Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
582
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zu zwitſchern, erwachendes Leben tönte von der Straße zu ihm her⸗ über, im Hauſe wurden Thüren geöffnet und geſchloſſen. Sie iſt nun ſchon weit fort, dachte er,und wird wohl nicht eher heimkehren, bis ich geſtorben; wollte Gott, es wäre bald. In dieſem Augenblicke wurde die Thür geräuſchlos geöffnet, ein leichter Schritt erklang, und aufſchauend erblickte er, ein wenig blaß, ein wenig ermüdet, den abgenommenen Hut noch in der einen Hand, ſie, die er ſo unerreichbar fern, und auf immer von ſich getrennt glaubte. Mit einem wilden, jubelvollen Schrei ſank er ihr zu Füßen und preßte in dem Uebermaß ſeines Entzückens ihr Gewand an ſeinen Mund. Mein Weib, mein holdes, reines, großherziges Weib. O mein Gott, ſagte ſie, ihren Sinnen nicht trauend, und die zitternde Hand auf ſein Haar legend,wenn ich gedacht, Du könnteſt Dir Sorge um mich machen, ich hätte noch weniger Ruhe gehabt, aber es war nicht meine Schuld, daß ich den Zug verpaßt und bis zum 1 Morgen warten mußte. Lieber Arthur, ich ahnte ja nicht, daß Du

Dich ſo ſehr ängſtigen könnteſt. Jedes ihrer Worte erfüllte ihn mit Freude und tiefem Schmerz, und ihre Hände in die ſeinen legend, fragte er, auf den unglücklichen Brief deutend: Du wollteſt mich alſo nicht verlaſſen? Die großen, wundervollen Augen ſahen ihn mit ſchmerzlichem Staunen an.

O mein Gatte, Du dachteſt, ich könnte mich wie ein Dieb fort⸗ ſtehlen von der Stelle, an die Du mich geſetzt, Du glaubteſt, ein an⸗

derer, als Dein Wille könnte mich zwingen, Dich zu verlaſſen, und ich ging doch nur, um zu verhindern, daß Du etwas von der Abſicht meiner Couſine erführeſt, o Arthur, wie wenig kennſt Du mich doch!

Ja, Lucy, rief er lebhaft,Du haſt recht. Ich bin ein armer, blinder Thor geweſen, an deſſen Seite das Glück lange ſtand und der es nicht ſah, der nur die Hand auszuſtrecken brauchte und es nicht that, der eine Perle, mehr werth, als alle Reichthümer der Welt, in ſeinem Hauſe beſaß und in tollem Wahn bunten Seifenblaſen nachjagte, ein Thor, deſſen Blindheit und Herzenskälte ſich nur mit ſeiner Reue und ſeinem Schmerz vergleichen läßt.

Sie entzog ihm ihre Hände und drückte ſie gefaltet gegen ihre klopfende Bruſt.

Mußte ich fürchten, Dich zu verlieren, Du geliebtes Weib, um zu erſahren, was Du mir biſt?! Du haſt mir meine Jugend wieder⸗ gegeben, nein, was ſage ich, eine andere, viel ſchönere, Deine, Deine Jugend in mein faſt ſchon verwelktes Daſein hineingezaubert, einen Strom friſchen Blutes in meine Adern gegoſſen und mein Herz zu

J.

Der ſchönſte Sommertag liegt über Wald und Haide. Ein leichter Wolkenzug hat einen leiſen, kaum merklichen Regen über den Buchenwald geführt, und friſch und kräftig haucht das Buchengewölbe ſeinen Lebensodem aus.

Auch in der Fuchsburg unten im heimlichen Dämmer des Buchenwaldes regt ſich's mit neuem Leben. Hinter jener Baum wurzel an einer Röhre des Baues ſtreckt ſchon eine Weile ein an⸗ gehendes Füchschen ſein feines Spitzbubenköpfchen heraus; jetzt taucht hier und dort eines ſeiner Geſchwiſter aus benachbarten Röhren her⸗ vor, und endlich ſind ihrer ſechs der Erde entſtiegen. Bei allen im graugelben Wollkleide der Jugend, an dem ſchon hin und wieder die längeren Grannenhaare mit den weißen Spitzen hervorbrechen wollen, bei allen hat ſich ſchon die unverkennbare Gaunerphyſiognomie mit der feinen, zugeſpitzten Naſe und den aufgeweckten, ſchiefen Mongolen augen mit dem ſchalkhaft ſchielenden Blick ausgeprägt; bei allen ſpricht ſich ſchon in der Anlage das aus, was ſich in der Schule und unter der Führung einer echten Fuchsmutter und in der Lebensbahn einer Fuchspraxis nach und nach zur vollendetſten Raubritterkunſt im Thierreiche ausbildet. Ja, das ſind ſie, die hoffnungsvollen Söhne und Töchter einer verſchmitzten Mutter, die Wald, Flur und Dorf durch Liſt, Kühnheit und Verſchlagenheit für alles Kleinge

neuem Leben erweckt. O Lucy, ich habe mich ſchwer an Dir verſün⸗ digt, aber ich bin ſo demüthig in dieſer bangen Schmerzensnacht ge⸗ worden, daß ich es als mein größtes Lebensziel anſehe, um Deine Verzeihung zu ringen, treu und ausdauernd, ſollteſt Du auch noch ſo lange zögern.

