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ſeinen Pfad gekreuzt hatte.
Illuſtrirte Chronik der Zeit.
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der Reiſe war es freilich auch nicht beſſer, denn beſtändig peinigte ihn der Gedanke, die Depeſchen könnten ihm wiederum auf räthfel⸗ hafte Weiſe entwendet, ſein Doppelgänger vor ihm angekommen ſein, und ſo gönnte er ſich weder Tag noch Nacht Ruhe und vollführte jede Miſſion mit einer Schnelligkeit, wodurch ſein Ruf erhöht, ſeine Geſundheit aber bedenklich untergraben ward und ihm ein vorzeitiges Ende drohte.
So vergingen Jahre. Vergebens warteten Fritz Hoppe und ſeine Frau auf die Wiederkehr des ſonſt ſo treuen Gaſtes, Melzer ließ ſich nicht wieder ſehen. Er hätte lieber im tiefſten Schnee eine Nacht unter freiem Himmel zugebracht, als daß er in den„Drei Adlern“ übernachtet hätte, denn dieſen Ort brachte er nun einmal mit ſeinem Doppelgänger in Verbindung, und ſeine Kombination ſchien dadurch beſtätigt zu werden, daß das Geſpenſt nirgends wieder Einmal geheimnißvoll aufgetaucht, ſchien es ebenſo geheimnißvoll wieder in's unergründliche Nichts ver⸗ ſunken zu ſein.
Aber auch Joſephe wartete vergeblich, daß ihr Kaſpar ſeine letzte Kurierreiſe machen und dann mit ihr den Weg zum Altare und in die Heimath antreten ſolle. Da ſie Beide ſich„in diplo⸗ matiſchen Kreiſen“ bewegten, ſo erklärte ſie ihm, als er ſich bei ihr zu einer Reiſe nach Neapel verabſchiedete, ſie ſehe ſich nunmehr genöthigt, ihm ein Ultimatum zu ſtellen. Entweder dies ſei nun ſeine unwiderruflich letzte Reiſe oder—
Er ließ ſie nicht ausreden, ſondern gab das Verſprechen, nach ſeiner Rückkehr ganz gewiß den Dienſt zu quittiren. Und er hielt es, freilich durch andere Gründe dazu veranlaßt, als Beide beim Abſchiede vorausſehen konnten.
Mit gewohnter Schnelligkeit und ohne jeden unangenehmen Zwiſchenfall war die Reiſe nach Neapel von Statten gegangen. Da es aber bei der Regierung König Ferdinands mit den Geſchäften Niemand allzu eilig hatte, ſo konnte der franzöſiſche Geſandte am Hofe„beider Sicilien“ ſeinem Collegen in St. Petersburg nicht ſo ſchnell Antwort zugehen laſſen und der Kurier hatte mehrere Tage zu warten und ſich nach eigenem Ermeſſen die Zeit zu vertreiben.
Eines Tages ſaß er rauchend und in Gedanken an ſeine Braut, die nun doch allmählig über den Doppelgänger den Sieg davon trug, vor ſeinem Hotel, da fühlte er, wie eine Hand ſich auf ſeine Schulter legte. Erſchrocken ſuhr er herum und ſah vor ſich— nicht wie er gefürchtet hatte, das Geſpenſt, wohl aber eine Per⸗ ſönlichkeit, deren Erſcheinen ihn in die größte Verwunderung ver⸗ ſetzte, denn, wenn überhaupt noch unter den Lebenden, hatte er ſie in den Eisfeldern Sibiriens vermuthet.
„Monſieur Dumont!“ rief er.„Sind Sie es wirklich? Wie kommen Sie hieher? Was iſt aus dem Fürſten geworden? Wurden Sie denn nicht mit ihm verhaftet und nach Sibirien transportirt?“
„Sie fragen viel auf einmal, und hier iſt nicht der Ort, Ihnen zu antworten,“ entgegnete der Angeredete, der Niemand anders war als der Kammerdiener des Fürſten Theodor Ozinoff. „Sie ſollen aber über Alles Aufſchluß erhalten und obenein noch andere Dinge erfahren, die Sie erfreuen und Ihnen von Nutzen ſein dürften. Kommen Sie heute Abend acht Uhr nach dem Palazzo Gonzaga, wählen Sie aber den hinteren Eingang und legen Sie, wenn ich bitten darf, unſcheinbare Kleidung an.“
Ehe Melzer über dieſe geheimnißvolle Verordnung noch eine Bemerkung machen konnte, hatte der alte Franzoſe ſich von ihm gewendet und ging im Vollbewußtſein ſeiner Würde majeſtätiſchen Schrittes die Straße hinab.
