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ſchneidendes Weh prägte ſich zugleich darin aus und um die Lippen j
zuckte es zuweilen ſchmerzlich und bitter; das verſchwand jedoch raſch wieder wie flüchtige Wolkenſchatten, und dann lachte ſie von Neuem übermüthig auf, bis dies eigenthümliche Lachen wieder mit einer ſchrillen Diſſonanz ſchloß.
„Fragen Sie nur Fräulein Roth, was ihre Heiterkeit erregt?“ flüſterte mir der Doktor zu und ich that es. Sie ſah mich mit ihren hellen, großen Augen verwundert an, dann brach ſie wieder in ihr gewohntes Lachen aus und ſagte mit einer Stimme, die viel Wohllaut hatte:„O, es war nur ein Scherz!“ Auf meine weiteren Fragen wiederholte ſie nur:„O, es war nur ein Scherz!“ und ſie ſtimmte von Neuem ihr ſonderbares Lachen an.„Nicht wahr, ein Scherz iſt erlaubt?“ wandte ſie ſich plötzlich zu mir und ihre Blicke irrten jetzt doch unruhig, mit dem Ausdruck einer gewiſſen Angſt, über mich hinweg. Ohne meine Antwort abzuwarten, wan⸗ derte ſie haſtig durch den Saal und bald klang ihr Lachen über⸗ müthig, bald herzzerreißend.
Als ich endlich die traurigen Näume verließ und in dem großen ſorgfältig gepflegten Garten aufathmete, begann der Doktor ſeine Erzählung:
„Anna Roth iſt die Tochter eines Oberförſters und hat eine ſehr glückliche Jugend hinter ſich. In dem Hauſe ihres Vaters ging es ſtets heiter und fröhlich zu und das ohnehin ſanguiniſche Mädchen war ſtets zu allerhand Scherzen und Neckereien aufgelegt. Sie wußte ihre Streiche mit ſolcher Schalkheit und ſo viel Humor auszuführen, daß ſelbſt Diejenigen, die davon getroffen wurden, ihr nicht gram ſein konnten. An ihrem drei Jahre älteren Bruder übte ſie beſonders gern ihre übermüthige Laune aus; er neigte trotz ſeiner Jugend ſchon ein wenig zum Phlegma, ließ ſich nicht leicht aus ſeiner bequemen, gleichmäßigen Lebensauffaſſung auf⸗ rütteln und obgleich ſie ihm mit ihren beſtändigen Neckereien zu⸗ weilen recht läſtig fiel, herrſchte doch zwiſchen den Geſchwiſtern ein herzliches und wahrhaft zärtliches Verhältniß.
Anna war die Vertraute ihres Bruders, und wie ſorglos über⸗ müthig ſich auch das junge Mädchen gab, es konnte doch, wenn es darauf ankam, an den Angelegenheiten Benno's den innigſten An⸗ theil nehmen und er legte großen Werth auf ihren Scharfblick, den ü trotz ihrer vorwiegenden Heiterkeit in allen Lebenslagen pewies.
Auch als die Eltern raſch hinter einander ſtarben, blieben die Geſchwiſter zuſammen und lebten trotz der großen Verſchiedenheit ihrer Charaktere mit einander in ſchönſter Eintracht. Dies Ver⸗ hältniß wurde ſelbſt dann nicht getrübt, als ſich Benno mit der Tochter eines benachbarten Gutsbeſitzers verlobte, und um die drei glücklichen Menſchen ſchlang ſich jetzt ein einziges Freundſchaftsband. Die Braut neigte ebenfalls zum Frohſinn und deshalb waren die beiden jungen Mädchen ein Herz und eine Seele.
Gemeinſam ſuchten ſie jetzt Benno aus ſeinem Phlegma auf⸗ zurütteln; ſie überboten ſich in allerhand Scherzen und in harm⸗ loſer Luſtigkeit; aber der junge Förſter blieb ſeinem urſprünglichen Temperament getreu; er lachte wohl zu ihren kleinen Schelmen⸗ ſtreichen, doch ließ er ſich nicht aus ſeinem ruhigen Geleiſe bringen.