Den Blick mit athemloſer Spannung auf ſein Geſicht gerichtet, auf dem ſich die eben gelittenen Schmerzen mit den neuen Empfin⸗ dungen ſtritten und das nie ſo edel, ſo männlich ſchön und durch⸗ geiſtigt ausgeſehen hatte, ſtand ſie noch immer, wie in einem wonnigen Traum befangen, und nur das leiſe Zittern ihrer Geſtalt verrieth ihre tief innere Bewegung.

Ich ſage nicht, Lucy, daß ich Dich liebe, fuhr er fort,denn es iſt ein armſeliges, von tauſend Lippen gebrauchtes, unzureichendes Wort, aber wenn... jemand ehren, als das Höchſte, was man gefunden, jemand alles danken, was man an Glück beſitzt, zu jemand aufſchauen, wie zu einer Heiligen und nach ihrem Herzen ein heißes, brennendes Verlangen tragen lieben heißt, dann, mein Weib, ſtammele auch ich das Wort den tauſend Lippen als das einzig richtige nach. Lucy, haſt Du kein gütiges Zeichen für mich, willſt Du mir nicht Deine Vergebung und die ach, wenn auch noch ſo ferne Hoffnung auf einen verſcherzten und nun ſo bitter, bitter vermißten Platz ſchenken?

Arthur, ſagte ſie mit leiſer Stimme, während ein Morgen⸗ roth wahrhaft erhabenen Glückes über ihr ſüßes Geſicht flog, das ſie dem Gatten entgegenneigte,ich habe Dir nichts zu geben, das nicht ſchon längſt Dein wäre, denn ich habe Dich geliebt ſeit zehn langen Jahren.

Von ſeinen Thränen und Küſſen überflutet, an ſein laut pochendes Herz gepreßt, endlich an der Stelle, wo ſie längſt hätte ruhen ſollen, ſah ſie alle Schmerzen ihres Lebens wie Wolken vor der Sonne zerrinnen, und ſchaute von dieſer ſichern Heimat aus in eine ſtrahlende Zukunft.

Ja, halte mich feſt, Du theurer, über alles geliebter Mann, halte mich feſt, damit ich mich überzeuge, daß der ſchönſte Traum meines Lebens Wahrheit geworden, daß ich doch Recht hatte, wenn ich gläubig auf den Augenblick wartete, wo Dein Herz ſich meiner er⸗

innern würde.

Voller, warmer Sonnenſchein drang jetzt durch das Fenſter, laut jubilirend ſchmetterten die Vögel ihr Morgenlied, und die beiden traten hinaus in die erwachte Natur, um fortan die ſtaubige Lebens⸗ ſtraße feſt aufeinander geſtützt zu gehen, in ihrem Vertrauen, ihrer Treue und Liebe nie wankend, ihre Pflichten im kleinen wie im großen, in dem einzig wahren und göttlichen Geiſt erfüllend, ohne den das Leben der Menſchen ein eitles Beginnen iſt.

Der Lebenslauf unſeres Juchſes. Von Oberförſter Adolf Müller.

(Mit Abbildung auf Seite 581.)

thier unſicher macht, und in deren Spuren das rege Völkchen bald eben⸗ bürtig treten wird. Ja, das iſt die beſungene Burg Malepartus, nimmer eine Herberge der Gerechtigkeit, ſondern vielmehr die der Raub⸗ und Mordluſt, der Schlupfwinkel eines verſchlagenen Thiercharakters, der beſtändig auf Pläne der Beeinträchtigung fremden Eigenthums und Lebens ſinnt, aber nichtsdeſtoweniger auch der Ort der zarteſten, auf⸗ opferndſten Mutterliebe, die uns aus aller Raubnatur des Thieres heraus als ein ſchöner Seelenzug entgegenleuchtet und unſere warme Anerkennung verdient.

Die junge Sippſchaft, waidmänniſch dasGeheck getauft, hat ſich bereits im Gefühle jungſprudelnden Lebens dem Spiel und der Kurzweil hingegeben. Iſt ihr doch tagtäglich durch die unermüdliche Sorge der Fuchsmutter das Tiſchchen reichlich vom Zehnten aus Wald, Feld und Gehöfte gedeckt, und ſo geben ſich die jungen Fante, weidlich genährt, dem vergeßlichen Treiben einer glücklichen Jugend hin. Eben geht's jagend im Kreis um eine dicke Buche herum, hier faßt ein kleiner Strolch ſcherzend die Standarte(Schwanz) ſeines Brüderchens mit der ausgeprägten weißenBlume(Spitze), und ſogleich fährt der Gefaßte in einem Purzelbaum herum, den Angreifer ebenfalls irgendwo zu packen. Aber die Nachſtürmenden ergreifen nun ihrerſeits den Bruder auf der Erde, und alles ſtürzt wirre über ein⸗ ander her. Segleich wird aus dem Scherze Ernſt, und jetzt beku det ſich einem in und dem andern Raubjunkerchen ſchon das werdende

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