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Ende nahe, als der Kellner dem Cavaliere einen Brief übergibt, der ſo eben von einem Dienſtmanne gebracht worden iſt— Salviati öffnet ihn— ſein Geſicht nimmt den Ausdruck des höchſten Er⸗ ſtaunens an— er ruft den Kellner zurück, fragt, ob der Dienſtmann ſich entfernt und als er eine verneinende Antwort erhalten, ſteht er ſchnell auf und verläßt den Saal.
Clelia, deren Aufregung von Minute zu Minute ſteigt, ſieht ſich überall ſcheu um, und wiederum trifft ihr Blick den ihr gegen⸗ überhängenden Spiegel und. ſie wird blaß wie eine Leiche! Sie hat den Engländer geſehen, der die Times bei Seite gelegt hat— ſeinen Blick ſtarr auf den Spiegel heftet und... Clelias Herz hört auf zu ſchlagen— trotz des grotesken Aeußeren, trotz eines rieſigen Backenbartes hat ſie ihn erkannt— hat das Zeichen geſehen, welches er ihr leiſe gemacht— und hat es verſtanden.
Während deſſen unterhielt ſich Salviati angelegentlich auf dem Flur mit einem ſchäbigen Kerl, der die Mütze in der Hand die meiſten ſeiner Fragen mit jenem an Blödſinn grenzenden Dummheitsaus⸗ druck der Genueſer, welcher ſo viel Schlauheit verbirgt, beantwortet.
„Sie hat Dir dieſes Billet ſelbſt gegeben?“ fragt der Cavaliere.
„Wie meinen Sie das„ſelbſt“?“—„Eigenhändig!“
„Ja, mit ihrer eigenen Hand!“
„Und hat ſie Dir ſonſt nichts geſagt?“
„Geſagt?— wie meinen Sie das?“
„Wie ich das meine?— wie ſoll ich das meinen? Hat ſie Dir keine mündlichen Beſtellungen gegeben?“
„Mündlich... mündlich— das verſtehe ich nicht! Mit ihrem Munde hat ſie mir natürlich geantwortet, als ich ſie fragte, wohin ich dieſen Brief tragen ſolle!“ 3
„Menſch! höre mir zu— ſage mir Wort für Wort wieder, was die Dame Dir geſagt, als ſie Dir den Brief gegeben?“
Der Dienſtmann richtet ſich auf— ſieht ſich überall um und fängt an mit der Zunge zu ſchnalzen:„IPſt, pſt, pſt!“
„Kerl!“ ruft Salviati—„was ſoll das bedeuten?“
„So hat die Dame angefangen!“— antwortet der andere— „nun komm ich herangelaufen— ſchneller noch als Gianni Lomba, der mir die Commiſſion abſchmuggeln wollte, obgleich es gar nicht ſeine Tour war und wir ihn an der Ecke eigentlich nur aus Mitleid dulden, da ſein Vater ſich das Bein gebrochen hat, als er beim Ma⸗ gazin des Signor Laras vorbeiging, da wo im Hausflur die Orangen⸗ händlerin ſitzt, die dicke Aſſunta, deren Mann vor zehn Jahren— nein, es ſind ſogar ſchon eilf Jahre— wie doch die Zeit vergeht— ... Signore— man wird alt, ehe man es denkt— und mein jüngſter Bruder iſt voriges Jahr auch ſchon eingezogen worden und....“
Doch Salviati hat genug des Geſchwätzes— er kennt die Genueſer und weiß, daß es ganz unmöglich iſt, aus ihnen etwas herauszubekommen, wenn ſie einmal verſchwiegen ſein wollen. Er gibt ihm einiges Geld und kehrt in den Saal zurück, während der Dienſtmann langſam die Treppe hinunterſteigt und das empfangene Geld zu dem anderen in ſeine Taſche legt und dann alles, was ſich darin befindet, von neuem zu zählen anfängt.
