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Einlage
Illuſtrirte Chronik der Zeit.
kündigung mit glühendem Eiſen zu beweiſen? Und als der Miſſionär dies ſofort freudig bejahte, gab man ihm nach Erzählung des Sige⸗ bert von Gemblours und des Thielmar von Merſeburg ein Stück glühenden Eiſens von außergewöhnlicher Schwere in die Hand, um es die beſtimmte Strecke zu tragen. Er beſtand die Probe, und König Harald weigerte ſich nicht länger, die Taufe anzunehmen. Wenn es ſich nun vollends um große Staatsverhältniſſe handelte, um das Recht eines Königs auf ſein Reich oder dergleichen, wurden die Proben des Gottesurtheils verſchärft und vervielfältigt. So geſchah es, als Ludwig der Deutſche im Jahre 858 gegen ſeinen Onkel, den Kaiſer Ludwig II., an den Rhein zu ziehen ſich ver⸗ anlaßt ſah, daß der Erſtere in Gegenwart beider Heere zu Köln dreißig Männer für ſich ſtellte, von denen je zehn die Probe des heißen Waſſers, zehn die des glühenden Eiſens und zehn die des kalten Waſſers zum Erweiſe ſeines guten Rechtes beſtehen ſollten. Und der Chroniſt Hinkmar von Rheims muß berichten, daß alle Dreißig nach beſtandener Probe zur großen Freude der Deutſchen unverletzt gefunden wurden.
Hiemit ſind wir auf zwei weitere Arten der Gottesurtheile aufmerkſam gemacht. Nicht blos das Feuer, ſondern auch das andere Element, das Waſſer, mußte zur Probe dienen; und hiemit ſind wir bei einer der ſchauerlichſten Verirrungen der Rechtshand⸗ habung im Mittelalter angelangt. Denn die Probe des kalten Waſſers wurde in der Folge das beliebteſte Mittel, um Frauen, welche der Hexerei verdächtig waren, zu überführen. Man band zu dieſem Behufe den Unglücklichen Hände und Füße und warf ſie in's Waſſer eines Fluſſes oder Teiches. Sanken ſie unter, ſo wurde dieſes als ein Zeichen ihrer Unſchuld genommen, kamen ſie aber wieder herauf, ſo war ihre Schuld bewieſen, denn„nicht einmal das Waſſer mochte ſie annehmen“. So hatten die Einwohner von Vötting bei Freiſing in Oberbayern im Jahre 1091 gegen drei arme Weiblein ihrer Gemeinde den Verdacht der Hexerei. Eines Morgens früh riß man die Armen aus ihren Betten, ſchleppte ſie an das Mooſachflüßchen und warf ſie zur Waſſerprobe gebunden hinein. Leider kamen die Unglücklichen wieder auf die Oberfläche; denn weil das Gottesurtheil hiedurch für die Frauen ungünſtig ausgefallen war, beruhigte ſich das Volk nicht dabei, ſondern peitſchte die Hexen blutig, um ihnen ein Geſtändniß ihrer Schuld zu ent⸗ locken; und als ſie nichts geſtanden, ſchleppte man ſie nach Frei⸗ ſing, torquirte ſie dort noch einmal und verbrannte ſie kurzer Hand noch an demſelben Tage alle drei mit einander am Ufer der Iſar auf einem ſchnell zuſammengetragenen Scheiterhaufen.
Waſſer und Feuer mit einander hatten zu wirken bei der gleichfalls unter Ludwig dem Deutſchen bereits erwähnten Probe des heißen Waſſers oder Keſſelprobe, auch Keſſelfang genannt. In einen Keſſel ſiedend heißen Waſſers wurde ein eirunder Stein geworfen, welchen der Angeſchuldigte mit bloßem Arme herauszugreifen hatte. Nach dreien Tagen mußte die Hand heil ſein, wenn der Verband aufgeknotet wurde. Dieſe Probe findet ſich ſchon als Erzählung aus dem früheſten Heidenthume in dem dritten Gudrunliede der Edda. Gudrun, die Gattin Atlis, wird der Untreue bezichtigt. Ihren Brüdern Gunnar und Hagen kann ſie dieſen Schimpf nicht klagen, damit dieſe den Harm mit dem Schwerte rächen ſollten. Da erbietet ſie ſich zum Gottesurtheile:
nü verdh ek själf fyr mik Nun werde ich ſelbſt für mich
synja lyta. Die Beſchuldigung löſen.
