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Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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„Es iſt wahr,“ ſagte der Baron,„dieſe Frau bethätigt den
Dank, den ſie uns ſchuldet. Ich war anfangs nicht mit dem Vorhaben Thusnelda's einverſtanden, ich fürchtete, die Frau werde uns mit Undank lohnen, zumal ich wußte, wie glühend ihr Mann uns haßt, aber ich ließ es dennoch geſchehen und hoffe, daß ich meine Güte auch in Zukunft nicht bereuen werde.“ In dieſer Hoffnung wirſt Du Dich nicht getäuſcht ſehen,“ erwiederte Thusnelda,„die Müllerin bietet Alles auf, unſer Ver⸗ trauen zu rechtfertigen. Wenn ich die Wache am Lager Theobalds übernehme, benutzt die Frau jede Minute, um den Pflichten ihres Amtes gewiſſenhaft nachzukommen. Das Dienſtperſonal gehorcht ihr auf den Wink, und ſeitdem Du den Diener entlaſſen haſt, der ſo unverſchämt war, ihr die Verbrechen ihres Mannes vorzu⸗ werfen, wagt Keiner mehr, ihr ein gehäſſiges Wort zu ſagen.“
„War es nicht früher Ihre Abſicht, die Schweſter des Förſters mit dieſem Amt zu betrauen?“ fragte Kurt.
„Jawohl, aber die Frau iſt alt und ſchwach, ſie hat keine Energie, deshalb mußte ich davon abſtehen. Wir haben ihr eine Penſion ausgeſetzt, damit ſie ſorgenfrei leben kann.“
Kurt warf einen Blick auf ſeine Uhr und erhob ſich.
„Wollen Sie uns ſchon verlaſſen?“ fragte der Baron über⸗ raſcht.
„Leider muß ich es,“ erwiederte der junge Mann,„ich will den Schnellzug heute Abend benutzen und habe vorher noch Manches zu ordnen. Kann ich in der Reſidenz für Theobald wirken, ſo—“
„Bitte, unterlaſſen Sie das,“ unterbrach der Baron ihn raſch. „Theobald hat nichts weiter gethan, als was die Ehre von ihm forderte, findet der Richter darin ein Vergehen gegen die Landes⸗ geſetze, ſo muß Theobald ſich dem Urtheil unterwerfen. Vor dem Geſetz ſind wir Alle gleich, und ob uns nun die Geſetze gefallen oder nicht, wir müſſen uns ihnen unterwerfen, denn der Landes⸗ herr hat ſie erlaſſen. Theobald verlangt keine Gnade, die Strafe, die ihm diktirt wird, kann ihn nur ehren. Alſo geben Sie ſich keine Mühe, Kurt, es darf nicht einmal den Anſchein gewinnen, als ob wir um ein gnädiges Urtheil betteln wollten. Reiſen Sie mit Gott!“
Der alte Herr drückte bei den letzten Worten dem Adjutanten die Hand, und Kurt nahm nun auch von Thusnelda Abſchied.
Er hielt einige Sekunden lang ihre Hand feſt in der ſeinigen und ſchaute mit innigem Blick ihr in die wunderbar ſchönen,
leuchtenden Augen, dann hauchte er einen Kuß auf ihre Hand und haſtig verließ er das Zimmer.
In Nachdenken verſunken ritt Kurt nach der Stadt zurück. Kam er durch den Tod ſeines Onkels in den Beſitz eines namhaften Vermögens, ſo waren die Hoffnungen, die er gehegt hatte, keine unerfüllbaren Träume mehr, das hatte er in den tiefblauen Augen⸗ ſternen Thusnelda's geleſen. Ja, es war dann auch möglich, daß Haus Plettenberg wieder in ſeinen Beſitz kam— aber daran wollte er jetzt noch nicht denken, an die Erfüllung dieſes Wunſches konnte er heute noch nicht glauben, es wäre des Glücks zu viel geweſen, was auf ihn ſo plötzlich einſtürmte.
Vor dem Hauſe Bitterlein's ſtieg er vom Pferde; Frau Eugenie hatte ihn bereits erwartet, ſie befahl einem Lehrling, das Thier zu halten und empfing im Bureau ihres Mannes den Offizier mit zuvorkommender Freundlichkeit.
Ihr Aerger ſchien völlig verraucht zu ſein, war doch Kurt v. Plettenberg jetzt nicht mehr der arme, auf ihre Hilfe angewieſene Lieutenant, ſondern der Univerſalerbe eines reichen Mannes, auf deſſen Freundſchaft man ſtolz ſein durfte.
Das kleine Geldgeſchäft war raſch erledigt; Kurt unterſchrieb einen Schuldſchein, und der Stadtrath zahlte ihm daraufhin die Summe, deren er zur Beſtreitung der Reiſe und einiger nöthigen Ausgaben bedurfte.
Nachdem das abgemacht war, ſchwang Kurt ſich wieder in den Sattel, bald darauf hielt er vor ſeiner Wohnung.
Johann nahm das Pferd in Empfang, er meldete ſeinem Herrn, der Kammerdiener des Gutsbeſitzers Bogen ſei in der Burſchenſtube. Der Adjutant konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhehlen.
„Und was will der bei mir?“ fragte er.
„Er hat einen Brief,“ erwiederte Johann achſelzuckend,„ich glaube, er ſoll Antwort mitbringen.“
Kurt ſchüttelte den Kopf, er hatte ja mit dem Ritterguts⸗ beſitzer nie in Verbindung geſtanden, was konnte dieſen Herrn ver⸗ anlaſſen, ihm zu ſchreiben?
