Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

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Blick von dem Papiere erhob und aufwärts richtete. Henriette, noch ganz beſtürzt von der ſeltſamen Mittheilung desGerichts⸗ herrn, beobachtete die Angeklagte unverwandt.

Jetzt ſchien dieſe den Brief beendet zu haben, ſie faltete das Blatt, ſteckte es in ein Couvert und ſchrieb die Adreſſe, dann wandte ſie ſich mit der Bitte an Henriette, ihr ein Glas Zucker⸗ waſſer zu bereiten. Das Mädchen mußte zu dem Zweck in die Küche gehen, kam aber ſehr ſchnell wieder, ſie ſah, daß Eliſe hinter ihrem Bett, das ſie von der Wand abgerückt, auf dem Boden kniete. Auf Henriettens Frage meinte ſie, es ſei ihr ein Ring vom Finger geglitten und unter das Bett gefallen. Henriette hatte keinen Grund, an dieſer Angabe zu zweifeln, was hätte das Fräulein denn auch dort an der glatten Wand ſuchen ſollen? ſie fragte nur, ob ſie ihr nichts helfen könne.

Oeffne meinen Wäſchſchrank und packe einiges Weißzeug in jene kleine Taſche, ich will noch einen Augenblick ruhen, denn ich fühle mich ſehr matt, vorher gib mir aber das Glas ſo, ich danke Dir, Henriette, der Trank wird mir gut thun.

Danmiit nahm Eliſe das Glas aus den Händen des Mädchens und ſchlürfte begierig faſt die Hälfte des Inhaltes aus, ihr Durſt ſchien dadurch aber noch nicht gelöſcht zu ſein, denn ſie begab ſich, das Glas in der Hand haltend, ſchwankenden Schrittes auf die andere Seite des Zimmers und ließ ſich dort auf einer in der Ecke ſtehenden Chaiſe⸗longue nieder.

Henriette ſah ſie ſtarr und unbeweglich dort ſitzen und wie mechaniſch in dem Glaſe mit dem Löffel rührend, die Stille und das Schweigen waren ihr recht unheimlich, gern hätte ſie ein Wort über den Vorfall geſprochen, derGerichtsherr hatte es ihr aber ernſtlich verboten, ſie beeilte ſich nur, mit der Arbeit zu Ende zu kommen und packte dann aus eigenem Antriebe, da noch Platz in dem Köfferchen war, die Toiletten⸗Requiſiten des Fräuleins ein.

Da drang ein Klirren an ihr Ohr, als bräche ein Glas in Scherben, ſie blickte erſchrocken um ſich richtig das Glas mußte des Fräuleins Händen entglitten ſein, es lag zerbrochen am Boden

Eliſe war in die Polſter zurückgeſunken ſie röchelte. Auf Henriettens Hilferuf eilten Fernthal und ſeine Begleiter

herbei zu ſpät Eliſe zuckte nur noch krampfhaft, bald ver⸗ ſtummte auch das Röcheln ehe der ſchnell herbeigeholte Arzt ein Mittel zu verordnen vermochte, hatte Eliſe Winter ausgelitten der beſtürzte Fernthal hielt nur mehr eine Leiche in ſeinen Armen. Der Arzt konſtatirte nach flüchtiger Unterſuchung, daß hier eine Vergiftung durch Cyankali ſtattgehabt. Das unglückliche Mädchen hatte, wie die ſpäter erfolgte Unterſuchung ergab, den Reſt des Giftes, das ſie der Räthin Wallberg gereicht, in einer Papierdüte aufbewahrt und in der Tapete hinter ihrem Bett verborgen. In

dem Moment aber, da Henriette das Gemach verlaſſen, hatte Eliſe

ſich in den Beſitz des Giftes geſetzt, das ſie wohl, wie anzunehmen, für den Fall, daß ihr Verbrechen entdeckt ward, für ſich ſélbſt be⸗

