Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 407

übergoß ſeine Wangen; er war nicht darauf gefaßt, daß ſein Vater den Thatbeſtand ſofort errathen würde.

Und wenn dies nun der Fall wäre? fragte er.

Wirklich? Ich hätte Dir dieſe Kühnheit nicht zugetraut, ſagte der Gutsbeſitzer, deſſen Stirne ſich umwölkte.Nun denn, es kommt ja darauf an, welche Wahl Du getroffen haſt, alſo laß hören, wer die Auserkorene iſt.

Du wirſt ſie nicht kennen.

Eben deshalb frage ich.

Aber geſehen haſt Du ſie ſchon, fuhr Guſtav in wachſender Verwirrung fort,Du warſt ja mehrmals in meiner Wohnung, und ich glaube auch, mich zu erinnern, daß ich Dir die Frau Rechnungsrath Freimuth und deren Tochter vorgeſtellt habe.

Alſo doch! erwiederte Bogen und aus ſeinen grauen Augen zuckte ein Zornesblitz.Ackermann hatte alſo Recht, als er mich auf dieſe Möglichkeit aufmerkſam machte.

Uur ein Cagot.

Hiſtoriſche Erzählung von Franz Eugeu.

s war ein ſchwüler Sommernachmittag des Jahres 1791, Mund obwohl die Sonne ſchon tief im Weſten ſtand, wbrannten ihre Strahlen doch noch mit ſengender Gluth von dem tiefblauen, wolkenloſen Himmel herab. Aber der junge Mann, welcher im Schatten einer breitäſti⸗ gen Tanne auf einem Feldſtuhl ſitzend an einer Farben⸗ ſtizze malte, ſchien nichts von der drückenden Hitze zu empfinden, wenigſtens arbeitete er, ohne ſich einen Moment Ruhe zu gönnen, eifrig fort.

Das Landſchaftsbild, das er von dem Bergvorſprung, den er zu ſeinem Standpunkt gewählt, überſah, war aber auch wohl ge⸗ eignet, eines Malers Auge zu entzücken und ihn alles Andere ver⸗ geſſen zu laſſen. Im Halbkreis ragten über waldigen Vorbergen die ſchneebedeckten Gipfel der Pyrenäen auf, grüne Matten und Felſen, von denen gleich Silberſchleiern Waſſerfälle herabſtürzten, bildeten den Vordergrund, ſeitwärts blickten an der Bergwand zwiſchen Obſt⸗ bäumen die Häuſer eines kleinen Ortes hervor, und rechts einander gerade gegenüber lagen zwei Schlöſſer, das eine alt, verfallen, faſt nur noch eine Ruine, das andere, offenbar erſt vor einem Menſchen⸗ alter erbaut, ſchaute mit ſeinen blitzenden Fenſtern, ſeinen Thürmen und Steinbalkonen ſtolz in die Gegend hinaus.

Der junge Mann war ſo vertieft in ſeine Arbeit, daß er den leichten Schritt nicht hörte, welcher auf dem Pfade hinter dem Fels⸗ vorſprung erklang, und es nicht bemerkte, daß ſeit einigen Minuten ein paar lachende, neugierige Mädchenaugen aufmerkſam den Be⸗ wegungen ſeines Pinſels folgten. Erſt das Knacken eines dürren Aſtes, auf den die junge Dame trat, als ſie das Bild noch etwas näher ſehen wollte, ließ ihn aufblicken, und eine leichte Röthe über⸗ flog ſein gebräuntes Geſicht in dem Augenblick, wo er, ſich um⸗ wendend, gewahrte, daß er nicht mehr allein war.

Auch die junge Dame erröthete, wie ſie ſich ſo als Lauſcherin ertappt ſah, aber in ihrer ganzen Haltung lag doch jene ſelbſt⸗ bewußte Sicherheit, welche Frauen, denen Rang oder Reichthum eine bevorzugte Lebensſtellung gibt, ſchon in früher Jugend eigen zu ſein pflegt. Der Maler nahm den leichten, breitrandigen Hut ab, den er auf dem Kopfe trug, und verneigte ſich tief, ohne ein Wort zu ſagen; aber der ernſte, beinahe vorwurfsvolle Blick, den er dabei auf ſie heftete, verrieth nichts von der Bewunderung, welche die reizende Erſcheinung, die ſo plötzlich in dieſer Bergwildniß vor ihm aufgetaucht war, wohl verdient hätte.

Die Dame trug ein roſa und weiß geſtreiftes Kleid von In⸗ dienne, darüber ein Fichu von Moll, mit Brüſſeler Spitzen beſetzt, deſſen Enden um die ſchlanke Taille geknüpft waren; auf dem weißen Hals ſchimmerte an einem ſchwarzen Sammtband ein goldenes Kreuz; durch die leicht gepuderten Locken ſchlang ſich ein roſen⸗ farbenes Band, und ein an ihrem Arm hängender feiner Florentiner Strohhut, deſſen breite roſa Bänder bis auf den Boden reichten, vervollſtändigten die eben ſo elegante als friſche Sommertoilette. Sie ſah mit einem halb neugierigen, halb lächelnden Ausdruck auf den Maler, der noch immer ſchweigend vor ihr ſtand; die ſonder⸗ bare Situation ſchien ſie mehr zu amüſiren als in Verlegenheit zu ſetzen, aber plötzlich flammte es wie ein Blitz des Erkennens in ihren ſchönen Augen auf und ſie trat haſtig einen Schritt näher zu dem Maler.

Philibert Morato! rief ſie erſt zweifelnd, dann mit dem Ton froher Gewißheit, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte,darf ich meinen Augen trauen, Du... Sie ſind es wirklich! Aber wie komnnen Sie denn hieher, ich glaubte Sie hundert Meilen entfernt in Rom!

