Illuſtrirte Chronik der Zeit.
Sie über dieſe Verbindung denken, was mich ſpeziell betrifft, ſo würde ich bedauern, dieſe Schwägerin in meinem Hauſe nicht em⸗ pfangen zu können.“
„Davon kann ja niemals die Rede ſein!“ fuhr Robert Bogen auf.„Sie wollen mich nur erſchrecken, aber ich werde mir Gewiß⸗ heit verſchaffen.“
„Und wenn Sie dieſe Gewißheit erhalten, dann mögen Sie ſich bei Herrn Wurzer bedanken, der Guſtav in das Haus der Frau Freimuth gebracht hat.“
„Ah— das iſt es?“ ſagte der Gutsbeſitzer, tief aufathmend, „die Feindſchaft gegen Wurzer liegt diefen Enthüllungen zu Grunde? Sie werden auch auf dieſem Wege Ihren Zweck nicht erreichen, Ackermann, ich protegire das neue Geſchäft und—“
„Glauben Sie denn, ich wolle Sie veranlaſſen, dieſes Geſchäft zu ruiniren?“ unterbrach Ackermann ihn ſpöttiſch.„Das liegt wahrlich nicht in meiner Abſicht. Wurzer iſt in meinen Augen nichts weiter als ein lügenhafter Prahler, und die Lügner und Prahler ſind mir immer verhaßt geweſen. Mich wundert es, daß Sie ihm größeres Vertrauen ſchenken als mir.“
„Thue ich das? Woraus wollen Sie es ſchließen?“
„Daraus, daß Sie ihm Kapitalien geben, während Sie mir dieſelben verweigern.“
„Ich habe Ihnen bereits 120,000 Thaler gegeben.“
„Die ich Ihnen binnen Kurzem wieder zur Verfügung ſtellen werde, wenn Sie das verlangen.“
„Ich verlange es nicht, aber es wäre mir angenehm.“
Ackermann wandte das Antlitz ab, ſeine zuckenden Lippen ver⸗ riethen den Sturm, der in ſeinem Innern tobte.
„Ich erinnere mich da einer Sache, über die Bertha geſtern Abend mit mir ſprach,“ fuhr der Rittergutsbeſitzer fort, der die furchtbare Erregung ſeines Schwiegerſohnes nicht zu bemerken ſchien. „Sie beſitzen den Depoſitenſchein über ihre Werthpapiere, wie mir meine Tochter ſagte.“
Ackermann zuckte zuſammen, aber er bezwang ſich noch immer.
„So iſt es,“ erwiederte er.
BBertha hat Sie mehrfach gebeten, ihr dieſen Schein zurück⸗ zugeben, Sie wollten das nicht—“
„Weil er in meinem eiſernen Schrank ſicherer aufbewahrt iſt, als in ihrer Schatulle,“ erwiederte Ackermann trotzig.„Geben Sie mir darin nicht Recht?“
„Das iſt eine Frage, über die ich die Entſcheidung meiner Tochter anheimſtelle.“
„Verzeihen Sie, die Frauen ſind in dieſem Punkte ſehr leicht⸗ fertig, da iſt es Pflicht des Mannes, ſie vor Schaden zu bewahren. Ich wüßte nicht, womit ich ihr Mißtrauen verdient hätte—“
„Dieſes Mißtrauen richtet ſich weniger gegen Sie, als gegen Ihren Sekretär.“
„Dann iſt es ein kindiſches Mißtrauen!“
„Ich finde das nicht, offen geſtanden iſt es auch mir unbe⸗ greiflich, daß Sie dieſem Menſchen Ihr volles Vertrauen ſchenken können, Bertha behauptet ſogar, Sie ſeien durch ein Geheimniß an ihn gekettet.“
„Bertha ſollte mit ihren Behauptungen etwas vorſichtiger ſein!“ rief Ackermann, auf deſſen Stirne die Adern drohend hervortraten.
