Jahrgang 
14-26 (1877)
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336 Illuſtrirte Chronit der Zeit.

die Angſt, die Pein, welche dieſes geheimnißvolle Weſen ihm bereitet, ward lebendig in ſeiner Seele.Sie ſagen, Sie hätten mich nicht beraubt, fuhr er fort,wohl haben Sie mich beraubt, beſtohlen um Jahre meines Lebens!

Ich glaube wohl, daß wir Ihnen Unruhe bereitet haben, beſchwichtigte ihn Dumont,aber Noth kennt kein Gebot. Uebrigens hatten wir den Miniſter auf die Ankunft eines zweiten Kuriers, der durch Belgien gereist ſei, vorbereitet, und es ſind Ihnen aus der Geſchichte keine Ungelegenheiten erwachſen, im Gegentheil, Sie haben Ruhm und Ehre davon geerntet.

Und meine Unruhe, meine Angſt vor einem räthſelhaften Weſen, ei⸗ nem mich verfolgenden Doppelgänger rechnen 4 Sie für nichts? Ich N e ſage Ihnen, Sie haben mich um Jahre meines Lebens betrogen, hätten mich beinahe in ein früe hes Grab gebracht.

Wer hätte glauben ſollen, daß Herr Kaſpar Melzer ſo abergläubiſch wäre, verſetzte Dumont mit ſpöttiſchem Achſel⸗ zucken.

Weshalb klärten Sie mich nicht früher über den Sachverhalt auf?

Sollten wir Ihnen etwa nach Rußland ſchrei⸗ ben? Sollten wir die franzöſiſche Geſandtſchaft von dem Vorfall in Kenntniß ſetzen und Sie

Humoriſtiſches.

Der Fürſt lebt hier? fragte der Kurier.

Ja, das traurige Leben eines Verbannten mit beſchränkten Mitteln, ſeufzte Dumont.Seine Beſitzungen in Rußland ſind konfiszirt, nur die Einkünfte des franzöſiſchen Gutes ſind ihm ge⸗ blieben und ſie ſind gering. Er kann Ihnen deshalb ſeine Dank⸗ barkeit nicht ſo beweiſen, wie er gern möchte, aber die Zeit wird kommen, wo er dazu im Stande iſt, dieſe Hoffnung halte ich unver⸗ brüchlich feſt, bis dahin nehmen Sie dies.

Er drückte Melzer etwas in die Hand, was dieſer bei näherer Beſichtigung für zwei Tauſendfrankbillets erkannte und verabſchiedete

ihn eilig, da er zu ſſeinem Herrn müſſe, wahrſcheinlich wollte er weiteren Vorwürfen ent⸗ gehen. V

Das Schmerzensgeld war gering in Anbe⸗ tracht der erduldeten Lei⸗ den, es half aber doch mit zur Einrichtung des neuen Heimweſens, das nun unverzüglich errich⸗ tet ward. Melzer quit⸗ tirte den Dienſt, heira⸗ thete Joſephe, ſiedelte ſich mit ihr im Rhein⸗ gau an und ward, be⸗ freit vom Alpdrucke des Doppelgängers, wieder der fröhliche Kaſpar von ehemals.

Er hat ſeiner Frau die Geſchichte des Dop⸗ pelgängers und deren Löſung auf der neapo⸗ litaniſchen Reiſe erzählt, die deshalb ſeine letzte

denunciren? Nein, mein Freund, es gibt Dinge, V die das Papier nicht ver⸗ tragen, die ſich nur von Poliziſt: Geb' Er Seinen Paß her! Mund zu Mund mit⸗ theilen laſſen. Unſere Angelegenheit gehört da⸗ zu. Lange wartete ich V darauf, daß der Zufall Sie mir in den Weg führe. Heute iſt dies ge⸗ ſchehen und ich habe nicht gezögert, Ihnen Aufklä⸗ rung zu geben. Laſſen

ſo(die Geſte des Zugreifens machend).

denn mit'ner Aufenthaltskarte? raus mit! Erſter Strolch: Wat, Aufenthaltskarte?

hält! wozu alſo'ne Karte? is nich!

men meines Herrn und in dem meinigen danken. 5

r 7Welch' Wunder iſt geſchehen? In ihrem vollen Blüthenflor ſ⸗ Seh' ich die Erde ſtehen. Wilhelm Müller.

Wu den ſinnigſten und ſchönſten Mythen der germa⸗ 8 niſchen Götterlehre gehört unſtreitig die von der lieb⸗ lichen Nanna, der Gemahlin des Lichtgottes Baldur. Sie hängt an den Augen ihres geliebten Gatten und

4ꝙ kann ſich nimmer von ihm trennen. Da wird Baldur . 8 von dem blinden Aſen Hödhr im Kampfe beſiegt. Ster⸗ bend ſendet er noch den letzten Strahl ſeiner Augen nach der treuen Nanna, die vor Jammer und Leid vergeht. Sie kann ſich von dem Geliebten nicht trennen und folgt ihm nach dem dunklen Hel. Von hier ſendet ſie ihr Schleiertuch und ihren Ring an die Liebesgöttin Freyja und deren Dienerin, die jungfräuliche Fulla.