Melzer war unbeſchäftigt, ſeine Neugierde war lebhaft erregt und die Ausſicht, etwas für ihn Erfreuliches oder Nützliches zu erfahren, verfehlte ihre verlockende Wirkung auf ihn ebenfalls nicht. So fand er ſich denn pünktlich um die angegebene Zeit und in dem verlangten Anzuge im Palaſte Gonzaga ein. Dumont erwartete ihn bereits und führte ihn mit dem Anſcheine der größten Heim⸗ lichkeit über Hintertreppen nach ſeinem Zimmer, deſſen Thüre er hinter ſich und ſeinem Gaſte verſchloß.
„Setzen Sie ſich, lieber Melzer,“ ſagte er;„Sie ſollen jetzt eine ſehr merkwürdige Geſchichte hören, in welcher Sie ohne Ihr Wiſſen und gewiß recht gegen Ihren Willen eine hervorragende Rolle geſpielt haben.“
Er bot bei dieſen Worteft ſeinem ihn mit der größten Span⸗ nung anblickenden Gaſte einen Stuhl, öffnete ſein Bureau, nahm ein Taſchenbuch heraus, ließ ſich ſelbſt in einen Stuhl nieder und fuhr fort:
„Sie ſind der Meinung, der Fürſt und meine Wenigkeit wären an jenem Abend, wie man ſich in St. Petersburg zuraunte, im Palaſte Ozinoff verhaftet worden. Wäre dies der Fall, ſo würde ich allerdings nicht die Ehre haben, heute hier im Palaſte Gonzaga in Neapel vor Ihnen zu ſitzen und Ihnen eine höchſt wunderbare Geſchichte zu erzählen.“
„Man hat Sie alſo nicht verhaftet!“ rief Melzer erſtaunt. „Die väterliche Regierung des guten Zar Nikolaus hatte aller⸗ dings die beſten Abſichten dazu. Glücklicherweiſe war ein Freund und Landsmann von mir Kammerdiener beim Polizeiminiſter. Er entdeckte, was gegen uns im Werke war und ließ mir eine Warnung zugehen, freilich erſt eine halbe Stunde vor der für unſere Ver⸗ haftung beſtimmten Zeit. Ein Entrinnen ſchien unausführbar; für den Muthigen und Verſchlagenen gibt es jedoch keine Unmöglichkeit. Ich entwarf einen Fluchtplan, der Fürſt billigte ihn, und wir entkamen.“ Dumont machte hier eine Kunſtpauſe, um ſeinem Zuhörer Ge⸗ legenheit zu geben, ihn zu bewundern, und erzählte dann weiter:
„Im Palaſte wurde gerade das Winterholz eingefahren und es befand ſich in Folge deſſen eine Anzahl finniſcher Holzſchläger im Hofraume. Ich holte zwei davon auf mein Zimmer, vertauſchte ihre Anzüge gegen zwei von meinen, gab jedem noch drei Silber⸗ rubel und gebot ihnen, die Stadt unverzüglich zu verlaſſen, widrigen⸗ falls würden ihnen Kleider und Geld ſofort wieder abgenommen werden. Daß ſie ſich ſchleunigſt aus dem Staube machten, habe ich wohl nicht erſt hinzuzufügen.
„Der Fürſt und ich legten nun eiligſt die Bauernkleider an, Perrücken und Bärte hatte Seine Durchlaucht glücklicherweiſe im Vorrath, da er ihrer bei ſeinen kleinen Abenteuern bedurfte; der Nothwendigkeit gehorchend brachten wir das ſchwere Opfer, unſer Haar und unſere Schnurrbärte abzuſcheeren, und ſo war die Ver⸗ kleidung ſchnell bewirkt. Ohne uns Zeit zu nehmen, Briefe und Papiere zu zerſtören oder ſonſtige Anordnungen zu treffen, rafften wir alles vorhandene baare Geld zuſammen— es war wenig genug— drückten unſere Pelzmützen tief in die Stirn, nahmen Werkzeug auf die Schulter und verließen mit den übrigen Holzſchlägern den Palaſt.
