Jahrgang 
14-26 (1877)
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406 Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Aufenthalt hier ſei für eine Kranke zu unruhig, Haus Plettenberg ſei ein Taubenſchlag.

Das hat er früher nie behauptet, erwiederte Madame ent⸗ rüſtet.Ich weiß nicht, Robert, wenn ich den Mann vor der Hochzeit ſo genau gekannt hätte, wie ich ihn jetzt kenne, ſo würde ich von der engeren Verbindung mit ihm abgerathen haben.

Weshalb? fragte Bogen überraſcht.

Sein Benehmen gegen Bertha gefällt mir nicht. Er iſt auch mir gegenüber kalt und ſogar unhöflich, und manchmal ruht in ſeiner Gegenwart das beängſtigende Gefühl auf mir, als ob jede Bewegung, jeder Blick

Du gehſt da doch etwas zu weit, unterbrach der Guts⸗ beſitzer ſie kopfſchüttelnd.Wenn Du ihm Mißtrauen gezeigt haſt, ſo kannſt Du freilich auch nur Mißtrauen von ihm erwarten, und wenn man einmal eine Abneigung gegen Jemand hegt, dann

Abneigung? erwiederte die ſtolze Frau, das Haupt trotzig erhebend.Hege ich ſie, ſo iſt ſie auch begründet, und an ihm wäre es, ſie zu beſeitigen, mir den Beweis zu liefern, daß ſie unberechtigt iſt. Aber Du haſt mir erſt einen Grund genannt, wie lauten die beiden andern?

Ackermann behauptet, Du eigneteſt Dich nicht zur Kranken⸗ pflegerin.

Und der dritte?

Unſer Schwiegerſohn fürchtet das Gerede der böſen Zungen. Er glaubt, man werde behaupten, er lebe mit ſeiner Gattin nicht in glücklicher Ehe, und ich gebe zu, daß die Trennung eines jungen Ehepaares in den Flitterwochen ihre bedenklichen Seiten hat

Du biſt alſo mit unſerem Schwiegerſohne einverſtanden?

Ich muß wohl, denn ich weiß nicht, was ich ihm ent⸗ gegnen ſoll.

Und ich bin ganz und gar nicht damit einverſtanden, er⸗ wiederte Madame Bogen, in deren Augen die Gluth des Zornes jäh aufloderte.Ich erkenne die Gründe Ackermann's nicht an! Die Unruhe in dieſem Hauſe iſt ſo groß nicht, und wenn die Ruhe in der Umgebung Bertha's nicht geſtört werden darf, ſo gibt es ja hier Zimmer genug, in die kein Laut hinein dringt, wenn auch das Haus voll Gäſte iſt. Und ob ich mich zur Krankenpflege eigne oder nicht, das weiß unſer Schwiegerſohn auch nicht.

Aber wir können ihn doch nicht zwingen

Zwingen? ereiferte die ſtolze Frau ſich mehr und mehr. Wir könnten es, aber wozu? Den offenen Zwiſt wollen wir ver⸗ meiden. Wir ſchicken unſern Hausarzt hin, er ſoll die Ueberſiedelung Bertha's nach Plettenberg fordern, dem Verlangen dieſer Autorität muß Ackermann ſich fügen. Wir holen dann in unſerer Equipage Bertha ab und bringen ſie hieher, dazu könnte eine Stunde gewählt werden, in der unſer Schwiegerſohn nicht zu Hauſe iſt. Ich werde das ſchon mit Jeanette verabreden, das Mädcheu iſt treu und ge⸗ wiſſenhaft, man darf ihm vertrauen.

Wieder ſchüttelte der Gutsbeſitzer das Haupt, er warf einen raſchen, forſchenden Blick auf ſeinen Sohn, der in Nachdenken ver⸗ ſunken war und von dem Geſpräch wenig oder nichts zu hören ſchien.

Der Plan iſt gewiß klug überlegt, ſagte er,aber zur Aus⸗ führung möchte ich doch nicht rathen.

