Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 347

Ackermann wurde mit jedem Tage beſorgter, er verſprach dem

Arzt goldene Berge und beſchwor ihn, das Leben der ſchönen Frau zu retten, er wachte ſelbſt einige Nächte lang an dem Bette der Gattin, obſchon der Doktor dies für ganz und gar unnöthig erklärt hatte.

Ackermann und der Doktor waren auch heute zuſammen im Krankenzimmer, die junge Frau lag in ihrem Boudoir auf dem Divan; ſie klagte nicht, aber die fahle Farbe ihres Geſichts, die dunklen Ränder unter den Augen und der fieberhaft glänzende, unſtäte Blick zeugten deutlich genug von den Fortſchritten, welche die Krankheit gemacht hatte.

Wir müſſen Geduld haben, gnädige Frau, ſagte der Arzt, nachdem er den Pulsſchlag geprüft und eine geraume Weile nach⸗ gedacht hatte,ſobald der Magen wieder in Ordnung iſt, wird auch die Geneſung eintreten. Hat der Appetit ſich noch immer nicht gebeſſert?

Bertha ſchüttelte den Kopf.

Ich glaube, Ihre Arznei macht mich krank, erwiederte ſie mit matter Stimme.

Unmöglich, gnädige Frau! Dieſe Arznei iſt ja beſtimmt, den Magen zu reizen und ſeine Thätigkeit zu beleben. Wie kommen Sie nur zu dieſer Vermuthung?

Ich empfinde mitunter das Gefühl des Heißhungers, nehme ich dann Ihre Arznei, ſo tritt an die Stelle des Appetits eine Uebelkeit, die es mir ganz unmöglich macht, etwas zu genießen.

Ah, das hätten Sie mir früher ſagen ſollen! erwiederte der Doktor erſtaunt,unter ſolchen Umſtänden dürfen Sie dieſe Arznei allerdings nicht mehr nehmen. 3

Mir iſt das erſt heute Morgen ſo ganz klar geworden, ſagte Bertha, mit dem feinen Battiſttuche über ihre Stirne ſtreichend, ich fand die Medicin ganz verändert, ſie hatte einen ſeltſamen, unangenehmen Geſchmack, der mir geſtern Abend nicht aufge⸗ fallen iſt.

Das mag wohl mehr an Deinen Geſchmacksnerven, als an der Arznei liegen, mein liebes Kind, ſchaltete Ackermann ein.

Ich möchte das auch annehmen, nickte der Doktor.Sie haben dieſe Medicin geſtern Abend zum erſten Mal genommen, nicht wahr?

Jawohl, und zwar ſofort, nachdem ſie mir gebracht worden war. Sie war kühlend und erfriſchend.

Während der Nacht haben Sie nicht eingenommen?

Ich habe einen ruhigen Schlaf gehabt. Heute Morgen, als ich erwachte, fühlte ich mich bedeutend wohler, ich konnte mich ſogar auf das Frühſtück freuen, und da ich dieſe Beſſerung der Arznei zuſchrieb, ſo griff ich zuerſt wieder zu ihr.

Und da fanden Sie eine ſo bedeutende Veränderung?

Ja, einen Nachgeſchmack, der mir Uebelkeit erregte. Die Schmerzen im Kopf fanden ſich wieder ein und der Appetit war vollſtändig verſchwunden.

Seltſam, ſehr ſeltſam, ſagte der Doktor gedankenvoll,ſollte die Arznei ſich wirklich über Nacht verändert haben? Dann müßte in der Apotheke ein Irrthum ſtattgefunden haben. Wo iſt die Flaſche?

Ackermann warf einen raſchen, forſchenden Blick durch das Boudoir, dann trat er in das angrenzende Schlafgemach, in welchem er die Zofe beſchäftigt fand.

Die Flaſche ſtand auf dem Nachttiſchchen vor dem Bette, er nahm ſie und kehrte damit in's Boudoir zurück.

Die Arznei iſt allerdings etwas trüb, ſagte er, indem er die Flaſche gegen das Licht hielt und ſie dann auf die Marmorplatte eines Tiſchchens ſtellte,der Apotheker ſoll ſie unterſuchen; ich behaupte noch einmal, die Schuld muß an Deinen Geſchmacks⸗ nerven gelegen haben.

Sehr wahrſcheinlich, fügte der Doktor hinzu,ich werde Ihnen etwas Beſſeres verſchreiben, gnädige Frau. Und wenn wir ſoweit ſind, daß Sie das Haus wieder verlaſſen können, dann wird eine Luftveränderung die beſte Arznei für Sie ſein.

Er hatte ſich erhoben; Ackermann war an dem Tiſchchen ſtehen geblieben, auf dem die Arzneiflaſche ſtand.

Ich möchte am liebſten heute noch zu meinen Eltern nach Plettenberg, ſagte Bertha.Ich könnte ja in unſerer Equipage hinfahren

Aber liebes Kind, fehlt es denn Dir hier an irgend etwas? unterbrach Ackermann ſie.Deine Mama kann Dich nicht beſſer pflegen, wie wir es thun

und ich darf die Reiſe heute noch nicht erlauben, ſagte der Arzt.Bitte, geben Sie mir das Fläſchchen, ich gehe an der Apotheke vorbei und werde das Nöthige veranlaſſen.

Mit einer haſtigen Bewegung griff Ackermann nach der Flaſche, ſie fiel um und zerbrach auf der Marmorplatte, ihr Inhalt ergoß ſich über das Tiſchchen.

