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Illuſtrirte Chronit der Zeit. 355
Gegen Abend lud Hawkins den Schotten ein, mit ihm in ſeinem „Wigwam“ eine Pfeife zu rauchen und ein vernünftiges Geſpräch zu pflegen.
Macgregor warf den Kameraden einen bedeutungsvollen Blick zu und folgte der Einladung.
Ohne Umſchweiſe ſetzte der Buſchrähndſcher nun ſeine Abſichten aus einander.
„Es iſt mein Wille, dies elende Treiben aufzugeben,“ ſagte er. „Mit Eurer Hilfe hoffe ich ſicher aus dem Lande zu kommen, irgend wohin, wo ich in Ruhe mein Daſein beſchließen kann. Meine
Genoſſen kann ich ſelbſtverſtändlich nicht mit durchſchleppen; ſie
würden mir hinderlich ſein; deshalb habe ich zehn von ihnen aus dem Wege geſchafft und die Zwei, die noch hier ſind, werden heute Nacht verſchwinden.“
„Ihr wollt die Leute tödten?“
„Ja; wenn ſie heute Nacht im Schlafe liegen, will ich ſie aus dem Wege räumen. Macht Euch darüber keine Sorgen. Beide ſind zum Tode verurtheilte Verbrecher. Als Einzelner kann ich wohl hoffen, mit euch unbeſcholtenen Goldgräbern durchzukommen; zu Dreien geht es nicht.“
„Nun, mir iſt es recht. Und meine Kameraden werden damit einverſtanden ſein, ſofern Ihr Wort haltet in Betreff der Ver⸗ theilung des Goldes.“.
„Die eine Hälfte für mich, die andere für euch.“
„Habt Ihr das Gold in der Nähe? Denn ich denke, wir wer⸗ den raſch aufbrechen müſſen.“
„Ich habe die Lederſäcke hier in der Hütte. Sie ſind unge⸗ ſähr einen Fuß tief vergraben unter dem Lager von Känguruhfellen.“
„Ich will alſo meinen Kameraden Beſcheid ſagen. Wenn es gethan iſt, Sir, ſo kommt zu uns. Wir werden zu Eurem Dienſte bereit ſein.“
„Um ein Uhr nach Mitternacht können wir uns auf die Reiſe machen. Ich werde ſorgen, daß die Pferde in der Nähe bleiben.“
Nach dieſer Verabredung verließ Macgregor den Buſchrähndſcher und ging zu den Freunden, welchen er Kenntniß gab von den Dingen, die ſich vorbereiteten. Um nicht Argwohn zu erregen, hatte er keine Waffen von Hawkins verlangt. Jetzt ſuchte er unter den Pfählen, die zu Stützen der Hütte dienten, eine recht handge⸗ rechte Keule aus und verſchaffte ſich überdies einen feſten Strick, der zum Verſchnüren des Reiſegepäcks gedient hatte.
Das Dunkel der Nacht brach an, doch tein Schlaf ſenkte ſich auf die Augenlider der vier Männer, deren Schickſal ſich nun bald entſcheiden mußte.
Um Mitternacht ſchlich Hawkins, der ſeinen beiden Genoſſen geſagt hatte, daß er für ſie wachen würde, wie ein Schatten ge⸗ räuſchlos in die Rindenhütte, wo die Banditen ruhig ſchliefen.
Fünf Minuten ſpäter krachte von jener Richtung her ein Re⸗ volverſchuß durch die Nacht.
Einen Augenblick nachher trat der ehemalige Pirat wieder in's
Freie und näherte ſich der Hütte, wo unſere Goldgräber mit klopfen⸗ den Herzen ſeiner Ankunft harrten.
„Es iſt gethan,“ ſagte er beim Eintreten in den dunklen Raum. „Den Einen habe ich erdolcht, den Anderen erſchoſſen...“
„Dann iſt es Zeit, daß Du Schurke ihnen nachfolgſt!“ ſchrie der Schotte aufſpringend— und ſeine Keule wirbelte durch die Luft.
Hawkins erhielt einen furchtbaren Schlag an die Schläfe und fiel beſinnungslos zu Boden.
Im Augenblick war er mit dem bereitgehaltenen Strick gefeſſelt.
Dann netzte Macgregor ihm ſo lange die Schläfe mit Waſſer, bis er ihn zum Bewußtſein zurückbrachte.
„Du ſollſt hängen, Bob Hawkins,“ ſagte er mit rauher Stimme.„Du blutiger Pirat und Buſchrähndſcher haſt hundert⸗ fach den Tod verdient. Du haſt vor fünf Jahren in der Torres⸗ ſtraße die„Betſy Jones“ gekapert und meinen Freund Richard Lyons den Haifiſchen vorwerfen laſſen. Dafür will ich Dich nun hängen ſehen!“
Der überliſtete Buſchrähndſcher ſtöhnte dumpf, antwortete aber nicht. Er begriff, daß er das Spiel verloren habe und rettungslos dem Tode geweiht ſei.
Macgregor und van Tromp ſchleppten den Gefeſſelten in's Freie, legten ihm einen Strick um den Hals und hingen ihn an den nächſten ſtarken Gumbaum, wo er nach wenigen Minuten ſeinen Geiſt aufgab.
Dann ging der Schotte in die Hütte des Räubers und grub unter dem Lager von Känguruhfellen die Erde auf. Er fand drei ſchwere Lederſäcke, die etwa 300 Pfund Gold in Nuggets enthielten.