Guſtav blickte den Vater befremdet an.

Mein Schwager konnte davon nichts wiſſen, ſagte er;ich habe weder mit ihm noch mit Bertha darüber geſprochen. Erſt geſtern Abend iſt das entſcheidende Wort gefallen und ich hielt es für meine Pflicht, Dich heute davon zu unterrichten.

Der alte Herr blickte mit höhniſchem Lächeln den blauen Wölkchen nach, die in phantaſtiſchen Formen zur Decke empor ſchwebten.

Alſo geſtern Abend? ſpottete er.Ich kann mir denken, wie die Sache gekommen iſt. Man lud Dich zu einem ſplendiden Souper ein, es wurde getrunken, geſcherzt und gelacht, und ehe Du es ahnteſt, hatte man Dich gefangen. Ein unbedachtes Wort führte Dich in die Arme der ſehnſüchtig harrenden Braut, und die kluge Schwiegermama gab augenblicklich ihren Segen zu dem Bunde, da⸗ mit die Sache perfekt wurde. Man weiß ja, wie ſchlau und fein die Frauen das einzufädeln wiſſen(Fortſetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Der Maler hatte die Hand des jungen Mädchens ergriffen und drückte einen Kuß auf die roſigen Finger, welche der ſchwarze Hand⸗ ſchuh freiließ.

Sie glaubten mich in Rom, Mademoiſelle Valentine, ſagte er überraſcht,ſo hat alſo der Abbé Giron Ihnen nicht geſagt, daß ich ſchon ſeit vier Wochen wieder in der Heimath bin?

Sie ſah ihn mit großen Augen an.Seit vier Wochen ſind Sie hier, und der Abbé wußte darum?

Gewiß! Denn ein Brief von ihm, in welchem er mir mel⸗ dete, daß meine Mutter gefährlich erkrankt ſei, und mich vor ihrem Ende üch einmal zu ſehen wünſche, rief mich ja in die Heimath zurück.

Valentine ließ ſich auf den moosbewachſenen Stein nieder, der nehen dem Stuhl Philiberts lag, und winkte ihm, ſich ebenfalls zu ſetzen.

Das iſt aber doch ein ganz unbegreifliches Benehmen von dem Abbe! ſagte ſie kopfſchüttelnd,er ſchreibt an Sie, veranlaßt Sie, zurückzukommen, weiß, daß Sie hier ſind, und ſagt mir von dem Allen kein Wort. Iſt ſein Gedächtniß denn ſo ſchwach geworden, daß er ganz vergeſſen hat, wie viel wir als Kinder zuſammen ge⸗ ſpielt, und wie ich mir faſt die Augen ausgeweint habe, als Ihr Vater ſo plötzlich mit Ihnen nach Paris reiste, um Sie dort in eine Schule zu bringen.

Philibert lächelte bitter.Vielleicht hat er das nicht vergeſſen, aber jedenfalls hat er gefunden, daß er den Verkehr mit einem Cagot, den er ſchon dem Kinde ſehr ungern geſtattete erinnern Sie ſich, daß Sie ſich immer hinter ſeinem und Ihrer Bonne Rücken aus dem Schloßgarten ſtahlen, um droben im Walde mit mir zuſammen zu treffen für das erwachſene Mädchen gänzlich unpaſſend ſei.

Philibert! rief Valentine vorwurfsvoll,wie mögen Sie ſo reden? Sie ſind kein Cagot, Sie gehören nicht zu jenen Aus⸗ geſtoßenen!

Gewiß gehöre ich zu ihnen, entgegnete er mit ernſtem Nach⸗ druck,in der Fremde hatte ich das faſt vergeſſen, ſeit ich aber wie⸗ der die Luft der Heimath athme und jeder Tropfen meines Blutes ſich gegen den harten und ungerechten Druck empört, unter dem die Leute meines Stammes hier ſeufzen, fühle ich mich ganz als einen der ihren, ganz als ein Cagot.

Valentine ſtampfte leiſe mit dem rothen Abſatz ihres zierlichen Hackenſchuhes auf den Boden.Thorheit, Philibert! Sie ſind ſo wenig ein Cagot, wie... wie ich ſelbſt. Werfen Sie doch nur einen Blick in den Spiegel und er wird Ihnen ſagen, daß auch nicht die geringſte Aehnlichkeit beſteht zwiſchen Ihnen und dieſen weißhaarigen,

bleichen, rothäugigen, verkrüppelten Elenden, die Allen ein Gegen⸗

ſtand des Abſcheus und der Verachtung ſind.

Sie ließ, während ſie dieſe Worte haſtig hervorſprudelte, ihr Auge mit Wohlgefallen auf dem jungen Mann ruhen, der mit ſeinem goldbraunen Haar, ſeinen dunklen, blitzenden Augen und ſeiner hohen kraftvollen Geſtalt in Nichts dem Bilde glich, das ſie eben von den Leuten des Stammes, dem er anzugehören behauptete, entworfen hatte.

So verachten auch Sie dieſe Unglücklichen ſo ſehr, entgegnete er mit zuckenden Lippen,daß Sie meinen, der Makel...

Mein Gott, Philibert, unterbrach ſie ihn, indem ſie mit einer unmuthigen Bewegung ihre Locken in den Nacken zurückwarf, ich dächte, in der erſten Stunde, da wir uns nach jahrelanger Trennung wiederſehen, könnten wir wohl von etwas Anderem reden, als von dieſen Cagots. Erzählen Sie mir lieber, wie es Ihnen in all' dieſer Zeit ergangen iſt; der Abbé war immer ſehr karg in ſeinen Mittheilungen über Sie, obwohl er, wie es ſcheint, immer