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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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nicht, aber Abends beim Lampenlicht treten ſie deutlich hervor. Wenn Sie mir die Ehre ſchenken wollen, mich zu begleiten, ſo werde ich ſie Ihnen zeigen.“.
Die Rechnungsräthin nickte zuſtimmend, ſie zündete eine Lampe an und verließ in Begleitung des jungen Herrn das Zimmer.
Otto Wurzer ſtieg die Treppe hinauf und trällerte leiſe eine Opernarie, dann öffnete er die Thüre ſeines Zimmers.
„Bitte, einzutreten,“ ſagte er in heiterem Tone,„mit Speck fängt man Mäuſe und mit feuchten Mauern die Hausbeſitzer.“
Die kleine Frau ſah ihn betroffen an.
„Was ſoll das heißen?“ fragte ſie.„Haben Sie ſich wirklich nur einen Scherz erlaubt—“—
„Jawohl, nur einen Scherz, verehrteſte Frau, doch hoher Sinn liegt oft im kindiſchen Spiel. Bitte, nehmen Sie Platz, ich hoffe, daß meine Geſellſchaft Ihnen für ein halbes Stündchen nicht unan⸗ genehm ſein wird.“.
„Ich verſtehe Sie noch immer nicht—“—
„Madame, wir Beide waren da unten überflüſſig, deshalb erlaubte ich mir, Sie in dieſe Falle zu locken.“
„Sie wollen damit doch nicht ſagen—“
„Daß Herr Bogen endlich den Muth gefunden hat, das ent⸗ ſcheidende Wort zu ſprechen?“ ſcherzte der junge Mann, während er eifrig an den Gläſern ſeiner Lorgnette rieb.„Jawohl, das wollte ich ſagen, und ich hoffe zuverſichtlich, daß dieſer Muth ihn nicht verlaſſen wird. Er hat's lange auf dem Herzen getragen, wie eine ſchwere Laſt hat er's getragen, ſeine Seufzer ſtörten die Ruhe in unſerem Bureau, und ſein Stöhnen drohte mich wahnſinnig zu machen. Da habe ich denn nothgedrungen des ſchüchternen Jüng⸗ lings mich erbarmt, und wenn er in dieſer Stunde in den Hafen des Glückes einläuft, ſo iſt ihm wohl und mir iſt beſſer. Ich ver⸗ traue darauf, daß Sie noch einige Flaſchen Sekt im Keller haben; ein echter deutſcher Mann mag keinen Franzmann leiden, doch ihre Weine trinkt er gern.“
„Werden Sie nun bald einmal ernſt und vernünftig reden?“ ſagte die Rechnungsräthin zürnend, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihn feſt anſchaute.„Man wird ja gar nicht klug aus Ihrem Wortſchwall! Alſo Herr Bogen iſt entſchloſſen, um die Hand Käthchens zu werben?“
„Jawohl, und ich hoffe, daß er ſeinen Entſchluß ausführen wird.“
„Und was ſoll daraus werden?“
„Ein glückliches Ehepaar, denke ich!“
Die Wittwe ſchüttelte mit bedenklicher Miene das Haupt.
„Ich kann leider dieſe Hoffnung nicht theilen,“ erwiederte ſie.
