würde ſie ſchwerlich abſolut Stich halten. Gerade Franzoſen, aber wohlgemerkt immer dann, wenn ihnen der Appetit kam oder wenn ſie ihn eben geſtillt hatten, nährten beſonders jenen Glauben oder Aberglauben.
Allbekannt iſt das neuerdings wieder oft aufgefriſchte Wort Carnots, Luxemburg ſei la plus forte place de l'Europe apreès Gibraltar, le seul point d'appui pour attaquer la France du côté de la Moselle.*) Ein anderer Franzoſe der Revolution, der zeit⸗ weilige Juſtizminiſter Merlin de Douai überbietet ihn noch. Er erklärte in der Sitzung des Nationalconvents vom 1. October 1795, alſo vier Monate nach der Uebergabe der Feſtung: Cette place fameuse, la plus forte de l'Europe,.... C'est au génie de Vau- ban.... autant qu'aux miracles de la nature, qu'est du ce for- midable appareil de défense qu'elle déploie à l'oeil étonné du tacticien qui ose en méditer l'attaque.**)
Immerhin, der ſtrategiſche Werth Luxemburgs iſt nach aller Sachkenner Urtheil ein ſehr bedeutender. In franzöſiſchen Händen wäre es ein allezeit drohendes Ausfallthor gegen Deutſchland, bei der Nähe des großen Waffenplatzes Metz und der kleineren Feſten Longwy und Thionville im erhöhten Maße. Es wäre einer der Thorſchlüſſel zum Vaterland. Kein preußiſcher Staatsmann kann und wird ihn dem zweifelhaften Nachbar auf dem Samntkiſſen entgegen⸗ tragen. Neben dem Schlüſſel liegt das Schwert. Der Beſitzer Luxemburgs beherrſcht das ſtrategiſch ſo wichtige untere Saarthal, das nur durch das ſchwache Saarlouis geſperrt wird. Deutſche Armeen, die vom Mittelrhein gegen die Champagne oder vom Nieder⸗ rhein durch Belgien vordrängen, würden in ihren Verbindungslinien von einem franzöſiſchen Luxemburg aus ernſtlich bedroht. Die ſtrategiſche Wichtigkeit des Platzes ſteigert ſich vollends durch die vier Bahnlinien, die hier ihren Mittel⸗ und Knotenpunkt haben, von denen zwei mit vielen franzöſiſchen Feſtungen und mit dem Herzen Frank⸗ reichs, mit Paris in directer Verbindung ſtehen. Wir ſehen, wie dieſe Schienenwege dem Krieg wie dem Frieden, der Induſtrie des Landes und den Intereſſen der Feſtung dienen.
Iſt nun gar die Bahnſtrecke Trier⸗Köln vollendet und wird die Moſellinie Trier Koblenz gebaut, ſo wäre ein preußiſches Luxem⸗ burg auf geradem Wege mit den Bollwerken Köln und Coblenz ver⸗ bunden. Dann wären auch die Seiten zu dem Girardinſchen Feſtungsviereck, dem neueſten Schreckbild der Franzoſen, gezogen!—
Was folgt aus dem allen? Unſtreitig dies, daß Preußen, wenn es im Intereſſe des Weltfriedens die Luxemburger Feſte räumt, ein Opfer bringt, daß es aber einen Act der Selbſterniedrigung und gewiſſenloſer Schwäche beginge, wenn es den Franzoſen das Felſen⸗ neſt überließe. Wird aber die Feſtung auch geſchleift, oder kommt ſie in neutrale Hände, immerhin bleibt in der Vertheidigungslinie unſrer Weſtmarken eine Lücke, eine Breſche, die man füllen muß. Was Luxemburg dem Vaterlande bisher leiſten ſollte und konnte, das wird nun ein anderer, mehr oſtwärts gelegener Punkt leiſten müſſen. Der Ausbau der Werke von Saarlouis und die Befeſtigung von Trier werden die Conſequenzen der Räumung Luxemburgs ſein. Ein Opfer jedenfalls von Millionen und ſchwerlich ein vollgültiger Erſatz!—
Nicht ohne Wehmuth ſehen wir dann das Band oder das letzte Fädchen ſich löſen, das jene altgermaniſche Feſte mit dem Mutter⸗ lande, freilich ſchwach genug, zuſammenknüpfte. Hat es die Be⸗ ſatzung von deutſchem Blut und deutſcher Zunge nicht vermocht, einen national ſtärkenden Einfluß auf dies entfremdete Volk zu üben, wie wird es werden, wenn nicht mehr die preußiſchen Fahnen auf jenen Höhen flattern, kein Hörner⸗ und Trompetenklang mehr verkündet, daß bis in dieſe fernen Schluchten ſich die Wacht am Rhein erſtreckte?
