Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

überzeugt hatte. Jetzt warf er einen Blick darauf und fuhr von einem jähen Schreck durchzuckt zuſammen. Das Siegel, welches Graf L. in ſeiner Gegenwart auf die Kapſel gedrückt, war ver⸗ ſchwunden! Von namenloſer Angſt ergriffen, öffnete er die Kapſel, warf einen Blick hinein und ſah darin ſtatt des Schriftſtückes, das der Geſandte vor ſeinen Augen hineingelegt, zwei Exemplare der Gazette de St. Petersburg. Jetzt ergriff ihn Entſetzen, aber⸗ gläubiſche Furcht paarte ſich mit der Angſt vor der ungeheuern Verantwortung, die ihn treffen mußte, wenn es ſich herausſtellte, daß er die wichtigen Papiere, die er in des Miniſters eigene Hand legen ſollte, um derentwillen er ohne Raſt und Ruhe den weiten Weg von St. Petersburg nach Paris gemacht hatte, auf unbe⸗ greifliche und wie es ihm ſchien übernatürliche Weiſe verloren habe.

Ehe er Zeit fand, ſich zu beſinnen, das Gefährliche ſeiner Lage zu überdenken und irgend einen Entſchluß zu faſſen, kehrte der Kammerdiener zurück und führte ihn geradewegs in das Schlaf⸗ zimmer des Miniſters. Melzer folgte ihm wie im Traume und bot Seiner Excellenz, ohne ſelbſt recht zu wiſſen was er that, die Zinnkapſel, die er wieder geſchloſſen hatte, dar.

Der Miniſter ſaß im Nachtgewande aufrecht im Bette und ſah ſehr abgeſpannt aus. Er war noch nicht lange im Amte und Melzer halte ihm noch nie eine Depeſche überbracht. Dennoch begrüßte er ihn in noch weit eigenthümlicherer Weiſe als der Portier und der Kammerdiener.

Bringen Sie mir noch eine Depeſche? fragte er mit einem Gähnen.Wahrſcheinlich hat ſie der belgiſche Kurier gebracht, auf deſſen Ankunft Sie mich vorbereiteten. Nun laſſen Sie ſehen.

Er nahm die Kapſel aus den Händen des zitternden Melzer, öffnete ſie, ohne zu bemerken, daß das Siegel bereits erbrochen war, zog die Zeitungsblätter hervor, betrachtete ſie von allen Seiten und ſagte kopfſchüttelnd:Ein Bericht der ruſſiſchen Regierung über das angebliche Verbrechen des unglücklichen Fürſten; deshalb hätte Graf L. wahrhaftig keinen beſonderen Kurier von Petersburg nach Paris zu ſchicken brauchen und Sie hätten nicht nöthig gehabt, ſich und mich deswegen um die Nachtruhe zu bringen, mein Freund. Doch Sie richteten ſich genau nach den erhaltenen Befehlen und wußtien nicht, um was es ſich handelte, überdies kann ich Ihnen in Anbetracht der Reiſe, die Sie geſtern Abend vollendet haben, Alles verzeihen.

Geſtern Abend, Ew. Excellenz, wandte Melzer ſchüchtern ein, der ſeinen Ohren nicht traute.

Nun ja, oder ſtreng genommen vorgeſtern Abend, lächelte der Miniſter, indem er ſich wieder behaglich zurechtlegte.Durch Ihre Ankunft um halb zwölf Uhr haben Sie das Meiſterſtück eines Kuriers vollbracht und uns in den Beſitz höchſt wichtiger Nach⸗ richten geſetzt. Ich liebe treue Diener und habe Seiner Majeſtät dem Könige bereits Bericht erſtattet, Ihre Belohnung wird nicht ausbleiben. Graf L. hätte nicht nöthig gehabt, noch einen zweiten Kurier durch Belgien zu ſchicken. Doch nun gute Nacht, mein Freund, gehen Sie und ſuchen Sie die Ruhe, die Sie nach Ihrer großen Anſtrengung ſo ſehr verdienen. Damit machte der Miniſter eine kentlaſſende Handbewegung und ſank noch tiefer in die Kiſſen zurück.