„Sie glauben alſo nicht, daß Käthchen ihr Jawort geben wird?“
„Eben das beunruhigt mich, daß ich daran nicht zweifeln kann,“ ſagte die Rechnungsräthin, deren freundliches Geſicht immer ſorgen⸗ voller ſich umwölkte.„Käthchen liebt den jungen Herrn, ich wußte es ſchon, ehe ſie es mir geſtanden hatte, ſie hat bisher keine Hoff⸗ nung gehegt, daß er mit ernſten Abſichten ihr näher treten werde—“
„Um ſo größer wird ihre Freude ſein—“
„Bitte, Herr Wurzer, die Sache hat zu ernſte Seiten, als daß es mir möglich wäre, mit ſcherzenden Worten darüber hinweg⸗ zugehen. Ich achte den jungen Herrn hoch, er hat einen edlen Charakter und ein tiefes Gemüth, ich zweifle auch nicht daran, daß die Anſchauungen der Beiden mit einander übereinſtimmen.“
„Na, dann wären ja alle Bedenken beſeitigt!“
„Nicht doch, Herr Wurzer! Haben Sie denn noch nicht daran gedacht, daß die Eltern des jungen Mannes zu dieſer Verbindung niemals ihre Einwilligung geben werden?“
„Bah, mit Sicherheit läßt ſich das auch noch nicht behaupten!“
„Ich habe in meinem Leben oft Gelegenheit gehabt, den Geld⸗ ſtolz kennen zu lernen,“ erwiederte die Räthin, tief und ſchwer aufathmend,„ich weiß, welche Antwort der Millionär ſeinem Sohne geben wird.“
„Blicken Sie doch nicht ſo ſchwarz in die Zukunft!“ ſagte Otto vorwurfsvoll,„etwas fürchten und hoffen und ſorgen muß der Menſch für den kommenden Morgen, das iſt ja richtig, aber er ſoll es ſich darum nicht ſchwerer machen, wie es in Wirklichkeit iſt. Der kleine Geldverluſt hat Ihr Gemüth umdüſtert—“
„Nennen Sie ihn klein, dieſen Verluſt? Zweitauſend Thaler ſind für mich eine namhafte Summe.“
„Sie wird nicht ganz verloren ſein!“
„Die Mühle iſt mit dem geſammten Mobiliar bis auf den Grund abgebrannt, und nichts war gegen Feuersgefahr verſichert.“
„Aber der Grund und Boden iſt noch da.“
„Und der erſte Hypothekargläubiger auch!“ erwiederte die kleine
Frau achſelzuckend.„Das Grundeigenthum des Müllers ſoll kaum ſo viel Werth haben, daß die Forderung des erſten Gläubigers gedeckt wird, und ich habe die zweite Hypothek.“
„Ich begreife nicht, daß Sie dieſem Manne ein ſo großes Darlehen geben konnten!“ „Du lieber Gott, konnte ich denn ahnen, daß dieſer Mann ſo tief herunterkommen würde? Ich kannte ſeinen Schwiegervater, der ein braver Mann war, ich kannte auch ſeine Frau und ich glaubte, darauf vertrauen zu dürfen, daß Valentin Krumm vorwärts ſtreben werde. Das Geld lag da, es trug keine Zinſen, ich war durch das hypothekariſche Unterpfand gedeckt, alſo durfte ich ruhig ſein.“
„Aber ſpäter, als der Verfall anbrach—“
„Er kam auch nicht plötzlich, im Gegentheil, er bereitete ſich langſam vor, und ich hatte keine Ahnung davon. Und als die Sache ſo weit gediehen war, da ſchüchterten die Drohungen des Müllers mich ein, ich durfte mit Sicherheit erwarten, daß er ſeine Drohung ausführen und die Mühle anzünden würde, wenn ſeine Gläubiger gegen ihn vorgingen.— Nun, es iſt geſchehen, und ich muß mich darein fügen,“ fuhr die Räthin fort, indem ſie mit der Hand über die Stirne ſtrich,„verlorenem Gelde nachzutrauern iſt eine Thorheit. Kommen wir auf unſer Thema zurück! Die Eltern Guſtavs werden ihre Zuſtimmung zu dieſer Verbindung nicht geben—“
