Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

übermüthige Anna iſt! O, das wird ein Spaß zum Todt⸗ lachen!... und das heitere lebensfrohe Mädchen hatte dabei im Voraus ſein glücklichſtes Lachen angeſtimmt.

Das Alles war in Gegenwart der Eltern Margarethens ver⸗

handelt worden, die ſich von dem Scherz ebenfalls eine gute Wir⸗ kung verſprachen, denn ihr zukünftiger Schwiegerſohn zeigte ſich in der That doch ein wenig gar zu nüchtern und kühl.

Anna hatte in ihrer fröhlichen, übermüthigen Weiſe Alle mit fortgeriſſen. ‚Es wird ihn ſchon aufrütteln, war ihre Meinung geweſen. ‚Die Komödie iſt zu reizend, und ich werde als Liebhaber ganz prächtig ausſehen. In ihrer glücklichen Laune hatte ſie ein letztes leiſes Bedenken, das ſich in dem Herzen Margarethens zu regen begann, völlig niedergekämpft.

Der Schweſter war auch nicht die geringſte Ahnung gekommen, daß in der Bruſt ihres ſo phlegmatiſchen, ruhigen Bruders Stürme ſchlummern könnten, die einen ſolchen Scherz äußerſt gefährlich machten, und auch den Eltern der Braut hatten ſolche Gedanken

ganz fern gelegen. Der Scherz, von dem ſich das fröhliche, über⸗ müthige Mädchen eine ſolch erheiternde und ſogar glückliche Wirkung verſprach, ſollte ſo tragiſch enden, daß ihr Geiſt dem furchtbaren, unerwarteten Schlage nicht gewachſen war.

Und iſt die Aermſte unheilbar? fragte ich tief ergriffen.

Der Doktor zuckte mit den Achſeln.Was könnte der Un⸗ glücklichen eine Heilung nützen! war ſeine Antwort.Selbſt wenn ſie ihren Verſtand wieder gewinnt, müßte ſie ihn von Neuem verlieren, ſobald ſie an die entſetzlichen Folgen ihres unheilvollen Scherzes denkt. Nein, für ſie iſt die Nacht des Wahnſinns ein Glück, ſie befreit die Aermſte von den furchtbaren Gewiſſensbiſſen, die ſie ſonſt heimſuchen würden.

Ich mußte dem Doktor Recht geben, wir ſchüttelten uns die Hände, und als ich ſchon die Heilanſtalt hinter mir hatte, hörte ich noch jenes ſeltſame Lachen der Irrſinnigen, klang es noch lange in mir nach:Es war ja nur ein Scherz.

icht blos die Sitten und Gewohnheiten machen uns Kunſere Heimath lieb und werth, ſondern auch die uns umgebende Natur iſt es, die in zutraulicher und ver⸗ 7 ſtändnißvoller Weiſe zu uns ſpricht. Wir verſtehen die Sprache der Stnger in unſeren Hainen, wir freuen uns über die ſüßduftenden Blumen, die ſchon in den erſten Tagen unſerer Kindheit uns anlächelten. Das Kornfeld mit ſeinen blauen Cyanen und purpurnen Raden, die Wieſe mit zahlloſen Blumen, der Anger mit ſeinem Blüthenſchmucke, der Wald mit ſeinen Anemonen und Glockenblumen erquicken unſer Herz und Gemüth. 3 Freundlich winkt uns das Feld, das Meer der wogenden Aehren; Duftend und blüthengeſchmückt freundlich die Wieſe uns lockt.

Das ſind deutſche Gewächſe, ſo möchten wir meinen, deutſche Blumen, die ſchon unſern Vorvätern geblüht und geduftet. Doch dem iſt durchaus nicht ſo. Ein naturkundiger Freund belehrt uns, daß der Blüthenſchmuck unſerer Heimath größtentheils ein geliehener, ein fremden Ländern entnommener ſei. Nur wenige Pflanzen unſerer deutſchen Flur verdienen mit Recht den Namen deutſche Blumen, die meiſten haben in fernen Zonen ihr Vaterland und ſind nur durch Wanderungen hieher gelangt.

