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Illuſtrirte Chronik der Zett.
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ſeinen Weg durch's Leben beinahe ganz allein gebahnt hatte. Als der Sohn eines armen Schuhmachers zu Odenſe auf der Inſel Fünen am 2. April 1805 geboren, verbrachte er ſeine Kindheit in der größten Be⸗ ſchränkung und konnte kaum eine ordentliche Schule beſuchen; allein der ſchöpferiſche Drang erwachte in ihm ſchon frühe, und während er dem Vater Pechdraht ziehen und Leder klopſen mußte, erſann er kleine Schau⸗ ſpiele, die er vor den Nachbarn auf einem Puppentheater aufführte. Als er noch nicht 14 Jahre alt war, ſtarb ſein Vater, und Anderſen machte ſich mit ſpärlichen Mitteln auf den Weg nach Kopenhagen in dem un⸗ klaren Drange, daſelbſt ſein Glück zu verſuchen, zunächſt wenigſtens eine beſſere Schulbildung zu erlangen. Dem unerfahrenen rathloſen Knaben blieben die mannigfaltigſten Prüfungen nicht erſpart, bis ſich endlich einige angeſehene Gelehrte, Dichter und Künſtler, wie Baggeſen, Guldberg, Si⸗ boni u. A., ſeiner lieb⸗ und hilfreich annahmen und ihn zunächſt als Theaterzögling unterbrachten, wodurch er eine Lateinſchule mit Erfolg be⸗ ſuchen konnte und mit den Meiſterwerken der Literatur vertraut wurde. Einige lyriſche und ſatyriſche Gedichte und ein. Singſpiel:„Die Liebe auf dem Nikolaithurm“, lenkten die öffentliche Aufmerkſamkeit auf dieſes frühe Talent und gewannen ihm Freunde und eine Stellung, ſo daß er ſchon 1831 jene Reiſe nach Norddeutſchland antreten konnte, auf welcher er Chamiſſo, Ludwig Tieck u. A. kennen lernte und durch dieſe auch der deutſchen Leſewelt bekannt gemacht wurde, und deren Eindrücke er in ſeinen „Schattenbildern“ ſo hübſch geſchildert hat. Als er dann 1833 ein könig⸗ liches Reiſeſtipendium erhielt und damit nach Paris, der Schweiz und Italien ging, wo er ſich Thorwaldſen innig befreundete, wuchs ſein geiſtiger Horizont, und mehrere Dramen und drei Romane:„Der Improviſator“, „O. T.“, und„Nur ein Geiger“ waren die reifen Früchte dieſer theil⸗ weiſen Weltſchau. Zugleich hatten dieſe Reiſen in ihm die Sehnſucht ge⸗ weckt, noch mehr von Europa zu ſehen, und nun begann er jenes Wander⸗ leben, welches ihn allmählig beinahe durch alle Länder Europa's führte, ſo daß er ſich lange Jahre nur noch zei'weilig in Kopenhagen auſhielt, um hier gleichſam von ſeinen Wanderungen auszuruhen und die heim⸗ gebrachten Reiſefrüchte zu verarbeiten. Auf dieſen Reiſen ſuchte er die Bekanntſchaft der hervorragendſten Dichter und Künſtler aller Länder, die dann ihr Möglichſtes thaten, ſeinen Werken in ihrer Heimath Eingang zu verſchaffen. Namentlich war dies mit ſeinen reizenden„Märchen“ der Fall, von denen er ſeit 1843 verſchiedene Sammlungen herausgegeben hat und die beinahe in alle Sprachen der civiliſirten Welt übertragen wurden und ungemeinen Beifall fanden. 1862 gab er ſein Wanderleben auf und ſetzte ſich in Kopenhagen feſt, wo ihm die allgemeinſte Verehrung zu Theil ward. Die Zartheit und Tiefe ſeines Gemüthes machen ihn zu einem allgemein beliebten Dichter, der wunderbar innige und ergreifende Lieder und originelle humoriſtiſche Romanzen aufzuweiſen hat und in ſeinen Romanen eine ungemein glückliche Geſtaltungsgabe, hübſche Charakterzeichnung und anſchauliche Schilderung nationaler Sitten aufweist, während ihm für die dramatiſche Dichtung Tiefe der Leidenſchaft, Schärfe der Charakteriſtik und Verſtändniß der Technik einigermaßen fehlen. In ſeinen Märchen treten uns ſeine heitere Laune, ſein Reichthum an ſchöpferiſcher Phantaſie und an Bildern in der ſprechendſten Weiſe entgegen und zeigen uns ſein in⸗ nerſtes Weſen. In den letzten Lebensjahren, die er behaglich und ſorgenfrei verbringen durfte, hat er wenig mehr produzirt, und nach kurzer Krank⸗ heit entrückte ihn der Tod am 5. Auguſt 1875 ſeinen zahlreichen Freun⸗ den und Bekannten.
Der erſte Zahn.
(Mit Bild auf Seite 304.)
