Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
548
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diem letzten Strahlenaufwand die Stämme der Bäume in ALicht, weithin waren die Wolken mit Purpur geſäumt, und über dem Ganzen lag ein tiefer, göttlicher Friede ausgegoſſen.

Verſunken in den Anblick des feurigen Sonnenballs, inmitten der allgemeinen Ruhe ſelbſt ein Bild tiefſten, reinſten Friedens, ſaß ſie unter den Goldregenbüſchen und ſah den Kommenden nicht eher, als bis ſein ſchwarzer Schatten zwiſchen ſie und die Sonne trat.

Geſtatten Sie, Fräulein, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen ſetze?

Durch eine Geberde bejahte ſie und richtete den nämlichen be⸗ ſorgten, ängſtlichen Blick auf ihn wie zuvor.

Ihre Frau Couſine hat mir die beiden großen Neuigkeiten des Tages, ihre Verlobung und Reiſe mitgetheilt, und ich komme, um auch Ihnen meine Glückwünſche zu dem Sie nahe betreffenden, freudi⸗ gen Ereigniß auszuſprechen.

Ich wüßte nicht, ſagte ſie, und der geſpannte Ausdruck ihres Geſichts verlor ſich bei dem gleichgültigen Klang ſeiner Stimme, daß man mir beſonders dazu gratuliren könnte, denn erſtens beraubt mich dieſe Thatſache zum großen Theil der Geſellſchaft meiner Cou⸗ ſine, und zweitens zwingt ſie mich, Deutſchland zu verlaſſen, das mir ſehr lieb geworden iſt. Nichtsdeſtoweniger, fügte ſie hinzu,dürfen Sie mich nicht für ſo ſelbſtſüchtig halten, daß ich mich über das, was meine Couſine zufrieden und froh macht, nicht freue.

Selbſtſüchtig, Miſſ Lucy, Sie und ſelbſtſüchtig! wem könnte das einfallen? Sicher nicht jemandem, der Gelegenheit gehabt hat, Monate lang Ihre Aufopferung am Krankenbett zu beobachten und Ihre beſtändige Sorge für andere zu ſehen.

Ach, das iſt nichts Beſonderes! Habe ich doch weder Eltern noch Geſchwiſter und bin, ſeitdem ich aus dem Penſionat gekommen, immer bei dieſer meiner einzigen Verwandten geweſen, die ſtets gütig und liebevoll gegen mich war..

Wer auf der Welt hätte denn auch anders als liebevoll zu dem holden Geſchöpf ſein ſollen, das mit der Einfachheit eines edlen Her⸗ zens die unbewußte Anmuth eines Kindes verband...? Dachte der ernſte Mann an ihrer Seite wohl daran, während er mit ſeinem Stock mathematiſche Figuren in den Sand zeichnete?

Nein, ſeine Gedanken waren ganz anderen Dingen zugekehrt, aber er ſollte ſich daran erinnern nach langen, langen Jahren.

Alſo Sie lieben Deutſchland?

Das Antlitz noch immer der Sonne zugewandt, deren Licht⸗ reflexe ihrem blonden Haar goldige Tinten verlieh, erwiderte ſie:

Ja, ich liebe es, weil ich drei angenehme Jahre, von meinem fünfzehnten bis jetzt, dort zugebracht, weil ich auf unſeren beſtändigen Reiſen Gelegenheit hatte, ſeine mannigfaltigen Schönheiten kennen zu lernen und weil Natur und Nation mir ſympathiſch ſind.

Hatten Sie den häufigen Wechſel des Aufenthalts denn gern, Fräulein?

Sehr gern.

Das iſt mir ſeltſam bei Ihrer ſonſtigen Weiſe. Iſt das Reiſen oder das Vergnügen daran nicht eigentlich die in Scene oder ins Coupé geſetzte Treuloſigkeit der menſchlichen Natur? Ein ſtetes Verlaſſen deſſen, was einem angenehm und lieb iſt, um etwas Neues zu ſuchen, was uns vielleicht noch angenehmer und lieber ſein könnte. Und in dieſem Wechſel, ganz abgeſehen von den einzelnen großen und ſchönen Eindrücken, beſteht nicht gerade in dieſem Wechſel und dieſer Unruhe das Hauptvergnügen der Reiſe?

Sie mögen in der Sache Recht haben, erwiderte ſie,aber die Anwendung auf mich iſt doch wohl falſch. Wenn man, wie ich, auf der ganzen weiten Welt keine Stelle ſeine Heimat nennt, an keinen Ort durch zärtliche Erinnerungen geknüpft iſt, nirgends Men⸗ ſchen zurückläßt, die einem theuer ſind und uns Liebes erzeigten, wird man ſo natürlich auf das Zigeunerleben hingewieſen und ſucht in ſeinem bunten Wechſel Erſatz für das verlorene, nie gekannte Home!

Dachte er bei dem halbverſchleierten Klang dieſer Stimme, bei dem Anblick der wundervollen, wehmüthigen Augen, an die Schutz⸗ loſigkeit und Vereinſamung dieſes jungen Mädchens und an die große Verantwortung des Mannes, der an ſeinem Herde ihr einſt ein Daheim bereiten würde?

Nein, ſein Geiſt brütete über anderen Plänen, aber er ſollte ſich daran erinnern nach langen, langen Jahren!

