Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

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ſtand ein großes Himmelbett, in welchem zur Noth zwei Schläfer Platz hatten, eine hölzerne Truhe, die zugleich als Tiſch diente, und zwei Stühle. Dicht daneben war noch eine Kammer, in welcher Frau Hoppe ihre Leinen⸗ und Bettvorräthe und ſonſtige von Deutſch⸗ land mitgebrachte Gegenſtände aufbewahrte, die aber weiter keinen Ausgang hatte.

Trotz dieſer primitiven Einrichtung erfreuten dieDrei Adler ſich eines Vorzuges, deſſen ſich ein ruſſiſcher Gaſthof nicht oft zu rühmen vermag einer außerordentlichen Reinlichkeit. Reiſende machten einen Umweg, nur um bei Frau Hoppe einzukehren, und ſelbſt den livländiſchen Bauern ſchien es hier beſſer zu behagen als anderwärts. Der Gaſthof wurde nie leer von ihnen.

Auch an dem Oktoberabend, an welchem Melzer bei ſeinen

Frreuunden einkehrte, war die große Stube dicht beſetzt von livländi⸗

ſchen Bauern, die den Kurier neugierig und erwartungsvoll be⸗ trachteten und den Wirth beſiürmten, ihn nach Neuigkeiten zu be⸗ fragen. Sobald Melzer ſich durch Speiſe und Trank geſtärkt hatte, erfüllte er denn auch den Wunſch der Verſammlung und erzählte dem Wirth in deutſcher Sprache, was ſich in Petersburg und in der Welt zutrage, es Hoppe überlaſſend, ſeine Mittheilungen den Zuhörern zu überſetzen. Dabei überblickte er die Gäſte und ſagte ſich mit Befriedigung, es könne unter ihnen kein Einziger ſein, der ihm das Bett im oberen Zimmer ſtreitig machen oder Anſprüche erheben dürfte, es mit ihm zu theilen.

Jetzt laß mich aber ungeſchoren, Fritz, ſagte er endlich. Deine Gäſte wiſſen jetzt mehr von der Regierung des Zaren als ich ſelber weiß. Laß mich ſchlafen gehen, mit Tagesanbruch muß ich wieder fort.

Die Magd wird gleich die Strohlager aufſchlagen. Für Dich ſtellen wir ein Bett an den Herd.

Nichts da, ich ſchlafe oben. Ich ſehe doch keinen anderen Gaſt dafür.

Fritz Hoppe blickte wie hilfeſuchend nach ſeiner Frau.

Ich habe heute das Zimmer geſcheuert, es wird Ihnen zu feucht ſein, ſagte ſie hinzutretend.

Thut nichts, ich ſchlafe doch darin. Bitte, machen Sie ſchnell, Frau Hoppe.

Nun, wenn Sie denn durchaus wollen, aber Sie werden ſich erkälten.

Ha, ha, ha, ein Kurier und erkälten. ohne Sorge.

Frau Hoppe verſchwand, es wollte aber den Kurier bedünken, als brauche ſie diesmal ausnahmsweiſe lange Zeit, um das Zimmer in Ordnung zu bringen. Vielleicht war es ſeine Ungeduld, die ihm das Warten ſo lang erſcheinen ließ, vielleicht hatte ſie auch wegen der am Tage darin vorgenommenen Reinigung mehr damit zu thun.

Endlich war es aber im Stande. Wie gewöhnlich führte Fritz Hoppe ſeinen Freund in das Schlafzimmer, ſetzte ihm die brennende Kerze auf den Tiſch und entſernte ſich, nachdem Kaſpar ihm noch wiederholt eingeſchärft, daß man ihn mit Tagesanbruch wecken möge.

Sobald ſich der Kurier allein ſah, warf er ſeine Kleider ab, entledigte ſich der ſchweren Stulpenſtiefel und rückte die ſchwere eichene Truhe vor die Thüre, welche weder Schloß noch Riegel hatte. Dann legte er ein Paar geladene Piſtolen im Bereiche ſeiner Hand vor das Bett und das Portefeuille mit den Depeſchen, die er zu überbringen hatte, unter ſein Kopfkiſſen. Es war das erſte Mal, ſeit er St. Petersburg verlaſſen, daß er ſich in ein Bett nieder⸗ legte, er wußte alſo, daß ſein Schlaf ein feſter und tiefer ſein würde, und obgleich er ſich im Hauſe ſeiner Landsleute ſicher fühlte, war es doch gerathen, überall vor Spionen auf der Hut zu ſein.