Schon ſeit Wochen hatte die junge Mutter alltäglich in dem Mündchen ihres Lieblings herumgeſucht, auch mit dem Stiel eines Blechlöffels herum⸗ getaſtet, ob nicht da oder dort das erſte Zähnchen zu entdecken ſei, denn der kleine Burſch war ja nun bereits ein halbes Jahr alt, hatte in letzter Zeit oft ſehr unruhig geſchlafen, viel ſchlechte Laune gehabt und oft ſtunden⸗ lang, manchmal faſt wie ein Verhungerter, auf ſeiner Veilchenwurzel, die, wie man ſagt, das Hervorbrechen der Zähne erleichtert, herumgebiſſen. Geſtern und heute nun hatte ſich ſogar etwas Fieber eingeſtellt, und da war denn die junge beſorgte Frau einmal ſchnell zu ihrer Mutter hinüber⸗ geſprungen mit der dringenden Bitte, doch ſo bald als möglich einmal zu dem Kinde zu kommen, das ganz ausſehe, als wolle es ernſtlich krank werden. Da hatte denn die erfahrene Alte keinen Augenblick geſäumt (wenn es ihrem Enkelchen galt, hatte ſie immer ſofort Zeit) und war ſo⸗ gleich mit nach dem Gehöft ihres Schwiegerſohnes hinübergegangen. Dort in der Wohnſtube ſetzte ſie nun ihre Brille auf, nahm den kleinen Pa⸗ tienten auf den Schoß und ſchaute ihn einige Augenblicke prüfend an, fühlte dann mit dem Zeigefinger der rechten Hand in das verdrießliche Mündchen— und ein Lächeln glitt über ihr faltiges Geſicht.„Nun, mit dem Krankwerden hat es gute Wege!“ rief ſie,„der Bub hat ſeinen erſten Zahn bekommen. Gott gebe, daß er Zeit ſeines Lebens etwas Ordentliches zu beißen hat!“ Ein beglückenderer Beſcheid konnte der jungen Frau gar nicht werden.„Der erſte Zahn!“ jubelte ſie, und ſchloß ihr geliebtes Kind in ihre Arme,„der erſte Zahn!“ Die alte Großmutter aber lehnte ſich in den Stuhl zurück und zerdrückte eine Thräne in ihrem Auge.„Ja, ja, es iſt in Allem ein ewiges Wechſelſpiel,“ murmelte ſie vor ſich hin,„die Jungen bekommen ſie und die Alten verlieren ſie.“ L. S.
Der Waſſerfall bei Romkerhalle im Harz.
(Mit Bild auf S. 305.)
Wer den ſchönen Harz beſucht und namentlich das intereſſante Gos⸗ lar, die alte deutſche Kaiſerſtadt, berührt, deren Rathhaus, Domkapelle und Kaiſerpfalz, welche demnächſt der Vollendung ihrer Reſtauration entgegen⸗ geht, wirkliche Sehenswürdigkeiten ſind, der macht gewöhnlich auch einen Ausflug nach dem benachbarten Okerthal, oder berührt dieſes auf dem Wege nach der anderen und ebenfalls höchſt ſehenswerthen Bergſtadt Claus⸗ thal. Das Okerthal gehört zu den beſuchteſten Punkten des Harzes und verdient auch einen Beſuch, denn wer noch kein größeres Gebirge geſehen hat, der bekommt hier den erſten Begriff von dem ſtattlichen Aufbau der Bergwelt. Wer von Goslar oder von Harzburg aus das Okerthal be⸗ ſuchen will, der muß ſeinen Weg über das etwa eine Wegſtunde von bei⸗ den entfernte Dorf Oker nehmen, wo großartige Hütlenwerke ſind und die Häuſer⸗ und Gebäudereihen ſich über eine halbe Stunde lang in das rei⸗ zende Thal hinein erſtrecken. Durch dieſes Okerthal gelangt man von Goslar aus in 3 ½ bis 4 Stunden Fahrzeit nach den ſchweſterlich bei⸗ ſammen liegenden Bergſtädten Zellerfeld und Clausthal.