ſtimmt. Der an Hugo gerichtete Brief, den dieſer in Gegen⸗ wart ſeines Vertheidigers und des Unterſuchungsrichters eröffnete, lautete:

Ehe dieſe Stunde ausgeſchlagen, ſtehe ich vor Gott, um dort

über ein Verbrechen Rechenſchaft abzulegen, das ich, von den böſen

Skizze von M. v.

as Meer birgt in ſeinem dunkeln Schoße die wunder⸗ ſamſten Schätze, nicht nur Fiſche und Muſcheln, Ko⸗ rallen und Schwämme, ſondern ſogar auch leuch⸗

tendes Gold; freilich nicht ſolches, das man ſchmel⸗

zen und hämmern kann, das man aber, nach den Re⸗ geln der Kunſt geſchliffen und polirt, ebenſogut als L köſtlichen Schmuck trägt, wie das werthvollſte Edel⸗ . metall. Und mit Recht, denn wer ſchaute nicht eine

blintende Bernſteinkette mit Wohlgefallen an, wer hätte nicht ſeine Freude an den zierlich geſchnitzten Bernſteinſchmuckſachen, die beſon⸗ ders in Wien in ſo vollendeter Weiſe geſchaffen werden? Ein lan⸗ ger Zeitraum freilich von ſeinem Urſprung bis zu dieſer ſeiner Metamorphoſe in hochgeſchätzte Kleinodien, von jenem im Dunkel vergangener Jahrtauſende verſunkenen Tage, da es als flüſſiges Harz vorweltlichen Nadelhölzern entquoll, um mit dieſen durch eine der mannigfaltigen Umwälzungen unſeres Erdballs in Stein ver⸗ wandelt und aus der Tiefe der See wieder an das Licht emporge⸗ zogen zu werden als jene durchſchimmernde gelbe Maſſe, deren magne⸗ tiſche Kraft bereits Aufmerkſamkeit und Staunen der alten Hellenen

erregte.

Der Umſtand, daß man vor Kurzem auf der zu Pommern Chronik ꝛc. 1877

Leidenſchaften des Haſſes und der Rache verblendet, an der Räthin Wallberg verübte.

Die weltlichen Richter hätten mich ohne Schonung verurtheilt, Gott wird gnädiger ſein, denn er ſieht meine Reue und kennt die namenloſen Leiden, die dieſen fürchterlichen Entſchluß in mir zur Reife brachten. Du, Hugo, haſt dieſes Weh über mich verhängt, Du haſt mir Liebe gezeigt, um mein Herz geworben, und da ich Dich mehr liebte als Alles, wandteſt Du Dich ſtolz von mir, um meine Dir trotzdem durch Jahre bewahrte Treue ſchändlich zu ver⸗ rathen. Nach der Entdeckung Deines Verhältniſſes zu jenem Mädchen hatte ich nur einen Gedanken noch: es unmöglich zu machen, daß Du der Ihrige werdeſt. Wie dies geſchehen konnte, wußte ich da⸗ mals noch nicht, aber das wußte ich, daß ich Dich eher dem Tade weihen, als Dich mit Jener vor dem Altar ſehen wollte. Ich hatte ſchon früher in Erfahrung gebracht, daß Deine Tante mein Ver⸗ hältniß zu Dir nicht billigte und ihre Einwilligung zu unſerer Ver⸗ bindung verweigert haben würde; deshalb traf mein Haß auch ſie und ich beſchloß endlich, daß der Tod Deiner Tante mich zugleich an ihr und Dir rächen ſollte. Die Verzweiflung meiner verrathenen Liebe gab mir dieſen Plan ein. Ich ſage das Alles nicht, um mein Verbrechen vor der Welt zu beſchönigen und die Schuld von mir abzuwälzen dieſe laſtet ſchwer genug auf meiner Seele, mein freiwilliger Tod möge eine Sühne ſein, ich bringe mich zum Opfer dar gedenke meiner! Eliſe.