Es war nämlich in der Regierungszeit des Kaiſers Nikolaus. Die Geſandtſchaft, der Melzer als Kurier Dienſte leiſtete, war die erſte, welche nach Anerkennung Louis Philipps durch den Zaren von der franzöſiſchen Regierung beim ruſſiſchen Kabinet akkreditirt war, und vielleicht in Folge dieſes Umſtandes entfaltete der da⸗ malige franzöſiſche Geſandte, Graf L., eine wahrhaft fieberhafte diplomatiſche Thätigkeit. Fünfzehn Kuriere wurden von ihm be⸗ ſtändig in Athem erhalten, und kaum war einer derſelben von einem Ritt durch die eine Hälfte Europa's zurückgekehrt, hatte er ſich ſchon wieder fertig zu machen, die andere zu durcheilen.

Kaſpar Melzer, der ſich ſchon ſeit einigen Jahren in der Nähe des Grafen befunden und dieſem auf verſchiedenen Geſandtſchafts⸗ poſten Dienſte geleiſtet hatte, erfreute ſich ſeines beſonderen Wohl⸗ wollens und Vertrauens und rechtfertigte daſſelbe durch die Schnellig⸗ keit und Geſchicklichkeit, womit er die ihm zu Theil werdenden Auf⸗ träge ausführte. Wurde Kaſpar Melzer zu einer Sendung benutzt, ſo wußte man, daß ſie dem Geſandten beſonders am Herzen lag, während Jener, ohne daß ſein Chef ihn in ſeine Geheimniſſe ein⸗ weihte, aus der Haltung des Grafen den Grad der Wichtigkeit ſeiner Sendung abnahm, und durch ſeine Kombinationsgabe und weit⸗

Darum ſeien Sie

verzweigten Verbindungen häufig genug den Inhalt der Depeſchen kannte, zu deren Träger er auserſehen war.

Melzer war erſt vor etwa acht Tagen von einer Sendung nach Wien zurückgekehrt und hatte auf einen längeren Aufenthalt in St. Petersburg gehofft, an dem ihm um ſo mehr gelegen war, als ihn daſelbſt zarte Bande feſſelten, welche eine Landsmännin, die im Hauſe des heſſiſchen Geſandten als Kammerjungfer diente, um ihn geſchlungen hatte. Politik und Liebe haben aber wenig mit einander zu ſchaffen. Kaſpar ward eines Morgens zu ſeinem Chef beſchieden und von dieſem benachrichtigt, er habe ſich unverzüglich auf die Reiſe nach Paris zu machen.

Sie müſſen die Reiſe ſo ſchnell, wie es nur irgend ausführ⸗ bar iſt, zurücklegen, fügte der Graf hinzu.Es iſt eine Depeſche von der äußerſten Wichtigkeit, die ich keinem Anderen als Ihnen anvertrauen möchte. Laſſen Sie ſie keinen Augenblick aus den Augen und liefern Sie ſie Sr. Excellenz dem Herrn Kriegsminiſter nur zu eigenen Händen aus.

Ew. Excellenz können ſich ganz auf mich verlaſſen, verſicherte der Kurier.Ich werde Tag und Nacht reiten und die Depeſche hüten wie meinen Augapfel.

Ihr Eifer und Ihre Hingebung ſollen nicht vergeſſen werden, lächelte der Geſandte huldvoll.Frankreich weiß Diejenigen zu belohnen, welche ihm treu dienen, mögen ſie einem Lande angehören, welchem ſie wollen, Gehen Sie, mein lieber Melzer, machen Sie ſich zur Reiſe fertig, während ich den Brief an den Herrn Kriegs⸗ miniſter beende.