Selbſt als Liebhaber legte er keine große Leidenſchaft an den Tag; er zeigte wohl, daß er ſeine Braut ſehr gern hatte, aber er hielt ſich von aller überſchwänglichen Zärtlichkeit fern, und Marga⸗ rethe, ſo hieß das junge Mädchen, klagte oft zu ihrer künftigen Schwuͤderine„Ich glaube doch, daß er mich nicht tief und innig iebt.“
„Wir wollen ihm einmal einheizen!“ rief Anna lachend und in ihrem unruhigen Kopfe war ſogleich ein Plan entſtanden. Margarethe zögerte zwar anfangs dem zuzuſtimmen; aber die Freundin wußte ſie in ihrer lebhaften, übermüthigen Weiſe ſo lange zu überreden, bis ſie einwilligte.
Zu ſeiner Verwunderung merkte Benno jetzt plötzlich, daß zwiſchen den Freundinnen nicht mehr daſſelbe innige und herzliche Verhältniß beſtand. Wenn Margarethe kam, zeigte ſich Anna kühl und zurückhaltend, auch war ſie nicht mehr ſo heiter und über⸗ müthig wie ſonſt. Dem Bruder fiel das veränderte Weſen und Benehmen der Schweſter auf, er fragte nach dem Grunde; ſie zögerte lange und mochte mit der Sprache nicht herausrücken, erſt als Benno dringender wurde, ſagte ſie ungewöhnlich ernſt und mit gepreßter Stimme:„Ich habe eine ſehr traurige Entdeckung gemacht und ſie wird Dich auch traurig machen, wenn ich ſie Dir mittheile.“
„So ſprich nur,“ bat der Bruder, der ſeine aufkeimende Un⸗ ruhe hinter ſeinem gewohnten Phlegma geſchickt zu verbergen wußte. „ Darf ich Dir es wirklich ſagen?“ fragte Anna;„doch es iſt ja Dein Stolz, daß Dich nichts außer Faſſung bringen kann und ſo hoff' ich, Du wirſt auch über dieſe ſchreckliche Täuſchung hin⸗ wegkommen.“
Illuſtrirte Chronik der Zeit. 311
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Dieſer Anruf an ſeine männliche Kraft übte ſeine Wirkung. „So leicht laß' ich mich nicht werfen und aus dem Geleiſe bringen,“ ſagte er deshalb mit ruhigem Lächeln.
„Du wirſt auch all' Deinen Gleichmuth brauchen,“ entgegnete die Schweſter geheimnißvoll.
„So ſchieße los! Ich werde es ſchon aushalten,“ war die Ant⸗ wort des Bruders und zum Zeichen ſeiner ſeeliſchen Ruhe zündete er ſich eine neue Cigarre an und rauchte ſie in aller Behaglichleit.
„Margarethe iſt treulos,“ begann jetzt Anna mit ſeſter Stimme.
Benno blies ruhig den Rauch ſeiner Cigarre vor ſich hin und warf nur trocken das eine Wort dazwiſchen:„Unſinn.“
„Es iſt doch die Wahrheit,“ fuhr die Schweſter mit großer Lebhaftigkeit fort und beobachtete dabei heimlich die Wirkung ihrer Worte. Das Geſicht des Bruders veränderte ſich nicht im Min⸗ deſten; es blieb ſo ruhig wie immer, nicht einmal in ſeinen gut⸗ müthigen blauen Augen blitzte etwas auf.„Ja, es iſt die Wahr⸗ heit,“ ſetzte Anna ernſt und entſchieden hinzu.„Ich habe ſie ſchon in letzter Zeit in Verdacht gehabt und deshalb meine Kälte zu ihr. Sie kokettirt ſehr ſtark mit dem neuen Gutsnachbar, ja geſtern—“ die Schweſter hielt in ihrem lebhaften Sprechen inne und betrachtete aufmerkſam das Antlitz ihres Bruders, in dem ſich nicht das Min⸗ deſte regte.„Ah, er liebt ſie alſo wirklich nicht,“ dachte ſie ſchmerzlich bewegt und zum erſten Mal empfand ſie einen Unwillen gegen ihren Bruder, dem ſelbſt ein ſo prächtiges Mädchen wie Margarethe nicht die Bruſt in ſtürmiſche Bewegung zu ſetzen ver⸗ mochte und der ſogar ihren drohenden Verluſt mit gewohntem Gleich⸗ muth hinnahm.