„Nun wohl, dann wird Guſtay ohne dieſe Zuſtimmung hei⸗ rathen,“ unterbrach Otto ſie.„Er iſt ja nicht abhängig von ſeinem Vater—“
„Das glaube ich doch!“
„Bewahre, er iſt mein Aſſocis, und unſer Geſchäft kann zwei Familien ernähren.“
„Herr Bogen wird das Kapital zurückziehen.“
„Ja, wenn er das könnte!“
„Was hindert ihn daran?“
„Die Bedingungen des Kontrakts, den er mit mir gemacht hat, verehrte Frau.“
„Und wenn es zwiſchen Vater und Sohn zum Bruch kommt?“
„Dann bedaure ich nur den Vater!“
„Ihr Bedauern wird dem reichen Herrn ſehr gleichgiltig ſein,“ ſagte die Räthin, die Stirne in Falten ziehend,„die Folgen dieſes Bruches fallen allein auf den Sohn. Was mich betrifft, ſo gebe ich gewiß gerne meine Zuſtimmung zu dieſer Verlobung, hege ich doch das feſte Vertrauen, daß auf dem Bunde dieſer beiden Herzen der Segen des Himmels ruhen wird. Aber Sie können mir auch nicht verdenken, daß ich einen Zweifel hege, der ſo raſch nicht zu beſeitigen iſt. Ihr Freund ſcheint nicht ſehr ener⸗ giſch zu ſein, liegt da nicht die Gefahr nahe, daß er ſich durch duß Borſtellungen, Drohungen und Bitten der Eltern einſchüchtern läßt?“
„Nein!“ erwiederte der junge Mann.„Dieſe Möglichkeit beſtreite ich ganz entſchieden. Uebrigens habe ich ſelbſt meinen jungen Freund darauf aufmerkſam gemacht, und er hat mir die Ver⸗ ſicherung gegeben, daß er das verpfändete Wort um jeden Preis einlöſen werde.“
„Ein Verſprechen iſt leicht gegeben—“
„Wenn Sie kein größeres Vertrauen in meinen Freund ſetzen, verehrte Frau, dann—“
„Dann bedauern Sie mich auch?“ fragte die Wittwe mit er⸗ zwungener Heiterkeit.„Ich denke nur an das Glück meines Kindes—“
„Sie werden es durch die Zuſtimmung dieſer Verbindung begründen! Zweifeln Sie nicht länger, geben Sie mit freudigem Herzen Ihre Einwilligung, Sie werden ſie nicht bereuen.“
Die Rechnungsräthin ſtützte das Haupt auf den Arm und blickte lange ſinnend vor ſich hin.
„Wäre dieſer eine Punkt nicht, dürfte ich mit Sicherheit auf die Zuſtimmung der Eltern Guſtavs rechnen, ſo würde ich dieſe Stunde als eine der ſchönſten meines Lebens betrachten,“ brach ſie endlich das Schweigen,„ſo aber muß ich mit ſorgenvollem Blicke in die Zukunft ſchauen.“
Otto Wurzer ſah achſelzuckend auf ſeine Uhr.
„Ich begreife Sie nicht,“ ſagte er unwillig.„Sie wollen einmal Geſpenſter ſehen, und des Menſchen Wille iſt ſein Himmel⸗ reich. Ich glaube, wir können nun wieder hinuntergehen.“
Frau Freimuth erhob ſich, Wurzer nahm die Lampe vom Tiſche und ſchritt zur Thüre.
„Sie werden nun wohl über die Feuchtigkeit Ihres Hauſes beruhigt ſein,“ ſcherzte er, während ſie das Zimmer verließen.
„Darüber allerdings,“ antwortete ſie,„aber ich weiß nicht, ob ich nicht dennoch lieber eine feuchte Stelle in der Mauer ent⸗ deckt, als Ihre Mittheilungen vernommen hätte.“
Der junge Mann lachte.
„Sie ſind unverbeſſerlich,“ ſagte er,„was Sie einmal gefaßt haben, das halten Sie auch mit zäher Hartnäckigkeit feſt.“
Sie ſtanden vor der Thüre des Wohnzimmers, mit zitternder Hand öffnete die Räthin ſie; über und über glühend kam Käthehen ihr entgegen und warf ſich an die Bruſt der Mutter. 4


