Illuſtrirte Chronik der Zeit.
und ſind aus den von den Geſchwiſtern geführten Tagebüchern geſchöpft.“
„Der Bruder Anna's konnte ſich trotz ſeines Phlegma'’s zum Führen eines Tagebuches aufraffen?“ fragte ich ein wenig ungläubig.
„Gerade ſolch' ſchweigſame, zum Reden nicht aufgelegte Men⸗ ſchen fühlen den lebhafteſten Drang zu ſchriftlichen Mittheilungen, und um all' Ihre Zweifel zu heben, ſollen Sie nachher Einſicht in die beiden Tagebücher erhalten,“ erwiederte der Doktor.
„Und das Ende der Geſchichte?“ fragte ich jetzt.
„Läßt Sie Ihre Phantaſie im Stich?“ fragte der Doktor etwas ſarkaſtiſch zurück.
„Das nicht,“ war meine Antwort,„aber ich ſuchte eben bei Ihnen die Wirklichkeit.“.
„Ich kann Ihnen auch wirklich nur Thatſachen berichten,“ entgegnete der Doktor;„deshalb müſſen Sie mit meiner einfachen Geſchichte ſo zufrieden ſein, wie ich ſie Ihnen zu geben vermag,“ und er fuhr in ſeiner Erzählung fort:
„Das übermüthige Mädchen war glücklich, daß ſie eine Ge⸗ legenheit gefunden, dem Bruder all' dieſe nützlichen Lehren zu erkheilen, ohne zu ahnen, wie es jetzt in dem Herzen Benno's aus⸗ ſah. Sie hatte ſich doch über ſeinen Gleichmuth und ſein unbeſieg⸗ bares Phlegma getäuſcht. In ſeiner Bruſt tobte jetzt ein Sturm, den er vergeblich durch eine Wanderung in den Wald ein wenig zu beſänftigen ſuchte. Erſt in der Abenddämmerung kehrte er heim und er war glücklich, daß er die Schweſter nicht mehr fand. Sie ſollte nicht ſehen, wie furchtbar er litt, wie all' ſein Gleichmuth plötzlich hinweggeweht war und ſein Inneres eine Leidenſchaft durchglühte, vor der Anna erſchrocken wäre, wenn ſie einen Einblick davon erhalten hätte. Er ſchwur ſich— nein,“ unterbrach ſich der Doktor plötzlich,„kommen Sie auf mein Zimmer. Sie ſollen die letzten abgereſſenen Zeilen leſen, die der Unglückliche in ſein Tagebuch geſchrieben hat, das wird Ihnen ein weit beſſeres Ver⸗ ſtändniß für den eigenthümlichen Charakter des jungen Mannes geben,“ und der Arzt zog mich ohne Weiteres mit ſich fort und führte mich auf ſein Zimmer.
Wohl merkte ich die Abſicht des Doktors, daß er meinen geäußerten Unglauben vollends entkräften wolle; aber ich entgegnete nichts und nach flüchtigem Suchen legte er mir ein geſchriebenes Heft vor, auf deſſen letzter Seite ſtand:
„Ich bin im Forſt herumgelaufen wie ein gehetztes Wild, aber ich finde nirgends Ruhe.— Iſt es denn wirklich wahr? Sie liebt mich nicht mehr, ſie liebt einen Andern und ſie iſt heim⸗ tückiſch genug, mir es nicht einmal offen zu ſagen. Ach, und ich hab' immer geglaubt, ihre blauen Augen könnten nicht lügen.— Es lag ſo viel Treue, ſo viel Ehrlichkeit darin und nun iſt Alles Trug und Heuchelei!— Ich kann es gar nicht glauben! Es iſt zum Wahnſinnigwerden! Aber Anna lügt nicht. O, in meinem Hirn glüht und brennt's wie Feuer— und erſt in meinem Herzen!— Sie hat vielleicht gedacht, daß es mir nicht wehe thun würde, weil ich ſo ruhig bin.— Muß man denn immer ſeine heiligſten Gefühle aller Welt zeigen?!