Melzer wollte ſprechen, aber die Stimme verſagte ihm und der Kammerdiener ſchob ihn, ehe er ſich zu beſinnen vermochte, aus dem Zimmer. Er hatte das Gefühl, daß hier Einer wahnſinnig ſein müſſe, nur wußte er nicht, war er es oder der Miniſter. Im letzteren Falle theilten freilich der Kammerdiener und der Portier das Schickſal ihres Gebieters, denn Beide hatten beſtätigt, daß er

ſchon am Abend zuvor angekommen war; es mußte alſo damit doch wohl ſeine Richtigkeit haben. Ebenſo ſtand es feſt, daß die Depeſchen, welche Graf L. vor ſeinen Augen in die Zinnkapſel gethan und mit ſeinem eigenen Petſchaft darin verſiegelt hatte, die Depeſchen, die er auf ſeiner Reiſe nicht einen Augenblick von ſich gelaſſen, ihm trotz aller Vorſicht auf räthſelhafte Weiſe entwendet worden waren.

Er rief ſich jeden Moment ſeiner Reiſe zurück und einen

in Paris angekommen war, noch was für Depeſchen dieſer geheim⸗ nißvolle Bote eigentlich gebracht habe.

Ich werde es ſchon zeitig genug erfahren! ſeufzte er endlich. Graf L. und der Miniſter werden ſchon dahinter kommen, daß die wichtigen Depeſchen in die unrechten Hände gelangt ſind, und dann wehe mir! Wer wird mir glauben, daß ich ſelbſt keine Ahnung davon habe, auf welche Weiſe und wo ſie mir abhanden gekommen ſind?

Unter dieſen Selbſtgeſprächen erreichte der Kurier ſein Hotel, und ſo aufgeregt er war, ſobald er ſein Lager aufgeſucht, verlangte die Natur doch ihre Rechte.

Er ſchlief 12 Stunden lang, wenn er auch in ſeinen Träumen Depeſchen ſuchte, Portefeuilles öffnete, verſchloß und verſiegelte. Am andern Abend faßte er ſich ein Herz, ging unter dem Vorwande, ſeine Handſchuhe daſelbſt vergeſſen zu haben, in das Hotel des Miniſters, ließ ſich mit der Dienerſchaft in eine Unter⸗ haltung ein und ſuchte ſie vorſichtig über das Räthſel, das ihn peinigte, auszuforſchen. Es bedurfte dazu gar keiner beſonderen Geſchicklichkeit, denn Jedermann fing ganz von ſelbſt von der wunder⸗ baren Schnelligkeit, mit der er gereist ſei, zu ſprechen an und ſchilderte das Entzücken des Miniſters darüber. Der Kammer⸗ diener fügte noch hinzu, die überbrachten Depeſchen müßten von großer Wichtigkeit geweſen ſein, denn der Miniſter habe trotz der ſpäten Stunde noch anſpannen laſſen und ſei zum Könige nach den Tuilerien gefahren.

So waren die Depeſchen alſo wirklich durch den geheimniß⸗ vollen Kurier noch um 27 Stunden früher angelangt? Faſt ſchien es ſo, denn ſtatt des Ungewitters, deſſen Entladen Melzer von Tag zu Tag entgegen ſah, wurde er gelobt und geprieſen.

Der Miniſter ließ ihn vor ſeiner Abreiſe nochmals zu ſich kommen, ſprach ihm die höchſte Zufriedenheit des Königs aus und händigte ihm eine anſehnliche Belohnung ein. Bei ſeiner Rückkehr nach St. Petersburg wurde er vom Grafen L. auf das ſchmeichel⸗ hafteſte empfangen und als das Vorbild für alle Kuriere bezeichnet.

Ueber die beiden Exemplare derGazette de St. Petersburg hatte der Miniſter entweder den Mantel chriſtlicher Liebe geworfen oder ihrer doch nur in ſehr ſchonender Weiſe erwähnt, denn es wurde von dem Geſandten kein Wort darüber geſprochen.

