jeden Sterbelaut des Opfers, zu erwürgen und mit der Beute, ge⸗ räuſchlos, wie ſie gekommen, davonzuſchleichen. Aber wehe der Räuberin, wenn das Schlachtopfer oder ſein verſchwiſtertes Kitzchen die Ricke durch ſeinen ſingenden Klageton herbeiruft! Mit Sturmes⸗ eile fliegt dieſe, von mächtiger Mutterliebe getrieben, herzu und richtet die Frevlerin nicht ſelten mit ihren Vorderläufen übel zu, ſo daß ſie lendenlahm davonhinkt.
Unter ſolchen Kreuz⸗ und Querzügen iſt der Sommer und Herbſt vorüber und die Familienſaiſon mit dem regen, verwegenen Spitzbubenhandwerk der alten Füchſin für die Nachkommenſchaft längſt beendet. Die Füchschen ſind zu ſelbſtſtändigen, ihrer Mutter ebenbürtigen Füchſen herangewachſen und ſind gegen den Winter aus ihrem geſelligen Vereine getreten, um hier und dort ein neues Gaunerleben zu verfolgen, das der ſauberen Unterweiſung vom Sommer her alle Ehre macht und deſſen Weſen im Winter wir nun näher betrachten wollen.
Er iſt gekommen, der rauhe Gaſt mit ſeinen Schneemaſſen und ſeinem eiſigen Hauche aus Nordoſt. Vor dieſem iſt alles thieriſche Leben zum belebenden Süden gezogen oder ſucht Nahrung und Schutz in der Nähe menſchlicher Stätten, oder in ſeinen Wohnungen und Schlupfwinkeln den winterlichen Schlaf. Nur unſer Fuchs iſt wach und rege und der Erdburg entſtiegen. In einem Vorholze ſteht der ſonſt leis und ſtumm Dahinſchleichende plötzlich ſtill, ſein erbärm⸗ liches, kurzes Bellen und Kläffen mit dem gezogenen Heulen am Schluſſe ausſtoßend. Das iſt die beredte Sprache der Noth unſeres Erzgauners. Der Hunger hat ſich weidlich bei ihm eingeſtellt und macht den ſonſt Schweigſamen, aber um ſo Thatkräftigeren beredter denn je. Und wie ſeine innere Verfaſſung ſich in ſeinen jämmerlichen Lauten kundgibt, ſo ſcheint ſie nicht minder in ſeinem äußeren Gebahren hervorzutreten. Eben iſt er ſichernd aus dem Walde her⸗ vor aufs freie Feld getreten. Wie alles an dem Thiere erlahmt ſcheint, wie es dahin ſchlendert und ſchlottert mit hängendem Kopf und gleicher Ruthe! Wo iſt die elaſtiſche Gehobenheit und Sicher⸗ heit des verwegenen Räubers in guten Tagen? Sein waches, mit der Außenwelt ſtets verbundenes Weſen ſcheint vollſtändig nach innen gekehrt, ſo daß er aufs Haar einem Büßer gleicht. Ja, das iſt der⸗ ſelbe, wie ihn uns das deutſche Heldengedicht vorführt, das iſt der reumüthige Pilger, der in Sack und Aſche trauert, wohl zerknirſcht über alle ſeine Schandthaten vom Sommer her. Er iſt's leibhaftig, und ſeine große Noth, in der er jetzt wieder wie mit einem Stoß⸗ ſeufzer aufheult, fängt wohl an, lebhaft an unſer Mitgefühl zu ap⸗ pelliren.
Wohl regt ſich's in uns wie Mitleid beim Anblicke des über die verlaſſene Schneewüſte Hintrollenden. Und dennoch iſt an dem Kerl alles nur Schein. Hinter dieſem erbärmlichen Gekläff lauert nur der Blutdurſt nach irgend etwas Lebendem aus dem Thierreiche; dieſer hängende Kopf, dieſe ſchlaffen Glieder mit dem ſchleppenden Gange umhüllen nur die ſcharfen Sinne, die das leiſeſte Geräuſch und die geringſte Witterung aufzufangen jederzeit bereit ſind; ſie verdecken nur die Behendigkeit, die jeden Augenblick den Todesſprung nach etwas ſich Regendem ausführen kann. Schau, wie gerufen kommt die Gelegenheit, die den Heuchler uns entlarvt. Er ſteht ſtill und ſichert. Vom Kopf bis zur Zehe wie umgewandelt ſchauen wir jetzt das Thier. Mit aufgerecktem Gehör, etwas ſchief geneigtem
58½
Kopfe, die Ruthe wagerecht gehoben, jede Sehne des Körpers geſpannt, ſteht der geweckte Räuber wie ein Hühnerhund vor dem Wilde. Plötzlich macht er einen hohen Bogenſprung in den Schnee, wie der Blitz fährt Naſe und Kopf in den Schnee, und heraus aus der wärmenden Schnee⸗ decke bringt die Fuchsſchnauze eine Maus in die kalte Winterwelt. Mit ein Paar Biſſen iſt ſie im Magen, dieſem nur ein Stillungsmittel für einen Augenblick. Der Hunger treibt den nach Hundeart auf den Keulen einen Moment Ruhenden wieder weiter auf der Schneefläche. Bald ſehen wir den Wandernden wieder in der alten Heuchlergeſtalt. Doch mit einem Male ſtöbert den Wächter in ihm eine neue Erſcheinung auf: es iſt etwas drunten im Riede der Niederung, das ſich ſeinem ſcharfen Geſichte plötzlich enthüllt und das ſtill glimmende Feuer ſeiner Seele nun zur hellen Flamme der Leidenſchaft angefacht hat. Der Räuber hat Enten entdeckt, die hart am Ufer des Riedſumpfes bei dem eingetretenen Schneegeſtöber, die Köpfe zwiſchen den Flügeln, auf einem Truppe ſchlafen. Das iſt ein Moment für Meiſter Reinecke. In der ganzen Glorie ſeiner Raubritternatur hat er ſich aufgerichtet, den Ueberfall des Entenvolkes in ſeinem wachen Fuchskopfe über— denkend, wie einſt in den Zeiten des Fauſtrechts ſeine menſchlichen Ebenbilder einen Streich auf einen Pfaffen⸗ oder Kaufmannszug von der Warte lugend, auszuführen ſannen.