Ich hab' gemeint, daß mich Margarethe verſtehen würde, daß ich nicht nöthig hätte, viel Worte zu machen, um ihr zu beweiſen, wie 6 in meinem Herzen ausſieht, und wie tief und namenlos ich ſie liebe.—
Und nun kommt ein Anderer, der ſie mit leeren Schmeicheleien berauſcht, und ſie wirft ſich ihm ſogleich an den Hals!— Aber Geduld! Sie ſoll erfahren, wie heiß das ſonſt ſo kalte Blut in meinen Adern aufflammt, wie furchtbar der Sturm iſt, wenn er einmal entfeſſelt durch die ſo ruhige Bruſt tobt.— Ich will mir Gewißheit verſchaffen, und wenn ich ſie habe— dann— dann—
Anna hat mir geſagt, daß ſie ſich auf heute Abend verab⸗ redet.— Schon gut! Ich werde zur Stelle ſein. O, ich kann die Stunde kaum erwarten.— Die Welt ſoll erfahren, wie der ſonſt ſo phlegmatiſche Förſter Roth ſeine Ehre zu wahren weiß! Zuerſt ſie— dann erl— Um acht Uhr!— O wie viel Ewigkeiten ſind noch bis dahin!“—
Als ich dies Tagebuchfragment geleſen hatte, fragte der Doktor lächelnd:„Sind Sie nun überzeugt, daß ich noch nicht unter die Novelliſten gegangen bin und mir die traurige Geſchichte erfunden habe?“ —„Und das Ende?“ fragte ich, denn ich war von der Lektüre dieſer Zeilen zu bewegt, um ſeinen verſteckten Angriff zu erwiedern. Der gute Doktor konnte es mir noch immer nicht verzeihen, daß ich ihn für einen Dichter gehalten hatte.
„Eigentlich hab' ich nichts mehr zu erzählen,“ antwortete er lebhaft,„denn es muß Ihnen leicht ſein, den Schluß zu finden.“
„Nein, der Poeſie ſteht noch immer irgend eine Pforte offen, durch die ſie ihre Helden glücklich entſchlüpfen läßt, wenn ſie will,
nur die Wirklichkeit geht ihren grauſamen, eigenſinnigen Weg und zermalmt mitleidslos die Opfer, die ſie ſich auserkoren hat,“ war meine Entgegnung.
Der Doktor nickte mit dem Kopfe.„Sie mögen Recht haben. Nun, ſo hören Sie das Ende,“ und mit raſchen Schritten durch das Zimmer wandernd, nahm er ſeine Erzählung wieder auf. „Endlich brach die Dunkelheit herein und der Förſter machte ſich auf den Weg zu ſeiner Verlobten. Wie es in ſeinem Herzen aus⸗ geſehen und getobt haben mag, verräth uns das Fragment ſeines Tagebuches. Die Doppelflinte auf dem Rücken, ſchreitet er haſtig durch den Wald. Ein Mann, dem er an jenem unglückſeligen Abend begegnete, hat dann geſagt, daß er den Förſter gar nicht wieder erkannt habe, ſo finſter ſei ſein Geſicht geweſen, ſo unheim⸗ lich hätten ſeine Augen geleuchtet. Er kommt zur Stelle, eilt in den Garten, es iſt Alles ſtill... Mit der Schlauheit und Vor⸗ ſicht eines Jägers, der ein Wild beſchleicht, ſucht er ſich dem Sommer⸗ haus zu nähern. Er glaubt ein leiſes Flüſtern zu hören. Die Fenſterläden ſind nicht einmal geſchloſſen, ſo ſicher vor jeder Ent⸗ deckung fühlt ſich die Verrätherin.— Doch er muß völlige Gewißheit haben— dies Flüſtern kann ihn täuſchen, vielleicht iſt es nur ein Rauſchen der Blätter, mit denen der Nachtwind ſpielt... Vor⸗ ſichtig wagt er einen Blick durch das Fenſter zu werfen, und ſein Herz droht ſtill zu ſtehen... ein Paar ſitzt dort auf dem kleinen Divan und hält ſich innig umſchlungen. Das Mondlicht zittert
durch das Häuschen und ein Strahl fällt gerade auf das blühende,
lächelnde Geſicht Margarethens, ſie lehnt ſich an die Schulter des jungen Mannes und ſcheint eifrig ſeinen Worten zu lauſchen.
