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zur beliebigen Auswahl, letztere natürlich, wie auch bei uns, in beſſerer Qualität und Quantität—— was iſt denn das eigentlich Unterſcheidende?
Ich beſchloß, mich vorläufig mit der Löſung dieſes Räthſels nicht weiter zu plagen, ſondern der Unterhaltung der Herren zu lauſchen, denn ſchon wiederholt war mein Ohr von dem Worte „Landtag“ berührt worden;— ein Landtag unter dem Selbſt⸗ beherrſcher aller Reußen, das war wohl der Mühe werth, einmal hin⸗ zuhorchen. Eigentlich beging ich damit eine Indiscretion, denn dichtes Geheimniß umhüllt dieſe Verſammlung adeliger kuriſcher Grund⸗ beſitzer in Mitau; kaum iſt der feierliche kirchliche Eröffnungsact vor⸗ über, ſo begeben ſich dieſe Herren in die tiefſte Zurückgezogenheit und arbeiten und ſchwitzen mit bewunderungswürdiger Selbſtverleug⸗ nung, bis ſie„das ſchätzbare Material“ fertig haben;— denn weiter hat es keinen Zweck. 3
Eben erzählte einer der Herren, daß der Generalgouverneur zu den aus monatelangen Berathungen hervorgegangenen Vorſchlägen des Landtages, betreffs einer neuen Gerichtsorganiſation, ganz kühl erklärt habe, dieſelben ſeien zur Vorlage an die Regierung nicht geeignet; die Herren möchten alſo ihre Berathungen auf anderer Grundlage noch einmal beginnen.
„Und was dabei das Niederſchlagendſte iſt,“ fügte ein anderer hinzu,„die Regierung wird auch ganz ohne uns fertig, und wenn wir uns zu lange beſinnen, ſo werden wir eines ſchönen Tages mit dem fertigen Geſetz überraſcht.“
„Nun an Stoff zu Gedanken und Reden läßt man es wenig⸗ ſtens nicht fehlen,“ meinte Herr von N.,„da ſollen wir nun mit einem Male die Gutspolizei abgeben, die Gemeindeverwaltung ſelbſt⸗ ſtändig conſtituiren helfen, aufhören, die Richter ſelbſt aus unſerer Mitte zu wählen, geſtatten, daß jeder, der das Geld dazu hat, auch ein Gut bei uns beſitzen dürfe.“
Das iſt freilich hart, und ich wunderte mich nun nicht mehr über den elegiſch⸗reſignirten Ton, der dieſe politiſche Converſation durchzog, an welcher übrigens die Damen rühmlicher Weiſe nur als ſtumme Zuhörerinnen theilnahmen.
Nicht ohne einige Schadenfreude konnte ich die Herren über ihre eigenen Privilegien jammern hören.„Das iſt doch ganz ſchändlich,“ rief ein dicker, kurzhaariger Landgentleman aus,„da lade ich mir neulich eine Jagdgeſellſchaft zuſammen, und hege und ſchone das Wild wochenlang für dieſen Zweck, und Tags zuvor kommen dieſe adeligen Tagediebe aus der Stadt mit ihren geborgten Hunden und verderben mir das ganze Vergnügen.“
Als ich mein Befremden darüber äußerte, daß nicht ſein Förſter in energiſcher Weiſe den ungebetenen Gäſten die Wege gewieſen habe, antwortete er mir mit komiſcher Verzweiflung:
„Wenn ich das nur dürfte, aber jeder kuriſche Edelmann hat ja das Recht zu jagen, ſo weit der Himmel blau iſt; hole der Teufel dieſes Recht!— Verzeihung, meine Damen, aber es iſt doch auch gar zu toll.“
„Herr von F. aus Haſenpoth!“ meldet der Diener. Die Ge⸗ ſellſchaft begibt ſich in die Beſuchſalons; der ſentimentalen Elegie folgt ein munteres, bewegtes Epos.—„Haben Sie ſchon gehört, gnädige Frau, daß die R.ſche Frau aus dem Auslande zurückgekehrt iſt,— o, und hübſcher, denn je; und der kleine K. iſt vom Pferde gefallen, hat ſich aber keinen Schaden gethan, und Fräulein von B. iſt auf dem Punkt, ſich zu verloben, iſt aber noch ein Geheimniß.“ So leitete
ſich der Redefluß des alten behäbigen Herrn ein, der ſich bald über ganz Kurland verbreitete und von allen mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit verfolgt wurde. In bewunderndes Erſtaunen verſunken ſaß ich da. In Rußland iſt doch alles groß, dachte ich. Da klatſchen nun die Leute über ein Land von 500 Quadratmeilen, als wenn es eine kleine Stadt von eben ſo viel Quadratruthen wäre. Alles kennt ſich darin, alles intereſſirt ſich für einander; ich begriff nun auch, warum ſich die Kurländer nur in Dresden erträglich behaglich fühlen; wer einmal die Dresdener Nachrichten in der Hand gehabt, wird mich verſtehen.
Ich benutze mit Freuden dieſe Gelegenheit, um ein Unrecht wie⸗ der gut zu machen, das ich den Städten Kurlands angethan habe. Ich nannte ſie unmotivirt, zwecklos. Wie thöricht! Wie ſchnell würde ſich dieſe alles beſprechende, alles ins Herz ſchließende Gemüth⸗ lichkeit der Kurländer verlieren, wenn nicht die Städte da wären, dieſe Academien des höheren Klatſches oder lieber der landesüblichen
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epiſchen Dichtkunſt. Man ſage mir nicht, in unſeren kleinen Städten würde ja eben ſo gut geklatſcht. Von wem denn?— es ſind doch nur die Damen, welche dieſe Kunſt treiben, und dieſe auch nur in ihren Mußeſtunden. Was kann da anderes herauskommen, als ein ober⸗ flächlich-dilettantiſches Weſen? Wie erbärmlich muß euch das vor⸗ kommen, euch Baronen Kurlands, die ihr, des proſaiſchen Landbaues müde, in dem befruchtenden Element des ſtädtiſchen Treibens eure ganze männliche Kraft, eure ganze Zeit dieſem dichteriſchen Berufe widmet!