Was findeſt gegen ihn einzuwenden?

Sehr Vieles! Ackermann will keinen zweiten Arzt, er hat ihn ſich energiſch verbeten!

Aber uns, den Eltern Bertha's, kann er nicht verbieten, un⸗ ſern Arzt hinzuſenden.

GEr wird ihn nicht in's Krankenzimmer einlaſſen.

Dafür, daß er es nicht verhindern kann, werde ich ſorgen!

Stehen wir davon ab, Karoline; ſelbſt wenn wir unſern Zweck erreichten, hätten wir dadurch noch immer nichts gewonnen, der Zwiſt mit Ackermann würde uns das Leben verbittern, und möglicherweiſe käme es zu einer Eheſcheidung.

Und hätten wir dieſelbe zu fürchten? fragte die erregte Frau in geringſchätzendem Tone.Wenn Bertha an der Seite ihres Mannes nicht glücklich iſt, dann kann es ja nur zu unſer Aller Beſtem dienen, daß die Bande wieder gelöst werden.

Der Gutsbeſitzer ſtrich mit der Hand über ſein kahles Haupt und erhob ſich aus ſeinem Seſſel, er ſchien das Bedürfniß zu fühlen, ſich Bewegung zu ſchaffen.

Das darf nicht geſchehen! ſagte er.Unſer Name würde in den Mund der Leute kommen, überdies lehrt ja die Erfahrung, daß bei Eheſcheidungen faſt immer die Schuld auf die Frau ge⸗ worfen wird. Und ſo ſchlimm, wie Du es machſt, wird es auch nicht ſein, eine vorübergehende Verſtimmung darf immer noch nicht als Beweis einer unglücklichen Ehe gelten. Bertha hat auch ein hartes, eigenwilliges Köpfchen, das wirſt Du zugeben müſſen, und kranke Perſonen ſind reizbar. Man hat ſich Mühe genug gegeben, Ackermann bei mir zu verleumden, fuhr er fort, während er lang⸗

ſam auf und ab wanderte,man hat ſogar darauf hinzudeuten ge⸗ wagt, daß er ein Schwindler ſein könne, aber alle dieſe Verleum⸗ dungen waren aus der Luft gegriffen.

Die blitzenden Augen der ſtattlichen, ſchönen Frau folgten jeder Bewegung des beleibten Herrn, ſelten nur ſtreiften ſie das blaſſe Geſicht Guſtavs.

Haſt Du davon Dich überzeugt? fragte ſie.

Jawohl, Ackermann hat aus freiem Antriebe mir die Be⸗ weiſe vorgelegt, ich kann nicht mehr daran zweifeln, daß er ein ſehr reicher Mann iſt.

Daran habe ich nie gezweifelt, ich thue es auch jetzt nicht; ich mache ihm nur den Vorwurf, daß er die Krankheit Bertha's nicht ernſt genug nimmt. Weshalb will er nicht geſtatten, daß ein zweiter Arzt konſultirt wird?

Vielleicht wäre es längſt geſchehen, wenn wir es nicht ge⸗ fordert hätten! Die jungen Chemänner laſſen ſich von ihren Schwiegereltern nicht gerne Vorſchriften machen, ſie fürchten, da⸗ durch ihre Autorität verlieren zu können. Reden wir von etwas Anderem! Wie geht's im Geſchäfte, Guſtav? Seid ihr immer noch zufrieden?

Der junge Mann fuhr bei dieſer direkten Anrede wie aus einem Traume empor.

Ich danke, erwiederte er,Wurzer iſt ein tüchtiger Kauf⸗ mann, das Geſchäft blüht, und unſere Firma erfreut ſich der größten Achtung.

Das iſt mir lieb, nickte der Gutsbeſitzer,die Tüchtigkeit Deines Aſſocié's habe ich in der erſten Stunde erkannt. Dein Onkel Heinrich konnte nichts Beſſeres thun, als zu Gunſten dieſes Mannes zurückzutreten, er würde das Geſchäft ruinirt haben.