Der Cavaliere iſt zu den Damen zurückgekehrt, nimmt aber ſeinen früheren Platz nicht ein, ſondern ſagt:
„Entſchuldige mich, liebe Mama— ein nothwendiges Geſchäft zwingt mich, Dich auf eine Stunde zu verlaſſen.“
„Was ſollen wir aber während der Zeit anfangen, Carlo?“— meint Paula—„es iſt zu heiß, um ſpazieren zu gehen.“
„Geht auf Eure Zimmer und ruht Euch im voraus aus, denn Ihr werdet ſchon heute Nacht tüchtig herumgeworfen werden.“
„Ja!.... ein ſchönes Vergnügen, eine ſolche Seefahrt,“— ſchmollt das junge Mädchen.
„Adieu“— ruft Salviati—„adieu“— und wirft ſeiner Mutter einen bedeutungsvollen Blick zu.... indem er auf Clelia deutet!... Er entfernt ſich ſchleunigſt— und die Damen ſetzen ihr unterbrochenes Mahl fort.
Dem Engländer wird ein neuer Gang gebracht— und Clelia, die nicht unterlaſſen kann, von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel zu werfen, ſieht, wie ein weißes Papier in der Hand des Kellners verſchwindet. Eine geheime Stimme ſagt ihr, daß ihr dies gelte, und als derſelbe Kellner ſich einige Minuten ſpäter auch ihrem Tiſche nähert.... öffnet ſie die Hand auf ihrem Schoße— und ſie hat richtig geahnt.... ſchleunigſt.
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ein Billet fällt hinein— und ſie verbirgt es
Endlich iſt das Mahl beendet— die Table d'hote wird leer— Pagen gehen g die Damen erheben ſich gleichfalls, und leicht grüßend verlaſſen ſie Fästen den Saal.— Clelia hat noch einen Blick auf den wieder eifrig leſen⸗ uud er z den Engländer geworfen, doch dieſer iſt in den Verhandlungen des—— uitt enlhlte Parlamentes wahrſcheinlich dermaßen vertieft, daß er dieſen Vi ds Petrnrs gar nicht bemerkt.„Dab er
Nach Verlauf einer gewiſſen Zeit— nachdem ſich der Speiſe⸗ dlé ſt in Tur ſaal faſt ganz geleert— tritt der Kellner zu ihm heran und bringt lui als Meſſ ihm den Kaffee nebſt einigen Caraffen mit verſchiedenen Liqueuren. ſtenin Vrleg
„Es iſt alles gut beſorgt,“ murmelte er. Uad wied
Der Engländer legt mit jenem berühmten Phlegma der Söhne ſblägt dribiet Albions zwei Goldſtücke auf den Tiſch und in ſchauervollem Franzö⸗ anlch faßt er
ſiſch ſagt er:„Das Doppelte für die Antwort des Fräuleins.“ Hul aurch in
Des Kellners Augen leuchten, und er entfernt ſich.— Der Eng⸗ ſſe fluctig länder trinkt langſam ſeinen Kaffee aus, zündet eine Cigarre an und—Aot änm beginnt die verſchiedenen Liqueurflacons zu inſpiciren. Er hat die nretwitlo e Parlamentsdebatten beendet und fängt jetzt auf einer andern Seite d Hetels ſei der Times die Verhandlungen der Londoner Gerichtshöfe zu ſtü⸗ gat atulen ſo diren an. dieadſage, un
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Eine gute halbe Stunde vergeht, da tritt der Kellner wieder berit ſein ſl, herein, und an ſeinem Geſichte kann man ſehen, daß er einen günſti⸗ Angenblice,un gen Erfolg gehabt hat. Er nähert ſich dem Engländer, und ohne h, nf der ein Wort zu ſagen, legt er ein zerknittertes Billet neben ihn auf ufehme den Tiſch. h Käne
„Very well!“ erwidert jener und ſchiebt die vier Goldſtücke, raliſ ds H die ſchon in Bereitſchaft lagen, dem Bringer zu— ſteckt das Billet zu ſich... und fährt in ſeiner Lectüre fort. Ein Über
