor⸗ nehmer Herr; er trug wahrhaftig einen modiſcheren, feineren Rock, als ich ſelber! Der Weg über den Bach, auf deſſen Mitte ich mit ihm zuſam⸗ men traf, war ſo ſchmal, daß man nicht ohne ſich dicht zu be⸗ rühren an einander vorüber ſchreiten konnte; meinen Sie nun, er wäre, um mir auszuweichen, wie es ſich gebührt hätte, in das ſeichte, kaum fußtiefe Waſſer ge⸗ treten? Gott behüte! Er geht hart an mir vorbei, daß ſein Arm den meinigen ſtreift, und grüßt mich ganz cavalierement, als wäre ich Seinesgleichen. In früheren Zeiten hätte man einen Cagot für eine ſolche Frechheit auspeitſchen laſſen, jetzt aber muß man ganz ſtill ſein, um nicht die ganze Meute mit ihrem Freiheits⸗ und Gleichheitsgeheul ſich auf den Hals zu ziehen.“
Der Abbé ſah zu Valentine herüber, deren Auge zornig auf⸗ blitzte, und die jetzt unter dem forſchenden Blick des Geiſtlichen dunkel erröthete. Er errieth, daß ſie mit Philibert Morato zuſam⸗ men getroffen, und daß ihre Fragen in Bezug auf die Cagots, die ihn vorhin ſo befremdet hatten, durch dieſe Begegnung veranlaßt worden waren. Seine Vorſicht, die Anweſenheit des jungen Mannes vor ihr geheim zu halten, hatte nichts genützt, der Zufall hatte ſie doch mit ihm zuſammen geführt, und er dankte im Stillen Gott, daß Philibert, wie er ihm mit Beſtimmtheit geſagt, ſchon in den näch⸗ ſten Tagen abreiſen wollte, alſo die Gefahr, daß Valentinens In⸗ tereſſe für den einſtigen Jugendgeſpielen nicht zu einer wirklichen Neigung werde und den Frieden ihres Herzens ſtöre, dadurch be⸗ ſeitigt wurde. Er war deshalb jetzt nur darauf bedacht, einer heftigen und unvorſichtigen Aeußerung Valentinens, wie ſie offenbar ihr auf den Lippen ſchwebte, zuvor zu kommen und damit eine heftige Scene zwiſchen Vater und Tochter, wie ſie deren beiderſeitige Er⸗ regtheit fürchten ließ, zu verhüten. So miſchte er ſich denn jetzt mit Lebhaftigkeit in das Geſpräch, dem er bisher ſchweigend und zer⸗ ſtreut gefolgt war.„Der junge Morato,“ ſagte er raſch, in ent⸗ ſchuldigendem Ton,„iſt ſo lange in der Fremde geweſen und hat ſich dort als talentvoller tüchtiger Maler eine ſo geachtete Stellung
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