Jahrgang 
14-26 (1877)
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33² Illuſtrirte Chronil der Zeit.

wartungsvoll anſchauend.Nun? Was haſt Du mir zu ſagen?

Iſt Dir Jemand hier im Hauſe zu nahe getreten?

Ich kann mich über Niemand beklagen, unterbrach die Zofe ihn kopfſchüttelnd,ich habe etwas Anderes auf dem Herzen, aber darüber kann ich hier nicht mit Dir reden.

Gut, dann wollen wir an einen anderen Ort gehen.

Ein halbes Stündchen kann ich mich entfernen ja, aber wohin ſollen wir gehen?

Gehen wir in Dein Zimmer, da wird uns Niemand ſtören, ſchaltete Joſeph ein.

Das Mädchen blieb eine Weile in Nachdenken verſunken.

Wenn es herauskommt, iſt mein guter Ruf hin! ſagte ſie.

Ach was, bin ich nicht Dein Bräutigam?

Nun denn, komm', ich will es wagen, erwiederte Jeanette entſchloſſen,es muß herunter, was ich auf dem Herzen habe, Du mußt mir rathen, was ich thun ſoll!

Sie verließ haſtig das Zimmer, Joſeph folgte ihr, bald dar⸗ auf befanden die Beiden ſich in dem traulichen Stübchen der Zofe.

Nimm Platz, ſagte Jeanette, auf einen Stuhl zeigend, wäh⸗ rend ſie ſelbſt ſich auf das kleine zierliche Sopha ſetzte,wie hübſch würde es ſein, wenn dies unſer eigenes Wohnzimmer wäre, nicht wahr?

Gewiß, nickte Joſeph,ich wollte es nicht beſſer verlangen.

Und werden wir bald ſo weit kommen?

Ich hoffe es.

Mit ſchönen Redensarten dürfen wir darüber nicht hinweg⸗ gehen, wir müſſen ernſt an die Zukunft denken. Wir ſind Beide alt genug geworden, Joſeph, und angenehm iſt es nicht, das Brod fremder Leute zu eſſen

Aber daran haſt Du früher nie gedacht! fiel Joſeph ihr mit wachſendem Erſtaunen in's Wort.Noch vor Kurzem ſagteſt Du, an's Heirathen dächteſt Du vorerſt nicht, was hat Dich ſo plötzlich auf andere Gedanken gebracht?

Wieder warf Jeanette die Oberlippe auf, der kecke, ſchmollende Trotz verlieh ihrem hübſchen Geſicht etwas Pikantes.

Ich habe mir ein hübſches Sümmchen erſpart, ſagte ſie, und Deine Tante hat ja verſprochen, uns zu unterſtützen, ich denke, da können wir es ſchon wagen. In Putzarbeiten bin ich ſehr geſchickt, und es koſtet ſo viel nicht, ein kleines Geſchäft ein⸗ zurichten. Du kannſt dann auch irgend etwas ergreifen, haſt ja die Buchbinderei erlernt

Und ich darf behaupten, daß ich mein Fach kenne, erwie⸗ derte Joſeph, dem jetzt der Vorſchlag Jeanette's einzuleuchten ſchien.Wir werden ſchon durchkommen, aber weshalb eilſt Du ſo ſehr damit?

Weshalb? Weil es mir in dieſem Hauſe nicht mehr gefällt, und ich keine Luſt habe, eine andere Stelle zu ſuchen.

Joſeph hielt die Hand der Zofe in der ſeinigen, er blickte ſinnend ihr in die ſchelmiſchen Augen.

Alſo der Dienſt in dieſem Hauſe gefällt Dir nicht mehr? ſagte er.Früher warſt Du von der jungen Frau entzückt, ſie wird ja wieder geſund werden, dann haben auch die Launen ein Ende. Kranke ſind immer verdrießlich, liebes Kind, aber nach der Geneſung zeigen ſie ſich auch erkenntlich dafür, daß man ihre Lau⸗ nen geduldig ertragen hat.

Ein ſeltſames Lächeln glitt flüchtig über das Antlitz Jeanette's.

Ich fürchte, daß ſie nie wieder geneſen wird, erwiederte ſie mit gedämpfter Stimme, indem ſie einen ſcheuen Blick auf die Thüre warf.Seitdem der alte Mann, der Becker, in's Haus ge⸗ kommen iſt, hat der Unfriede begonnen. Du kennſt dieſen Becker

Nur oberflächlich! Ich habe ihn immer für einen armen Schlucker gehalten, aber auffallend war es mir, daß er ſich ſo an⸗ gelegentlich nach dem Herrn Ackermann erkundigte.

Dabei muß er doch einen beſonderen Zweck gehabt haben!

Wahrſcheinlich, ich kenne ihn nicht.

Jeanette ſah den Kammerdiener forſchend an.

Sagſt Du mir die Wahrheit? fragte ſie.

Die volle Wahrheit.

Und ich wiederhole, es muß ein Geheimniß zwiſchen meinem Herrn und dieſem Sekretär geben, und Madame hat etwas davon erfahren, etwas nur, aber hinreichend genug, um ſie zu ängſtigen und das Verlangen in ihr zu wecken, das ganze Geheimniß zu enthüllen. Joſeph, das Alles bleibt unter uns, Du wirſt keine Silbe davon verrathen, wir könnten Beide dadurch in Gefahr kommen.

Du erſchreckſt mich!

Ich warne Dich, ich würde Dir nichts von alledem ſagen, wenn ich Dir nicht Vertrauen ſchenkte und ja, wenn ich's nicht vom Herzen herunter haben müßte. Seitdem die gnädige

Frau ſich ſo angelegentlich für das Geheimniß intereſſirt, fürchtet ihr Mann ſie. So oft ſie davon ſpricht und die Entlaſſung des Sekretärs fordert, wird er wüthend.