Jetzt iſt er entworfen, der Plan, und ſchnell und ſchlau wie der Gedanke, der ihn entwarf, wird er ausgeführt. Flugs iſt den ſcharf witternden Enten der Wind abgewonnen, und jetzt ſchleicht der Meiſter, jedes Glied ſeines Körpers geſchmeidig zum Dienſte bereit, ſchlangenähnlich dem Ufer entlang, halb gedeckt von dem Röhricht. Nicht lauter wie das Geſäuſel im Schilfe iſt ſein Nahen; ein geſpenſti⸗ ſcher Schatten, rückt er unvermerkt nah und näher— immer kleiner wird der Raum zwiſchen ihm und den Schlafenden— jetzt endlich, auf Sprungesweite, zieht ſich der lange Körper zuſammen— und wie ein rother Satan ſauſt der Räuber in ſicherem Sprunge unter den Trupp, den ſtärkſten Enterich unter dem zum Tode erſchrockenen, quakend und ſchnarrend aufſtehenden Volke der Enten packend und würgend. Wie er ihn emporhält in Siegesfreude, den erwürgten Antvogel, wie es in ihm arbeitet, alles Wache, alles Erregte, die ent⸗ feſſelte Flamme der Raub- und Mordluſt! Sieh ihm ins funkelnde, ſprechende Geſicht, ſieh das Feuer ſeiner Jagdluſt und den Triumph ſeiner Seele in der gekrümmten, wedelnden Ruthe! In welcher ſprechenden Weiſe hat er ſich vor unſeren Augen entlarvt! Wie iſt der gebückte, heuchelnde Büßer in den alten aufrechten Sünder mit all dem fleiſchlichen Gelüſte und Heißhunger übergeſprungen, wie hat ſich der ſcheinbar für die Außenwelt abgeſtumpfte in den alten Diplomaten voller Liſt, Trug und Geſchmeidigkeit, in den thatkräfti⸗ gen, geiſtreichen Räuber voller Mordgedanken und Siegestrunkenheit ſo treffend verwandelt!
Wir mißgönnen ihm ſeinen Sieg nicht, den er ſich ſo glänzend vor unſeren Augen errungen, und kraft deſſen ihn Meiſter Deiker bildlich ſo weſenhaft verherrlicht hat. Ja, auch ein Räuberleben hat ſeine künſtleriſche Berechtigung, ſeine poetiſchen, ſeine maleriſchen Momente. Durch den eben gelungenenen Ueberfall iſt ihm aber un⸗ ſtreitig der verdiente Lohn geworden, und ungeſtört wollen wir ihn ſeine Beute bis zur nächſten Nummer im Daheim— in welcher wir ſeinen Lebenslauf weiter verfolgen wollen— im nahen Schilf⸗ dickichte verzehren laſſen.
Die Feldherren des zweiten Kaiſerreiches.
Von unſerem Pariſer Correſpondenten.
III. Der Diviſionsgeneral Conſin, genannt Montauban Graf von Palikao.
Ein Mann wie dieſer, welcher in der Reihe der bedeutenden Männer ſeines Vaterlandes eine ſo hervorragende Stellung einnimmt, iſt in Deutſchland undenkbar. Deshalb kann und darf man auch nicht den Maßſtab des deutſchen Moraliſten an ihn anlegen und ihn nur als einen der letzten Auswüchſe einer Epoche in der franzöſiſchen Geſchichte betrachten, die, wie wir glauben, als eine gänzlich ver⸗ floſſene angeſehen werden kann.
„Wie viel tauſend Franken Renten wünſchen Sie ſich, um zu⸗ frieden zu leben?“ fragte eines Tages der damalige Oberſt Montau⸗
ban ſeinen Collegen vom 12. Infanterieregiment, den ſpäter ſo be⸗ rühmt gewordenen Bosquet, den Sieger von Inkermann.
„Halb ſo viel tauſende,“ erwiderte jener lachend,„als Sie ſchon mal verdient hätten, vor ein Kriegsgericht geſtellt und erſchoſſen zu werden!“
Und das iſt vollſtändig richtig— es gibt wohl kein Land in der Welt, welches eine Militärorganiſation mit beſtimmten Geſetzen hat, in denen dieſer Graf nicht ſchon mehr als zwanzig Male wegge⸗ jagt... oder vielleicht noch ſtrenger, noch entehrender beſtraft worden wäre.
Um welcher Vergehen halber? wird der Leſer fragen Wir
wiſſen nicht, was wir ihm antworten, oder vielmehr, was wir eigent⸗
—
7