Nun verliert der Förſter die Beſinnung. Eine wilde Raſerei erfaßt ihn. Es iſt alſo doch Wahrheit— herztödtende, grauſame Wahrheit... und er hatte noch immer gehofft, die Schweſter könne ſich getäuſcht haben.— Er tritt einige Schritte zurück, reißt ſeine Flinte an die Backe, zielt, und ein Schuß hallt durch die Stille der Nacht. Ein entſetzlicher Schrei folgt; noch einmal abfeuern, um auch den verhaßten Nebenbuhler aus der Welt zu ſchaffen, da hört er den verzweifelten Ruf:„Es war ja nur ein Scherz! O mein Gott!“
Roth prallt zurück, die Stimme kommt ihm bekannt vor, der junge Mann, der jetzt an das offene Fenſter tritt und wild ver⸗ zweifelnd die Hände ausſtreckt, trägt die Züge ſeiner Schweſter...
„Anna, biſt Du es?“ bebt es von ſeinen Lippen.
„Es war ja Alles nur ein Scherz. Wir wollten Dich ein wenig eiferſüchtig machen, und nun haſt Du ſie getödtet und ich bin an Allem ſchuld!“ jammerte die Schweſter, die er jetzt vollends erkennt. Sie iſt es wirklich, er kann ſich nicht länger täuſchen, und in wilder Verzweiflung ſtürzt er in das Häuschen. Dort liegt das geliebte Mädchen mit gebrochenen Augen— todt. O, er hatte nur zu gut getroffen.— Er wirft ſich jammernd über die Todte, bedeckt ihren Mund mit ſeinen Küſſen; aber ſie erwacht nicht mehr davon und er ſpringt wieder auf, packt wie ein Raſender die Schweſter bei den Schultern und ſchreit:„Was haſt Du gethan, Unſelige! Du haſt mich zum Mörder gemacht, zum Mörder an meiner Margareth!“
„Es war ja nur ein Scherz. Wie konnte ich ahnen, daß er einen ſolchen Ausgang nehmen würde?“ ſtammelte das junge Mäd⸗ chen beſtürzt.
„Ja, ein Scherz!“ wiederholt der Bruder und lacht ingrimmig auf.„Nun, Dein Scherz hat zwei Menſchen in den Tod gehetzt, biſt Du damit zufrieden?“ und er eilt hinaus, um nach ſeiner Doppelflinte zu ſuchen, und ehe ſie es hindern kann, jagt er ſich eine Kugel durch den Kopf.
Anna ſtürzt an ſeiner Leiche nieder und murmelt:„Es war ja nur ein Scherz!“ Dann bricht ſie plötzlich in ein konvulſiviſches Lachen aus und die Nacht des Wahnſinns legt ſich wohlthätig über den Geiſt des unglücklichen Mädchens...
Ja, ja, ich ſtimme Ihnen zu,“ ſchloß der Doktor ſeine Er⸗ zählung,„die Wirklichkeit geht ihren grauſamen, eigenſinnigen Weg, ſie verliert ſich ſelten in's Freundliche und Harmoniſche. Die beiden Mädchen hatten den Streich ſo reizend gefunden, den ſie dem zu kühlen Liebhaber zu ſpielen gedachten, und beſonders die lebhafte und heitere Anna war vorher unerſchöpflich geweſen im Ausmalen der Scene. Wie er bei all ſeinem Phlegma doch haſtig eintreten werde, wenn er das zärtliche Paar belauſcht und ihr Flüſtern gehört. „Gib Acht,“ hatte ſie zu der Freundin geſagt, zer wird doch heftig
dann ſagſt Du ihm, daß ſeine Kälte ſchuld ſei, daß Dein Herz endlich darüber auch erſtarrt ſei, und dabei lehnſt Du Dich recht zärtlich an mich an, und ich werde ſchon meine Rolle als feuriger Liebhaber ſpielen. Und was er für Augen machen wird, wenn er endlich dahinter kommt, daß der gefährliche Nebenbuhler, der
ihm beinahe das Herz ſeiner Braut geſtohlen, ſeine Schweſter, ſeine
er will raſch ſeine Flinte
werden, aufbrauſen und Dir die ſchönſten Vorwürfe machen, und
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