So? Der Sekretär ſoll entlaſſen werden?

Das verlangt ſie, nickte Jeanette.Weshalb erfüllt er den Wunſch ſeiner Frau nicht? Einen Schreiber kann man doch jeden Tag finden. Und weshalb verſchließt er alle Thüren, wenn ſein Velzedin bei ihm iſt? Ein reicher Mann ſoll keine Heimlichkeiten haben

Na, na, gerade die Reichen haben ſie; für die Armen ſind Heimlichkeiten zu koſtſpielig.

Aber hier handelt es ſich um gefährliche Geheimniſſe!

Ach was, das vermutheſt Du nur, ſagte Joſeph kopfſchük⸗ telnd,die junge Frau wird eiferſüchtig ſein

Wäre es das allein, dann würde ich ſelbſt darüber lachen, unterbrach Jeanette ihn,eiferſüchtig ſind ſie alle Beide nicht, das weiß ich mit voller Sicherheit. Es war ja Alles gut und wohl, Madame war geſund und vergnügt, bis ſie zufällig die Unterredung ihres Mannes mit dem Sekrstär belauſcht hatte. Von dieſem Augenblicke an brach der Zwiſt los. Madame forderte ihre Werth⸗ papiere zurück und erklärte, nicht ruhen zu wollen, bis ſie das Geheimniß erforſcht habe, der Herr verſuchte ſie zu beruhigen, er nannte ihre Neugier kindiſch und lächerlich, aber die gnädige Frau blieb bei ihrer Erklärung. Und nun erkrankte ſie plötzlich, ſie hatte nur ein Glas Wein getrunken, und ich bin überzeugt, daß dieſes Glas Wein die Urſache ihrer Erkrankung geweſen iſt.

Jeanette hatte die letzten Worte flüſternd geſprochen, in dem ſtarren Blick des Kammerdieners ſpiegelte ſich wachſendes Entſetzen.

Du willſt damit doch nicht ſagen, fragte er

Still, fuhr die Zofe fort,ich berichte Dir nur, was ich weiß, was ich geſehen und gehört habe. Und wenn ich mit Dir darüber rede, ſo geſchieht es ja auch nur deshalb, damit Du mir rathen ſollſt. Den Wein hatte der Herr für ſeine Frau gekauft, er brachte ſelbſt die Flaſche und rieth ihr, täglich ein Glas davon zu trinken. Und nach dem erſten Glaſe wurde ſie ſo krank, daß wir den Doktor holen mußten.

Wo iſt die Flaſche?

Die hat der Herr wieder mitgenommen; wie er ſagte, wollte er den Wein unterſuchen laſſen, aber davon iſt ſpäter keine Rede mehr geweſen.

Sie hat alſo nur ein Glas davon getrunken?

Ja, nur ein Glas. Die arme Frau wird immer hinfälliger. Und wenn die Medicin am Morgen anders ſchmeckt, wie am Abend vorher, muß man dann nicht auf abſonderliche Gedanken kommen?

Joſeph zog die Brauen hoch hinauf, der Ausdruck ſeines freilich nicht intelligenten Geſichts ließ deutlich erkennen, daß es ihm ſchwer fiel, das Alles ſo raſch zu faſſen und zu begreifen.

Was ſagt denn der Doktor dazu? fragte er.

Nichts, er hält's für ein Magenleiden.

Aber das mit der Medicin, weiß er das nicht?

Madame hat es ihm geſagt, und er wollte die Medicin unter⸗ ſuchen laſſen, aber der Herr ſtieß das Fläſchchen um, daß es zer⸗ brach, und da war's natürlich mit der Unterſuchung vorbti.

Das iſt allerdings auffallend, ſagte Joſeph, während er, ohne auf ſeine Friſur Rückſicht zu nehmen, mit beiden Händen durch die Haare fuhr,darin ſcheint eine Abſicht gelegen zu haben. Aber die Medicin kann doch nicht

Was in der Nacht geſchieht, kann ich nicht wiſſen, fiel Jeanette ihm in die Rede,wenn Madame zu Bett gegangen iſt, gehe ich in mein Zimmer.

Und wo ſchläft der Herr?

Sein Schlafzimmer liegt neben ſeinem Kabinet, neben dem Schlafgemach an der anderen Seite liegt das Ankleidezimmer, dann kommt der kleine Empfangsſalon, und zwiſchen dieſem und den Schlafgemach der gnädigen Frau liegt nur noch das Boudoir.

Hm, möglich wäre es alſo, ſagte der Kammerdiener, leicht das Haupt wiegend,man müßte mit dem Doktor darüber reden.

Ich werde mich hüten!

Man kann das ja im Vertrauen thun.

Fällt mir nicht ein, erwiederte Jeanette,ich könnte damit ſchön anlaufen! Der Doktor iſt mit unſerem Herrn ſehr vertraut, ſo oft er einen Beſuch macht, trinkt er im Kabinet ein Glas Wein, da könnte ich in ein ſchönes Weſpenneſt ſtechen.

Hat denn Madame gar keinen Verdacht?

Nein, wenigſtens hat ſie gegen mich keinen geäußert. Der Doktor tröſtet und beruhigt ſie damit, es werde bald wieder beſſer gehen, und dann könne ſie nach Plettenberg fahren.

Herrgott, man müßte mit dem Herrn Bogen darüber reden! ſagte Joſeph.

Das iſt auch ein ſchlechter Rath! Deine Herrſchaft würde

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