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Illnſtrirte Chronik der Zeit.
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Ausnahmeſtellung iſt, die ſie unter der hieſigen Bevölkerung ein⸗ nehmen?“—
„Seit fünfzig Jahren weile ich in dieſem Lande,“ entgegnete mit tiefem Ernſt der Abbé,„und trotz der eifrigſten Nachforſchungen iſt es mir in der langen Zeit nicht gelungen, den Urſprung der Cagots und die Urſache, weshalb ſie die Parias unter der hieſigen Bevölkerung ſind, zu ergründen. Die Einen ſagen, ſie ſeien Nach⸗ kommen von Hugenotten, die in dieſe abgelegenen Gebirgsthäler geflüchtet, um freier Religionsübung willen; aber da ſie alle recht⸗ gläubige und fromme Katholiken ſind, ſo fehlt dieſer Annahme jeder Grund. Andere wieder behaupten, ſie ſeien die letzten zurückgebliebenen Reſte des großen Gothenvolkes, das einſt über die Pyrenäen erobernd nach Spanien zog, und wenn auch dieſe Hypotheſe einer nordiſchen Abſtammung der Cagots durch die weiße Haut, die faſt farbloſen Haare und hellblauen Augen, welche ſie Alle im ſcharfen Gegenſatz zu den dunkelhaarigen, gebräunten, ſchwarzaugigen Bearnern zeigen, unterſtützt wird, ſo iſt doch nicht anzunehmen, daß Gott in ſeiner Güte an den ſpäten Enkeln, die längſt nichts mehr von der Irrlehre des Arianus, der jene Gothen anhingen, wiſſen, die Ketzerei der Väter ſo ſchwer ſtrafen würde, daß ſie dafür noch heute unter dem Fluch des Elendes, der Krankheit und der allgemeinen Verachtung ſeufzen müßten. Es liegt eben ein undurchdringliches Geheimniß über der Abſtammung dieſer Cagots und man kennt ihren Urſprung ebenſo wenig, wie den der Zigeuner, über welchen ſich die Gelehrten
noch immer vergeblich die Köpfe zerbrechen.“
„Aber weshalb ſind denn die Cagots ſo verachtet, wenn ſie doch nichts Böſes thun,“ forſchte Valentine eifrig weiter,„warum ſcheut ſich der ärmſte Bettler, ihre Schwelle zu überſchreiten, und würde lieber am Wege verſchmachten, als aus der Hand eines Cagots einen Trunk Waſſer, einen Biſſen Brod anzunehmen?“
„Ich weiß nicht, mein Kind, worauf ſich eigentlich das Vor⸗ urtheil gegen die Cagots gründet, das in den Gemüthern aller Bearner ſo tief eingewurzelt iſt,“ entgegnete der Abbé.„Ihr Aeußeres, das ſo ſehr den Stempel der Verkommenheit und der Krankheit trägt, mag wohl eine Veranlaſſung dazu ſein; dieſe ver⸗ krüppelten, ſchwächlichen Geſtalten mit ihren rothgeränderten Augen und fahlbleichen Geſichtern, die, in ſchmutzige Lumpen gehüllt, ſo ſcheu und gedrückt umherſchleichen, ſind allerdings kein angenehmer An⸗ blick, und ſchwer iſt es, hier Urſache und Wirkung von einander zu unterſcheiden. Wer kann wiſſen, ob nicht die ſtumpfſinnige
Gleichgiltigkeit, mit der ſie in ihrem Schmutz und ihrer Armuth
von Generation zu Generation weiter vegetiren, nicht nur die Folge des furchtbaren Druckes iſt, unter dem ſie ſeit Menſchengedenken ſeufzen. Jetzt iſt ihre Lage im Vergleich zu früheren Zeiten ja noch eine verhältnißmäßig erträgliche, man erlaubt ihnen doch wenigſtens ihr elendes Daſein in Ruhe zu friſten, und an die allgemeine Verachtung, die noch immer auf ihnen laſtet, ſind ſie ſo gewöhnt, daß ſie dieſelbe kaum noch empfinden. Ehemals aber wurden ſie in jeder Weiſe verfolgt, man dichtete ihnen alle mög⸗ lichen Laſter und Vergehen an, und belegte ſie mit den ſchrecklichſten Strafen, wenn ſie irgend eines der