Jahrgang 
14-26 (1877)
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334 Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Ich wurde dazu gezwungen, ſagte Valentin raſch,es war der einzige Weg, auf dem ich mich retten konnte.

Aber zur Ausführung dieſes Entſchluſſes gehört Geld, viel Geld!

Ich hatte es.

Richtig, Ihr hattet es! Weshalb habt Ihr mir das ver⸗ ſchwiegen?

Weil ich über dieſen Punkt nicht befragt worden bin.

Ihr waret verpflichtet, es beim Eintritt in's Gefängniß ab⸗ zuliefern.

Davon iſt mir nichts geſagt worden, erwiederte der Müller trotzig,und ich kenne die Geſetze ſo genau nicht.

Wenn dieſe Behauptung Wahrheit iſt, weshalb habt Ihr dann das Geld in den Stiefeln verſteckt? fragte der Richter.Das thut man nicht, wenn man ehrlich erworbenes Geld bei ſich trägt.

Valentin Krumm zuckte die Achſeln.

Ich hatte eine ſehr weite Reiſe vor mir, ſagte er,und ich fürchtete, daß ich beſtohlen werden könne.

Und wie habt Ihr dieſes Geld erwor⸗ ben?

Ehrlich, Herr Richter, geſtohlen habe ich es nicht.

Und verdienthabt Ihr es auch nicht.

Ich hab's von einem Freunde er⸗ halten.

Und wer iſt dieſer Freund?

Ich nenne ihn nicht. Er hat mir aus alter Freund⸗ ſchaft und wohl auch aus Mitleid das Geld gegeben, ſoll ich nun zum Dank dafür ihn in den Prozeß mit verwickeln?

Davon iſt keine Rede! ſagte der Richter in ſchärferem Tone,Ihr ſollt aber beweiſen, daß Ihr das Geld ehrlich erworben habt, und das könnt Ihr nur dadurch, daß Ihr den Namen des Man⸗ nes nennt, der es Euch gegeben hat.

Der Müller ſchüt⸗ telte ablehnend das Haupt.

Ich ſehe die Noth⸗ wendigkeit nicht ein, erwiederte er;wenn der Betreffende ſich freiwillig melden will, mag er es thun, ich thue es nicht, ich will ihm keine Scherereien und Unannehmlichkeiten machen.

Außer dem Gelde iſt auch ein Brief in Euren Stiefeln ge⸗ funden worden, nahm der Gerichtsrath nach einer Pauſe wieder das Wort.Welche Bewandtniß hat es mit dieſem Briefe?

Im erſten Moment ſchlug der Müller den trotzigen Blick nieder, die Frage ſchien ihn in Verwirrung zu ſetzen.

Ich kann Ihnen darüber nichts ſagen, erwiederte er,ich kenne den Inhalt des Briefes nicht.

Ihr ſolltet ihn in Amerika zur Poſt geben!

Das leugne ich nicht.

Und wer hat Euch damit beauftragt?

Ich werde den Namen der Perſon nicht nennen.

Damit gebt Ihr zu, daß es Euch bekannt iſt, wie wichtig die Beſorgung dieſes Briefes für den Schreiber deſſelben war, ſagte der Richter mit gehobener Stimme, indeß ſein Blick durch⸗ dringend auf dem Verbrecher ruhte.Ihr kennt den Schreiber

und Ihr macht Euch der Theilnahme an den Verbrechen deſſelben

ſchuldig, wenn Ihr Euch weigert, den verlangten Aufſchluß über

ihn zu geben.

Ich kenne ihn nicht, erwiederte Valentin, das Haupt wieder hebend,ich weiß nicht, ob er ein Verbrechen begangen hat, und was dieſer Brief, den ich nicht geleſen habe, bezwecken ſoll. Es iſt mir nur geſagt worden, ich müſſe dafür ſorgen, daß der Brief drüben zur Poſt gegeben werde, und ich legte ihn zu den Banknoten in den Stiefel, damit er nicht verloren gehen oder geſtohlen werden konnte. Und würde ich auch wirklich der Mitſchuld an den Ver⸗ brechen dieſes Mannes angeklagt, die mir in keinem Falle bewieſen werden kann, ſo mache ich mir nichts weiter daraus, ich hab' be⸗ reits ſo viel auf dem Kerbholz, daß es für mein ganzes Leben ausreicht..

Ihr wollt alſo nicht reden! ſagte der Gerichtsrath, die Brauen zuſaͤmmenziehend.Damit ſchadet Ihr Euch ſelbſt, ohne

dem Freunde zu nutzen.

Dann kann mir der Freund wenig⸗ ſtens nicht vorwer⸗ fen, ich habe mein Wort gebrochen!

Iſt es nicht der⸗ ſelbe Freund, der Euch das Geld gege⸗ ben hat?

Der Blick des Müllers begegnete den lauernden Au⸗ gen des Kommiſſärs, ein höhniſcher Zug umzuckte ſeine Lippen.

Nein! erwie⸗ derte er.

Der Kommiſſär wechſelte leiſe einige Worte mit dem Richter.

Seid Ihr mit dem Sekretär des Herrn Ackermann be⸗ freundet? wandte er ſich zu dem Ge⸗ fangenen.

Mit dem Sekre⸗ tär des Herrn Acker⸗ mann? wiederholte der Müller gedehnt. Ich kenne ihn nicht.

Das iſt eine Lüge! Am Tage vor der Nacht, in der Ihr Eure Reiſe antratet, habt Ihr ihn be⸗ ſucht.

Was doch die Polizei nicht Alles wiſſen will! ſpottete Valentin Krumm,

Großmutters Freude. Nach dem Gemälde von Guſt. Bregenzer.(S. 399.) der ſeine Faſſung

nicht verlor.

Ihr habt hier keine boshaften Bemerkungen zu machen, ſondern nur die an Euch gerichteten Fragen zu beantworten, ſagte der Richter warnend.

Wollt Ihr leugnen, daß Ihr bei ihm geweſen ſeid? fragte der Kommiſſär.Der Sekretär iſt daraufhin zu ſeinem Herrn ge⸗ gangen, und Ihr habt in einem Wirthshauſe auf ihn gewartet.

Weshalb ſoll ich das leugnen? Wenn Sie es wiſſen, dann würde Leugnen mir nichts helfen, und ich habe keinen Grund, es zu verheimlichen.

Alſo hat Herr Ackermann Euch das Geld gegeben?

Jawohl.

Und der Sekretär dieſes Herrn iſt Euer Freund?

Nein, erwiederte der Müller,die Sache liegt doch etwas anders, wie Sie glauben. Der Wald des Gutsbeſitzers Bogen grenzt an den Wald des Barons v. Frankendorf, und ich habe dem reichen Herrn Bogen auch manches Reh weggeblaſen. Er iſt zwar kein Jäger, aber es ärgerte ihn doch, und ich hatte erfahren, daß er ein Opfer bringen wolle, wenn er dadurch mich entfernen könne.