„Komiſcher Kauz,“ murmelt der Kellner im Fortgehen—„dem Poten leegen vränlein iſt es nicht ſo einerlei wie ihm, die ſcheint das Fieber zu ſiet. Sowi haben.“ f
Noch einige Minuten— und der Engländer faltet ſein Blatt unnen. zuſammen, erhebt ſich und geht mit langſamen, langen Schritten fütrer hina in größter Seelenruhe, wie es ſcheint, auf ſein Zimmer. denn 8 dan
Doch kaum iſt er hier angekommen, kaum hat er die Thür hinter bexilk ſſ ſich verſchloſſen, als eine auffallende Veränderung mit ihm vorgeht, ſeſen kamn — er wirft Hut und Stock weit von ſich— nimmt das Billet, denn das 3 welches er vorhin mit ſolcher Gleichgültigkeit zu ſich geſteckt, mit fieber⸗ auf eine— hafter Eile aus der Taſche— ſeine Augen durchfliegen die mit Blei⸗ d Ke ſtift flüchtig hingekritzelten Zeilen, und als er es beendet, da drückt er and ſtri 3 ſeine Lippen auf das Papier, und heiße Küſſe verlöſchen faſt die ſeinen hnirt Schrift.— Nur wenige Zeilea enthält das Billet— ſie lauteten fwarz deen
„Mein Herr— der Brief meines ſterbenden Vaters, den Sie Nolo und die dem Ihren beigelegt, ſchreibt mir meine Pflicht vor. Ich werde ler Gewalt; Ihnen gehorchen, werde alles das, was Sie über mich verfügen, Er wehrt ſie ei
als von meinem Vater befohlen, anſehen. Auch mir, wie meinem zahnführer.
Vater, mein Herr, hat Ihr Blick geſagt, daß Sie es treu undd„Hier bi redlich mit mir meinen. Ich werde Ihnen folgen, wohin Sie es rihre dieſe der beſtimmen, und zu dem heiligen Bilde meiner Mutter, das i iih Gero
4 7 ue 1 nimo meiner Erinnerung lebt, wird ſich das Ihre geſellen, und mei Und me Leben wird in Gebeten für dieſe zwei dahinfließen, welche die Waiſe, werden könne
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beſchützt und gerettet haben. Vertrauen Sie mir ganz— ich werde hinunte
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Ihnen heute Abend beweiſen, daß die Tochter Ihres verklärten) Im ſelb Freundes die Tochter eines Soldaten iſt! ilc Dame nn Ihre fürs Leben dankbare geſchrei— d
.„ Clelia Ginozzi. 86 Begleite
* 6 zur Se
Während deſſen geht der Cavaliere auf der Promenade des 8 die Aqua⸗Sole ungeduldig auf und ab. Er muſtert die wenigen Spazier⸗ ich 3 der Ve gänger, die zu dieſer Tageszeit ſich hier einfinden und bleibt von] gen 3 alte D Zeit zu Zeit ſtehen, indem er einen forſchenden Blick auf den den äuelr eiih Hügel hinaufführenden Pfad wirft... dann macht er wiederum die ller i Runde des Spazierganges— zieht ſeine Uhr— wird ungeduldigſ„Li uni
und wiederholt die Scene von vorher.
„Verteufelt!“ murmelt er,„mich hier wie einen Laffen herum aneten, ſtreifen zu laſſen— ich habe Luſt, ins Hotel zurückzukehren— abe ue, ich kenne ſie, ſie iſt fähig, mir dahin zu folgen und mir in Gegenwan aaf Und in A meiner Mutter und Schweſter eine Scene zu machen.— Wie kang nnchbarer ſie nur gleich erfahren haben, daß ich hier wäre? Hm! Ich glaubte ſie wäre längſt nach Bologna zurück.— Und jetzt ihr begreiflic machen, daß das meine Schweſter und meine Couſine ſind, und ihr t ſchein Eiferſucht beſchwichtigen!— Sie muß uns ausſteigen oder zun ſeine rieſ
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