Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

lauter zu rollen begann. Ich wußte, daß wir verloren waren, wenn der Gewitterſturm uns noch auf dem ſchmalen, kahlen Berg⸗ grat traf, und ſo faßte ich raſch den Entſchluß, jene glatte, ſteile Felswand mit Ihnen hinabzuklettern, auf die Gefahr hin, daß wir, wenn mich der Schwindel faßte oder mein Fuß ausglitt, zerſchmet⸗ tert in den Abgrund ſtürzten. Aber der Gedanke, daß Ihr Leben von meiner Sicherheit und Geſchicklichkeit abhing, gab mir Rieſen⸗ kräfte, und wir kamen wirklich glücklich unten an.

Hu! mir ſchaudert noch, ſagte Valentine, auf das Bild deutend,wenn ich daran denke, daß wir unter Donner und Blitz jene ſteile Felswand hinunter kletterten. Wie lange iſt das jetzt her? Laſſen Sie mich einmal nachrechnen: ein paar Monate ſpäter gingen Sie nach Paris, und ich⸗-hatte kurz zuvor meinen zehnten Geburtstag gefeiert, richtig, gerade elf Jahre ſind ſeitdem vergangen.

Und aus dem kleinen Mädchen von damals iſt eine große ſchöne Dame geworden, ſagte er lächelnd, und der bewundernde Blick, den er dabei auf ſie heftete, trieb ihr das Blut in die Wangen.

Um ihm ihr Erröthen zu verbergen, beugte ſie ſich nieder und pflückte eine blaue Campanula, die zwiſchen den Wurzeln einer Fichte ſtand.Bleiben Sie noch lange hier? fragte ſie dann, und ſich jetzt erſt wieder erinnernd, weshalb er zurückgekommen, ſetzte ſie haſtig hinzu:Sie werden doch gewiß nicht eher abreiſen, bis Ihre Mutter wieder geſund iſt.

Meine Mutter iſt todt, ſagte er kurz,und ich würde dieſe Gegend ſchon verlaſſen haben, wenn... ich nicht einige Skizzen von der pittoresken Gebirgslandſchaft hätte machen wollen.

Valentine ſenkte befangen den Kopf, aus ſeinen Worten klang ihr ein unausgeſprochener Vorwurf entgegen, der ſie bis in das Herz traf. Seine Mutter war krank geweſen, war geſtorben, und ſie hatte nicht einmal darum gewußt; ſie, die ſonſt zu jedem Kran⸗ ken des Ortes ging und Sorge trug, daß aus Küche und Keller des Schloſſes gute und kräftige Labung ihm geſandt wurde, hatte um die Mutter des Jugendgeſpielen ſich gar nicht bekümmert, hatte nichts gethan, ihr Leiden zu erleichtern.

Ich wußte nicht, daß Ihre Mutter krank war, Philiberk, murmelte ſie leiſe,gewiß, ich wußte es nicht!

Und wenn Sie es gewußt hätten, Valentine, es würde des⸗ halb doch nicht anders geweſen ſein, entgegnete er herb.

Sie ſchwieg, den Blick auf den Boden geheftet. Zum erſten Mal empfand ſie, wie tief die Kluft war, die ihn von ihr ſchied

Wir ſind ja Cagots, fuhr er grollend fort,das heißt Men⸗ ſchen, die außerhalb des Geſetzes und jeder Gemeinſchaft mit an⸗ ſtändigen Leuten ſtehen.

Schweigen Sie, Philibert, unterbrach ſie ihn mit zuckenden Lippen,ich will ſolche Reden nicht mehr von Ihnen hören, oder ich gehe auf der Stelle fort.

Nein, bleiben Sie, bat er, indem er ſie mit ſanfter Gewalt wieder auf den Stein niederzog,wir haben einander ſo lange nicht geſehen, und Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie Sie ſeither gelebt haben.

