—r
——-——4
„Bah, das Kind iſt mir ſehr gleichgiltig, ſo lange es mich nicht mit ſeinen literariſchen Vorträgen beläſtigt. Jawohl, der edle Zweck iſt unerreichbar, Herr v. Plettenberg hat mit dem Einen Nachmittag genug, er nimmt das Kind nicht, wenn es auch alles Gold der Erde beſäße.“.
„Das hat er ſelbſt geſagt?“ fragte Madame Bitterlein in ent⸗ rüſtetem Tone.
„Mit denſelben Worten!“
„Das iſt ja abſcheulich!“
„Haſt Du dem Kinde Hoffnungen gemacht?“
„Nein, das nicht, aber—— ich werde den Herrn zwingen, ſein Wort einzulöſen.“
„Hat er Dir ſein Wort verpfändet? Ich glaube es nicht.“
„Er iſt auf mein Projekt eingegangen—“
„Scheinbar nur, um Dir gefällig zu ſein.“
„Ah— das ſetzt Allem die Krone auf!“ rief Frau Eugenie zornig.„Alſo geſteht er ſelbſt, daß er eine Komödie geſpielt hat? Ich werde jetzt auch keine Rückſicht mehr nehmen, er ſoll die Schuld tilgen!“
3„Und wie würde dieſe Rückſichtsloſigkeit mit Deiner Freund⸗ ſchaft zu ſeiner verſtorbenen Mutter übereinſtimmen?“ fragte der Stadtrath ruhig.
„Hat er dieſer Freundſchaft ſich werth gezeigt?“
„Ich wüßte nicht, was er gethan haben ſollte, ſich ihrer un⸗ würdig zu zeigen. Sei vernünftig, Eugenie—“
„Das bin ich immer!“
„Zugegeben, aber auch der Klügſte kann ſich ſo feſt in eine Idee verrennen, daß ſie zur Manie wird. Du haſt Dir einmal vorgenommen, den Herrn v. Plettenberg zu bemuttern, wie man zu ſagen pflegt, und nun er ſich weigert, Ordre zu pariren, weil er nicht das Glück ſeines ganzen Lebens verſcherzen will, möchteſt Du ihm gleich das Meſſer an die Kehle ſetzen.“
„Ich habe ſein Beſtes gewollt—“
„Auch das will ich nicht leugnen, aber Du haſt dabei nur das Vermögen und nicht die Perſon der Braut im Auge gehabt,“ ſagte der Stadtrath.„Ich kann's dem jungen Herrn wahrhaftig nicht verdenken, wenn ihm bei dem Gedanken, dieſes Kind heirathen zu ſollen, graut, und ihn dazu zwingen zu wollen, wäre eine Thor⸗ heit, deren Du Dich gewiß nicht ſchuldig machen wirſt.“
Frau Eugenie ſtand in Nachdenken verſunken am Fenſter und blickte hinaus auf den Hof, auf dem der Lehrling mit geſchäftigem Eifer die Kaffeetrommel drehte.
„Wenn die Dinge wirklich ſo liegen und Herr v. Plettenberg ſich um keinen Preis zur Heirath mit Fräulein Feldern entſchließen kann, dann allerdings wäre es Thorheit, das Projekt noch weiter
zu verfolgen,“ ſagte ſie, das Haupt trotzig zurückwerfend.„Dann aber ſoll er auch ſeine Schuldſcheine einlöſen!“
„Das kann er jetzt noch nicht!“
„So ſoll er ſich auch nicht auf's hohe Pferd ſetzen! Er muß
mir dankbar dafür ſein, wenn ich ihm ein Mittel biete, durch das er von ſeinen drückenden Schulden ſich befreien kann, und will er dieſes Mittel nicht benutzen, nun dann ſoll er auch beweiſen, daß er deſſelben nicht bedarf. Ich werde morgen ihn beſuchen und ihm das Alles klar machen.“
Damit eilte Frau Eugenie hinaus, und der Stadtrath ſandte ihr einen recht ſchadenfrohen Blick nach, konnte ſie doch jetzt nicht mehr daran zweifeln, daß ſie eine vollſtändige Niederlage erlitten hatte.
Fünfzehntes Kapitel. Verſchwunden.
Die Familie v. Frankendorf ſaß noch am Frühſtücktiſch, als der alte Kammerdiener die Schweſter des Förſters anmeldete, die an den Herrn Baron eine Frage zu richten wünſchte.
Der Baron befahl, ſie einzulaſſen, in der nächſten Minute ſtand die alte Frau vor ihm, und die fieberhafte Unruhe, die in ihrem gebräunten, wetterharten Geſicht ſich ſpiegelte, mußte Jedem auffallen.
„Sie wünſchen etwas von mir?“ fragte der Baron in leut⸗ ſeligem Tone.
„Die Sorge um meinen Bruder treibt mich hieher,“ erwiederte ſie mit zitternder Stimme.
„Iſt dem Förſter ein Unglück begegnet?“
„Ich weiß es nicht, aber ich fürchte es. habe ich ihn nicht mehr geſehen.“
„Geſtern Morgen hat er mit mir den Wald durchſtreift,“ ſagte Theobald raſch,„wir trennten uns gegen Mittag.“
„Aber er iſt nicht heimgekommen,“ erwiederte die Frau,„und er iſt noch nie eine Nacht ausgeblieben, ohne daß er mich vorher
Seit geſtern Morgen
davon benachrichtigt hätte.“
„ Vielleicht hat er bei ſeinen Nachforſchungen nach dem Wild⸗ dieb eine Fährte gefunden und dieſe verfolgt,“ meinte der Baron.
——
Illuſtrirte Chronik der Zeit.