„Und geſtern?“ wiederholte Benno ſo ruhig, als ob es ſich um die unbedeutendſten Dinge von der Welt gehandelt hätte. Die Wolken aus ſeiner Cigarre wurden nur ein wenig ſtärker.
Das Phlegma des Bruders ſchien die leidenſchaftliche Erregung der Schweſter nur zu ſteigern, denn ſie fuhr mit allen Zeichen der Empörung fort:„Ja, geſtern hab' ich ſie bei einem Rendez⸗vous belauſcht, das ſie ihrem Nachbar gab. Er iſt freilich ein ſchöner junger Herr, lebhaft und feurig, er weiß ganz anders zu bezaubern — und wenn Du nicht mein Bruder wärſt, Benno, und ich Dich nicht ſo unendlich liebte, könnte ich es eigentlich Margarethen nicht verargen, wenn ſie dem Andern den Vorzug gibt. Du legſt ja gar nicht Dein Empfinden an den Tag und zeigſt kaum, daß ſie Dir wirklich theuer und werth iſt. Siehſt Du, anſtatt nun bei meiner Erzählung Feuer und Flamme zu ſein, wüthend durch das Zimmer zu ſtürmen und zu drohen, Deinem Nebenbuhler eine Kugel durch den Kopf zu ſagen, bleibſt Du ruhig ſitzen und dampfſt Deine Cigarre behaglich weiter, als ob ich mit Dir vom Wetter ge⸗ ſprochen hätte.“
Selbſt jetzt ließ ſich der junge Mann durch dieſe leidenſchaft⸗ lichen Reden zu einem heftigen Ausbruch nicht aufſtacheln. Wohl tobte es gewaltig durch ſein Inneres und weit ſtärker als die Schweſter ahnen konnte; aber er hatte ſtets etwas darein geſetzt, Alles, auch die wichtigſten Dinge, kühl zu nehmen, ſo daß er auch jetzt nicht verrathen mochte, wie es eigentlich in ihm ausſah.
„Iſt das Alles wirklich wahr?“ fragte er nach einigem Sinnen langſam.
„Würde ich es Dir ſonſt erzählt haben?“ fragte Anna haſtig zurück.„In dem kleinen Sommerhauſe Margarethens iſt ihr Stell⸗ dichein. Ich habe ſie geſtern dabei belauſcht und ſie haben ſich auf heute Abend wieder dort verabredet. Ich hörte es ganz genau.“
„Um wie viel Uhr?“
„Ja, nach 8 Uhr Abends— und was gedenkſt Du nun zu thun?“ fragte Anna lebhaft und ſtellte ſich dicht vor ihren Bruder hin.
„Das wirſt Du ſchon erfahren,“ war die ruhige Antwort, und jetzt erſt erhob ſich der junge Mann. Er wollte ſogleich das Zimmer verlaſſen; aber die Schweſter hielt ihn zurück.„Siehſt Du, Benno, Du biſt eigentlich an der ganzen Geſchichte ſchuld. So kühl und gleichgiltig darf ſich nun einmal kein Geliebter gegen ſeine Braut denehmen, ſie wird ſchließlich an ſolcher Liebe irre und ihr Herz fliegt Demjenigen zu, der ſie weit beſſer zu umſchmeicheln verſteht. Sag' einmal ehrlich, haſt Du Margarethe denn wirklich geliebt?“ und das junge Mädchen ſah erwartungsvoll dem Bruder in die Augen. 3
„Wie kannſt Du ſo fragen?!“ entgegnete Benno und ſein Athem ging nun doch etwas raſcher.„Würde ich ſonſt ſie zu meiner Frau haben machen wollen, wenn ich ihr nicht gut wäre?“
—„Aber Du haſt es ihr ja niemals gezeigt,“ erwiederte Anna lebhaft. „Ich verſteh' freilich nicht ſo zu ſcharwänzeln wie ein Geik, ich hab' geglaubt, die Margarethe wäre klug und vernünftig und ich brauchte vor ihr keine unnützen Redensarten zu machen.“
„Das iſt Alles ganz gut, Benno,“ belehrte Anna mit der