„Kameraden,“ ſagte Macgregor,„dieſer Schatz fällt nach dem Geſetze der Wildniß uns zu. Die armen Goldgräber, denen dies Gold einſt gehörte, ſind ruchlos ermordet. Wir haben ſie gerächt an ihrem elenden Mörder und können nun mit gutem Gewiſſen ihre Erb⸗ ſchaft in Empfang nehmen. Nun laßt uns dies Banditenneſt verlaſſen!“
Die Pferde wurden herbeigeholt und mit dem Golde ſowie mit Lebensmitteln beladen. Dann nahmen die Freunde die Waffen der drei todten Banditen, ſchulterten ihre Decken und begannen den be⸗ ſchwerlichen Marſch nach Süden, der Wildniß zu, durch welche ſie hergekommen waren.
Als acht Tage ſpäter die Buſchrähndſcher, welche ein blutiges Scharmützel mit den Goldſuchern am Laddon beſtanden hatten, zu⸗ rückkehrten, da fanden ſie ihren Hauptmann an einem Baume hängend und ihre Kameraden todt in den Hütten. Sie hatten ſelber vier Mann verloren und keine Beute gemacht, außerdem wurden ſie von der berittenen Polizei verfolgt. Sie flüchteten in eine waſſer⸗ loſe Wüſte und verſchmachteten dort jämmerlich. Das war das Ende der berüchtigten„ſchwarzen Bande“.
Unſere vier Abenteurer gelangten glücklich mit ihrem Reich⸗ thum nach Melbourne, wo derſelbe redlich getheilt wurde. Dann ſegelten ſie nach Europa, um in der alten Heimath des goldenen Glückes froh zu werden.
Die Gottesurtheile bei den Germanen.
Ss iſt eine ſchwierige Sache um die menſchliche Rechts⸗ pflege. In Fällen, wo Recht und Unrecht klar auf (y der Hand liegt, wo der Angeſchuldigte entweder ſeines 22 Unrechtes geſtändig, oder eine überwältigende Laſt von übereinſtimmenden Zeugenausſagen zur Hand iſt, hat der Richter eine einfache Aufgabe. Aber wie nun, wenn dieſe Beweismittel fehlen? Dann iſt nicht nur der Scharfſinn des Richters auf die Folter geſpannt, ſon⸗ dern auch ſein Gewiſſen, das unter keinen Umſtänden einen Un⸗ ſchuldigen verurtheilen möchte, das aber doch auch keinen Schul⸗ digen freiſprechen ſoll. Man hat in unſerer Zeit für ſolche Fälle am beſten zu ſorgen geglaubt, wenn man nicht blos einem ein⸗ zelnen Richter, ſondern einem ganzen Collegium von Richtern, ja auch zuſammengeſetzten Körperſchaften von rechtsgelehrten Richtern und verſtändigen Laien die Findung des Urtheils überließe. Aber ein vollkommenes Heil⸗ und Hilfsmittel kann es natürlich hier nicht geben. Denn alles menſchliche Wiſſen und Erkennen hat ſeine Schranke.
Unſere germaniſchen Altvordern fanden ſich auch ſchon vor dieſe Schwierigkeit geſtellt. Bei ihrem ausgebildeten Gerechtigkeits⸗ und Freiheitsſinn war es ihnen unerträglich, einen Schuldigen blos wegen Mangels an Beweiſen frei zu ſprechen, aber ebenſo uner⸗ träglich, daß ein Unſchuldiger verurtheilt werden ſollte. Wie halfen ſie ſich nun, wenn der Ring der freien Männer unter freiem Himmel derſammelt war zum Gerichte, aber vor ihrem geſunden Menſchen⸗ verſtande verborgen blieb, ob ſie einen Schuldigen oder Unſchuldigen
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Kulturgeſchi btliche Skizze von Fr. Clavus.
(Nachdruck verboten.)
vor ſich hätten? Da appellirten ſie an das Urtheil der allwiſſenden und gerechten Gottheit. Gott ſollte durch ein Zeichen an den Tag bringen, was ſo fein geſponnen war, daß es menſchliche Unter⸗ ſuchung nicht an die Sonne bringen konnte. Da riefen ſie das „Ordal“ an, wie das Wort„urtheil“ in der angelſächſiſchen Sprache klang: Gottes Urtheil galt als das Urtheil aller Urtheile.
So iſt unſeren geneigten Leſern aus dem Nibelungenliede die ergreifende Scene wohl bekannt, wie Kriemhild um den erſchlagenen Siegfried weint, und die ſchuldigen Gunther und Hagen auch gleißneriſch ihr Beileid bezeugen; Kriemhild aber ſchuldigt ſie direkt des Mordes an:
Sie hielten ſich am Leugnen. Da hub Kriemhild an: „Wer unſchuldig ſein will, leicht iſt es dargethan;
Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn,
Da mag man gleich zur Stelle ſich der Wahrheit verſehn.“ Das iſt ein großes Wunder, wie es noch oft geſchieht: Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten ſieht,
So bluten ihm die Wunden, wie es auch jetzt geſchah. Daher man nun der Unthat ſich zu Hagen verſah.
Dieſe Probe des Bahrrechts war von Alters her überliefert, um den unbekannten Mörder zu entdecken. Daß es ein Wunder ſei, wenn die Wunden des Todten gerade beim Nahen des Mörders auf's Neue bkuten würden, war dem Volke bewußt, aber man erwartete mit Sicherheit ein ſolches Wunder von der allmächtigen Gerechtigkeit der Gottheit..


