Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit.

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wählt, und hatte auf dem Landtage von 1867 nicht allein das Referat über die Verkehrsanſtalten, ſondern auch über das umfangreiche Wehr⸗ geſetz zu vertreten, deren er ſich in ausgezeichnetſter Weiſe entledigte. Die darauf ſolgenden wichtigen Verhandlungen des bayriſchen Landtages und die gewaltigen geſetzgeberiſchen Aufgaben, welche an dieſen in Folge der Ereigniſſe von 1866 herantraten, gaben ihm reichliche Gelegenheit, ſeine Be⸗ jähigung als Staatsmann wie ſeine Umſicht, Arbeitskraft und ſeinen Frei⸗ ſinn und Patriotismus zu bethätigen. Im Zoll⸗Parlament vertrat er den Wahlkreis Ansbach⸗Schwabach. An den Verhandlungen über die Zoll⸗ vereins⸗Verträge, die Verailler Bündniß⸗Verträge, das Militärbudget des Jahres 1870, über die Aufbebung der Todesſtrafe u. ſ. w., war er in erſter Linie betheiligt. Auf dem früheren Landtage wurde er im November 1873 zum Präſidenten der Abgeordnetenkammer erwählt. Während des deutſch⸗franzöſiſchen Krieges und nach demſelben entwickelte er eine höchſt dankenswerthe Thätigkeit in München und Berlin für das Zuſtandekommen einer deutſchen Invalidenſtiftung. Nach der Aufrichtung des deutſchen Reichs vertrat er in den beiden erſten Reichstags⸗Perioden den bayriſchen Wahlkreis München IJ., und gehörte im Reichstag der nationalliberalen Fraktion an. Vollendeter Cavalier, iſt er dennoch bürgerlich leutſelig und ſtrebſam, ein höchſt ehrenwerther und gewinnender Charakter, ein gewandter Redner und Geſchäftsmann.

Aus Algier.

(Mit Bild auf Seite 284.)

Das alte ehemalige Seeräuberneſt Algier hat bekanntlich eine der ſchönſten Lagen der Welt, denn die Stadt baut ſich amphitheatraliſch an der ſteilen Böſchung der Küſte auf, die ſich von der geräumigen ſchönen Hafenbucht landein zieht und einen entzückenden Ausblick über das Meer und die Hochebenen der Küſte gewährt. Alle Reiſenden ſind darüber einig, daß die Ausſicht von der alten Kasbah oder ehemaligen feſten Reſidenz des Dey von Algier kaum ihresgleichen an Schönheit auf dem Erdenrunde hat. Dazu iſt die Stadt ſelbſt in hohem Grade intereſſant durch die merk⸗ würdigen Kontraſte zwiſchen Morgenland und Abendland, denen man hier begegnet: einerſeits enge krumme Gaſſen, welche in langen Treppenfluchten den Berghang hinanſteigen, und ſchmale Quergaſſen, die in der oberen Gaſſe in den Erdgeſchoſſen der ziemlich fenſterloſen Häuſer zugleich das zweite oder gar dritte Stockwerk der ſeewärts gekehrten Facade bilden, und dann wieder helle, geräumige, breite Straßen in den neuen Stadt⸗ vierteln mit ſchönen großen Häuſern, bald in orientaliſchem und halb mauriſchem Geſchmack, dann wieder im Style der neueſten Pariſer Re⸗ naiſſance mit hohen Fenſtern, luftigen Balkonen, prachtvollen Läden und Magazinen im Erdgeſcheſſe u. dgl. m.; und nicht minder die frappanteſten Kontraſte im Menſchenleben, denn auch hier begegnen ſich im engſten Neben⸗ einander Abendland und Morgenland, die ſtärkſten Gegenſätze von Civili⸗ ſation und Barbarei und die mannigfaltigſten Schattirungen der Haut⸗ farbe vom dunklen Schwarz des Nubiers bis zum zarteſten weißen Teint der Pariſerin. Die Stadt hat dermalen etwa 50,000 Einwohner, die ſich über deren einzelne Quartiere in der Weiſe vertheilen, daß die Ein⸗ geborenen, die Mauren, Morisken, Kabylen u. ſ. w., beinahe ausſchließlich die Oberſtadt, die Juden die Unterſtadt und die Franzoſen und Europäer deren neuere Straßen und Durchfahrten bewohnen, während die Türken mehr und mehr aus Algerien verſchwinden. Wer daher die Lebensweiſe und das Treiben der Eingeborenen in ſeiner ganzen Urſprünglichkeit und halben Wildheit ſtudiren will, der braucht nur jene ſchon erwähnten ſteilen Treppengaſſen hinanzuſteigen, und alle Sinne werden ihm zu erkennen geben, daß er in Afrika, in einem kaum halbciviliſirten Lande iſt: der Naſe wird der üble Geruch der unreinlichen, engen, winkeligen Gaſſen, dem Auge die Verkommenheit und Unſauberkeit, dem Ohre der Lärm der mehr ſchreienden als ſprechenden Bewohner und die harten Kehltöne des Arabiſchen ſich bemerklich machen, zumal wenn er(wie auf unſerem Bilde Seite 284) eine der alltäglichen und gewöhnlichen Schlägereien der Straßenjungen mit anſieht, die hier Apfelſinen, Melonen, Brod, Trau⸗ ben, Feigen u. dgl. verkaufen und ihrer ſüdlichen Lebhaftigkeit und leiden⸗ ſchaftlichen Wildheit nur allzu gern den Zügel ſchießen laſſen.

