Illuſtrirte Chronik der Zeit.
„Heute iſt er früher wie gewöhnlich gekommen.“
„Sagte er Ihnen, daß er Beſuche erwarte?“
„Nein.“
„Empfängt er überhaupt keine Beſuche?“
„Geſtern waren zwei Herren hier.“
„Ich kenne die Herren. Hat Becker in dieſem Hauſe eine möblirte Wohnung gemiethet?“
„Ja, zwei Zimmer, er zahlt dafür einen anſtändigen Preis, als Sekretär eines ſo reichen Herrn wird er das wohl können. Es ruht doch kein Verdacht auf ihm?“
„Nein,“ erwiederte der Kommiſſär raſch,„aber nichtsdeſto⸗ weniger verlange ich von Ihnen, daß Sie ſchweigen. Sie werden weder ihm noch Ihrer Herrſchaft ſagen, daß ich hier geweſen bin, verſtanden?“
„Wie Sie befehlen!“
„Empfängt Becker Briefe?“
„Hier im Hauſe nicht.“
„Haben Sie Ausgänge für ihn beſorgt?“
„Auch das nicht, er ſpricht überhaupt nicht mit mir. Ich bringe ihm Morgens ſein Frühſtück und die Zeitung und ſehe ihn dann nicht mehr; wenn er ausgeht oder nach Hauſe kommt, bin ich gewöhnlich in der Küche beſchäftigt.“
„So, ſo— Ihnen liegt es wohl ob, ſeine Zimnier in Ord⸗ nung zu halten?“
Das Mädchen lachte.
„Ja, allerdings,“ erwiederte ſie,„aber er nimmt es in dieſem Punkte nicht genau, Reinlichkeit und Ordnung gehören nicht zu ſeinen Tugenden.“
„Um ſo beſſer für Sie! Haben Sie nie etwas in den Zim⸗ mern gefunden, was Ihnen auffallend ſchien?“
„Zum Beiſpiel?“
„Hm— eine Waffe, oder—
„Er iſt im Beſitz eines Revolvers.“
„Haben Sie vielleicht bemerkt, daß er Werthpapiere oder werth⸗ volle Schmuckſachen beſitzt?“
„Nein,“ erwiederte das Mädchen,„die Siebenſachen, die er mit⸗ gebracht hat, ſind ſehr armſelig.“
„Kommen wir noch einnial auf den Fremden zurück! Sie wiſſen alſo nicht, ob er mit dem Sekretär befreundet iſt?“
„Ich kann Ihnen darüber gar keine Auskunft geben, der Mann iſt mir ganz unbekannt.“
lich ſein.
In dem großen Saale, erregten zwei Frauen mein beſonderes mit niedergeſchlagenem Haupte in ihrem Lehnſtuhle und ſtarrte mit einem Ausdruck der Schwermuth und des Schmerzes vor ſich hin, der etwas unendlich Rührendes und Erſchütterndes hatte; die Andere
der die weiblichen Irrſinnigen barg, Intereſſe. Die Eine ſaß
mit queckſilberner Beweglichkeit durch den Saal, ſtieß von Zeit ein übermüthiges Lachen aus, das aber plötzlich Dann rang ſie krampfhaft die Hände und murmelte vor „Es war ja nur ein Scherz!“
wanderte Zeit zu abbrach. ſich hin:
der Stadt ſagt man's ganz off
„Na, dann habe ich für jetzt keine weitere Frage an Sie zu richten,“ ſagte der Kommiſſär.„Vergeſſen Sie nicht, daß ich die ſtrengſte Verſchwiegenheit von Ihnen erwarte, ein unbedachtes Wort könnte mich ernſtlich böſe machen, und ich denke, das werden Sie nicht wünſchen. Sodann verlange ich von Ihnen, daß Sie den Sekretär beobachten, damit Sie ſpäter meine Fragen ausführlicher beantworten können, und ſollten Sie in die Lage kommen, mir eine wichtige Mit⸗ theilung machen zu können, ſo werden Sie mich in meinem Bureau finden. Adieu!“
Er ging hinaus und blieb an der nächſten Ecke ſtehen, um die Rückkehr des Müllers zu erwarten.
Valentin Krumm hatte durch ſeinen Beſuch den alten Freund ſehr unangenehm überraſcht.
„Daß Du auf dem Blocksberg ſäßeſt!“ waren die erſten Worte geweſen, mit denen Becker ihn empfing, aber der Müller ließ ſich durch dieſen Empfang nicht beirren, er nahm auf einem Stuhle Platz und trocknete die naſſe Stirne.