Sie erbietet ſich zum Reinigungseide und Gottesurtheile, und fährt dann fort:
Sentu at Saxa
Sunnmanna gram
Sende nach Saxi, Der Südmänner Fürſten;
hann kann helga Er kann(d. h. weiß zu) heiligen
hver vellanda. Den Keſſel, den wallenden.
Endlich iſt Alles bereitet, ſie greift in den wallenden Keſſel und hebt mit unverſehrter Hand den„Jarknaſtein“, der auf des Keſſels Grund gelegen, in die Höhe:
86 nu, seggir! Schaut nun, Fürſten!
sykn em ek ordhin Schuldlos bin ich,
heilagliga, Heil und heilig,
hver sjäâ hver velli. Wie der Hafen wallete.
Aber dieſe Art der Schuldprobe blieb nicht auf die heidniſche Zeit beſchränkt, ſie wurde, wie alle bisherigen Gottesurtheile, als eine germaniſche Rechtsinſtitution auch in die chriſtliche Zeit herüber⸗ genommen. Als die Tempelherren ſich die Liefländer unterworfen hatten, zwangen ſie denſelben ſofort auch mit ihrer Herrſchaft die Probe des glühenden Eiſens und des ſiedenden Keſſels auf, ſo daß die guten Liefländer ſich um Schutz hiegegen an den Papſt Honorius wendeten. Derſelbe erließ auch ſofort ein Dekret, in welchem„alles derartige Urtheil als gänzlich verboten erſchien, weil damit Gott verſucht würde“ Aber dieſe vereinzelte Mahnung drang nicht durch. Man fand es Seitens der mittelalterlichen Prieſter für gerathener,
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die Probe der Gottesurtheile allenthalben beſtehen zu laſſen, wenn ſie nur anſtatt der heidniſchen Ceremonien mit chriſtlichen Feier⸗ lichkeiten umgeben wurden. So kam es bald dahin, daß man aus⸗ gebildete kirchliche Liturgien für die Weihe der Perſonen und Elemente beſaß, welche bei den Gottesurtheilen betheiligt waren.
Wo freilich der Kirche ein genügender Einfluß auf die Wahl der Mittel offen ſtand, ſuchte dieſelbe die bisher genannten Formen der Gottesurtheile durch ſpezifiſch kirchliche Formen zu verdrängen — an eine prinzipielle Bekämpfung dieſer Urtheilsform überhaupt dachte ſie nicht, und konnte ſie nach den Anſchauungen jener Zeiten nicht denken. Es galt ihr zunächſt, ſolche Proben, welche für Leib und Leben mehr oder minder gefährlich waren, wie den Zweikampf und die Feuerproben, zu beſchränken. Andere, an ſich ungefähr⸗ liche Proben, wie z. B. das althergebrachte Looſen um Schuld oder Unſchuld unter Anrufung Gottes, oder die ſchwediſche Raſenprobe, ließ ſie beſtehen. Denn bei letzterer(wo ein Streifen grünen Raſens ſo abgeſtochen wurde, daß er nur an ſeinen beiden Enden noch mit dem Boden zuſammenhing, worauf der Streifen durch Speere in die Höhe geſpreizt wurde, und der Angeſchuldigte unter der ſo ent⸗ ſtandenen Oeffnung durchzukriechen hatte, ohne den Rafen zu zer⸗ reißen oder das Speergerüſte einzuwerfen) war ebenſo wenig Ver⸗ letzung zu fürchten, wie bei der Probe mit dem geweihten Biſſen. Dieſer letztere, aus Brod und Käſe beſtehend, welche vom Prieſter geweiht waren, mußte von dem Angeſchuldigten vor dem Altare hinuntergeſchluckt werden, wobei genau Acht gegeben wurde, ob das Eſſen ohne Beſchwer oder nur mit Würgen geſchah; denn im letzteren Falle war die Schuld erwieſen.