Valentine zog die feinen Brauen leicht zuſammen.Wie ich ſeither gelebt habe? Ein ſo gleichförmiges, ereignißloſes Daſein, wie das meinige, kann man nicht ‚leben nennen, ich vegetire nur. Im Grunde führe ich heute noch ganz dieſelbe Exiſtenz wie vor elf Jahren, nur mit dem Unterſchied, daß ich jetzt des Mor⸗ gens, ſtatt Stunden bei dem Abbé und ma Bonne zu nehmen, bei Mama im Salon am Stickrahmen ſitze, Nachmittags meine Wald⸗ ſpaziergänge jetzt allein, ſtatt ſonſt mit Ihnen mache, und zum Diner ſtatt erſt zum Deſſert und im kurzen Kleidchen, jetzt ſchon zur Suppe und en grande toilette komme. Weiter hat ſich in meinem Leben nichts geändert während all dieſer langen Zeit.

Wirklich? fragte er, ſie ſcharf fixirend.Mich dünkt, daß Sie mir bei der Schilderung Ihres Lebens doch eine ſehr wichtige Veränderung, die in demſelben vorgegangen iſt, verſchweigen.

Sie ſchüttelte den Kopf.Ich habe Ihnen Alles geſagt, außer, daß ich mich jetzt viel mehr langweile, als da ich noch ein Kind war, und die Monotonie meiner Exiſtenz mich oft zum Gähnen bringt.

geAber der Abbé Giron hat mir doch erzählt, daß Sie ſich in der Kürze mit dem Sohn des Finanzpächters Dambrinnes aus Pau verheirathen würden!

Valentine warf die rothen Lippen verächtlich auf und zwiſchen ihren Brauen trat eine kleine eigenſinnige Falte ſcharf hervor.Der Abbé hat Ihnen das erzählt? Nun, dann hat er zum erſten Mal in ſeinem Leben eine Lüge geſagt.

Philiberts Augen leuchteten auf. Valentine?

Nein, es iſt nicht wahr! Papa hat allerdings die Abſicht, mich mit dieſem Herrn Etienne Dambrinnes zu verheirathen, aber

So iſt es alſo nicht wahr,

ich will nicht, und heutzutage haben die Väter nicht mehr die Macht,

ihre Töchter gegen deren Willen an den Altar zu ſchleppen. Die Zeit des Deſpotismus iſt vorüber in der Familie wie im Staat.

Der trotzige, kampfluſtige Ausdruck, den ihr hübſches Geſicht⸗ chen bei dieſen Worten annahm, ſtand ihr ſo reizmd, daß der Maler ſie entzückt anſah.Sie haben ganz Recht, Valmtine, ſagte er, laſſen Sie ſich nicht zwingen, einen Mann zu hsrathen, für den Ihr Herz nichts empfindet, eine Ehe ohne Liebe iſt eine Hölle.

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung? fragte ſie haſtig.

Nein, ich ſpreche nicht aus eigener Erfahrung, noch bin ich frei von Hymens Feſſeln.

Valentine nickte befriedigt.Das iſt gut, Künſtler dürfen nicht heirathen. 4

Warum ſollen wir Künſtler denn zum Cölibat virdammt ſein? fragte er beluſtigt.

Ich habe einmal geleſen, ſagte ſie mit altkluger Miene, daß die Kunſt eine eiferſüchtige Göttin iſt, die keine ſterbliche Neden⸗ buhlerin duldet. Aber, unterbrach ſie ſich, indem ſie ihren Stroh⸗ hut aufſetzte und die Bänder unter dem roſigen Kinn feſtband,ich

verplaudere mich hier mit Ihnen, eben ſehe ich, daß der Pic du

midi ſchon ſeinen Schatten bis an den Thurm unſeres Schloſſes wirft, da iſt es bald ſechs Uhr, und ich muß mich ſputen, damit ich nicht zu ſpät zum Diner nach Hauſe komme. Adieu, Philibert, ich hoffe, Sie denken noch nicht ernſtlich an Ihre Abreiſe und wir ſehen uns noch öfters.

Ein freudiges Leuchten flog üer ſeine Züge.Ich werde von dieſem Punkt aus noch einige Skizzen machen und während der nächſten Tage um dieſelbe Stunde ſtets hier ſein. Vielleicht, ſetzte er zögernd hinzutreffen wir uns noch einmal hier, wie heute?

Gewiß, entgegnete ſie unbefangen,ich werde morgen wieder kommen und rechne darauf, Sie dann hier zu finden. Adieu, Phi⸗ libert, auf Wiederſehen alſo!.