Noch ehe man das Dorf mit den Hüttenwerken hinter ſich und die Meſſinghütte erreicht hat, tritt Einem an den Thalhängen der Charakter der Harznatur friſch und unverkennbar entgegen. Auf dem rechten oder öſtlichen Ufer ſteht Granit an, erhebt ſich zu ſteilen Hängen, zeigt ſich theilweiſe in bizarre Klippen zerriſſen und zerſpalten und weist die aben⸗ teuerlichſten Felſengruppirungen in den mit Nadelwald beſtandenen Berg⸗ hängen auf. Die linke oder weſtliche Seite des Thales iſt mit kaum minder ſteilen Höhen von lichter Grauwacke beſetzt, an denen aber theil⸗ weiſe ſehr ſchöne Lärchenwälder grünen. Das Bett der Oker iſt mit Felſentrümmern aller Art verſperrt, ſo daß das klare Waſſer in tauſend ſchäumenden Kaskaden und Wirbeln neben der gutgehaltenen Straße im Thalgrunde hinplatſchert. Kühne Höhen, Felſenſtirnen und Klippen ſchauen von beiden Seiten in's Thal herab und führen verſchiedene Na⸗ men wie Ziegenrücken, Studentenklippe, Kahlbergsklippen, Treppenſtein, Käſtenecke, Romkerklippe u. ſ. w. Am Fuße der letzteren ſteht ein kleines Gaſthaus, welches den anſpruchsvollen Namen Romkerhalle wenig recht⸗ fertigt, und dieſem gegenüber liegt der KRomker⸗Waſſerfall, von wel⸗ chem wir S. 305 eine Anſicht geben. Der Waſſerſall iſt ein künſtlicher und empfängt ſein Waſſer aus einem droben angelegten Stauungsweiher, aber das Bett des Sturzbaches iſt ſehr ſinnreich angelegt, und wenn das in weißem Schaum zerſtiebende Waſſer inmitten dieſer grünen Umgebung von Wald und Felſen am Abhang herunter donnert, ſo hat man immerhin ein verjüngtes Abbild der großen Staubbäche der deutſchen und ſchwei⸗ zeriſchen Alpen, welches den Naturfreund zu entzücken und zu befriedigen derinis und den anmuthigen und müheloſen Spaziergang hieher reichlich lohnt.
Der Hummer. (Mit Bild auf S. 308.)
Unſer Flußkrebs, deſſen Fang wohl viele von unſeren Leſern in ihren Jugendjahren ſehr ergötzte, hat einen nahen, nur bedeutend größeren Verwandten in dem Hummer, dem Astacus marinus oder Ho- marus vulgaris der Naturforſcher. Dieſer ſtattliche Kruſter, deſſen Anſicht wir auf unſerem Bilde Seite 308 geben, iſt von dem Flußkrebs nur durch wenige Merkmale und durch die bedeutendere Größe verſchieden, welche zu⸗ weilen von der Stirnſpitze bis zum Leibesende 1 ½ Fuß beträgt. Der lebende Hummer iſt dunkelbraun marmoritt, aber die Schale nimmt, wie beim Fluß⸗ (rebs, durch das Sieden eine ſchöne rothe Farbe an. Den Hummer trifft man in allen Meeren der nördlichen Halbkugel, in den europäiſchen Meeren von Norwegen bis zum Mittelmeer, wo er jedoch ſchon ſeltener iſt. Da⸗ gegen kommt er an den klippenreichen Küſten von Norwegen, Helgoland, der Bretagne und Normandie, Irlands und Nordſchottlands nebſt ſeinen benachbarten Inſeln in ungeheuren Mengen vor und bildet einen beträcht⸗ lichen Handelsartikel. Wenn man bedenkt, daß in London allein jährlich zwei bis drei Millionen Hummer eingeführt und verſpeist werden, von welchen ſehr viele aus Norwegen kommen, und daß Paris und andere Großſtädte ebenfalls einen großen Konſum von Hummern haben, ſo kann man ſich einen Begriff von der rieſigen Verbreitung und Maſſenzahl dieſes Kruſtenthieres machen, deſſen ſchönes weißes Fleiſch ſehr fett und wohl⸗ ſchmeckend iſt, namentlich im Frühjahr von Oſtern bis Johannis. An den Küſten von Nordamerika in der gemäßigten und kälteren Zone iſt der Hummer ebenſalls ungemein zahlreich und kommt zum Verſpeiſen fertig und in lufldichte verlöthete Blechbüchſen verſchloſſen neuerdings ſogar aus dem britiſchen Columbia bis zu uns. Das Fleiſch der im Sommer ge⸗ fangenen Hummer, namentlich das der Weibchen, die entweder noch ihre nahezu 12,000 Eier unter dem Schwanze tragen oder ſchon Eier gelegt haben, gilt mit Recht weder für ſchmackhaft noch geſund, und ein Gleiches kann man auch von den in der Häutung befindlichen„Weichhummern“ ſagen, denn jeder Hummer wechſelt mindeſtens einmal im Jahr ſeine feſte Schale. An der Küſte von Norwegen und in den Gewäſſern von Nord⸗ ſchottland und Irland findet man den Hummer vorzugsweiſe auf jener Terraſſe oder Felsbank, welche ſich vor den Küſten hinzieht und dann jäh zur Tiefſee abſtürzt. Zum Fang der Hummer, welcher vorzugsweiſe bei Nacht betrieben wird, bedient man ſich entweder großer Körbe, oder eiſerner, mit cinem leicht gewölbten Netz überſponnener Reife, in denen man mitten im Netz ein Stück Fleiſch gebunden hat. Dieſe Körbe und Netze we im's Meer verſenkt und emporgezogen, ſobald man einen Hummer der bemerkt oder vermuthet; dann werden dem Thiere Holzpflöckchen zwif
jede Scheere geſteckt und dieſe zuſammengebunden. In dieſem Zuſtande


