Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

Das iſt keine Entſchuldigung

Frau Eugenie brach ab, in der offenen Thüre ſtand Johann mit einem großen Briefe in der Hand.

Telegramm für den Herrn Lieutenant, ſagte der Burſche.

Frau Eugenie erhob ſich und trat neugierig näher, Kurt unter⸗ zeichnete den Empfangſchein und öffnete das Couvert.

Mein Onkel iſt todt, ſagte er beſtürzt.

Dann gebe Gott, daß er nicht einen Anderen zum Erben ein⸗ geſetzt hat, erwiederte Madame Bitterlein, in deren Augen es auf⸗ blitzte.War er lange krank?

Nein, nein, der Schlag hat ihn gerührt

Dann darf man das Beſte hoffen!

Aber wie können Sie nur ſo reden, Madame! denke ich in dieſem Augenblicke nicht.

Sie müſſen daran denken, denn es iſt Ihre letzte Hoffnung, erwiederte Frau Eugenie lebhaft.Sie haben früher einmal geſagt, Ihr Onkel ſei ein vermögender Mann, und auf einem ſehr innigen Fuße haben Sie nie mit ihm geſtanden, alſo kann ſein Tod Ihnen keine große Trauer bereiten, und zum Heucheln haben Sie kein Talent.

Der Adjutant durchmaß ein paar Mal ungeduldig das Zimmer, dann nahm er das Telegramm, welches auf dem Tiſch lag, wieder auf.

Ich ſoll ſofort hinkommen, ſagte er verlegen,wahrſcheinlich um nach der Beerdigung die Erbſchaftsangelegenheit zu ordnen, aber ich beſitze augenblicklich die Mittel nicht

Ach was, die gebe ich Ihnen!

Sie?

Ich werde doch den Sohn meiner Freundin in einer ſolchen Verlegenheit nicht im Stich laſſen.

Sofort nach meiner Rückkehr werde ich Ihnen Alles zurück⸗ zahlen, erwiederte Kurt erfreut.Wann reiſe ich am beſten?

Mit dem Schnellzug heute Abend.

Alſo habe ich Zeit genug. Johann!

Der Burſche erſchien auf der Schwelle.

Sofort fatteln! befahl der Lieutenant.In einer halben Stunde bin ich wieder hier, ich bitte Sie, mich zu entſchuldigen, gnädige Frau, ich muß zum Oberſt, um mir Urlaub zu holen, dann reite ich nach Frankendorf, und am Abend ſpreche ich bei Ihnen vor.

Und was wollen Sie in Frankendorf?

Nicht das, was Sie zu vermuthen ſcheinen, erwiederte Kurt lächelnd.Ich will nur ſehen, wie es dem verwundeten Freunde geht, das iſt Alles.

Frau Eugenie entfernte ſich kopfſchüttelnd, ſie ſchien dieſer Erklärung keinen Glauben zu ſchenken.

Eine Stunde ſpäter befand ſich Kurt, mit dem erbetenen Urlaub in der Taſche, auf dem Wege nach Frankendorf; er wurde im Familienzimmer von dem Baron und Thusnelda mit herzlicher Freundlichkeit empfangen.

Wir haben ſoeben von Ihnen geſprochen, ſagte Thusnelda, ihm die Hand reichend,es war uns unbegreiflich, daß Sie ſeit einigen Tagen ſich nicht mehr ſehen ließen, nun werden wir wohl die Gründe, die Sie zurückhielten, erfahren.

Und darum bitten Sie mich? fragte Kurt leiſe, ihr mit einem ſeltſamen Blick in die Augen ſchauend.Man weckt nicht gerne ſchmerzliche Erinnerungen

Hat der Dienſt Sie ſo ſehr in Anſpruch genommen? unter⸗ brach der Baron das leiſe Geſpräch.

Einestheils der Dienſt, erwiederte der Adjutant,aber es kamen andere Urſachen dazu. Ich mußte vor dem Chrengericht mich wegen der Theilnahme an dem Duell verantworten.

Hoffentlich iſt Ihnen das gelungen!

Das Ehrengericht hat erkannt, daß das Duell für den Baron Theobald v. Frankendorf eine unabweisbare Nothwendigkeit ge⸗ weſen und das Duellgeſetz dabei ſtreng beobachtet worden ſei. Theobald wird allerdings ſich noch vor dem Civilgericht verant⸗ worten müſſen.

Und wird dieſes Gericht ihn verurtheilen? fragte Thusnelda.

Höchſt wahrſcheinlich, erwiederte der Baron,das Geſetz ver⸗ bietet den Zweikampf und beſtraft die Duellanten mit Feſtungshaft.

Und wie ergeht es dem Patienten? fragte Kurt.

Gottlob, die Verwundung iſt nicht ſo ſchwer, wie der Arzt anfangs befürchtete, erwiederte Thusnelda, in deren blauen Augen es freudig aufleuchtete.Die Kugel iſt glücklich herausgeholt und kein edles Organ verletzt, nur meint der Arzt, eine Schwäche des Armes werde zurückbleiben.

Die verliert in den meiſten Fällen ſich auch, ſagte der Baron,man muß das in Geduld abwarten. Wie iſt die Stim⸗ mung im Offiziercorps? Wie urtheilen die Herren über dieſes Duell?

