Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
516
Einzelbild herunterladen

X.

Der Leſer hat ſicherlich den ganzen Zuſammenhang der Ret⸗ tung Clelias aus den Händen Salviatis errathen. Er hat mich in dem eifrigen Zeitungsleſer an der Table d'hote erkannt und die ge⸗ läufige Zunge Beppo Manginis war allein fähig, den Genueſer Dienſtmann würdig darzuſtellen. Dieſer wußte von dem Verhältniß Salviatis zu einer Bologneſer Schönheit, die erſt vor einigen Tagen Turin verlaſſen hatte, um über Livorno nach ihrer Heimat zurück⸗ zukehren, und die Vorausſetzung, daß ſie aus irgend einem Grunde in Genua geblieben ſei, lag gar nicht ſo fern. Er ſchrieb das Billet, um Salviati aus dem Hotel hinauszulocken und Clelia eine Zeit lang ſeiner Aufmerkſamkeit zu entziehen und ihr zu erlauben, mein Billet, in dem ich ihr über alles Aufſchluß gab, zu leſen und mir zu ant⸗ worten. Auch ihre ſchwarze Kleidung hatte ich ihr vorgeſchrieben, damit die Annunziatas ihr um ſo leichter ähneln konnte, und der Kell⸗ ner hatte ſogar Clelias Hut auf eine Stunde einer Putzmacherin ge⸗ bracht, damit dieſe einen gleichen für die Tochter des Barchettaiolos anfertigen könne.

Nur in Italien, glaube ich, war all dieſes möglich in dem Lande,

wo man mit Goldſtücken in der Hand alle Thüren offen, alle Hände zum Handeln bereit findet. Seit dem Morgen dieſes Tages hatte ich alſo den Eiſenbahnſchaffner, Geronimo, ſeine Tochter, den Kellner im Hotel und fünf oder ſechs Bootführer im Hafen, welche auf mein Geheiß den Cavalier umringen mußten, während Clelia ſich im Ge⸗ dränge verlor und Annunziata ihren Platz einnahm durch Geld mir gewogen gemacht. Wäre ich wohl zu dieſem Reſultate in einem anderen Lande ſo leicht und ſo einfach gelangt? und wie mußte ich Fra Angiolo danken, daß er mir am vorhergehenden Tage den guten Rath gegeben hatte, meine Creditive zu verſilbern. Im düſtern Stübchen Geronimos ſaßen wir, Clelia und ich, ſeit einer Stunde. Was hatten wir uns geſagt? Ich weiß nicht, ſie konnte nicht genug Worte des Dankes finden, und ich nicht genug Verſicherungen, daß mein Leben und mein Wirken und Thun von nun an keinen andern Zweck mehr habe, als das Ver⸗ trauen, das ihr Vater in mich geſetzt hatte, zu rechtfertigen.

Sie erzählte mir ihr ganzes freudenleeres Leben o, ſie ent⸗ ſann ſich gar wohl noch, wie an einem Morgen ihre Mutter beim Empfange eines Briefes laut aufgeſchrieen habe wie eine Wahn⸗ ſinnige auf ſie zugeſtürzt ſei und:todt!todt! und das länger als eine Stunde geſchrieen habe. Sie entſann ſich, wie die Mutter ſie täglich an das Grab des Vaters führte, deſſen Leichnam ſie aus Genua ſelbſt geholt hatte, und ſie da beten lehrte. Dann entſann ſie ſich eines verwundeten Officiers, der aus dem Krimkriege kam und lange Beſuche im Hauſe der trauernden Mutter machte und wie er ſie auf ſeinen Knien geſchaukelt und geküßt habe und ſie hörte oft von dem Tedesco ſprechen, der auch mit ihrem Vater gefochten, als dieſer fiel. Und endlich den Tod der Mutter, ihr erſter, wirklich gefühlter Schmerz; denn ſie war ſchon neun Jahre alt und wie ihr Vetter, der Cavaliere Carlo Salviati, ſie abholte und in einen Wagen brachte, wo ſie lange, lange Tage fuhr, bis ſie nach Freiburg in der Schweiz in ein Penſionat kam, wo ſie neun Jahre blieb, bis ihre Tante ſie vor vierzehn Tagen abholte, um ſie nach Turin zu führen.

Und in den neun Jahren bekamen Sie nie Beſuche? fragte ich.

Nie, antwortete mir die Arme,nie ich war eine Fremde im Penſionat; alle meine Mitſchülerinnen und Freundinnen hatten Verwandte, die ſie beſuchten, von denen ſie Briefe erhielten und bei denen ſie die Ferienzeit verbrachten ich hatte niemanden, der ſich um mich bekümmerte; man ſchickte regelmäßig das Geld zu meinem Unterhalte, aber weiter ſah und hörte ich nichts von denen, die mir durch Blutsbande ſo nahe ſtanden.

O, Sie haben viel gelitten! rief ich in tiefſter Seele er⸗ ſchüttert.

Ja, antwortete ſie mir einfach,ſehr viel.

Und wie benahm ſich Salviati Ihnen gegenüber? fragte ich.