263
„Dieſe Spur kann ja bis zur Stadt geführt haben, und der alte Keller hat möglicherweiſe dort übernachtet, um heute Morgen die Nachforſchungen ſofort wieder aufzunehmen.“
„Das kann ich nicht glauben,“ ſagte die Frau kopfſchüttelnd, „er wäre gewiß noch in der Nacht heimgekommen. Er war ja Tag und Nacht auf ſeinem Poſten, und daß er den Wilderer nicht er⸗ wiſchen konnte, das nagte ihm an der Seele, daß er manchmal ſchier zu verzweifeln glaubte. In den letzten Tagen ſagte er mir, er habe jetzt eine Spur gefunden, und er hoffe nun auch endlich Be⸗ weiſe gegen den Müller zu erhalten.“
„Das hat er mir geſtern Morgen auch geſagt,“ nahm Theo⸗ bald das Wort,„aber weitere Mittheilungen wollte er nicht machen, er ſchien ſeiner Sache noch nicht ganz ſicher zu ſein.“
„Dann muß man ja mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß er ſich entſchloſſen hat, dieſe Spur zu verfolgen,“ erwiederte der Baron,„und wenn der alte Keller einmal etwas unternommen hat, dann darf man ſich auch darauf verlaſſen, daß er nicht ruht, bis es durchgeführt iſt.“
„Aber dabei darf man ſich doch nicht beruhigen,“ ſagte Thus⸗ nelda.„Dem alten Manne kann ebenſo gut ein Unglück zu⸗ geſtoßen ſein.“
„Iſt ſein Hund nach Hauſe gekommen?“ fragte der Baron.
„Nein.“
„Nun, ich denke, dann können wir unbeſorgt ſein, wäre dem Förſter ein Unglück zugeſtoßen, dann würde der Hund heim ge⸗ laufen ſein, um Hilfe zu holen. Gehen Sie nur ruhig nach Hauſe, vielleicht iſt Ihr Bruder jetzt ſchon da.“
„Ich habe eine bange Ahnung.“
„Ach was, Ahnungen ſind Dummheiten! wieder kommen.“
„Wenn er nicht todt iſt, Herr Baron!“
„Wie kommen Sie nur darauf? Ihr Bruder iſt ein geſunder, rüſtiger Mann—“
„Kann er nicht mit dem Wilderer zuſammengerathen ſein?“ erwiederte die alte Frau.„Es iſt ſchon mancher Förſter erſchoſſen worden.“
„Nur nicht gleich das Schlimmſte fürchten, gute Frau! So ſchlimm ſind die Wilddiebe auch nicht, und ich ſage Ihnen noch einmal, der Hund wäre heim gekommen, wenn ein Kampf ſtatt⸗ gefunden hätte.“
„Ich kann mich damit nicht beruhigen.“
„Aber es bleibt Ihnen nichts Anderes übrig, als in Geduld abzuwarten. Ich werde im Laufe des Tages in's Forſthaus kommen und hoffe, Sie dann von Ihrer Sorge befreit zu ſehen, zu ernſten Nachforſchungen ſind wir heute noch nicht berechtigt, wir müſſen damit warten.“
„Wie lange, Herr Baron?“
„Wenigſtens bis morgen, wir können ja nicht wiſſen, ob nicht die Erfüllung einer Amtspflicht den Förſter zurückhält.“
„Ich werde den Wald durchſuchen,“ ſagte die alte Frau ſeuf⸗ zend,„ich werde den Namen meines Bruders und auch den Namen des Hundes nach allen Richtungen hin rufen—“
„Thun Sie das,“ unterbrach der Baron ſie,„mein Sohn und ich werden auch in den Wald gehen, und jedenfalls kommt einer von uns Beiden heute noch zu Ihnen.“
„Gott gebe, daß es ein frohes Wiederſehen iſt!“ erwiederte die Frau kopfſchüttelnd.„Ahnungen täuſchen ſelten, und den Traum, den ich in der vorigen Nacht gehabt habe, den werde ich mein ganzes Leben nicht vergeſſen.“
„Auf Ahnungen gebe ich auch nicht viel,“ ſagte Thusnelda, nachdem die Schweſter des Förſters ſich entfernt hatte,„aber es liegt ſo viel Wahrſcheinliches in den Vermuthungen dieſer Frau, daß man ſchon deshalb ernſte Nachforſchungen halten müßte!“
„Aber heute kann noch nichts geſchehen,“ erwiederte der Baron achſelzuckend.„Daß ein Mann einmal über Nacht ausbleibt, kommt ja oft vor, man kann doch deshalb nicht verlangen, daß das Gericht Nachforſchungen anſtellen und ihn ſuchen laſſen ſoll!“
„Ich habe doch meine beſonderen Gedanken darüber,“ ſagte Theobald, der an's Fenſter getreten war.„Der Förſter war raſend vor Wuth, als er vorgeſtern wieder einen Hirſch vermißte, und ich muß geſtehen, dieſes räthſelhafte und geheimnißvolle Wirken des Wilderers hat geradezu etwas Beängſtigendes.“
„Für mich nicht,“ ſchaltete der Baron ein.„Keller iſt alt geworden, er hätte längſt einen Gehilfen engagiren ſollen, um den großen Wald beaufſichtigen zu können, aber er wollte das nicht, ein falſches Ehrgefühl verbot es ihm. Der Wilderer gewann da⸗ durch freie Hand, er wußte wahrſcheinlich immer ſehr genau, wo der Förſter ſich befand, da war es leicht, ein Zuſammentreffen mit dieſem zu verhüten.“
„Man hätte Spuren des erlegten Wildes finden müſſen,“ ſagte
Er wird heute ſchon
— 5 ——..— ——