VI. Luxemburg iſt durch und durch hiſtoriſcher Boden, und zwar nicht blos die Feſtung mit ihrer Geſchichte von Blut und Eiſen, das ganze Land hat im eminenten Sinne eine Geſchichte. Wie könnte ich
deshalb von Land und Leuten ſcheiden, ohne in dieſe weite Perſpec⸗ tive einen flüchtigen Rückblick wenigſtens geworfen zu haben! Zu
*)„Der feſteſte Platz in Europa nach Gibraltar, der einzige Stützpunkt, um Frankreich von der Moſel aus anzugreifen.“r
**) Dieſer berühmte Platz, der feſteſte in Europa.... dem Genie Baubans....
— 226
allen Zeiten war das Land ein Tummelplatz nationaler Gegenſätze, und das Gepräge einer Grenzprovinz iſt ſo recht eigentlich ſein Charak⸗ ter. Hier haben Celten und Germanen, Germanen und Römer, Fran⸗ zoſen und Deutſche ſich berührt, bekämpft. Noch lebt in ſicht⸗ und
orge ſ lic
an Burgund. manmhaft geger
greifbaren Zeugniſſen die Erinnerung jener Zeiten fort. Wie die leber Suaß Feſtung ſelbſt noch die Spuren römiſcher Bauten trägt, ſo das Land laih ei res 144
Römerſtadt Trier.
überhaupt. Man ſpürt die Nähe der großen mehrere Ne⸗
ö Zwei große römiſche Heerſtraßen durchzogen den Süden, ra Sigesruf.
oene!“ brache
benſtraßen das ganze Land. sosn Die eine Hauptſtraße lief von Metz über Thionville(Dieden⸗ Philyp der 3 hofen) nach Trier, das weltberühmte Denkmal von Igel liegt an nauſimen Bll ihr; die andere, von Rheims kommend, berührte die Stadt Luxem⸗ Das 5 burg und mündete unweit der Moſel in die erſtgenannte Straße ein. Erben ds tn Auch zwei große römiſche Standlager, zu Dalheim und auf dem punktin de Titelberg, liegen im Lande. Ueberall bezeugen Ausgrabungen miten ledgriße ihrem reichen Ertrag an Münzen, Aſchenkrügen, Thränenfläſchchen Hand. So ha u. a., wie tief ſich der Römer in dieſes Bergland eingeniſtet hatte lind und M Eine eigene Phyſiognomie tragen alle dieſe deutſchen Lande, in Pöliyys desG denen einſt die Römerherrſchaft gewaltet. Es iſt nicht der jungfräu⸗ ene und r liche, rein germaniſche Boden in naturwüchſiger Originalität, aber Maxmiland ein Gewinn iſt es, daß Cultur und Geſchichte um Jahrhunderte zurück⸗ ung der Obs liegen.— Auch das Mittelalter lebt in zahlreichen monumentalen den 1478 die Reſten fort;— ein Zeichen, daß hier einſt ein reicher und mächtiger Ih den! Adel in den verſchwiegenen Seitenthälern, auf burggekrönten Fels⸗ and hänric höhen gehauſt hat;— jetzt meiſt zerſtobene und verſchollene Namen. da Franzoſen Da liegen die Ruinen von Hesperingen im Alzettethal, Simmern varmer Gbmm (Siebenborn, Septfontaines) an der Eiſch, von Merſch am Zuſammen⸗ tau rlſtig vei fluß dreier Flüßchen, Hollenfels und Anſenburg, der romantiſche Fels Luxembur (Larochette) im wilden Thal der weißen Ernz, Uſeldingen, die Her⸗ Aan den Stür gerburg im Müllerthal, Brandenburg, Vianden an der Our, das lyp ll büeb? Prachtſtück von allen durch Lage und geſchichtlichen Glanz, einer der- das Vall ſre Stammſitze der Oranier. So manche andere ſtumme Zeugen