Aber Baldur bleibt nicht im finſtern Reich des Todes. Auf dem flüchtigen Roſſe Sleipnir reitet Hermodur neun Nächte, ehe er an das Thorgitter des Schattenreiches kommt, aus dem er Baldur zurückführt. Mit ihm kehrt auch Nanna wieder und lächelt ſo freundlich und lieblich, wie kaum je zuvor.

Dieſe liebliche Mythe iſt nicht ſchwer zu deuten. Was kann unter dem Streite des Lichtgottes Baldur mit dem blinden Aſen

Berliner Ausſchuß. Erſter Strolch: Paß? Thut mir ſehr leid; ick bin unpäßlich, Herr Ireifenberger! ſo un

Poliziſt(ihn barſch unterbrechend): Halt' Er Sein loſes Maul, Kerl! ſonſt wie ſteht's

det Sie mir ſo anbrüllen, meine Ohren ſind Jott ſei Dank janz jeſund; im Uebrigen kann ick Ihnen aber hoch und theuer verſichern, det ick mir über keene Seele nich ufhalte, wenn mir man keener uf⸗

Poliziſt: Keinen Paß keine Karte! ſchön, wo wohnt Er denn eigentlich?

Erſter Strolch: Wohnen? nanu wird's noch ſcheener! in dieſe ſchlechte Zeit werd' ick woll unter'n Linden Bel⸗Etagens wohnen, wat? Ne, ne, Männeken! wir wohnen wie bisher: uf Som⸗ 3 3 mer⸗Logis bei Mutter Irün, Thierjarten, jroße Quer⸗Allee, dritter Boom rechts, Aſt Nro. 2! ihn im Leben keine an⸗ V Poliziſt: Alſo keinen Pas, keine Katte und auch keine Wohnung! gut, Wohnung wird Er

ie mich Ihnen im Na⸗ noch heute in Villa Sanftleben beziehen! na, und wo wohnt Er denn, hm?

Sie mich Jynen din Na⸗ V Zweiter Strolch: Ick, na wiſſen Se, ick wohne bei dem da dichte nebenan!

Naturwiſſenſchaftliche Skizze von R. Schulz.

geworden ſei. Davon will ſie jedoch nichts hören. Auch ohne die Aufklärung hätte ſie nach ihrer Meinung die letzte Reiſe ſein müſſen, hatte ſie doch ein ÜUlti⸗ matum geſtellt.

Kaſpar hält es für das Klügſte, dieſe Frage ungelöst zu laſſen, und iſt ſehr froh, daß es für

Sie ſind wohl nich von hier, oller Kronenſohn,

dere ungelöste Frage mehr gibt.

Der Frühling.

(Nachdruck verboten.) Hödhr anders gemeint ſein, als der ewige Kampf der wechſelnden Zeit? Frühling und Sommer, die lichte Hälfte des Jahres, kämpfen mit dem unfreundlichen Herbſt und Winter. Alljährlich erneuert ſich dieſer Streit um die Herrſchaft, und in jedem Jahre wird Baldur in das Reich der Schatten verbannt. Aber jedem eiſigen Winter folgt auch wieder der ſonnige Lenz, und mit ihm erſcheint Nanna, der grünende und blühende Pflanzenſchmuck, der ſelbſt unter Schnee und Eis nicht ganz erſtirbt, ſondern Hoffnung erweckende Erinnerungen Schleiertuch und Ring zurückläßt. 5

Sinniger könnte kaum das zärtliche Lichtweſen der Pflanze und ihre Abhängigkeit von den belebenden Sonnenſtrahlen dargeſtellt werden, als es in dieſem Mythus geſchehen. Mit dem Lenz erwacht die Erde aus ihrem winterlichen Schlummer, kleidet ſich in neues Grün, treibt Blüthen und Blätter, bringt Früchte zu unſerer Labung, um beim Scheiden des Sommers wieder zu erſterben.

Die Betrachtung dieſes ewigen Werdens und Vergehens gehört unſtreitig zu den intereſſanteſten und lehrreichſten Beobachtungen des Naturlebens, und jeder Menſch fühlt ſich auch mehr oder weniger von ihm ergriffen.

Wie jubelt jedes Herz, wenn der erſte Hauch des Frühlings

die ſchlummernde Erde Aiahkost! Ehe noch der Lenz ſeinen Einzug

den he waſſer dnes