Wie ungeſchickt! ſagte Ackermann ärgerlich.

Na, es iſt weiter kein Unglück, ſcherzte der Doktor,ich werde den Apotheker fragen, ob er ſeiner Sache ſicher iſt.

Er verließ mit einer Verbeugung das Boudoir, Ackermann folgte ihm und führte ihn in ſein Kabinet.

Eine Flaſche Portwein und zwei Gläſer ſtanden hier neben einem eleganten Cigarrenkiſtchen auf dem Tiſche, Ackermann bot dem alten Herrn eine Cigarre an und füllte die Gläſer.

Dieſes hartnäckige Leiden beunruhigt mich ſehr, ſagte er.

Der Doktor nippte an ſeinem Glaſe und lächelte.

Es iſt ein gaſtriſches Fieber, erwiederte er,ein hartnäckiger Magenkatarrh, weiter nichts.

Und kann dieſer Zuſtand nicht auch durch heftige Gemüths⸗ bewegungen hervorgerufen oder, richtiger ausgedrückt, verſchlimmert worden ſein?

Ich beſtreite das keineswegs; Gemüthsbewegungen haben immer Einfluß auf den Magen.

Die Umſtände nöthigen mich, Ihnen eine Eröfſnung zu machen, Herr Doktor, bei der ich wohl auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen darf. Haben Sie den Rittmeiſter v. Pillnitz gekannt?

Nur dem Namen nach.

Sie wiſſen, welches Ende er genommen hat?

Natürlich, er iſt anfangs der vorigen Woche im Duell erſchoſſen worden.

Ganz recht, nickte Ackermann, während er die Aſche von ſeiner Cigarre abſtrich.Herr v. Pillnitz wurde durch meinen Schwager bei mir eingeführt, ich befand mich auf einer Reiſe, meine Frau empfing ihn und war ganz entzückt von ſeiner Liebens⸗ würdigkeit. Mißverſtehen Sie mich nicht, Herr Doktor, ich will nicht die leiſeſte Anklage gegen meine Gattin erheben, nicht durch einen Hauch den reinen Glanz ihrer Ehre trüben. Aber Sie wiſſen ja, wie junge Frauen ſind, es ſchmeichelt ihnen, wenn ihnen der Hof gemacht wird

Natürlich, das iſt immer ſo geweſen und wird auch ſo bleiben.

Gewiß, und eben deshalb finde ich nichts Schlimmes darin. Herr v. Pillnitz war raſch mit ihr befreundet, ſo oft ſie nach Plettenberg fuhr, begleitete er ſie zu Pferde. Und nun, Herr Doktor, werden Sie zugeben, daß die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Rittmeiſters das ohnedies ſehr empfindſame Gemüth meiner Frau erſchüttern mußte.

Dieſe Nachricht traf ſie alſo ganz unvorbereitet? fragte der Doktor ſinnend.

Jawohl, ich ſelbſt brachte ſie ihr, ich hatte ja keine Ahnung davon, daß ſie mit ihm befreundet war.

Sie war an jenem Tage ſchon krank

Allerdings, aber ſeit dieſem Tage hat der Zuſtand ſich ver⸗ ſchlimmert.

Der Doktor trank langſam ſein Glas aus.

Ich will Ihrer Vermuthung nicht entgegen treten, ſagle er, aber beunruhigen Sie ſich deshalb nicht, in einigen Tagen werden wir wohl ſo weit ſein, daß die Ueberſiedelung nach Plettenberg ſtattfinden kann.

Ich wünſche ſie nicht.

Aus beſonderen Gründen?

Ja, aus ſehr triftigen Gründen. Meine Schwiegermutter iſt keine Krankenwärterin, und Plettenberg iſt ein ſehr unruhiges Haus, jeden Tag ſind Gäſte dort

Das würde die junge Frau zerſtreuen und auf ihren Ge⸗ müthszuſtand einen vortheilhaften Einfluß üben.

Für Zerſtreuung, wenn Sie dieſe wünſchenswerth erachten, werde ich gerne Sorge tragen. Ich wünſche auch aus einem anderen Grunde die Ueberſiedelung nicht. Hier habe ich Sie in der Nähe, Sie kommen täglich zweimal und können noch öfter kommen, Herr Doktor, das iſt für mich eine große Beruhigung. Aber nach Plettenberg würden Sie täglich nur einmal hinausfahren können, und meine Schwiegermutter zögerte dann keinen Augenblick mehr, ihren Hausarzt zu Rathe zu ziehen. Nun mag die Abneigung, die ich gegen dieſen Hausarzt hege, eine perſönliche ſein; immerhin iſt ſie vorhanden, und ſie rechtfertigt es, daß ich Bedenken trage, ihm das Leben meiner Gattin anzuvertrauen.

Die Stirne des alten Herrn hatte ſich umwölkt, offenbar war auch ihm dieſe Perſpektive nicht angenehm.

Nun, dieſe Gründe ſind allerdings beachtenswerth, ſagte er.Bitte, ſchenken Sie mir nicht mehr ein nur noch ein halbes Glas, wenn ich bitten darf ſo, der Wein ſteigt in's Blut, und ich darf nicht vergeſſen, daß ich ein alter Mann bin. Wie geſagt, ich muß Ihre Gründe anerkennen und werde einſt⸗ weilen meine Genehmigung zu dieſer Ueberſiedelung nach Plettenberg nicht geben. Ich denke auch, es iſt beſſer, wenn Madame ruhig