b der Graf Pet der alten Romantit ſchließen ſich an;— hier beſonders, den hohen M führen die Fabrikſchornſteinen und den modernen Schlöſſern des Geldadels ge- Bauten, in d genüber, eine längſt begrabene Zeit! ſum und P. Erinnern wir uns weiter, daß das alte Schloß zu Luxemburg König und S die Wiege von fünf deutſchen Kaiſern geweſen, von mehreren Das Ha Königen Böhmens, Ungarns, gar mancher Kaiſerin und Königin, und ſeliguien und wir werden das geſchichtliche Intereſſe nicht erſt wachzurufen brauchen. felder Palaf Wir verfolgen die Landesgeſchichte nicht bis in ihre fernſte Wunderdau,, Wurzeln, bis dahin, wo Geſchichte und Sage ſich miſchen. Ueber die Fugen von d celtiſche, altgermaniſche, römiſche Zeit ſchreiten wir hinweg. Auch eſt ins Gra der Name von Stadt und Land iſt in ſeinem Urſprunge nicht zweifel⸗ hier ein A los. Auf einen galliſchen Häuptling Lucius oder Lucilius, wollen ſraniſczen R. ihn die einen zurückführen, doch bleiben wir mit mehr Recht bei der hn hier im alten Ableitung, nach welcher Lützelburg= Kleinburg iſt. Muth und 6 Die uralte Burg auf dem Rahmfelſen ſoll unter Kaiſer in Innen vo Gallienus 260 n. Chr. zur Wehr gegen deutſche Eindringlinge er⸗ von etwa 600 neuert worden ſein. l dder Vorſtadt( An die Stelle der römiſchen tritt Chlodwigs Frankenherrſchaft.=ie Ahethal
Die Merowinger und Karolinger geboten in dieſen Landen. Der große Karl wird auf ſeinen Jagdzügen im Ardennerwald, ſeinem
Lieblingsrevier, auch wohl in jene waldbedeckten Berghänge gedrungen und Spuigbr ſein. Unter Ludwigs des Deutſchen Sohn fällt Luxemburg dem all die der oſtfränkiſchen(deutſchen) Reiche zu. Ein Graf Siegfried eröffnet anze; man unter Ottos des Großen Kaiſerthum(963) die lange Reihe luxem⸗ eiter, der R burgiſcher Grafen. Er iſt der Gründer und Befeſtiger der Oberſtadt. ie und ein
Aus ſeinem dunkeln Winkel tritt das abgelegene Grenzland heraus durch die Erhebung ſeines Grafen Heinrich IV. zum deutſchen Kaiſer Heinrich VII.— der Stammvater einer Reihe von Kaiſern und Königen. Er wie ſein mächtiger Bruder, Erzbiſchof Balduin von Trier, ſind localgeſchichtlich wie reichsgeſchichtlich denkwürdige Ge g ſtalten. Der neue Glanz des Grafenhauſes kam auch dem Ländchennzafs zu Gute. Noch volksthümlicher als Heinrich VII. iſt im Lande der c Name ſeines Sohnes Johann, des blinden Böhmenkönigs, des größ⸗ ten Abenteurers ſeiner Zeit, der wie im Leben ſo im Tode kaum zur Ruhe kam. Erſt Friedrich Wilhelm IV. von Preußen hat als Kron⸗ prinz den von Ort zu Ort irrenden Gebeinen im Saarthal zur Ruhe verholfen.—
Die Grafſchaft erhob Kaiſer Karl IV., ſelbſt ein Luxemburger 1354 zum Herzogthum. Aber die Tage der Selbſtändigkeit waren
d
eben ſo ſehr wie den Wundern der Natur verdankt er jenen furchtbaren Vertheidigungs⸗ apparat, den er vor dem Auge des erſtaunten Taktikers, der einen Angriff darauf im Schilde führt, entfaltet.„
gezählt. Nach mannigfachen Wirren und Kämpfen kam das Lan