„Sie lehnen alſo die Wünſche meiner Tochter ab?“ fragte der Gutsbeſitzer in gereiztem Tone.
„Den Wunſch bezüglich der Ueberſiedelung nach Plettenberg kann ich nicht erfüllen, und für die Erfüllung des anderen ſehe ich keine Nothwendigkeit.“
„Und ich kann ebenſo wenig die Nothwendigkeit Ihrer Wei⸗ gerung anerkennen!“
Ackermann war vor ſeinem Schwiegervater ſtehen geblieben, mit ernſter Ruhe blickte er ihm feſt in das hochrothe Antlitz.
„Weshalb ereifern wir uns?“ ſagte er mit ſcheinbarem Gleich⸗ muth.„Zweifeln Sie an meinem Reichthum?“
„Keineswegs!“
„Dennoch halte ich es für nothwendig, Sie zu überzeugen,“ fuhr er fort, während er raſch auf den eiſernen Schrank zuſchritt und denſelben öffnete.„Bitte, werfen Sie einen Blick hinein! Dieſe Aktenſtöße ſind die Beſitztitel meiner Güter und Bergwerke, hier liegen ferner meine Werthpapiere, die aus Staatsſchuldſcheinen und Prioritätsobligationen beſtehen, und dieſe Kaſſette enthält Edel⸗ ſteine, die einen bedeutenden Werth repräſentiren. Hier liegt auch der Depoſitenſchein, und geſetzt nun, ich erachtete es für nothwen⸗ dig oder wünſchenswerth, die deponirten Papiere zurückzufordern, würden ſie dadurch vielleicht in Gefahr kommen? Sie ſind in meinen Händen vielleicht ſicherer aufgehoben, wie in denen des Bankiers.“
Der Gutsbeſitzer ſchien doch nicht erwartet zu haben, den Schrank ſo wohl gefüllt zu finden, Erſtaunen und Befriedigung ſpiegelten ſich in ſeinen Zügen.
„Aber Sie haben ja früher ſelbſt dazu gerathen, die Papiere bei einem Bankier zu deponiren,“ ſagte er.
„Um meiner Frau den Beweis zu geben, daß ihre Mitgiſt für mich Nebenſache war. Hätte ich damals nur geahnt, daß ſie ſo mißtrauiſch ſein könne, ſo würde ich den Rath⸗ nicht gegeben, ſondern von vorne herein die Verwaltung ihres Vermögens über⸗ nommen haben. Solches Mißtrauen ſchmerzt um ſo mehr, weil ich mir ſagen muß, daß ich es nicht verdient habe.“
„Na, na, Sie nehmen das auch zu ſcharf,“ erwiederte Bogen, während er Anſtalten traf, ſich zu verabſchieden,„ich ſage Ihnen noch einmal, nicht gegen Sie, ſondern gegen Ihren Sekretär richtet ſich dieſes Mißtrauen. Entlaſſen Sie ihn, dann wird Bertha Ihnen wieder mit vollem Vertrauen entgegenkommen.“
„Ich bedaure, Herr Schwiegervater, ich bin nicht aus dem Holz gemacht, aus dem die Pantoffelhelden geſchnitzt werden,“ ſagte Ackermann, das Haupt trotzig zurückwerfend,„den unmotivirten Launen einer Frau werde ich niemals mich fügen.“
Der Gutsbeſitzer ſchüttelte den Kopf und nahm ſeinen Hut.
„Ueberlegen Sie ſich das doch,“ antwortete er warnend,„der Vernünftige gibt nach, und hier wird ja nicht einmal ein Opfer von Ihnen gefordert, einen Sekretär finden Sie immer wieder.“
„Und welchen Grund ſollte ich für dieſe Entlaſſung meinem Sekretär angeben?“
„Ach was, ein Grund iſt raſch gefunden, überlegen Sie es ſich, ich bitte noch einmal darum!“
Eine Erwiederung wartete der Gutsbeſitzer nicht ab, er ſchüt⸗ telte ſeinem Schwiegerſohne die Hand und entfernte ſich. Kaum hatte er das Kabinet verlaſſen, als der Sekretär Ackermann's eintrat.