Treten wir heraus aus dem Hauſe in den Blumengarten vor unſerer Thüre, ſo erblicken wir ſchon eine ganze Reihe fremder Ge⸗ wächſe. Alle Erdſtriche und Himmelsgegenden haben ihren Beitrag

zur Verſchönerung unſeres deutſchen Gartens hergeben müſſen, ſo daß ein Gang um die einfachſten Blumenbeete ſchon einer kleinen botaniſchen Reiſe um die Welt gleicht, denn die Blumen ſind es ja vornehmlich, die den Ländern den Ausdruck verleihen und die Vege⸗ tationsdecke zuſammenſetzen. Selbſt das Blumenbrett vor dem Fenſter bietet ſchon eine Auswahl der Kinder Flora's aus faſt allen Erdtheilen.

Zwar finden wir auch einige echt deutſche Blumen in den Gärten, die wegen ihrer Farbenſchönheit von unſeren Fluren, Fel⸗ dern und Wäldern in die Nähe des Hauſes verpflanzt worden ſind, wie z. B. das wohlriechende Schneeglöckchen, deſſen Stammeltern noch heute unſere Moore und Waldwieſen zur Frühlingszeit zieren, den Fingerhut, der in den Gebirgen Mitteldeutſchlands ſeine Heimath hat, den Schneeball, der die Waldränder und Bachufer beſchattet, das Sandimmerſchön oder die deutſche Immortelle mit den nie verwel⸗ kenden Blüthenhüllblättern, das Veilchen, das ſeine dunkeln Ge⸗ büſche verlaſſen, das Vergißmeinnicht, welches der Menſch von ein⸗ ſamer Quelle in ſeine Nähe gebracht, das Maßliebchen, die Mai⸗ blume, das Stiefmütterchen, die Schlüſſelblume und die Nachtviole. Faſt alle andern ſind aus fremden Ländern zugewandert.

Den Garten unſerer alten Vorfahren zierten nur wenige Ge⸗ wächſe. Einige Gewürz⸗ und Arzneipflanzen waren außer den ge⸗ wöhnlichſten Küchenkräutern und einigen Gelbveilchen, unſerem heutigen Goldlack, faſt der ganze Schmuck.

Einen etwas größeren Blumenreichthum zeigten ſchon die Gärten der Griechen und Römer. Viele haben ſich aus dieſen ſpäter bei uns eingebürgert. So der Crocus, die Narziſſe, Gartenanemone, Schleifenblume und Levkoje, die Lilie und der Thymian. Auch der Buchsbaum, der unſere Frühlingsbeete mit ſeinem grünen Kranze umſchließt, hat von dort her ſeinen Weg genommen. Alles, was

der Gärtner zur Orangerie rechnet, die Cypreſſen, Myrten, der Oleander, der Lorbeerbaum, Citronen⸗ und Pomeranzenbäume kamen aus den Ländern des Mittelmeeres nach Deutſchland.

Die Heimath unſerer pflanzen.

Naturwiſſenſchaftliche Skizze von Hugo Sturm.

(Nachdruck verboten.)

Die Alpen haben ebenfalls ihren ſchönſten Schmuck zu uns herab geſendet. Die Aurikel, mehrere Nelkenarten, der blaue En⸗ zian, ein großblumiges Veilchen und Steinbrecharten lieferten die ſüdlichen Abhänge, während die nördlicheren Gebiete Alpenroſen, den Goldregen und den blauen Eiſenhut ſpendeten. Letzterer iſt eine charakteriſtiſche Pflanze der Höhenregion der Sennhütten und ver⸗ ziert deren Umgebung. Ebenfalls aus den Alpen ſtammen die Nießwurze, die als impoſante Frühlingsblumen in unſeren Gärten erblühen.

