Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 363

Aber ich werde doch einen Vorwand für den Verkauf angeben müſſen! ſagte Ackermann ungeduldig.

Der Geſundheitszuſtand Ihrer Frau! Sie ſoll in einem milderen Klima wohnen, will ſich aber von den Eltern nicht trennen, deshalb müſſen Sie zu dieſem Mittel greifen, um ſie gewiſſermaßen zur Befolgung der ärztlichen Anordnung zu zwingen. Dieſer Vor⸗ wen tlingt ſo plauſibel, daß er gar keinen Argwohn aufkommen äßt.

In der That, ich pflichte dem bei! Wo aber finde ich einen Käufer?

Ich werde ihn ſuchen.

Und ich ſage Ihnen voraus, Sie werden ihn nicht finden!

Abwarten! Es ſteht Ihnen dann immer noch frei, ein be⸗ deutendes Kapital auf das Haus aufzunehmen und das Mobiliar unter der Hand zu verkaufen. Ich, als Ihr Sekretär, kann das Alles vermitteln, und wenn Sie meinen Eifer anſpornen wollen, ſo können Sie es dadurch, daß Sie mir einen gewiſſen Gewinn⸗ antheil zuſichern.

Gewinnantheil? Ich werde Schaden genug haben!

Alles, was Sie dabei herausſchlagen, iſt als Gewinn zu be⸗ trachten, erwiederte der Sekretär ironiſch.Ihren Herrn Schwieger⸗ vater werden wir wohl auch noch vor Thoresſchluß mürbe machen.

Das hoffe ich auch, erwiederte Ackermann, der jetzt in Nach⸗ denken verſunken am Fenſter ſtand.Aber iſt denn die Gefahr wirklich ſo nahe? Sie waren vor Kurzem noch ſo zuverſichtlich, und der Brief, den ich damals geſchrieben habe, muß ja in den nächſten Tagen ſchon die Reiſe nach S. antreten.

Die Dinge haben inzwiſchen ſich geändert, ſagte der alte Mann,ich fürchte, daß der Brief in die Hände des hieſigen Ge⸗ richts gefallen iſt.

Ein Schrei der Beſtürzung und der Wuth entfuhr den Lippen Ackermann's.

Sie wollen mich verrathen! rief er mit heiſerer Stimme.

Welchen Nutzen hätte ich davon? erwiederte Becker kalt. Der Mann, dem ich den Brief anvertraute, iſt verhaftet worden, ich konnte das nicht vorausſehen.

Wer iſt dieſer Mann? fuhr Ackermann auf.

Derſelbe, der den Förſter ermordet hat. Sie werden die Ge⸗ ſchichte in der Zeitung geleſen haben, es wurde ja ſehr ausführlich darüber berichtet.

Und einem ſolchen Manne konnten Sie das gefährliche Schrift⸗ ſtück anvertrauen?.

Ich glaubte die Ueberzeugung hegen zu dürfen, daß er glück⸗ lich hinüberkommen würde.

Sie glaubten! erwiederte Ackermann mit ſchneidendem Hohne, indeß ſein flammender Blick durchbohrend auf dem verſchmitzten Geſichte ruhte.Wenn Sie das nicht mit Sicherheit wußten, dann durften Sie

Erlauben Sie, wäre der Mann glücklich entkommen, ſo wür⸗ den Sie nicht daran gedacht haben, mir einen Vorwurf zu machen. Valentin Krumm hak mir Verſchwiegenheit gelobt, er wird ſein Verſprechen halten

Bah, ich halte von ſolchen Verſprechungen nichts! fiel Acker⸗ mann ungeduldig ihm in's Wort.Sie müſſen die Stadt ver⸗ laſſen, und je eher das geſchieht, deſto beſſer iſt es! Denken Sie denn nicht daran, daß man den Gefangenen fragen wird, von wem er das Geld zur Auswanderung erhalten hat?

Der alte Mann ſchüttelte das Haupt, kein Zug in ſeinem fahlen Geſichte verrieth ernſte Beſorgniß.

Der Müller iſt ſchon ſeit zehn Tagen verhaftet, ſagte er, er wird ſchon mehrfach im Verhör geweſen ſein, hätte er etwas verrathen wollen, ſo würde er es bereits gethan haben. Ob man den Brief und das Geld bei ihm gefunden hat, iſt auch noch ſehr die Frage, er wollte den größeren Theil des Geldes ſeiner Frau anvertrauen, vielleicht hat er ihr auch den Brief übergeben. Die Frau iſt nicht verhaftet worden, ſie kann den Brief längſt ver⸗ nichtet haben.

Darüber müſſen Sie ſich Gewißheit verſchaffen! Die Ba⸗ roneſſe v. Frankendorf ſoll ſich ja der Frau angenommen haben, Sie wiſſen alſo, wo ſie zu finden iſt.

Ich werde mich hüten! Ich kenne die Frau nicht und ſie kennt mich nicht, ſoll ich ihr nun verrathen, daß ich ihrem Manne das Geld verſchafft habe? Wie geſagt, hätte Valentin Krumm mich verrathen wollen, ſo würde er es ſchon gethan haben.

Nun, wenn Sie ſo ruhig dabei ſind, weshalb beunruhigen Sie mich? ſagte Ackermann ärgerlich.

Weil ich Ihnen beweiſen will, daß es nothwendig iſt, ſich auf Alles vorzubereiten. Es iſt möglich, daß jener Brief uns in keiner Weiſe gefährlich wird, aber auf der anderen Seite dürfén wir auch nicht überſehen, daß ein Zufall ihn in die Hände des

Juſtizraths oder des Polizeiraths aus S. ſpielen kann, dieſe Beiden würden nicht ruhen und raſten, bis ſie den Abſender entdeckt haben. Deshalb machen Sie der Komödie ein Ende, thun Sie es lieber Lent als morgen, der Boden unter Ihren Füßen iſt nicht mehr ſicher.