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Der Orang-Altan und die Schimpanſen im Berliner Aquarium. (Mit Bild auf S. 285.)

Die Tropenländer der alten Welt beherbergen bekanntlich einige Arten von ſogenannten Hochthieren oder Menſchenaffen, jener intereſſanteſten Gat⸗ tung der Vierhänder oder hochentwickelten Säugethiere, in welchen die ver⸗ gleichenden Naturforſcher gewiſſermaßen ein menſchenähnliches, in ſeiner geiſtigen und leiblichen Entwickelung auf einer Stufe unvollkommener Ent⸗ wickelung ſtehen gebliebenes Geſchöpf erkennen. Aus dieſem Grunde geht das Streben der praktiſchen Naturforſcher dahin, ſo viel wie möglich von den Ergebniſſen der Beobachtungen zu verzeichnen, die man in Thiergärten u. ſ. w. an lebenden Exemplaren ſolcher Menſchenaffen angeſtellt hat. Die meiſten derartigen Beobachtungen hat man an dem aus dem äquatorialen

frika ſtammenden Schimpanſe und dem nur auf den Sunda⸗Inſeln Borneo und Sumatra heimiſchen Orang⸗Utan gemacht, da beide Thiere ſchon mehr⸗ ſach Jahre lang in Thiergärten gehalten worden ſind, und Brehm widmet in der ſoeben erſcheinenden zweiten Auflage ſeines vortrefflichenThier⸗ lebens(Leipzig, Bibliographiſches Inſtitut) der Schilderung des Lebens

dieſer beiden Menſchenaffen im Naturzuſtande und in der Gefangenſchaft

adeligen Club u. ſ. w.

diges kleines Dock bildet;

einen bedeutenden Raum. Den Beſuchern des Berliner Aquariums aber war es im vorigen Jahre vergönnt, einen Orang-Utan, einen älteren und einen jüngeren Schimpanſe lebend zu beobachten und die intereſſanteſten und lehrreichſten Vergleichungen zwiſchen dieſelt beiden Hochthierarten an⸗ zuſtellen. Der Raum verbieket uns, hier auf eine gründliche Sthilderung beider Arten einzugehen, denn wir haben es nur mit den drei Thieren des Berliner Aquariums zu thun, welche immer eine ungemein große ſchau⸗ luſtige Menge anzogen und dieſe durch ihr Gebahren und ihre außer⸗ ordentlichen Beweiſe von Muskelkraft und Turngewandtheit ſehr ergötzten und unterhielten. Dabei ſtellte ſich denn heraus, daß der afrikaniſche Schimpanſe entſchieden lebhafter, beweglicher und ſozuſagen geiſtig geweckter erſcheint, als der malayiſche Drang⸗lltan. Wahrend nämlich die Schim⸗ panſen durch eine gewiſſe neckiſche Munterkeit und Beweglichkeit und eine Luſt zu ſcherzen und zu ſpielen ſich auszeichneten und in ihren Bewegungen eine große Rührigkeit und Energie verriethen, war der Orang⸗Utan ernſter, träger, minder beweglich, ſtiller und langſamer, ſcheute ſelbſt körperliche Bewegung bis zur Langweiligkeit und trug in ſeinen braunen ſanften Augen ſogar einen etwas melancholiſchen und traurigen Ausdruck, welcher allerdings wohl theilweiſe auf Rechnung der Gefangenſchaft kommen mag. Dagegen waren die Schimpanſen unverkennbar anhänglicher an ihren Wär⸗ ter und vertraulicher gegen die Beſucher, und liebten es förmlich, wenn man mit ihnen ſpielte oder ſie gutmüthig neckte. Unſer Bild auf S. 285 führt uns dieſe Thiere recht anſchaulich vor. Während der Orang⸗Utan auf dem Querholze des Käfigs ſitzt und wie ſinnend geradeaus ſchaut, hat ſich der jüngere Schimpanſe in ſeiner munteren Beweglichkeit am Tau herabgelaſſen und ſucht die Wolldecke hinwegzuziehen, in welche ſich der ältere Schimpanſe in einem Korbe gehüllt hat, ſei es, weil ihn fröſtelt, ſei es, weil ihm die Nähe der gaffenden Menſchen unbehaglich iſt. Die Sache geht aber keineswegs ruhig ab, ſondern es entſpinnt ſich ein Necken hin und her, welches das Publikum außerordentlich amüſirt. Das Ge⸗ ſammtreſultat der Beobachtungen hat übrigens die Annahme der Natur⸗ forſcher beſtätigt, daß dieſe Menſchenaffen im Naturzuſtande eigentlich harm⸗ loſe und ſanfte Geſchöpfe ſind und dem Menſchen nur in ihrer Verthei⸗ digung feindſelig begegnen, wenn er ſich ihnen feindlich und angreifend entgegenſtellt; daß ſie aber unter dem milden Einfluſſe und der humanen Behandlung ihres Wärters manchen menſchenähnlichen Zug annehmen und eine gewiſſe geiſtige Gelehrigkeit und Anſtelligkeit zeigen.

nikolajeff und ſein Kriegshafen. (Mit Bild auf S. 289.)