Als er die Treppe hinaufgeſtiegen war, trat Joſeph mit dem Briefe in der Hand ihm entgegen.
„Sie wünſchen Antwort?“ fragte Kurt, indem er in ſein Zimmer trat.
„Herr Bogen läßt darum bitten,“ entgegnete der Diener. (Fortſetzung folgt.)
Hch entſchuldigen Sie, Frau Bernhard, iſt das nicht der Wagen des Herrn Doktor Walter, der da vor'm „» Hauſe hält?“
„Gewiß, Jungfer Sali, und der junge Herr Wall⸗ berg ſammt dem Doktor ſind ſehr eilig die Treppe hinaufgeſtiegen, es muß wohl ſchlechter ſtehen mit der Frau Räthin.“
„Jedenfalls, da der junge Herr den Arzt geholt—“
„Und wenn Sie nur geſehen hätten, wie verſtört der drein ſchaute — ganz verändert war er, die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, das Geſicht ganz blaß, ſo ſtürzte er an mir vorbei, und ſo neugierig ich auch war zu wiſſen, wie es da oben ſtände, ich wagte gar nicht einmal zu fragen, denn der Blick, den er auf mich warf, war ſo—
wie ſoll ich's nur ſagen, halt ſo„wild“— d. h. eigentlich ſah er⸗
mich gar nicht, ſondern ſtarrte nur ſo verloren vor ſich hin und—“
„Da kommt ſchon wieder Jemand,“ rief Jungfer Sali, einige ſchnelle Schritte der Treppe zu machend.
Aber ſie prallte zurück, als jetzt der Neffe der kranken Räthin Wallberg— Hugo Wallberg, oder der„junge Herr“, wie die Haus⸗ leute ihn nannten, wieder haſtig die Treppe hinab und an ihr vorbeieilte, ohne den Gruß der ihm doch wohl bekannten bejahrten
*Jungfer zu erwiedern, an den Wagen trat, dem Kutſcher in gedämpftem Tone einen Befehl gab, dann den Schlag öffnete, in den Wagen ſprang und ſich, wie völlig erſchöpft, in die Polſter deſſelben gleiten ließ.
„Merkwürdig!“ meinte Frau Bernhard verdutzt,„da muß es oben ſchlimm ſtehen— denn Herr Hugo iſt nun wahrſcheinlich in die Apotheke gefahren mit einem Rezept—“
„Wir hätten doch fragen ſollen— aber freilich—“
„Nicht wahr, Jungfer— Ihnen hat's auch die Rede ver⸗ ſchlagen— er ſah gar ſo ſeltſam drein. Vielleicht kommt Rieke bald herab— da werden wir's ja erfahren. Nun, wenn die arme Frau Räthin wirklich am Sterben iſt, da war's ein Glück für den
Hugo, daß vor vier Wochen die Herren vom Gericht gekommen und
Dem Tode geweiht.
Kriminal⸗Novelle von Ernſt v. Waldow.
(Nachdruck verboten.)
das Teſtament gemacht worden iſt, ehe die geſtrenge Frau Tante etwas von der neuen Amourſchaft des jungen Herrn erfahren. Wer weiß, was dann paſſirt wär'!“
Die Jungfer Roſalie nickte nur zuſtimmend und zog ſich dann rechts in ihre zu ebener Erde gelegene Stube zurück, an deren Thüre ihr„Azor“ ungeduldig kratzte.
Das Haus, in welchem die beiden Frauen das vorerwähnte Geſpräch geführt, befand ſich in der Hauptſtraße einer belebten deutſchen Provinzialſtadt. Die verwittwete Räthin Wallberg hatte daſelbſt ſchon ſeit faſt einem Vierteljahrhundert eine Wohnung im erſten Stockwerk inne. Hier hatte ſie mit ihrem ſeit zehn Jahren verſtorbenen Gatten glückliche Tage verlebt und ſo ſollte denn auch erſt der Tod ſie zwingen, aus den vertrauten Räumen zu ſcheiden.
Seit faſt fünf Jahren litt die alte Dame an einer Herz⸗ krankheit, die ihr zu Zeiten große Beſchwerden verurſachte. Ihr leidender Zuſtand war die erſte Veranlaſſung zur Vergrößerung ihres Hausperſonals geweſen. Sonſt hatte nur Rieke, die Köchin, das Regiment geführt, ſeit der Räthin zunehmender Kränklichkeit war Eliſe, die Tochter einer Schulfreundin der Frau Wallberg, die durch das Ertheilen von Muſikſtunden ihren Lebensunterhalt gewann, als Geſellſchafterin, Krankenpflegerin, Wirthſchaftsmamſell—(all' dieſen verſchiedenen Poſten ſtand Eliſe Winter nämlich vortreff⸗ lich vor)— in das Haus gekommen. Wohl hatten ſich Manche gewundert, daß Fräulein Winter, die eine geſuchte Lehrerin geweſen, ihre Selbſtſtändigkeit aufgegeben, um eine ſolche, wenn auch eben nicht untergeordnete, ſo doch häufig beſchwerliche Stellung dagegen einzutauſchen. Einige hatten gemeint: daß ſie wohl die Hoffnung hege, in dem Teſtamente der alten Dame bedacht zu werden, Andere wieder äußerten: Eliſe habe vielleicht eine Neigung zu dem hitbſchen Maler Wallberg, dem Neffen der Räthin, gefaßt, und hoffe durch ein ſo nahes Zuſammenleben— Hugo wohnte bei ſeiner kinderloſen Tante— ſich Herz und Hand des intereſſanten Mannes zu erringen.
Dergleichen Gerüchte verſtummten aber bald, denn auf etliche