Kaum war nach dieſer Unterredung eine Stunde verfloſſen, ſo galopirte der Kurier,⸗ ſo ſchnell ihn ein kräftiges polniſches Pferd nur fortzubringen vermochte, ſchon durch die Straßen St. Peters⸗ burgs und ſchlug den Weg nach den baltiſchen Provinzen ein, von wo er nach dem weſtlichen Polen und al dann über Oſtpreußen nach Deutſchland und von dort weiter zu gelangen gedachte.

So ſchnell er ſich zur Abreiſe gerüſtet, war ihm doch Zeit geblieben, von ſeiner Braut Abſchied zu nehmen und Erkundigungen einzuziehen, welche ihn über die Natur ſeiner Sendung auſftlärten. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß das Verſchwinden des jungen Fürſten Theodor Ozinoff das Tagesgeſpräch oder vielmehr Tages⸗ geflüſter in den Salons der vornehmen Welt bilde; durch den fran⸗ zöſiſchen Kammerdiener des Fürſten wußte er aber von dem Leben und den Verhältniſſen des jungen Prinzen genug, um dieſes Ver⸗ ſchwinden mit ſeiner eiligen Sendung in Verbindung bringen und die äußerſt delikate Natur derſelben begreifen und würdigen zu können.

Fürſt Theodor war von väterlicher Seite ein Verwandter des regierenden Hauſes der Romanow, während ſeine Mutter dem polniſchen Hauſe der Leſzezynſki, das Polen einen ſeiner letzten Könige gegeben, entſtammte. Von ſeinem Vater hatte er eine Beſitzung in Finnland geerbt, mit welcher Peter der Große die Dienſtleiſtungen eines ſeiner Vorfahren belohnt, von ſeiner Mutter war ihm eine ihr von der

Königin Maria Leſzczynſka herrührende Beſitzung in Frankreich zu⸗

gefallen. Die Natur hatte den jungen Fürſten mit Schönheit und glänzenden Geiſtesgaben ausgeſtattet, ihm aber als Kehrſeite der⸗ ſelben heftige Leidenſchaften gegeben, ſo daß er ſich in Liebesintri⸗ guen und Händel aller Art verſtrickte und bis über die Ohren in Schulden gerieth.

Schlimmer als dieſe Kalamitäten war es aber, daß man den Fürſten höheren Ortes von Kindheit an mit Mißtrauen betrachtet hatte. Seine franzöſiſchen Beſitzungen und ſeine polniſche Mut er wurden als Urſachen revolutionärer Neigungen bei ihm angeſehen und er wurde ſo lange mit Spionen umgeben, daß er vielleicht aus Trotz das ward, was man ihm mit Gewalt andichtete. Seit längerer Zeit machte Fürſt Theodor aus ſeinen liberalen Anſichten oder was man in Rußland ſo nannte kein Hehl und galt für das Haupt der polniſchen Partei in Petersburg. Und nun war dieſer Fürſt Theodor plötzlich verſchwunden!

Wie man ſich erzählte, ſollte der Palaſt Ozinoff plötzlich von Wachen beſetzt worden ſein, ein Offizier mit einigen Mann habe eine Durchſuchung aller Räume vorgenommen, ſämmtliche Papiere mit Beſchlag belegt, den Fürſten ſammt ſeinem vertrauten Kammer⸗ diener verhaftet und Beide in einem verſchloſſenen Wagen aus Petersburg fortgeſchafft. War ein ſolches Ereigniß angethan, in vielen Kreiſen Schrecken und Beſorgniß zu erregen, ſo konnte auch die franzöſiſche Geſandtſchaft davon nicht unberührt bleiben. So vorſichtig Louis Philipp ſeine Karten zu miſchen verſtand und ſo ſehr er um die Freundſchaft des Selbſtherrſchers aller Reußen buhlte, unterließ man es Seitens der franzöſiſchen Regierung doch nicht, mit der polniſchen Emigration zu liebäugeln. Fürſt Theo⸗ dors Verhaftung ſollte mit der Entdeckung eines vorbereiteten neuen Ausbruches der polniſchen Inſurrektion zuſammenhäugen und es ließ ſich nicht abſehen, welche Verlegenheiten Frankreich aus der Beſchlagnahme ſeiner Papiere zu erwachſen vermochten.