Darin haben unſere Schickſale etwas Aehnliches, Fräulein, auch

Sie antwortete nicht, aber der Ausdruck ihres unſchuldigen Ge⸗ ſichtes, als es ſich ihm zuwandte, ſprach ſo viel innige Theilnahme, ſo viel herzliches Mitgefühl aus, daß bſt er, trotz ſeiner finſtern Gedanken, es bemerkte. ½

Ihr Herz iſt, wie Ihre Hand, Aulein, ſo weich, ſo hilf⸗ bereit Und Sie wollen uns morgen wirklich für immer ver⸗ laſſen?

Der Ausruf geſchah ſo adaß ſie halb verwundert, halh⸗ lächelnd die Locken ſchüttelte und ſagténGewiß was ſoll anders thun, als meine Couſine begleiten?

Hier bleiben ſollten Sie, Fräulein, erwiderte er beinahe hef⸗ tig,hier bleiben... das dunkle Leben eines Menſchen durch einen Strahl Ihres ſonnigen Weſens erhellen und ſeinem planloſen Daſein ein beſtimmtes Ziel geben!

Beſtürzt, erſchrocken durch die unklaren Worte, noch mehr aber durch die Plötzlichkeit einer Veränderung, die mit ſeinem abgemeſſenen Weſen in ſo grellem Widerſpruch ſtand, hatte ſie ſich erhoben, er aber legte ſeine Hand auf ihren Arm und fuhr fort:

Nein, bleiben Sie, Fräulein, und hören Sie mich zu Ende. Was ich Ihnen zu ſagen habe, würde mancher andere Mann in an⸗ derer und beſſerer Form vorbringen, aber ich bin kein Liebling des Schickſals und durch ſeine harten Berührungen rauh geworden. Es ſchließt das aber nicht aus, daß auch ich das Bedürfniß nach einem eigenen Herd und einer Familie in mir trage, daß auch ich wiſſen möchte, für wen auf der Welt ich arbeite, und wem ich außer meinen Kranken denn noch von Nutzen ſein kann.

Es war nicht die Sonne, welche Stirn, Geſicht und Nacken ihr mit einer Glut übergoß, die zu tief, um mädchenhafte Schüchternheit zu heiß war, um glückliche Ueberraſchung zu ſein. Wenn es bei einem ſo jungen, ſchuldloſen Geſicht denkbar geweſen, man hätte ſie für brennende Schamröthe halten müſſen. 3

Das Zeichen ihrer Erregung gar nicht beachtend, nur beſchäf⸗ tigt mit dem zu erreichenden Ziele, begann der Mann an ihrer Seite, noch immer die Hand auf ihrem Arm, von neuem:

Ich bin eine Waiſe, Miſſ Lucy, Sie ſind es auch; ich ſtehe einſam in der Welt, Sie ebenfalls. Aehnlichkeit der Lebensverhält⸗ niſſe iſt eine, Hochachtung die zweite Chance, auf die man mit ziem⸗ licher Sicherheit eine friedliche Exiſtenz gründen kann. Es gibt aber keine auf der Welt, die ich achtete und ehrte wie Sie, keine, der ich meinen Namen geben werde, wenn Sie ihn verſchmähen!

Es war das ſeine innerſte Ueberzeugung, und darum war der Ton etwas wärmer, mit dem er dieſe Worte ſprach..

Die langen Wimpern niedergeſchlagen, noch immer ſchweigend, ſah das junge Mädchen aus, als ſtände es unter einem peinlichen Zauber und warte noch auf ein befreiendes, erlöſendes Wort..

Miſſ Lucy, ſo frage ich Sie denn, wollen Sie Deutſchland, für das Sie, wie Sie eben ſagten, Sympathie hegen, zu Ihrer bleibenden Heimat machen, wollen Sie mir in mein Haus folgen als meine Gattin?. 1

Langſam erhob ſie bei dieſer Frage ihr Antlitz, das jetzt farb⸗ loſer war als die weiße Roſe in ihrem Haar und preßte die gefalteten Hände gegen die Bruſt..

Mein Herr, Sie ſagten es ſo eben ſelbſt, ich bin eine Waiſe, bin ganz einſam und habe niemand auf der Welt, der mein unge⸗ ſchultes Herz beriethe. 1

Rührend in ihrer jungfräulichen Schönheit, rührend in ihrer Schutzloſigkeit, konnte man nichts Ergreifenderes ſehen, als den angſt⸗ voll fragenden, kindlich offenen und ach, immer noch erwartungsvollen Blick, den ſie auf ſeine undurchdringlichen Züge richtete.

Spurlos und unbeachtet glitt er an ihm ab, und doch ſollte er ſich durch eines jener unerklärlichen pſychiſchen Phänomene dieſes Blickes erinnern nach langen, langen Jahren!

Wenn ich demnach, fuhr ſie mit leiſer Stimme fort,durch Ihren Antrag befremdet und ganz überraſcht bin, ſo halten Sie es meiner Unkenntniß zu gute, und wenn ich nicht gleich weiß, was das Rechte iſt, ſo haben Sie Geduld mit mir..

Das Rechte, Miſſ Lucy? rief der Doctor mit ſtolzem Stirn⸗ runzeln und machte eine Bewegung, als wollte er gehen,ſo ſpricht denn keine Stimme in Ihnen zu meinen Gunſten, und Sie weiſen den Mann zurück, der Ihnen alles geboten, was er zu bieten hat?

Verzeihen Sie, lautete die verwirrte Erwiderung,ich wollte Ihnen nicht weh thun, Sie waren ſtets freundlich gegen mich ich

...

on lange ganz verwaiſt und habe meine Mutter nie gekannt. 8 4 5

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