Die Schöpferkraft, die hier thätig iſt, erinnert mich in ihrer Wirkſamkeit lebhaft an jene bewunderungswürdige Maſchine, wo das lebendige Schwein an dem einen Ende hineingeſteckt, an dem andern als wohlſchmeckende Wurſt wieder herauskommt; ein zufälliges Zu⸗ ſammentreffen zweier junger Leute verwandelt ſich in dieſer poetiſchen Maſchine mindeſtens in eine heimliche Verlobung mit ſympathetiſcher Tintecorreſpondenz und zärtlichen Stelldicheins; begreiflich, daß vor einer ſolchen Geſtaltungskraft die Damen beſchämt die Segel ſtreichen und ſelten eine Concurrenz auf dieſem Gebiete wagen.
Wenn dieſe Herren Caricaturen ſind der alten ritterlichen Sänger, bei deren ſeltſamen Mären in der tönenden Halle manch minnigliches Auge erglänzte, ſo leuchtet uns aus den anmuthigen Ge⸗ ſtalten der Damen nicht ſelten die ganze milde Hoheit der alten Burgfrauen entgegen, noch gehoben durch den Glanz einer weniger vielſeitigen als gründlichen Bildung.
Der warme Sonnenſchein lockte die Geſellſchaft auf die Terraſſe hinaus, und in aufrichtiger Bewunderung machte ich der Baronin mein Compliment über den ſchönen, reichen Blumenflor, der uns hier umgab, deſſen Pflege bei der Ungunſt des Klimas nicht leicht ſein könne.
„O,“ meinte die Baronin,„ſchmähen Sie nur nicht unſer Klima, das iſt gar nicht ſo arg, als man es gewöhnlich macht. Die Sonne brennt im Sommer oft heiß genug, und unſere gerühmten Schlittenbahnen im Winter fangen nachgerade an, zu Mythen zu werden. Freilich ſpielen uns bei unſerer Gärtnerei mitunter die plötzlichen Nachtfröſte ſchlimme Streiche; das muß man aber in Ge⸗ duld hinnehmen; und dann bleiben uns ja immer noch die geheizten Glashäuſer als letzte Reſſource. Sie ſollen gleich heute beim Mittag⸗ eſſen Gelegenheit haben, unſere Kunſt zu bewundern; ich hoffe, unſere ſelbſtgezogenen Ananas werden Ihren vollen Beifall finden.— Doch verzeihen Sie, ich bemerke da oben eine Frau, die mich zu ſprechen wünſcht.“
„Guten Tag, Katſche, was machen Deine Kinder?“
„Gott ſei Dank für den älteſten,“ erwiderte die Angeredete, eine noch junge, aber frühzeitig verwelkte lettiſche Bäuerin, in einen groben, weißen Plaid gehüllt,„aber der jüngſte, der glüht wie Feuer und ſeht, Frau, es iſt ein Jammer, das arme Würmchen ſo den ganzen Tag ſchreien zu hören.“
Es hielt etwas ſchwer, herauszubekommen, was dem Kinde eigentlich fehle, denn der Lette bezeichnet faſt alle Krankheiten nur auf drei Arten:„Der Kopf ſchmerzt mich, ich habe Huſten, oder alle Glie⸗ der thun mir weh;“ und alle heilt er damit, daß er den Kopf mit dicken Tüchern umwindet, ſeinen Leib iu einen Schafpelz hüllt und ſich hinter oder auf den ſcharf geheizten Ofen legt. Es gehörte die lange Praxis der Baronin dazu, um aus ſo allgemeinen Andeutun⸗ gen die richtige Diagnoſe zu ſtellen. Freilich war's nur ein ſehr un⸗ ſchuldiges homöopathiſches Medicament, das die älteſte Tochter für die Bäuerin aus dem Schloſſe holte; doch ging dieſe ſehr getröſtet von dannen, zumal ihr noch die Baronin verſprochen hatte, morgen ſelbſt hinzukommen und nachzuſehen, ob ärztliche Hilfe nöthig ſei.— „Hör mal, Katſche, laß Dir von der Mamſell ein Paar Aepfel für den Kranken mitgeben.“
Die Unterhaltung wurde in lettiſcher Sprache geführt, die von allen eingeborenen Deutſchen fließend geſprochen wird. Da die Ba⸗ ronin mein lebhaftes Intereſſe für ihr Land bemerkte, ſo hatte ſie die Güte mir ſelbſt die eben gehabte Converſation zu überſetzen.
„Sie ſehen,“ fügte ſie mit gewinnendem Lächeln hinzu,„wir müſſen uns hier auch etwas auf Medicin verſtehen. Unſer Hausarzt ſpottet zwar ſein redliches Theil über meine Homöopathie, welche ſpeciell für uns Frauen erfunden zu ſein ſcheine, nun, er iſt ja auch regelmäßig alle acht Tage hier, um mit ſeinen Mixturen nachzuhelfen; wegen der meilenweiten Entfernung iſt dieſes aber nicht alle Tage möglich und mittlerweile reicht unſere Homöopathie und die dabei vorgeſchriebene Diät ſchon aus.“
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