Ackermann wanderte eine geraume Weile ſchweigend auf und nirded⸗ es ſchien ihm ſehr ſchwer zu werden, einen Entſchluß zu aſſen.

Endlich blieb er vor dem alten Manne ſtehen, der ſich ein Fla⸗ Portwein eingeſchenkt hatte, ohne lange um Erlaubniß zu itten.

Suchen Sie für dieſes Haus einen Käufer, ſagte er leiſe, ich bin jetzt entſchloſſen, Ihren Rath zu befolgen. Mein Unglück war es, daß ich Ihnen hier begegnen mußte, aber daran läßt ſich nun leider nichts mehr ändern. Gehen Sie und wahren Sie mein Intereſſe, Sie ſollen Ihren Antheil erhalten, ſobald das Geſchäft geordnet iſt.

Der Sekretär nickte zuſtimmend und trank das Glas aus.

Ich hoffe, es wird in einigen Tagen geordnet ſein, erwiederte er,ich habe früher ſchon über die Sache nachgedacht und meine Pläne entworfen.

Er ging hinaus, Ackermann nahm ſeine Wanderung wieder auf, nach einigen Minuten befahl er dem Diener, anſpannen zu laſſen, und mit dem Depoſitenſchein in der Taſche fuhr er eine halbe Stunde ſpäter ab.

Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine unerwartete Nachricht.

Frau Eugenie Bitterlein konnte trotz aller Vernunftgründe ihres Gatten dem Adjutanten nicht verzeihen, daß er ihren vor⸗ trefflich überlegten Plan durchkreuzt und ihr eine demüthigende Niederlage bereitet hatte. Von Tag zu Tag erwartete ſie den Beſuch des Herrn v. Plettenberg, ſie hoffte noch immer, er werde ſich beſinnen und zu der Einſicht gelangen, daß er ſeiner mütter⸗ lichen Freundin mit Undank gelohnt hatte, aber auch in dieſer Hoffnung ſollte ſie ſich getäuſcht ſehen zur größten Genugthuung des Stadtraths, der jetzt den Lieutenant ob dieſer Energie hoch⸗ achtete.

Schon längſt hatte Frau Eugenie dem Adjutanten die Ehre ihres eigenen Beſuchs zugedacht, aber die aufregenden Ereigniſſe ließen ſie nicht dazu kommen.

Das Duell mit ſeinem für den Rittmeiſter v. Pillnitz ſo un⸗ glücklichen Ausgang und die an demſelben Tage erfolgte Entdeckung und Verhaftung des Mörders, die Auffindung der unterirdiſchen Höhle im Walde, mit der man die Exiſtenz einer ganzen Räuber⸗ bande in Verbindung bringen wollte, das Alles gab der Madame Bitterlein einen ſo reichen Stoff zu den abenteuerlichſten Ver⸗ muthungen und Behauptungen, von denen alle Freundinnen und Bekannte in Kenntniß geſetzt werden mußten, daß ſie kaum zu Athem kam.

Nun hätte ſie freilich durch Herrn v. Plettenberg alle Einzeln⸗ heiten dieſer Ereigniſſe und Enthüllungen erfahren können, wußte doch die ganze Stadt, daß er der Sekundant des Barons und auch bei der Verhaftung des Müllers zugegen geweſen war, aber gerade ihn wollte Frau Eugenie nicht fragen, wenn er nicht aus eigenem Antriebe zu ihr kam, um ihr über das Alles Mittheilungen zu machen. Und daß er das Letztere nicht that, daß er alle Rückſichten vergaß, die er ihr, der Freundin ſeiner Mutter, ſchuldete, das ſtei⸗ gerte ihren Groll, dem ſie nun endlich einmal Luft machen mußte.

Kurt war eben von der Mittagstafel aus dem Offiziers⸗Kaſino heimgekehrt, er hatte es ſich auf dem hartgepolſterten Sopha bequemn gemacht und gedachte nun in ſtiller Beſchaulichkeit Luftſchlöſſer für die Zukunft zu bauen, als nach kurzem Anpochen die Thüre un⸗ geſtüm geöffnet wurde und Frau Eugenie hereinrauſchte.

Kurt fuhr von dem Sopha empor, der Hund erhob ſich eben⸗ falls knurrend.

Parole d'honneur, gnädige Frau, Sie erzeigen mir eine große Ehre, ſagte der junge Mann, der ſeiner Verlegenheit nicht gebieten konnte,ich bedaure nur, daß ich nicht därauf vorbereitet war und muß deshalb um Entſchuldigung bitten.

Madame Bitterlein hielt die zornblitzenden Augen unverwandt auf ihn geheftet, ein harter, böſer Zug umzuckte ihre Mundwinkel.

Sie waren nicht vorbereitet auf meinen Beſuch? erwiederte ſie ſcharf.Sie hätten es ſein müſſen, Herr v. Plettenberg, da Sie es nicht der Mühe werth hielten, zu mir zu kommen.

Zu Ihnen? Hm, ja, ich wäre längſt gekommen, aber in den letzten vierzehn Tagen hat ſich ſo Manches ereignet, was meine Zeit in Anſpruch nahm

Ich laſſe dieſe Entſchuldigung nicht gelten, Sie konnten am

Abend kommen, ein halbes Stündchen findet man immer. Und das

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