Auf dies Geſtändniß hin und die Ausſagen der drei Zeugen, welche die unglückliche Eliſe Winter in den letzten Stunden ihres Lebens geſehen, ward das Strafverfahren gegen Hugo Wallberg ein⸗ geſtellt und er in Freiheit geſetzt.

Die Kerkerhaft und das tragiſche Geſchick der Unſeligen, ſowie deren letzte Enthüllungen, hatten jedoch einen tiefen unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht. Er war ein völlig Anderer, ein ernſter in ſich gekehrter Mann geworden. Bald darauf veräußerte er die Hinter⸗ laſſenſchaft der Tante und zog in eine entfernte Stadt, dort ein neues Heim ſich gründend. Erſt nach Ablauf eines Jahres ward Thereſe Engert, die treu zu ihm gehalten in Freud und Leid, ſeine Gattin.

Wenn aber auch ſpäter ſein häusliches Glück ziemlich unge⸗ trübt blieb, erlangte Hugo Wallberg doch nie ſeine frühere Heiter⸗ keit wieder, zu viel der Schatten waren auf ſeinen Weg gefallen und nur in der vollſten Hingabe an ſeine Kunſt, in der er Außer⸗ gewöhnliches leiſtete, empfand er zuweilen jene höchſte Genugthuung und reine Freude, die im Weltgetriebe ſelten, faſt nie errungen wird.

Eliſens letzter Wunſchgedenke mein! iſt erfüllt worden, oft dachte Hugo und auch Thereſe im frommen Gebete des unglücklichen, ſo tief gefallenen Mädchens und der armen, gemordeten Frau, die Eliſe in der Wuth ihres blinden Haſſes zum Opfer gebracht. Wenn aber je einmal in Hugo's Gegenwart das Geſpräch auf ſogenannte Herzensſünden undGefühlsſpielereien kam, und Jemand der⸗ gleichen als erlaubte Unterhaltungen in der Langweile des alltäg⸗ lichen Lebens entſchuldigen wollte, dann ſtrafte der bleiche ernſte Mann mit ſtrengen Worten die Frivolität ſolcher Geſinnungen, und nicht ſelten erzählte er zur Warnung aus ſeinem eigenen Leben jene düſtere Geſchichte der Rachethat, zu der verrathene Liebe ein ſchwaches Weib getrieben.

Der Bernſtein.

Gayette⸗Georgens.(Nachdruck verboten.)

gehörenden Halbinſel Uſedom, wo man die Swine durch einen Kanal mit dem kleinen Haff zu verbinden beſchäftigt iſt, beim Durchſtich der Wieſen eine außerordentliche Menge Bernſtein fand, hat die Bernſteinfrage in jüngſter Zeit wieder zur Erörterung gebracht, weil die Befürchtungen, der Goldquell der Oſtſee könne verſiegen, durch den Fund bei Kaſeburg gehoben ſind.

Der Vernſteinarten ſind ſehr viele, von dem Carabe geheißenen arabiſchen Harz, aus welchem die Tafeln künſtlich geſchnitten waren, die Julius Cäſar den Seeräubern fremder Meere abjagte und auf ſeinen Triumphzügen mit ſich führte und aufrichten ließ, bis zu dem Ambra, mit welchem die heidniſchen Tempel und chriſtlichen Kirchen durchräuchert wurden und welches vermeintlich auf Felſen in Indien geſammelt ſein ſollte,wo es aus den Bäumen träufle.

Anderer Anſicht waren die Griechen, welche in ehrgeiziger Weiſe behaupteten, ihr eigenes Land erzeuge Bernſtein oder Beryllſtein, denn man identificirte dieſen Edelſtein mit dem goldigen Meerkryſtall obwohl ſie denſelben auf weiten Umwegen im Handel bezogen. Sie nannten als angeblichen Fundort den Fluß Eridanus, von welchem her der goldgelbe Magnet ſtammen ſollte, welchen Thales von Milet, einer der ſieben Weltweiſen des Alterthums, ſeiner Anziehungskraft wegen für belebt hielt. Auch Plato, des Sokrates genialſter

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