Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtrirte Chronik der Zeit. 287

bezügliche Fragen an⸗Sie richten, Sie wiſſen ja, in welcher Weiſe Sie dieſelben zu beantworten haben. Gehen Sie, wenn Sie wollen, können Sie auf meine Koſten einen Wagen nehmen.

So werde ich eine Droſchke nehmen, ſagte der alte Mann, während er die Papiere in ſeinen Rocktaſchen unterbrachte,der Weg iſt weit, und die Witterung heiß. Gleich nach Tiſch bringe ich Ihnen Antwort.

Ackermann nickte zuſtimmend und wanderte ein paar Mal auf dem perſiſchen Teppich auf und ab, dann ging er in das Boudoir ſeiner Gattin.

Sie empfing ihn mit finſter umwölkter Miene, beim erſten Blick auf das ſonſt ſo heitere Antlitz erkannte er, daß ſie gelauſcht haben mußte.

Du warſt vorhin in meinem Schlafzimmer, ſagte er,ich muß mir die Frage erlauben, ob eine beſtimmte Abſicht Dich dahin geführt hat. 3

Die Arme auf der Bruſt gekreuzt ſtand er vor ihr, der Blick, mit dem er ſie anſchaute, war drohend.

Ich muß dieſe Frage bejahen, erwiederte Bertha,die Lüge, die hier auch zwecklos wäre, iſt mir immer verhaßt geweſen.

Und welche Abſicht war es?

Das Verlangen, Deine Beziehungen zu dem Sekretär kennen zu lernen.

Ackermann zog die Brauen noch finſterer zuſammen, die Adern traten auf ſeiner Stirne hervor.

Und um eine kindiſche Neugier zu befriedigen, konnteſt Du ſo weit Dich vergeſſen, zu ſpioniren? fragte er.

Die junge Frau erhob trotzig das ſchöne Haupt.

Du haſt da ein hartes Wort geſprochen, ſagte ſie,ich muß den Vorwurf hinnehmen, aber die Schuld trifft dennoch Dich allein. Du nennſt dieſes Verlangen eine kindiſche Neugierde, dieſen Vor⸗ wurf weiſe ich zurück. Du haſt Geheimniſſe vor mir, gefährliche Geheimniſſe, die mir ernſte Beſorgniſſe einflößen, ich habe Dich gebeten, mich durch offenherzige Mittheilung zu beruhigen, darüber lachſt Du, und dieſes Lachen kann meine Beſorgniſſe nur vermehren. Einen Mann, dem Du kurz vorher das Haus verboten haſt, nimmſt Du als Sekretär an, dieſer Mann iſt Dein Vertrauter, was er will, geſchieht, und wer iſt er? Ein Menſch, der ſo tief geſunken wur daß er in dem verrufenſten Stadtviertel eine Zuflucht ſuchen mußte

Genug! unterbrach Ackermann ſie ſcharf.Der Mann war arm, und die Armuth kann nicht in Paläſten wohnen, ſie muß das Obdach nehmen, wo ſie es findet. Aber der Mann hat Talente und Kenntniſſe, ſoll ich dieſe nur deshalb nicht benutzen dürfen, weil er arm iſt?

Er ſcheint auch das Talent zu beſitzen, die Dienſtboten zu beſtechen und mit ihnen hinter dem Rücken der Herrſchaft zu in⸗ triguiren.

Haſt Du Beweiſe dafür?

Ja. Er hat unſere Köchin beſtimmt, alle Waaren aus einem gewiſſen Geſchäft zu beziehen, das ihm wahrſcheinlich für dieſe Empfehlung eine Belohnung zahlt.

Welches Geſchäft iſt es?

Die Materialwaarenhandlung von Johannes Bitterlein! Ich kenne das Geſchäft gar nicht

Und ſind die Waaren ſchlechter oder theurer?

Das kann ich nicht behaupten.

Nun, dann kann man ja dem Manne das Vergnügen gönnen, einen Freund zu empfehlen, der ihm vielleicht früher Gutes erwieſen hat, ſagte Ackermann achſelzuckend.Ich finde darin nichts Be⸗ unruhigendes, nicht einmal etwas Tadelnswerthes, und wenn dies Dich beſtimmt hat, unſere Unterredung zu belauſchen, denn bedaure ich Dich aufrichtig.

Vielleicht kommt die Zeit, in der ich ſelbſt mich bedaure

Bertha!

bGlaubſt Du, daß mein Mißtrauen ſchwinden wird, ſo lange ich nicht die volle Wahrheit erfahren habe? Weshalb haſt Du dem Manne die große Summe gegeben? Was berechtigte ihn, ſie zu fordern? Machteſt Du ihm nicht den Vorwurf, er habe dieſes Geld

von Dir erpreßt?

Ackermann zuckte zuſammen, aber er bewahrte ſeine Faſſung, nur die blitzenden Augen verriethen den Sturm, der in ſeinem Innern tobte.

Du haſt Worte gehört, aber ſie nicht verſtanden, ſagte er.

Dann darf und muß ich Aufklärung von Dir verlangen!

Wir ſprachen von einer dritten Perſon.

Von einem Polizeibeamten, der nach Wien geſchickt worden iſt, um dort eine falſche Spur zu verfolgen.

Bertha, Du wirſt mich ernſtlich böſe machen!

Geſchieht es, ſo iſt es Deine eigene Schuld, ich verlange ja

nichts weiter, als die volle Wahrheit zu hören. Weshalb muß dieſer Sekretär Dich beſchützen?