Seit Rußland im Krimkriege ſeinen wichtigſten Kriegshafen Sebaſtopol and ſeine gewaltige Flotte des Schwarzen Meeres einbüßte, iſt es emſig bemüht geweſen, hiefuͤr einen entſprechenden Erſatz zu gewinnen. Hiezu war keine Hafenſtadt am Schwarzen Meere geeigneter, als der ſchon 1789 durch den Furſten Potemkin gegründete, neuerdings ſehr ſtark befeſtigte Kriegshaſen Nikolajeff, welcher eine ungemein vortheilhafte Lage an einer Art natürlichen Hafens oder Limans hat, welcher durch den Zuſammen⸗ fluß des Ingul, Bug und Dnjepr entſteht. Die Umgebung der Stadt iſt zwar vorwiegend unſchöne flache Steppe, wie der größere Theil des Gou⸗ vernements Cherſon, wozu Nikolajeff geyört; allein die ziemlich regelmäßig angelegte Stadt gedeiht doch zuſehends, namentlich ſeit der Sitz der Ad⸗ miralität und die Hauptſtation der Flotte des Schwarzen Meeres wie des Stabs der bugiſchen Koſaken hieher verlegt iſt. So hat die Stadt heut⸗ zutage gegen 70,000 Einwohner und neben ihrem geräumigen und ſicheren Kriegshafen eine große Schiffswerſte, ein Arſenal, ein Seelazareth, eine Schiffsbau⸗, eine Artillerie- und eine Steuermannsſchule, verſchiedene an⸗ dere Lehranſtalten, drei Bibliotheken, eine ſchöne Sannnlung von Schiffs⸗ modellen, ein intereſſantes Muſeum von denkwürdigen Alterthümern, welche in der Krim und in den Stromgebieten des Bug und Dnjepr ge⸗ funden wurden, ein hydrographiſches Kartendepot, ein aſtronomiſches Ob⸗ ſervatorium, verſchiedene Kirchen und Synagogen, mehrere Kaſernen, einen ſ Die reizloſe Gegend und der Mangel an gutem Trinkwaſſer waren ehedem Haupthinderniſſe für den Aufſchwung der Stadt; allein ſeit die wellenförmigen Hügel der umgebenden Steppe etwas mit Wald bepflanzt und durch die Anlage einer großartigen Waſſerleitung, welche das Trinkwaſſer in reicher Menge aus einer Entfernung von drei Werſten von einer Quelle bei dem Vergnügungsort Spaßt herbeiſchafft, jenem Uebelſtande geſteuert iſt, hat ſich Nikolajeff raſch gehoben. Die beiden Ufer des Bug ſind durch eine Floßbrücke verbunden, und in der gut und regelmäßig gebauten Stadt ſieht man ſehr viele anſehnliche Ge⸗ bäude, z. B. die Kathedrale, die Admiralität, das Rathhaus mit der Börſe, das Zollgebäude, die Sternwarte und einige größere Fabriken. Das Klima iſt angenehm, geſund und mild, und die zahlreiche Einwohner⸗ ſchaft verdankt ihren Unterhalt theilweiſe dem Handel und der Schifffahrt, zumeiſt aber den Etabliſſements der ruſſiſchen Kriegsflotte, welchs großartig angelegt ſind, und erſt neulich in dem Verſetzungs⸗Dock, wovon unſer Bild S. 288 eine Anſicht gibt, eine neue weſentliche Bereicherung erhalten haben. Dieſes Dock, nach einem ganz neuen Syſtem, iſt in der Maſchinen⸗ werkſtätte der Herren Clark, Standfield u. Comp. in Weſtminſter und Millwall in London erbaut und kürzlich nach Rußland verbracht und in Nikolajeff aufgeſtellt worden, und dient dazu, große und ſchwere Fahrzeuge, wie z. B. Panzerſchiffe, ganz aus dem Waſſer zu nehmen und auf dem Roſt eines Trockendocks auſzuſtellen, wo jeder Theil des Schiffes ſichtbar und zugänglich iſt. Das Dock in Nikolajeff, wovon wir eine Anſicht geben, iſt die erſte Konſtruktion dieſer Art, 280 Fuß lang und ſo einge⸗ richtet, daß es ſich in drei Theile zerlegen läßt, deren jeder ein vollſtän⸗ die beiden äußeren Theile ſind je 100, der