Onkel Heinrich iſt im Geſchäfte eine tüchtige Stütze für uns, er arbeitet unverdroſſen und er ſieht jetzt ſelbſt ein, daß er früher auf einem falſchen und gefahrvollen Wege war. Die Spekulationen an der Börſe haben größere Summen verſchlungen, wie ich glaubte, aber wir ſind nun gottlob aus allen Verlegenheiten heraus.

Madame Bogen trank ihr Glas aus und erhob ſich.

Haben wir heute noch Gäſte zu erwarten? fragte ſie.

So viel ich weiß nein, erwiederte ihr Gatte.

Dann werde ich anſpannen laſſen und Bertha beſuchen. Ja, thue das, Karoline, aber ich bitte Dich, vermeide Alles, was zu einem Zwiſt führen könnte.

Ackermann ſcheint es mit ihr verdorben zu haben, nahm Bogen das Wort, als er ſich mit ſeinen Sohne allein befand,aber das beunruhigt mich weiter nicht. Wir wollen in's Rauchzimmer gehen und eine Taſſe Kaffee trinken.

Guſtav folgte ſchweigend dem Vater, der Augenblick der Ent⸗ ſcheidung war nun gekommen.

Hätte er nicht ſeiner Verlobten das ſeſte Verſprechen gegeben, daß er heute noch mit ſeinem Vater reden wolle, ſo würde er dieſe Unterredung verſchoben haben, die Stimmung des alten Herrn ſchien ihm für ſeine Eröffnungen nicht günſtig zu ſein.

Der Gutsbeſitzer bot ſeinem Sohne eine Cigarre an und be⸗ fahl dem Kammerdiener, den Kaffee zu bringen, dann lehnte er ſich behaglich in ſeinen Seſſel zurück.

Ich hatte Dich gebeten, über den Sekretär Ackermann's Er⸗ kundigungen einzuziehen, ſagte er,iſt das geſchehen und haben dieſe Erkundigungen ein Reſultat gehabt?

Ein Reſultat? erwiederte Guſtav.Nein, wenigſtens nicht das, welches Du erwartet haſt. Becker ſoll ſehr ſolide und zurück⸗ gezogen leben, man kann durchaus nichts über ihn erfahren.

Auch über ſeine Vergangenheit nicht?

Er ſoll früher in ſehr dürftigen Verhältniſſen gelebt und von Gelegenheitsgedichten, Bittſchriften und ähnlichen Arbeiten exi⸗ ſtirt haben, aber das iſt Dir ja längſt bekannt, und ich finde darin keinen Grund zu einem Vorwurf. 4

Hm, Armuth ſchändet allerdings nicht, wie das Sprichwort ſagt, ſpottete der Gutsbeſitzer,aber auffallend iſt es doch, daß Ackermann ein ſo heruntergekommenes Subjekt engagirt hat.

Joſeph brachte in dieſem Augenblick den Kaffee, er ſtellte das ſilberne Service auf den Tiſch und entfernte ſich wieder.

Guſtav faßte ſich ein Herz, er ſtrich die Aſche von ſeiner Ci⸗ garre und athmete tief auf.

Ich bin hieher gekommen, um über eine Angelegenheit mit Dir zu reden, die mich perſönlich betrifft, ſagte er, während der

alte Herr die beiden Taſſen füllte,ich bitte Dich, mich ruhig an⸗.

zuhören und reiflich über meine Mittheilung nachzudenken, ehe Du mir eine entſcheidende Antwort gibſt.

Das klingt ja außerordentlich feierlich! erwiederte Bogen mit einem erwartungsvollen, forſchenden Blick auf ſeinen Sohn.Du wirſt Dich doch nicht hinter meinem Rücken verlobt haben?

Der junge Mann zuckte zuſammen, eine verrätheriſche Gluth

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