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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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Lärm machen und die ſtrengſte Unterſuchung fordern. Und was dann, wenn dieſe Unterſuchung keinen Beweis ergäbe? Wir Beide würden entlaſſen, und der armen jungen Frau wäre nicht geholfen.“
„Ja freilich, Du haſt Recht,“ nickte Joſeph gedankenvoll,„man muß alſo vor allen Dingen Beweiſe ſuchen.“
„Das iſt's, und darüber möchte ich Deinen Rath hören!“
„Wenn Du glaubſt, daß die Medicin—“
„Madame klagt jeden Morgen darüber.“
„Weiß der Doktor das?“
„Nein, mit ihm ſpricht ſie nicht mehr darüber, ſeitdem er ihr geſagt hat, es liege nicht an der Arznei, ſondern an ihren Geſchmacks⸗ nerven. Und ich kann doch auch nicht die Medicin in die Apotheke bringen und unterſuchen laſſen, dazu habe ich kein Recht. Aber einige von den Flaſchen habe ich heimlich fortgenommen, ſpäter können ſie vielleicht als Beweismittel dienen.
„Könnteſt Du nicht eine Nacht in dem Schlafzimmer der gnä⸗ digen Frau wachen?“
„Das wäre das Beſte,“ erwiederte Jeanette,„und ich will ſehen, daß ich es möglich machen kann. Eine gefährliche Geſchichte iſt es, aber es muß gewagt werden. Du wirſt alſo ſchweigen, Joſeph, und keine Silbe verrathen, es kann ja ſein, daß ich mich irre!“
„Nein, verrathen werde ich nichts, wenigſtens nicht eher, bis wir uns auf Beweiſe ſtützen können!“
„Und was ich Dir wegen unſerer Heirath geſagt habe, wirſt Du auch überlegen?“ fragte Jeanette, ihm die Hand reichend.
„Ja, ich will darüber nachdenken und mit der Tante reden. Ich gehe mit ſchwerem Herzen, Jeanette, ſei vorſichtig, danit Du nicht ſelbſt zu Schaden kommſt.“
Er ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ſie, dann eilte er von dannen, Jeanette wartete, bis der Schall ſeiner Tritte verhallt war, dann erſt kehrte ſie in das Boudoir ihrer Herrin zurück.
Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Verbrechertreue.
Der Polizeikommiſſär Wittich glaubte ſeine Aufgabe ſo voll⸗ ſtändig, wie das nur in der Möglichkeit lag, gelöst zu haben.
Der Verbrecher hatte ja ein offenes Geſtändniß abgelegt und die Leiche des verſchwundenen Förſters war gefunden worden, der Kommiſſär konnte mit dem Erfolge ſeiner Bemühungen zufrieden ſein.
Um ſo mehr überraſchte es ihn, als der Unterſuchungsrichter ihm brieflich mittheilte, er erwarte ihn zu einer beſtimmten Stunde in ſeinem Bureau, ein Punkt in der Anklage gegen Valentin Krumm ſei noch dunkel, über den er keinen Aufſchluß finden könne.
Zur feſtgeſetzten Zeit ging er hin, der Unterſuchungsrichter hatte ihn bereits erwartet.
„Ihr Brief hat mich in Erſtaunen geſetzt,“ ſagte der Kommiſſär, nachdem er Platz genommen hatte,„ſollte der Verbrecher ſein Ge⸗ ſtändniß zurückgenommen haben?“
„Das würde ihm wenig nützen,“ erwiederte der Richter, „übrigens denkt er auch nicht daran. Hätte er es nicht im erſten Augenblicke abgelegt, ſo würde er ſich jetzt nicht dazu bewegen laſſen,
das iſt meine feſte Ueberzeugung, an die Stelle der Reue iſt Ver⸗
ſtocktheit getreten.“
„Das Geſtändniß genügt ja, ſeine Schuld feſtzuſtellen—“
„Ja wohl, ſeine Schuld, nicht aber die ſeiner Mitſchuldigen. Haben Sie daran, daß er Mitſchuldige haben könne, ja müſſe, nie⸗ mals gedacht?“
„Mitſchuldige?“ erwiederte der Kommiſſär kopfſchüttelnd.„Er behauptet, allein den Mord begangen zu haben.“
„Ich denke dabei weniger an den Mord, als an den Wild⸗ frevel. Wo iſt das geſtohlene Wild geblieben? Sie haben trotz Ihrer Bemühungen die Hehler nicht entdecken können, und doch müſſen deren vorhanden ſein, da Valentin Krumm nicht ſelbſt das Wildpret verzehrt, ſondern verkauft hat.“
„Ich gebe das zu,“ ſagte der Kommiſſär,„aber ich würde auf die Entdeckung dieſer Hehler keinen ſo großen Werth legen. Der Müller kann das Wild an Privatperſonen verkauft haben, die keine Ahnung davon hatten, daß der Verkäufer ein Wilddieb war. Dieſe Perſonen zu erforſchen, wäre nutzloſe Mühe, da ſie nicht beſtraft werden können.“
„Aber aus einem anderen Grunde wäre es intereſſant und in gewiſſer Hinſicht ſogar unumgänglich nöthig, ſie zu erforſchen,“ er⸗ wiederte der Richter, während er emſig die Gläſer ſeiner Brille reinigte.„Durch einen Zufall, oder, wenn Sie wollen, durch die Wachſamkeit des Gefängnißſchließers iſt eine Entdeckung gemacht worden, die mich überraſcht hat. Man hat in den Stiefeln des Gefangenen, zwiſchen der inneren und der äußeren Sohle nicht nur mehrere Banknoten, ſondern auch einen Brief gefunden, deſſen In⸗ halt mir unverſtändlich iſt. Ich frage zuerſt, wer hat ihm die
Banknoten gegeben? Es läßt ſich nicht wohl annehmen, daß er eine ſo bedeutende Summe erſpart haben ſoll, denn er hat mit ſeiner Familie ſtets am Hungertuch genagt—“
„Nichtsdeſtoweniger wäre das doch möglich.“
„Es ſind beinahe 300 Thaler.“
„Das iſt allerdings eine namhafte Summe.“
„Die man in ſolchen Verhältniſſen nicht ſo leicht erſpart. Er müßte eine Menge von Wild geſchoſſen haben, und das ſoll im Großen und Ganzen doch nicht der Fall ſein.“
„Vielleicht hat es ein Freund ihm geliehen.“
„Dann frage ich: Wer iſt dieſer Freund?“
„Vielleicht kenne ich ihn,“ ſagte der Kommiſſär, der ſich jetzt an den Beſuch des Müllers bei dem Sekretär Ackermann's er⸗ innerte.