Wer hat Dir das geſagt? fuhr Ackermann auf.Ich ſage Dir noch einmal, Du haſt die Worte nicht verſtanden, und mit all Deinem Grübeln bringſt Du die Wahrheit nicht heraus. Wenn Du mit dieſer wirklich kindiſchen Neugier mich nicht verfolgt hätteſt, Bertha, würde ich Dir aus eigenem Antrieb das unbedeutende Geheimniß enthüllt haben, nun aber kann ich mich nicht dazu ent⸗ ſchließen, und Du wirſt warten müſſen, bis ich die geeignete Zeit für dieſe Enthüllung gekommen erachte.

Und Du glaubſt, daß ich damit mich beruhigen werde? fragte die junge Frau mit ſteigendem Groll.Schentſt Du mir Dein Vertrauen nicht, ſo darfſt Du auch von mir keines fordern, und doch iſt das gegenſeitige Vertrauen das Fundament der Ehe, wenn ſie eine glückliche ſein ſoll. Sage dagegen, was Du willſt, ich bleibe bei der Behauptung, daß auf Deiner Vergangenheit ein Flecken ruht, der noch jetzt Dich bedroht, und daß Du mir dies vor unſerer Hochzeit verſchwiegen haſt, das war ein Betrug, den ich nur dann verzeihen kann, wenn Du mir jetzt ohne Rückhalt die Wahrheit enthüllſt.

Das Geſicht Ackermann's war todesbleich geworden, langſam ſtrich er mit der Hand über den Bart, aber er vermied es, dem Blicke ſeiner Frau zu begegnen.

Dein Eigenſinn kann mich nur in meinem Entſchluß beſtärken, ſagte er mit erzwungener Ruhe,durch Trotz wird mein Wille niemals gebeugt werden.

Dann zwingſt Du mich, einen anderen Weg einzuſchlagen!

Welchen?

Ich werde Papa bitten

Das wirſt Du nicht! fiel er ihr heftig in's Wort, und ſeine Stimme klang ſo entſchieden und drohend, daß Bertha ihn beſtürzt anblickte.Niemand, wer es auch ſein mag, ſoll zwiſchen uns Beide treten, geſchieht es, ſo magſt Du die Folgen Dir ſelbſt zu⸗ ſchreiben. Sei vernünftig, Bertha, Du haſt Worte gehört, die Du auf mich beziehſt, während ſie in Wahrheit einer anderen Perſon galten, und nun verlangſt Du von mir Bekenntniſſe, die ich nicht geben kann, da ich nichts zu bekennen habe. Mit kindiſchem Eigen⸗ ſinn hältſt Du an thörichten Vermuthungen ſeſt, es wäre beſſer, wenn Du meinen Worten Glauben ſchenken und Dich um meine ſogenannten Geheimniſſe nicht weiter bekümmern wollteſt.

Die junge Frau war an den Blumentiſch getreten, ſie brach von einer üppig wuchernden Begonie ein Blatt ab und zerpflückte es.

Du nennſt mein Verlangen, meine Vermuthungen und meine Beſorgniſſe kindiſch, ſagte ſie mit zitternder Stimme,weigerſt Dich aber, mir zu beweiſen, daß ſie es ſind. Weshalb fragteſt Du dieſen Mann, ob er Dir zu der Badereiſe rathe? Welchen Werth kann ſein Rath in ſolchen Privatangelegenheiten für Dich haben? Die Reiſe ſoll aufgeſchoben werden. Weshalb? Das werde ich nicht erfahren, die Gründe werden mir nicht genannt, ich ſoll mich fügen, da ich nicht allein reiſen darf.

Nun laſſ' es genug ſein, Bertha! erwiederte Ackermann, ſich hoch aufrichtend, und der helle Zorn blitzte dabei aus ſeinen Augen. Es iſt Dir ergangen, wie es dem Lauſcher in der Regel ergeht ich hoffe, Du wirſt dieſe Erfahrung Dir zur Lehre dienen laſſen. Was die Badereiſe betrifft, ſo bin ich bereit, ſie in der nächſten Woche anzutreten, Du magſt alſo Deine Vorbereitungen treffen.

Ich weiß noch nicht, ob ich unter den obwaltenden Umſtänden reiſen werde.

Dann möchte ich Dich bitten, Deinen Entſchluß bald zu faſſen, ſagte Ackermann, noch immer ſich bezwingend,ich habe auch Vorkehrungen zu treffen, die immerhin einige Tage bean⸗ ſpruchen.

Und ſind wir dann kaum im Bade, ſo begegnet Dir ein Bekannter und wir müſſen ſofort wieder abreiſen!

Thörichte Ideen, Bertha! Alſo entſchließe Dich bald, damit ich weiß, woran ich bin. Und noch einmal warne ich Dich ernſt und dringend, einem Dritten die Berechtigung zu geben, zwiſchen uns zu treten, wäre dieſer Dritte auch Dein Vater!

Damit verließ er das Boudoir, und die junge Frau ſandte ihm einen trotzigen, entſchloſſenen Blick nach.

Ich werde die Wahrheit erfahren! ſagte ſie,ich muß ſie erfahren, ſei es auf welchem Wege es wolle. Den Depoſitenſchein ſoll er mir zurückgeben, es iſt gewiß betrübend, aber leider dennoch wahr, daß ich alles Vertrauen zu ihm verloren habe.

Sie ſetzte ſich in einen Seſſel und blickte in Gedanken verloren vor ſich hin, und die Erinnerung an die vergangenen Tage ſtieg in ihrer Seele wieder auf.

Es war nicht Liebe geweſen, was ſie bewogen hatte, dieſem Manne das Jawort zu geben, das ſüße, berauſchende Gefühl der Liebe hatte ſie nie gekannt, ſie kannte es auch heute noch nicht.