„Der alte Herr war ja ſehr aufgeregt?“ fragte Becker mit einem lauernden Blick.„Sie haben doch nicht noch einmal ihm die Aſſociation mit ſeinem Sohne angeboten?“
„Was kümmert es Sie?“ erwiederte Ackermann ärgerlich. „Man will mich zwingen, Sie zu entlaſſen, und ich werde nach⸗ geben müſſen, wenn ich Frieden im Hauſe haben will.“
„Frieden mit einer kranken Frau?“ ſpottete der Sekretär. „Ich glaube, Sie haben nicht nöthig, ſo große Rückſicht auf ſie zu nehmen, wir werden wohl bald ihr die letzte Ehre erzeigen.“
„Sind Sie toll?“
„O bewahre! Mich ergötzt die Komödie, und ich geſtehe Ihnen aufrichtig, daß ich Sie bewundere. Aber ob Sie die Ko⸗ mödie zu Ende führen werden, iſt eine andere Frage, ich glaube nicht, daß Sie die nöthige Zeit dazu finden.“
Ackermann konnte ſeine Beſtürzung nicht verbergen, ſie ſprach zu deutlich aus dem Blick, mit dem er den alten Mann voll unge⸗ duldiger Erwartung anſah.
„Wollen Sie damit ſagen, fragte er.
„Jawohl,“ nickte Becker,„es ſchwebt etwas in der Luft, und wir werden wohl thun, darauf zu achten. Was dieſes Etwas iſt, und von welcher Seite die Gefahr kommen wird, darüber kann ich mit Sicherheit nichts ſagen, treffen Sie Ihre Vorbereitungen, ich werde Sie rechtzeitig warnen.“
Ackermann ſtampfte zornig mit dem Fuß auf den Teppich. „Das verdanke ich Ihnen!“ ſagte er in gereiztem Tone.„Nie⸗ mand kann begreifen, daß ich Sie engagirt habe, daß ich Ihnen mein Vertrauen geſchenkt habe. Von dem Diener ſchließt man auf den Herrn, das iſt eine bekannte Erfahrung—“
„Regen Sie ſich nicht auf,“ unterbrach der Sekretär ihn,„ſeien Sie froh, daß ich Ihnen zur Seite ſtehe. Wenn das Gewitter zur Entladung kommt, dann verreiſen Sie, für die nöthigen Mittel iſt ja geſorgt—“
„Und ich ſoll Alles hier im Stich laſſen?“
„Das wäre Thorheit.“
„Aber mein Haus, meine werthvolle Einrichtung—“ „Iſt das Alles Ihr ſchuldenfreies Eigenthum?“ „Jawohl.“
„Es war Thorheit, ſo viel Geld dafür auszugeben!“
daß die Gefahr näher gerückt iſt?“
„Bah, man kann die Leute am leichteſten betrügen, wenn man
ſie vorher blendet.“
„Verkaufen Sie das Haus ſammt der Einrichtung.“
„Das würde Aufſehen erregen und Verdacht erwecken,“ ſagte Ackermann kopfſchüttelnd, während er raſtlos das Zimmer mit großen Schritten durchmaß.
„Es muß natürlich heimlich geſchehen,“ erwiederte Becker.
„Und glauben Sie, daß es verſchwiegen bleiben würde?“
„Weshalb nicht? Dem Käufer muß geſagt werden, Ihre Frau dürfe einſtweilen von dem Verkauf des Hauſes noch nichts erfahren, es würde ſie zu ſehr aufregen. Wenn der Termin der Ueberlieferung des Kaufobjekts gekommen ſei, würden Sie mit Ihrer Frau in's Bad reiſen und ſie dort vorbereiten—“
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