Von dieſer althergebrachten Probe des geweihten Biſſens war es nur ein kleiner Schritt noch bis dahin, daß man auch das chriſt⸗ liche Sakrament des Abendmahles zum Gottesurtheile verwendete. War ja doch ſchon in den früheſten Zeiten des Chriſtenthums unter den Deutſchen die Feier des Abendmahls mit den Gottes⸗ urtheilen in der Weiſe verbunden, daß der Angeſchuldigte ſich ſelbſt durch den Empfang des Sakramentes weihte, ehe er das gefährliche Unternehmen wagte; hatte man ja doch im alten Teſtamente ein geſetzlich geheiligtes Ordal an dem Waſſer der Eiferſucht, über welches unſere wißbegierigen Leſer im vierzehnten Kapitel des vierten Buches Moſis ſelbſt nachleſen mögen— warum ſollte man ſich ſcheuen, gerade von Seite der Kirche dieſes Ordal zu benützen? Anſtatt aller weiteren Erörterungen über die Form dieſes kirchlichen Ordales erinnern wir nur an die bekannteſte Anwendung, welche daſſelbe in der deutſchen Geſchichte gefunden hat. Es war am 27. Januar 1077 auf der Burg der Landgräfin Mathilde von Canoſſa, als Papſt Gregor VII. die Demüthigung des deutſchen Königs Heinrichs IV., der nach des Papſtes eigenem Schreiben„des königlichen Schmuckes entäußert, drei Tage lang ganz erbärmlich, barfuß, im wollenen Hemde, vor ſeiner Thüre geſtanden hatte“, damit vollendete, daß er den bedrängten König in der Kirche, wo derſelbe die Löſung von dem Kirchenbanne erhalten ſollte, während der Meſſe mit den Worten überraſchte:„Dieſer Leib des Herrn, welchen ich jetzt nehmen will, ſoll mir heute eine Probe meiner Unſchuld werden, daß Gott mich entweder, wenn ich unſchuldig bin, durch ſein Gericht heute von dem Verdachte des mir vorgeworfenen Vergehens freiſprechen, oder, wenn ich ſchuldig bin, durch einen augenblicklichen Tod wegnehmen ſoll.“ Darauf nahm er unter lautem Beifalle der Umſtehenden die Hoſtie und wendete ſich dann zum Könige mit den Worten:„Thue nun auch Du, mein Sohn, wie ich gethan habe. Vieler Ver⸗ brechen biſt Du von den Fürſten beſchuldigt, und ſie heiſchen Unter⸗ ſuchung. Biſt Du unſchuldig, ſo befreie Dich kurz von jeder An⸗ klage: nimm den Leib des Herrn, damit der Mund der Kläger verſtopft werde.“ Heinrich gedachte jedoch an manche Thorheit ſeines Lebens, die ihm auf dem Gewiſſen lag, und weigerte ſich, unter dieſen Bedingungen das Sakrament zu nehmen.
Anders war es mit derſelben Probe zweihundert Jahre früher einem Papſte und einem niederländiſchen Könige ergangen. König Lothar II. hatte ſich von ſeiner edlen Gattin Thietberga geſchieden, um mit der laſterhaften Waldrade eine Ehe eingehen zu können. Papſt Nikolaus I. trat mit erfolgreichem Feuereifer gegen dieſes ſittenloſe Verhältniß auf, belegte den Lothar mit dem Banne und zwang ihn, die Waldrade wieder zu entfernen. Im Jahre 869, als an Nikolaus Stelle Hadrian Papſt geworden war, kam Lothar nach Rom, um ſeine Löſung vom Banne zu erlangen. Hadrian nahm ihn freundlich auf, führte ihn zur Meſſe in die Kirche und richtete dort nach der Conſecration an ihn die Anſprache: Wenn er ſich in ſeinem Gewiſſen frei fühle und den feſten Vorſatz habe, die Waldrade in ſeinem Leben nicht wieder zu ſehen, ſo möge er jetzt darauf hin das Sakrament nehmen. Und obgleich alle Welt über⸗ zeugt war, daß bei Lothar das Gegentheil der Fall war, hatte er doch die Kühnheit, das Sakrament zu nehmen. Darauf wandte ſich der überraſchte Papſt an das Gefolge des Königs und bot
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