„Unangefochten gelangten wir durch die Straßen und verließen in weſtlicher Richtung die Stadt in dem Augenblicke, wo der Polizei⸗ offizier mit ſeinen Leuten den Palaſt Ozinoff umſtellte und dort auf uns fahndete.
„Auf der nächſten Poſtſtation nahm der Fürſt, der ſich ſür einen reichen finniſchen Bauer und mich für ſeinen ſtummen Bruder ausgab, mit dem er Verwandte in Livland beſuchen wolle, Poſt⸗ pferde, ſo kamen wir unangefochten weiter. Bald brach aber un⸗ angenehmes Wetter ein und wir waren ſehr froh, als wir Klotskow erreichten und in den ‚Drei Adlern ein Unterkommen finden konnten.“
„In den ‚drei Adlerne!“ fuhr Melzer auf, Dumont that aber, als beachte er dieſe Unterbrechung nicht, ſondern ſprach weiter:
„Das Haus iſt Ihnen ja gut genug bekannt und Sie wiſſen auch, daß Fritz Hoppe und ſeine Frau vortreffliche Menſchen ſind, denen man ſich anvertrauen darf. Sie haben uns denn auch nicht verrathen, ſondern redlich fortgeholfen. Freilich mußten wir das Schlafzimmer über dem Gänſeſtall, das ſie uns angewieſen hatten, räumen und uns in der daneben liegenden Wäſchkammer verſtecken, weil ein nach uns ankommender Kurier der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft auf dem Beſitz des Zimmers und Bettes beſtand.“
Jetzt konnte Melzer ſich nicht mehr halten.„Sie, Sie waren in jener Kammer?“ keuchte er.„Sie waren es—“
„Ich war es, mein Freund,“ unterbrach ihn Dumont,„laſſen Sie mich ausreden.„Die Gelegenheit erſchien uns zu günſtig, um nicht benutzt zu werden. Es gab nichts Geeigneteres für den Fürſten, als in der Maske eines franzöſiſchen Kuriers zu reiſen und eine wirk⸗ liche Depeſche bei ſich zu führen. Wir warteten deshalb, bis Sie feſt eingeſchlafen waren, dann ſchlich ich mich in's Zimmer, zog das Portefeuille unter Ihrem Kopfe hervor, vertauſchte die De⸗ peſche in der Zinnkapſel mit den Exemplaren der ‚Gazette de St. Petersburg“ und legte ſie ſammt dem Portefeuille wieder an die frühere Stelle. In dieſem Augenblicke erhoben die verwünſchten Gänſe ein Zetergeſchrei, Sie erwachten, und wäre ich nicht ſehr ſchnell geweſen, ſo hätten Sie mich erwiſcht.“
„Alſo Sie waren es, der mich beraubte?“
„Bitte, bitte, wir beraubten Sie ſo wenig wie die franzöſiſche Regierung, ſondern übernahmen nur an Ihrer Stelle die Ueber⸗ bringung der Depeſche nach Paris und zwar mit ſo gutem Er⸗ folge, daß wir 27 Stunden vor Ihnen ankamen, obgleich wir erſt nach Ihnen aufbrachen, da wir Ihre Entfernung abwarten mußten, um die Wäſchkammer verlaſſen zu können. Die auf der Depeſche befindliche Adreſſe und Angabe des Namens der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft als Abſender, ſowie die auf dem Couverte angebrachten Siegel und Stempel dienten dazu, um meinen Herrn als Kurier zu legitimiren.“
„Wie konnte man aber glauben, ich ſei es geweſen, der die Depeſche dem Miniſter überliefert hatte?“
„Es geht nichts über einen geſchickten Kammerdiener,“ lachte Dumont, ſich die Hände reibend.„In einer polniſchen Stadt equipirten wir uns und ich wußte meinen Herrn ſo zuzuſtutzen, daß er wie Ihr Doppelgänger ausfah.“
„Wie mein Doppelgänger!“ wiederholte Kaſpar Melzer und
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