„Es wäre mir ſehr angenehm, wenn Sie mir über dieſen Punkt Aufklärung verſchaffen könnten,“ erwiederte der Richter,„wir werden dann auch wohl die Gründe erfahren, die den Freund be⸗ wogen haben, dieſem Vagabund eine ſo namhafte Summe zu geben.“
„Gründe? Sie können ſehr unſchuldiger Natur ſein! Der Betreffende kann Mitleid mit dem verlorenen Manne gefühlt haben—“
„Ich glaube ihnen eine andere Bedeutung unterlegen zu müſſen,“ unterbrach der Richter ihn, während er ein Schriftſtück aus dem vor ihm liegenden Aktenſtoß nahm,„leſen Sie dieſen Brief, es iſt derſelbe, der bei dem Gefangenen gefunden wurde. Er iſt an die Polizeibehörde in S. adreſſirt und von einem gewiſſen Woldemar Kramer unterzeichnet, er enthält weiter nichts, als die Mittheilung, daß dieſer Kramer ſich drüben in Amerika befindet.“
Der Kommiſſär hatte den Brief entfaltet, ſinnend ruhte ſein Blick auf den Zeilen.
Der Name„Woldemar Kramer“ war ihm bekannt, er entſann ſich, daß der Juſtizrath Feldern und der Polizeirath aus S. mit ihm darüber geſprochen hatten, aber der Inhalt jenes Geſprächs war ihm nicht mehr ſo ganz klar, er wußte nur, daß dieſer Kramer geſucht wurde.
„Verſtehen Sie den Brief?“ fragte der Richter nach einer Pauſe.
„Bis jetzt noch nicht.“
„Nun, es ſteht jedenfalls feſt, daß der Müller ihn mitnehmen und drüben zur Poſt geben ſollte.“
„Hat er das zugegeben?“
„Nein, er behauptet, von dem Briefe nichts zu wiſſen. Binnen einer Viertelſtunde wird der Burſche hier zum Verhör erſcheinen, Sie können, wenn Sie es wünſchen, demſelben beiwohnen.“
„Den Brief werden Sie mir nicht überlaſſen dürfen?“
„Nein, aber ich erlaube Ihnen, eine Abſchrift davon zu nehmen.“
„Für mich iſt die Handſchrift das Wichtigſte.“
„Ich bedaure, der Brief muß bei den Akten bleiben.“
„Ich glaube nicht, daß er für die Anklage gegen den Müller von irgend welcher Wichtigkeit iſt,“ ſagte der Kommiſſär, während er Anſtalten traf, den Brief zu kopiren.„Der Name des Schrei⸗ bers iſt hier ganz unbekannt—“
„Man kann nicht wiſſen,“ erwiederte der Richter achſelzuckend. „dieſer Woldemar Kramer kann ein Mitſchuldiger ſein.“.
„Sie ſind da auf einer falſchen Fährte,“ fuhr der Kommiſſär ihn unterbrechend fort;„trügt mich mein Gedächtniß nicht, ſo wird dieſer Kramer ſchon längſt wegen anderer Verbrechen geſucht.“
„So, ſo, alſo wegen anderer Verbrechen?“ ſagte der Unter⸗ ſuchungsrichter.„Na, mögen die Dinge nun liegen wie ſie wollen, jedenfalls werden Sie zugeben, daß Valentin Krumm mit dieſem Verbrecher in Verbindung ſtehen muß. Und die Wichtigkeit dieſes Briefes war ihm auch klar, in den Stiefeln verbirgt man keinen Brief, wenn man nicht—“
„Ich bin ja weit entfernt, das beſtreiten zu wollen, nur der Behauptung trete ich entgegen, daß Woldemar Kramer oder wer nun dieſen Brief geſchrieben haben mag, der Mitſchuldige des Müllers ſein ſoll.“ 3
Der Richter blickte auf ſeine Uhr und gab dem Schreiber einen befehlenden Wink.
„Setzen Sie ſich hier neben mich, Herr Kommiſſär,“ ſagte er, „ich beginne jetzt mit dem Verhör.“
Der Kommiſſär hatte kaum Zeit gefunden, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, als der Müller eintrat.
Er war gefeſſelt, der Richter befahl, ihm die Handſchellen ab⸗ zunehmen.
„Ihr wolltet, wie Ihr ſelbſt bekannt habt, auswandern,“ be⸗ gann der Gerichtsrath, nachdem er eine Weile in ſeinen Akten geblättert hatte.„Einen ſolchen Entſchluß faßt man nicht ſo mir nichts, Dir nichts—“