„Möchte es auch wünſchen,“ ſagte er lakoniſch,„bei der heißen Witterung iſt es dort jedenfalls angenehmer wie hier. Aergert es Dich ſo ſehr, daß ich ich Dich beſuche?“
„Das fragſt Du noch?“ erwiederte der alte Mann aufbrauſend. „Es kann mir doch wahrlich nicht lieb ſein, in eine Unterſuchung verwickelt zu werden.“
„Durch mich?“
„Ja, durch Dich! Der alte Förſter iſt verſchwunden, und in
fen, der Verdacht ruhe auf Dir.“
Valentin lachte heiſer, er ſtützte das Kinn auf ſeinen Stock und ſah den Sekretär höhniſch an.
„Biſt Du auch einer von Denen, die Alles glauben, was von müßigen Zungen geſchwätzt wird?“ fragte er.„Was geht Dich und mich der Förſter an!“
Der alte Mann war vor dem Müller ſtehen geblieben.
Du weißt, wo er iſt,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,
ſchon auf der See, ich hätte keine Stunde gezögert.“
„Dummheit!“ unterbrach Valentin ihn ärgerlich.„Wenn ich ſofort die Flucht ergriffen hätte, wäre darin ein Schuldbeweis gefunden und die Hetzjagd auf mich eröffnet worden. Sie haben mich und mein Weib verhört und mein ganzes Haus durchſucht, aber trotz aller Mühe nichts entdeckt.“
„Sie ſuchen noch immer!“
7
„Valentin, ich an Deiner Stelle wäre jetzt
(Fortſetzung folgt.)
Folgen eines Scherzes. Erzählung von Ludwig Habicht. Der Doktor wandte ſich zuerſt an die Schwermüthige und
(Nachdruck verboten.)
fragte nach ihrem Befinden. Sie blickte nicht auf, ſondern ſagte nur leiſe:„O Doktor, ich bin zu ſchlecht!“ und heiße Thränen entſtürzten ihren Augen.
„Was quält Sie ſchon wieder?“ fragte der Doktor.
„Ich habe ja ſo viel auf meinem Gewiſſen,“ ſchluchzte ſie und über das blaſſe abgehärmte Geſicht rollte Thräne an Thräne.
„Sie haben ja nichts Schlimmes gethan!“
„Doch, Doktor! Sie wiſſen es ja. Ich habe meine Schweſter vergiftet, meinen Schwager, Alle, Alle! O, ich bin zu ſchlecht!“— Und die tiefſte Reue, die furchtbarſte Zerknirſchung prägte ſich in ihrem Antlitz aus. Sie weinte dann noch leiſe vor ſich hin.
„Iſt ſie wirklich eine Giftmiſcherin?“ fragte ich.
„O behüte,“ entgegnete der Doktor.„Sie iſt ſo unſchuldig wie ein Kind und bildet ſich das alles ein. Da ſehen Sie, welch' ſeltſame Fäden der Wahnſinn ſpinnt. Jenes ſchöne Mädchen dort,“ und er wies auf die Andere, die vorhin ſo übermüthig gelacht hatte, „iſt weit glücklicher. Für ſie iſt ihre Geiſtesnacht eine Wohlthat, ſie verſchleiert ihr freundlich die Vergangenheit, an der ſie ſonſt ſicher zu Grunde gehen müßte.“
„Was hat ſie gethan?“
„O, das iſt eine traurige Geſchichte,“ erwiederte der Doktor, „und wenn Sie es wünſchen, werde ich ſie Ihnen nachher erzählen; aber wollen Sie ſich nicht das intereſſante Mädchen näher anſehen?“
Der Doktor hatte Recht. Die zweite Irrſinnige war eine feſſelnde Erſcheinung. Hoch und ſchlank gewachſen wie eine Tanne, mochte ſie etwa 24 Jahre zählen, obwohl ſie noch jünger ausſah, alle ihre Bewegungen waren raſch und lebhaft, aber dennoch graziös. Das feine, ſanft geröthete Antlitz leuchtete von Geiſt und Leben und in dem Grübchen ihrer Wangen ſchien der Schalk zu ſtecken. Trotzdem mußte durch die Fröhlichkeit, die auf ihrem lachenden
Kinderantlitz thronte, ein Riß gegangen ſein;
denn ein tiefes
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