Man bedauert allgemein den Verluſt des heitern, liebens⸗ würdigen Kameraden, verurtheilt daneben aber auch mit aller

An das Erbe

Entſchiedenheit das Benehmen des Rittmeiſters, das zu dem Zwei⸗ kampf Veranlaſſung gegeben hat.

Der Baron nickte befriedigt.

Man kennt ſeine Vergangenheit nicht, ſonſt würde man noch ſchärfer urtheilen, ſagte er.

Ich kenne ſie, Herr Baron.

Seit wann?

Am Tage der Herausforderung gab Theobald mir einen Bricf, den er aus der Reſidenz empfangen hatte

Es war jedenfalls derſelbe Brief, den ich nach dem Duell in dem Portefeuille meines Sohnes fand, ſagte der alte Herr. Schweigen wir darüber, de mortuis nil nisi bene!

Ich bin darin mit Ihnen einverſtanden, jene Mittheilungen ſollen unſer Geheimniß bleiben! Ich reiſe heute noch zur Reſidenz, vielleicht finde ich Gelegenheit, an geeigneter Stelle ein gutes Wort für Theobald einzulegen.

Sie wollen uns verlaſſen? fragte Thusnelda beſtürzt.Sind Sie verſetzt worden?

Nein, nein, erwiederte er raſch, und ein dankbarer Blick traf ſie aus ſeinen leuchtenden Augen,mein alter Onkel iſt plötzlich heimgegangen, ich habe die Nachricht vor einer Stunde durch den Telegraph erhalten.

Der Baron blickte von ſeiner Zeitung auf, flüchtig, aber den⸗ noch prüfend ſtreifte ſein Blick die beiden jungen Leute.

Sie haben dieſem Onkel wohl nie nahe geſtanden? fragte er.

Nein, er war ein Sonderling, ein Miſanthrop im vollſten Sinne des Wortes. Vielleicht iſt er es durch bittere Erfahrungen geworden. Er blieb zwar mit mir in ununterbrochenem Brief⸗ wechſel, aber von einer perſönlichen Zuſammenkunft wollte er nie etwas wiſſen.

Er ſoll reich geweſen ſein!

So behauptet man, aber es wird ſo manche Behauptung aus der Luft gegriffen!

Sehr wahr! Indeſſen erinnere ich mich auch, daß man den alten, menſchenfeindlichen General einen reichen Mann nannte, und ich möchte Ihnen wünſchen, daß dieſe Behauptung ſich auf Wahr⸗ heit gründete. Der Tag, an dem das Stammgut Derer von und zu Plettenberg wieder in den Beſitz der Familie kommt, würde für mich ein Freudentag ſein.

Kurt ſchüttelte gedankenvoll das Haupt und ſtellte den Säbel zwiſchen ſeine Kniee, um ſich auf ihn zu ſtützen.

Darüber können noch viele Jahre hingehen, tief aufſeufzend.

Wenn der Nachlaß Ihres Onkels Ihnen die nöthigen Mittel gibt, ſo könnte dieſer Zeitpunkt bald eintreten.

Haus Plettenberg iſt in feſten Händen!

In den Händen eines Bürgerlichen! ſagte der Baron achſel⸗ zuckend,und dieſen Leuten iſt Alles feil.

Herr Bogen iſt Millionär

Er mag das Gold nach ſeinem Werthe zu ſchätzen wiſſen, aber den ſolideren Werth des alten und befeſtigten Grundbeſitzes kennt er nicht. Wenn ihm der Werth des Ritterguts in klingender Münze angeboten wird, ſo trägt er vorausſichtlich nicht das geringſte Bedenken, den Handel abzuſchließen.

Sie ſind in der letzten Zeit nicht mehr dort geweſen?

Seit der Hochzeit nicht. Dieſes Prunken mit dem Golde, wie es dort auf Schritt und Tritt ſich bemerkbar macht, iſt mir zuwider. Ueberdies findet man in Plettenberg täglich Perſonen, mit denen ich, offen geſtanden, nicht gerne in Berührung komme.

Thusnelda hatte geräuſchlos das Zimmer verlaſſen, der Blick Kurts ruhte ſinnend auf der Thüre, hinter der die hohe ſchlanke Geſtalt verſchwunden war.

Gleich nach dem Duell, und zwar an demſelben Tage, hat er mich beſucht, um mir ſeine Theilnahme zu beweiſen, fuhr der Baron fort,vielleicht war es auch nur Neugierde, was ihn zu dieſem Beſuche veranlaßte. Ich werde den Beſuch erwiedern müſſen, aber bis heute konnte ich mich noch nicht dazu entſchließen.

Er ſchläft, ſagte Thusnelda, die in dieſem Augenblicke zurück⸗ kehrte,die Müllerin wacht an ſeinem Bett.

Sie haben es noch nicht bereut, dieſe Frau hier aufgenommen zu haben? fragte Kurt.

Nein, ich hatte dazu noch keine Veranlaſſung. Die arme Frau lebt förmlich wieder auf, die Hand des Schickſals muß in den letzten Jahren mit furchtbarer Schwere auf ihr geruht haben. Ich habe an ihr eine nicht gering zu achtende Stütze gefunden, ſie hat vom erſten Augenblick an die Pflege Theobalds übernommen und ſie erfüllt die Pflichten einer Krankenwärterin mit ſolcher Treue und Hingebung, daß ich mich oft fragen muß, ob das dieſelbe ver⸗ biſſene und erbitterte Frau ſei, die mit Gott und den Menſchen zerfallen war.

erwiederte er,

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