Ebenſo unaufgeklärt blieb es aber auch, wer die Depeſchen dem eigentlichen Ueberbringer geſtohlen, wer ſie in ſolcher Schnellig⸗ keit nach Paris befördert und wie es möglich geweſen ſei, dem Miniſter und deſſen Haushalt den erſt einen Tag ſpäter eintreffen⸗ den Kurier dergeſtalt vorzuſpiegeln, daß Alle Melzer bereits geſehen zu haben glaubten und ihm die Ehren jenes ſchnellen Rittes zu Theil werden ließen.

Lange zerbrach ſich Kaſpar den Kopf darüber und endlich kam er zu der Ueberzeugung, daß er einen Doppelgänger habe, daß es kein irdiſches Weſen, ſondern ein böſer Geiſt geweſen, welcher in jener Nacht in denDrei Adlern ihn heimgeſucht, ſeine Geſtalt angenommen und die Depeſchen überbracht habe. War ihm auch für dieſes Mal nur Gutes daraus erwachſen, ſo konnte das nach ſeiner Meinung doch nur Blendwerk ſein. Von einem Weſen der Finſterniß konnte nur Böſes kommen und jeden Augenblick fürchtete er das Unheil über ſich hereinbrechen, wo er ging und ſtand, die Geſtalt des Doppelgängers vor ſich auftauchen zu ſehen. Aus einem fröhlichen, lebensluſtigen Geſellen war er ein Kopfhänger und Träumer geworden.

Schwer laſtete auf Melzer auch das Verhältniß zu ſeiner Braut. Er hielt es für ein Unrecht, das Leben des glücklichen, unſchuldigen Mädchens an ſein verfehmtes und verfolgtes zu knüpfen, von der andern Seite hatte er aber nicht das Herz, mit ihr zu brechen und ebenſo wenig konnte er ſich entſchließen, ſie zur Vertrauten ſeines Seelenzuſtandes zu machen. Sein verändertes Weſen konnte ihr nicht entgehen, ſo ſehr ſie aber in ihn drang, ihr zu ſagen, was ihm fehle, er hatte ſtets eine ausweichende oder beſchwichtigende Antwort für ſie.

Ich weiß ſchon, wo es ſteckt, ſagte ſie eines Tages,das Leben als Kurier bringt Dich ſo herunter. Gib es doch endlich auf.

Augenblick weilten ſeine Gedanken auch bei ſeinem Traum im Gaſt⸗ hofe zu denDrei Adlern, dem Geſchnatter der Gänſe und ſeinem erſchreckten Auffahren, in der Meinung, es ſei Jemand im Zimmer.

Sollte es doch mehr als Einbildung geweſen ſein? fragte er ſich, verwarf aber den Gedanken ſogleich wieder.Es iſt un⸗ möglich, kein Menſch konnte in's Zimmer kommen, ohne die ſchwere eichene Truhe von der Thüre hinwegzurücken, und die ſtand am Morgen noch genau auf dem Flecke, wo ich ſie Abends hingeſtellt hatte. Kein Menſch, aber vielleicht ein Geift? fuhr er in ſeiner Ueberlegung fort, um ſich ärgerlich ob ſolches unwürdigen Aber⸗ glaubens zu ſchelten.

So viel er aber auch finnen und grübeln mochte, konnte er weder ergründen, wer ſtakt ſeiner 27 Stunden vor ihm als Kurier

Du haſt Dir etwas erſpart, ich auch, gehen wir zurück in die Heimath und kaufen wir uns irgendwo ein hübſches Gütchen.

Er ſtimmte ihr bei, nur noch dieſe und jene Reiſe müſſe er machen, dann wolle er den Dienſt quittiren und dabei blieb es. Jede Reiſe ſollte ſeine letzte ſein und kaum war er von derſelben zurückgekehrt, ſo hatte ſich wieder eine Miſſion gefunden, die der Chef ihm und nur ihm allein anvertrauen konnte.

Zum Theil war dies die Wahrheit, denn ſein Ruhm als Kurier ſtand hoch erhaben über allen ſeinen Collegen und der Geſandte betrachtete ihn wie ſeine rechte Hand; zum Theil war es aber die innere Unruhe, die ihn umherhetzte und den Gedanken an ein ſtilles, eng umſriedetes Leben für ihn unerträglich machte. Auf

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