vielen Verbote, durch die ſie von jeder Gemeinſchaft mit der menſchlichen Geſellſchaft ausge⸗ ſchloſſen waren, übertraten. Noch vor hundert Jahren mußte jeder Cagot Cierſchalen an ſeine Kleider geheftet tragen, um ſchon von Weitem kenntlich zu ſein, damit Jeder ſeiner Begegnung ausweichen konnte, an keinem Brunnen eines von Bearnern bewohnten Dorfes durfte ein Cagot Waſſer ſchöpfen; jetzt iſt ihnen der Eintritt in die Kirche, freilich nur durch einen beſonderen kleinen Eingang und in eine abgeſonderte Ecke, doch geſtattet, damals durften ſie der Meſſe nur vor der Kirchenthüre beiwohnen, und wagte es einer von ihnen, die Schwelle eines Bearners zu überſchreiten, ſo wurden ihm zur Strafe vom Henker die Füße mit einem glühenden Eiſen durchbohrt.“
„Aber das iſt ja entſetzlich,“ rief Valentine bebend vor innerer Empörung,„wie konnte man in einem chriſtlichen Staat über unſchuldige Menſchen ſolche Geſetze verhängen!“
Der Abbs zuckte die Achſeln.„Es gibt viel Ungerechtigkeit in der Welt, und viele der Großen und Mächtigen, welche die Geſetze geben und die Staaten regieren, ſind nur Chriſten dem Namen nach.. Ob die Cagots bei einer gerechten und milden Behand⸗ lung auf eine höhere Stufe der Kultur und Geſittung gebracht werden könnten, iſt mir jedoch oft fraglich erſchienen, ſie ſind phyſiſch und moraliſch gar zu verkommen. Freilich gibt es Beiſpiele, daß, wenn ſie in größeren Wohlſtand kommen, auch ihre intellek⸗ tuellen Kräfte wachſen, doch ſind dieſe Beiſpiele ſehr vereinzelt, eigentlich kenne ich...“
Der laute Ton einer Schelle, die vom Schloſſe her klang, unter⸗ brach den Abbé hier.„Die Tiſchglocke ruft ſchon,“ ſagte er, und begann eilfertig die Stufen hinabzuſteigen, die von dem Weinlauben⸗ gang auf die untere Terraſſe führten.
Valentine folgte ihm, indem ſie lachend ſagte:„Heute wird
Mama wieder Gelegenheit haben, mich auszuſchelten, weil ich im Morgenneegligé bei Tiſch erſcheine, aber ich habe keine Zeit mehr zum Umkleiden.“
Der Abbé wandte ſich um, und als er ihre von der Hitze etwas aufgelösten Locken, aus denen jede Spur von Puder verflogen war, und an dem Saum ihres Kleides die deutlichen Spuren des naſſen Graſes, durch das ſie geſchritten war, erblickte, ſagte er: „Sie ſollten doch noch vor Tiſch Toilette machen, wir werden heute einen Gaſt haben.“
„Wen denn?“ fragte Valentine geſpannt.
„Herrn Etienne Dambrinnes.“
„Herrn Dambrinnes!“ wiederholte ſie in gedehntem Ton. „O, für den iſt mein Negligé gerade gut genug, und dann bin ich auch ſicher, von Mama heute wegen der Vernachläſſigung meiner Toilette nicht geſcholten zu werden.“
„Aber Herr Godefroi wird um ſo ungehaltener ſein, wenn Sie ſo wenig Rückſicht für ſeinen Gaſt zeigen,“ mahnte der Abbé.
Valentine ſchnippte übermüthig mit den roſigen Fingern in die Luft.„Bah! daraus mache ich mir gar nichts, der Papa kann mir doch nie ernſtlich böſe ſein.“
Der Abbé ſchwieg, von der Fruchtloſigkeit weiterer Ermahnungen überzeugt, und gleich darauf traten ſie in den Speiſeſaal, deſſen Thüren nach der unterſten Terraſſe herausgingen. Hier fanden ſie ſchon Herrn und Madame Godefroi und einen jungen Mann, der, obgleich er als eleganter Stutzer nach der neueſten Pariſer Mode gekleidet war, doch mit ſeiner unterſetzten Figur, ſeinen rothen, großen Händen und ſeinen groben Zügen keineswegs einen diſtin⸗ guirten Eindruck machte.