Sie nickte ihm bei dieſen Worten freundlich zu und ging raſchen,

elaſtiſchen Schrittes den mit Gras und niedrigen Sträuchern be⸗ wachſenen Abhang hinab. Bald aber wurde ihr Gang langſamer,

mit geſenktem Kopf, in tiefes Sinnen verloren, verfolgte ſie mecha⸗

niſch den Weg nach dem Schloß. Die Begegnung mit dem Jugend⸗ geſpielen hatte eine Reihe von Gedanken und Fragen in ihr wach⸗ gerufen von ſo ernſter und nachdenklicher Art, wie ſie noch nie zuvor unter dieſer jugendlichen Stirne ſich gekreuzt. In Bearn geboren und erzogen, hatte ſie das Vorurtheil gegen die Cagots gleichſam mit der Luft eingeathmet, ohne ſich je über den Grund deſſelben Rechenſchaft zu geben. Sie hatte es als ein feſtſtehendes Faktum betrachtet, daß jene Unglücklichen eine verachtete untergeord⸗ nete Menſchenraſſe ſeien, die außerhalb des Geſetzes wie der bürger⸗ lichen Geſellſchaft ſtand, und nie darüber nachgedacht, ob die Ve⸗⸗ achtung, die wie ein Bann über ihnen lag, auch eine verdiente ſei, und man nicht eher Urſache habe, dieſe Armen zu bemitleiden, ſtatt ſie zu verabſcheuen und ihre Nähe wie die von Ausſätzigen zu fliehen. Ebenſo wenig war es ihr je eingefallen, Philibert Morato, mit dem der Zufall ſie einſt bei ihren Streifereien in die Berge, die das viel ſich ſelbſt überlaſſene lebhafte Kind ſchon in früher Jugend allein unter⸗ nahm, zuſammen getroffen war, als einen Angehörigen jenes ver⸗ achteten Stammes zu betrachten, obwohl ſie wußte, daß er der Sohn eines Cagot war. Heute aber, da ſie den lange und ſchmerzlich vermißten Geſpielen ihrer Kindheit ſo unerwartet wiedergeſehen, und der Mann, deſſen ſchöne Erſcheinung und ſicheres, weltgewandtes Benehmen einen ſo vortheilhaften Eindruck auf ſie gemacht, ſich ſelbſt einen Cagot genannt und ſeine Zuſammengehörigkeit mit jenen Elenden mit ſolcher Entſchiedenheit betont hatte, gewann die Frage, warum dieſer Menſchenſtamm ſo verachtet war und von Allen ge⸗ mieden wurde, ein ganz anderes Intereſſe für ſie.

Bei ihrem Eintritt in den Schloßgarten erblickte ſie den Abbé, der in einem bedeckten Weinlaubengang leſend auf und ab ſchritt, und ſie eilte zu ihm, um ihm ſofort dieſe Frage vorzulegen. Ihr erſter Impuls war, ihm ihre Begegnung mit Philibert zu erzählen und ihr Befremden darüber auszuſprechen, daß er ihr deſſen An⸗ weſenheit verſchwiegen, aber eine inſtinktartige Scheu, die ſie plötzlich überfiel, hielt das Wort auf ihren Lippen zurück, und ſie ſagte ſtatt deſſen:Herr Abbé, was hat es eigentlich für eine Bewandtniß mit dieſen Cagots? Warum ſind ſie verachtet, und warum meidet jeder Bearner allen Verkehr mit ihnen?

Der Abbé ließ das Buch ſinken und blickte erſtaunt in ihr vom raſchen Gang und von innerer Erregung geröthetes Geſicht. Wie kommen Sie zu dieſer Frage, Valentine?

Ich, ich bin eben ein paar Cagots begegnet, verſetzte ſie ſtockend, und da habe ich mich gefragt, warum ſie alle ſo blaß und ver⸗ krüppelt ſind und den Stempel des Stumpfſinus und der Krank⸗ heit ſo deutlich in ihrer ganzen Erſcheinung tragen, und ob man

ſie nur deshalb verachtet und meidet, weil ſie arm und elend

ſind, oder ob noch ein anderer Grund die Urſache der unglücklichen

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