Aſien ſandte aus allen Gebieten ſeine Gaben. Aus Sibirien erfreuen uns eine Veilchenart, weiße Päonien und mehrere Mohn⸗ arten. Mittelaſien gab die Flockenblumen, Schwertlilien, rothe Päonien und die in neueſter Zeit ſo beliebt gewordenen Herzblumten. In der Mongolei wachſen die großen Aſtern wild; 1728 kamen die erſten in den botaniſchen Garten zu Paris, von wo ſie überaus ſchnelle Verbreitung fanden. Hindoſtan iſt die Heimath der hoch⸗ rothen Canna⸗Arten, der Balſamine und der bengaliſchen Roſe, der Stammmutter unſerer Monatsroſen. Aus Perſien ſtammt die Kaiſerkrone und die Tailpe. Die erſten Tulpen wurden in dem Garten des Kaufherrn Fugger in Augsburg im Jahre 1550 ge⸗ pflanzt. Sie wurden bald Mode⸗ und Lieblingsblumen. Im 17. Jahrhundert war beſonders bei den holländiſchen Mynheers die Tulpenſucht zu einer wahren Manie ausgeartet. Es gab Tulpen⸗ beete, deren Werth bis auf 10,000 Gulden geſchätzt wurde. Man erzählt, daß für eine einzige Zwiebel der unter dem NamenVice⸗ könig bekannten Spielart einſt bezahlt wurden: 30 Scheffel Weizen, 62 Malter Reis, 4 Maſtochſen, 12 Schafe, 2 Stückfaß Wein, 4 Fäſſer Bier und 2 Fäſſer Butter. Zum Beſten eines Waiſen⸗ hauſes wurden ebenfalls in Holland einſt 120 Tulpenzwiebeln für den fabelhaften Preis von 100,000 Gulden verkauft. Dieſe Zeiten ſind nun vorüber, denn heute zeigt ſchon faſt jeder nur ein wenig gepflegte Garten Tulpen in ſchönſter Pracht und Färbung. Die Hyacinthe hat daſſelbe Vaterland und wetteifert mit der Tulpe. Auch heute noch werden ſeltene Sorten ſehr theuer bezahlt. Daß aber auch unſer ſchöner Flieder, ohne den wir uns kaum einen deut⸗ ſchen Frühling denken können, ebenfalls ein aus dem Orient ein⸗ gewanderter Fremdling iſt, wird mir der freundliche Leſer kaum glauben wollen. Ein Geſandter des deutſchen Kaiſers Ferdinand 1. brachte in der Mitte des 16. Jahrhunderts das erſte Reis von dort her mit. Von dieſem einen Stämmchen ſtammen nachweislich alle weſteuropäiſchen Fliederſträuche ab. Japau und China hat eine uralte Blumenkultur; die Blumenzucht iſt dort auf einen hohen Grad der Ausbildung gebracht, obgleich ſie theilweiſe in Kleinlichkeit und Unnatur ausartet. Von dort erhielten unſere Treibhäuſer und Blumentiſche um 1780 die Hortenſien, ferner die Kamelien, Prachtlilien und die zarten Porzellanblumen, die chineſi⸗ ſchen Primel und den vorzüglich zu Ampelſchmuck geeigneten Steinbrech.

Afrika hat namentlich von ſeiner Südſpitze unermeßliche Schätze für unſere Gärten hergegeben. Seine Gaben zeichnen ſich durch Farbenpracht und Formenſchönheit aus. Hier iſt die Heimath der Saft⸗ pflanzen, von hier empfingen wir die ſchönen Haidekräuter, Lilien, Pelargonien, Dickblattpflanzen, Aloéë⸗Arten, Zaſerblumen u. v. a. Aus dem nördlichen Theile dieſes Erdtheils bekamen wir auch einige Zierblumen, von denen ich nur die wohlriechende Reſeda nenne, die aus Egypten in der Zeit von 1735 1742 nach Europa gekommen zu ſein ſcheint.

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