O, mein Herr! rief ſie mit Schaudern,wenn Sie mich ſchützen wollen, ſchützen Sie mich vor meinem Vetter ich weiß nicht ich fühle, wenn er ſich mir naht, als wenn mein Herz zu ſchlagen aufhört als wenn mein Blut in den Adern erſtarrt.

Das iſt begreiflich! ſagte ich.

Wie ſo? fragte ſie erſtaunt.

-....

516

Ich begreife Ihre Frage nicht... Sie allein haben Grund, Salviati zu haſſen.

Weil er mich durchaus in ein Kloſter bringen wollte, obgleich ich mich dagegen ſträubte.

Nein, aber.. ich ſtockte.

Ich verſtehe nicht, ſagte ſie.

Eine Ahnung ſtieg plötzlich in mir auf.

Kennen Sie den Namen des Gegners Ihres Vaters? fragte ich.

Ein fremder Officier, hat man mir geſagt. 1

Nun ward es mir klar.Und Ihr Großvater? fragte ich.

Ich weiß nicht, erwiderte ſie,ich habe meinen Grozvater

gen könne und daß Salviati nur ſeine Befehle ausführe.

Ich ſah ein, daß ich dem armen Kinde ihre eigne Geſchichte er⸗ zählen müſſe und ich that es ſo ausführlich und ſo ſchonend, wie ich es vermochte. Als ſie erfuhr, daß an Salviatis Hand das Blut ihres Vaters klebe, ſprang ſie wie vom Blitze getroffen auf und warf ſich mir faſt in die Arme.

O retten... retten Sie mich! rief ſie ſchluchzend.

Ich konnte nicht antworten, mein Herz war zu voll! ergriff ich ihre Hand und ſagte:

Clelia, ich kam hierher, um das Kind meines Freundes der ihm drohenden Gefahr zu entziehen ich hatte mir ſelbſt mein Wort gegeben, daß ich dieſes heilige Vorhaben ausführen oder dabei zu Grunde gehen würde und heute früh, Clelia heute früh brach ich mein Wort, das mir als der heiligſte Schwur galt vergaß die Tochter des Majors und ſtürzte Ihnen nach, als Sie wie eine Verzweifelte Palla Caſſotti um Rettung flehten...

Ich verſtehe Sie nicht.

Vor wenigen Stunden in dieſem ſelben Zimmer, Clelia, erfuhr ich erſt, daß Sie die Tochter des Majors Ginozzi wären!

Sie ſah mich erſtaunt an.

Ich glaubte, Sie hätten es ſchon in St. Jean de Maurienne gewußt, ſagte ſie zögernd.

Nein aber ſeit ich Sie zum erſten Male in St. Jean de Maurienne ſah, begriff, fühlte ich Ihrer Seele tiefes Leid und mehr und immer mehr trat das arme, verlaſſene Kind des Majors in meinem Herzen zurück und alle meine Gedanken, mein Streben und mein Trachten galt nur Sie zu erretten, nur Sie.

Clelia ſchlug die Augen nieder und erröthete.

Es muß mich mit Freude erfüllen ſagte ſie endlich,daß

Endlich

mich vom Anfang an ſchon für würdig Ihrer Aufopferung gehalten haben. Gott wird Sie ſegnen, mein Herr Er, der Ihr Herz ſieht...

Ich fürchte das Gegentheil, Clelia.

Wie ſo?

Eben weil Er in meinem Herzen leſen kann, wird Er darin nur Egoismus finden!.

Ich faſſe den Sinn Ihrer Worte nicht!.. ſtotterte ſie mit purpurnen Wangen. Nicht die Tochter des Majors Ginozzi ſuchte ich dem Cavaliere zu entreißen, Clelia ſondern das holde Weſen, das mir in St. Jean de Maurienne erſchienen und deren Bild ſeit jenem Augenblicke ſich unverlöſchbar in mein Herz eingeprägt hat!

Die Arme zitterte am ganzen Körper doch mein trunkenes Herz kannte kein Mitleiden.

Jetzt wiſſen Sie, Clelia, was Sie für mich ſind ſagte ichich ſtehe wie Sie, ganz allein in der Welt da ich bin ein Mann, der ſich nach einem ſüßen, trauten Familienleben ſehnt, wie der Verſchmachtende nach einem Trunke Waſſer; aber der dieſen be⸗ rauſchenden Traum nur dann verwirklichen kann, wenn die, welcher ſein Herz für alle Ewigkeit gehört, ihr Schickſal dem ſeinen zugeſellt! Antworten Sie mir nicht, Clelia nicht in dieſem Augenblicke ich kann, ich will Ihre Lage nicht benutzen, um Sie zu einer Antwort zu nöthigen. Hören Sie meinen Plan für Ihre Zukunft an. Um 12 Uhr dieſe Nacht geht ein Dampfſchiff nach Marſeille wenn Sie wollen, ſo fahren Sie nach Frankreich, dort lebt eine mir befreundete, im Lande hochgeſtellte und hochgeachtete Familie, die ich in dieſer

Nacht noch von Ihrer Ankunft benachrichtigen werde. In Frankreich ſind Sie frei, und der Einfluß des Grafen P. wird Sie vor jeder

nie geſehen man hat mir immer geſagt, daß er mich nicht empfan⸗

die Pflicht, die Sie ſich aufgelegt, Ihnen leicht wird, daß Sie