Valentine erwiederte ſeinen etwas linkiſchen Gruß mit einem kurzen hochmüthigen Neigen des Kopfes, und auf die halblaute grollende Frage ihres Vaters: warum ſie es gerade heute nicht der Mühe werth gefunden, Toilette zum Diner zu machen, erwiederte ſie unbefangen: ſie ſei zu ſpät vom Spaziergang zurückgekommen, um ſich vor Tiſch noch umkleiden zu können. Damit nahm ſie ihren Platz an der Seite ihrer Mutter, den Wink Herrn Godefroi's, der ihr den Stuhl neben dem Gaſte anwies, gefliſſentlich überſehend. Madame Godefroi lächelte ihr beifällig zu, an jedem anderen Tage würde ſie ihr wegen ihres Erſcheinens in der Morgentoilette eine ſtrenge Strafpredigt gehalten haben, denn ſie legte großen Werth auf Formen und Etikette, aber heute überſah ſie willig dieſen Verſtoß, weil ſie darin einen Beweis von Nichtachtung gegen den Gaſt erblickte. War ihr dieſer doch als Bewerber um Valentinens Hand im höchſten Grade verhaßt, da ſie ihre Tochter mit einem ihrer Vettern, einem Marquis v. Champeaubert, zu verheirathen wünſchte, um ſo wenigſtens der Tochter den von ihr ſelbſt mit ſo ſchwerem Herzen aufgegebenen Adelstitel wieder zu verſchaffen. Sie war über dieſen Punkt, wie über jeden anderen, ganz verſchiedener Anſicht mit ihrem Gatten, man konnte überhaupt kaum ein Ehe⸗ paar finden, das in jeder Beziehung, äußerlich wie innerlich, ein⸗ ander ſo unähnlich war, wie Herr und Madame Godefroi. Die große magere Frau mit den ſtrengen harten Zügen, wie ſie mit dem hohen gepuderten Toupé, der ſchweren Damaſtrobe, den von Brillanten funkelnden ſchmalen Händen in ſteifer Grandezza an ihrem Tiſch präſidirte, hatte ein entſchieden ariſtokratiſches Air, während ihr Gatte mit ſeiner wohlbeleibten gedrungenen Geſtalt, dem jovialen, ſtark gerötheten Geſicht, aus dem ein Paar graue kluge Augen mit einem etwas verſchmitzten Ausdruck unter einer niedrigen Stirn hervorblitzten, ſeine Abſtammung von Bearner Bauern durchaus nicht verleugnete. Es war auch nicht die Liebe geweſen, die das Eheband zwiſchen zwei ſo ungleichartigen Weſen geknüpft, ſondern Rückſichten ganz anderer Art. Er hatte gehofft, durch die Verbindung mit der Tochter des verſtorbenen Schloßherrn von Rochevernon eine beſſere Stellung in den höheren Kreiſen der Ge⸗ ſellſchaft der Provinz zu erlangen, welche den Sohn des Müllers von Ibaraye, trotz ſeines Reichthums, immer noch etwas über die Achſeln anſah; und ſie hatte, da ihr nach dem Tode ihres Vaters kein anderer Beſitz geblieben, als das überſchuldete, in Trümmer zerfallende Schloß Rochevernon, die Heirath mit dem„roturier“, der doch den Mangel eines Wappenſchildes wenigſtens durch den Beſitz von ein paar Millionen ein wenig erſetzen konnte, dem Ein⸗ tritt in ein Kloſter, das ihr als letzte Zuflucht blieb, vorgezogen.
Daß eine von beiden Seiten aus ſolchen Beweggründen ge⸗ ſchloſſene Ehe keine ſehr glückliche ſein konnte, liegt auf der Hand; die Gatten lebten neben, aber nicht mit einander, und ſelbſt die Geburt einer Tochter näherte ihre Herzen einander nicht. Madame Godefroi war eine kalte, indolente Natur, deren Blick immer in die Vergangenheit gerichtet war, um an dem einſtigen Glanz und dem Anſehen ihrer Familie noch in der Erinnerung ſich zu laben. Die Korreſpondenz mit entfernten vornehmen Verwandten, die Lektüre neuer Romane, oder das Studium alter vergilbter Perga⸗


