Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
498
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ſolche Unmaſſe von Fragen, von denen er nicht eine einzige zu beant⸗ worten fähig war, daß ich mir ſelbſt ſagen mußte, es wäre das Beſte, ich ſetzte all meine Energie daran, mich zu zwingen, an etwas anderes zu denken!... Aber woran?... Immer wieder ſtand das ſüße Leidensbild vor meinen Augen!... O, Clelia du, von der mich nur eine dünne Bretterwand trennte und die mir doch ſo unendlich fern war du wußteſt es nicht, wie mein Herz in warmer inniger Liebe zu dir ſchlug und wie mein Geiſt tauſende von Luſtſchlöſſern ſchmiedete, in denen als glänzender Stern ſtets dein ſo 25 und tiefleuchtender Blick ſtrahlte!

Unwillkürlich kamen meine Gedanken auch auf meinen Adlatus, von dem ich mir am vorigen Tage ſo viel verſprochen dem vielge⸗ wandten Beppo Mangini, den ich vergebens auf dem Bahnhofe ge⸗ ſucht hatte. Der Charlatan hatte mich gründlich angeführt wie könnte er mir jetzt nützlich ſein! Doch nein! es iſt beſſer allein allein will ich das Kleinod erkämpfen will das ſüße Lächeln des Glücks auf ihr trauerndes Geſicht wieder zurückführen.. will Unmögliches möglich machen, um ſie... um was?... Nun, vor allen Dingen, um ſie zu retten Und dann?... Ja dann?..

Welch närriſches Zeug man doch träumen kann, wenn man allein in einem Coupé eines Courierzuges ſich befindet. Ich träumte von meinem heimatlichen Hauſe, in dem ſeit dem Tode meiner Mutter die Herrin gefehlt ich träumte von einer lieblichen, kleinen Frau mit weißem Häubchen, mit ſchwarzen wallenden Locken und feurigem Blicke! Ich ſah die kleine Geſtalt ſchalten und walten ich hörte, wie ſie meine liebe deutſche Mutterſprache mit jenem fremd⸗ artigen Accente ſprach und lächelte glückſelig... dann ſah ich mich ſelbſt in meinem Hauſe... und Gott weiß, was ich alles in meinem Träumen im Coupé des Zuges von Aleſſandria nach Genua ſah!

.Siamo arrivati, Signori! ertönte die Stimme des Conducteurs,wir ſind angekommen! Genova, Signori! Und die Thüren öffneten ſich, und die Menſchenmenge ſiürzte ſich auf den Perron den Ausgangsthüren zu.

Ich beeilte mich nicht im geringſten, auszuſteigen ich erwar⸗ tete den Conducteur, und da ich es nicht für gut hielt, daß die Begleiter Clelias mich auf dem Bahnhofe mit ihnen aus demſelben Zuge ausſteigen ſahen, ſo ſaß ich noch einige Minuten ruhig in meinem Coupé doch der Conducteur kam nicht ich öffnete das Fenſter und ſah, wie die letzten Paſſagiere zur Thüre hinausſchritten. Jetzt öffnete ich ſchnell und ſtieg aus! Der Conducteur kam mir ent⸗ gegen und entſchuldigte ſich, er ſei von ſeinem Chef abberufen worden er hätte ſich hier in Genua nicht um die bewußten Paſſagiere be⸗ kümmern können und wiſſe er genau, daß ſie ausgeſtiegen und ſchnell fortgegangen wären.

Ich ſtürzte faſt, ohne ihm zu antworten, der Thüre zu, eilte zum Bahnhof hinaus und ſah, wie die letzten Paſſagiere zu Fuß oder zu Wagen ſich entfernten!... Mein Blick durchflog die Menge von Clelia und ihren Begleitern war keine Spur zu finden! ich hatte zu lange in meinem Coupé gezögert auszuſteigen.

Wüthend verzweifelt rannte ich vorwärts und ſtieß unwillig einen Menſchen zur Seite, der mir zuerſt angeboten hatte, mein Ge⸗ päck zu tragen und da er ſah, daß ich ſolches nicht hatte mich in Genua herumzuführen! Ich lief faſt zum Bahnhof hinaus, und als ich, an der Statue des Columbus angekommen, gerade in die Via nuoviſſima umbiegen wollte, da zupfte es an meinem Aermel, und der Gepäckträger ſtand mir wieder zur Seite er war mir bis hierher gefolgt!

Wenn Excellenz einen Führer brauchen, ſagte er.

Zum Henker, Kerl fort ich brauche keinen, fort!

Doch, Excellenz! Excellenz brauchen vielleicht doch einen Führer durch Genua.

Will Er mich in Ruhe laſſen oder nicht? Ich ſage Ihm, ich brauche niemanden.

Doch, Signore doch, Sie brauchen einen n Führer, es iſt nicht ſo leicht, ſich in Genua zurechtzufinden glauben Sie mir, Si⸗ gnore, Sie bauchen einen Führer.

Aber zum Donnerwetter! ſchrie ich,kann ich Ihn denn nicht los werden noch einmal: ich will nicht hört Er ich will nicht!

Doch, Excellenz!..

doch, Excellenz müſſen einen Führer haben, denn Genua, Excellenz, iſt eine Stadt, welche...

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Das war mir zu viel. Wüthend wandte ich mich um und er⸗ hob meinen Stock.

Wird er mich nun zufrieden laſſen, rief ich;oder...

Doch plötzlich ſank mein Arm.... wie vom Blitze getroffen, trat ich einen Schritt zurück... meine Augen ſtarrten wie ein Ge⸗ ſpenſt den vor mir flehenden Menſchen an... der mich zufrieden lächelnd anſah und ſich mit großer Vehemenz... die Naſe rieb.

Menſch!.. wie kommen Sie nach Genua? Sie.... Beppo Mangini, hier in Genua!... ſtotterte ich, meinen Augen immer noch nicht trauend.

Iener warf einen ſcheuen Blick um ſich und ſagte dann mit lauter Stimme:

Alſo nach dem Hotel de la Croce di Malta wollen Excellenz, da gehen wir näher, wenn wir gleich rechts hier abbiegen.

Und ohne mir Zeit zu laſſen, ein weiteres Wort mit ihm zu wechſeln, ſchritt er mir voran und ich folgte ihm in jenes Labyrinth von kleinen ſchmutzigen Gaſſen, welche diejenigen der Leſer, die Genua beſucht haben, wohl kennen, und in denen man einen Führer oder einen Ariadnefaden haben muß, um ſich zurechtzufinden. Plötz⸗ lich blieb er ſtehen, näherte ſich einem kleinen Thore und klopfte. Ein äußerſt beleibter Mann in dem claſſiſchen Genueſer Fiſchercoſtüm öffnete augenblicklich.

Tschao, Geronimo!*) rief er,hier iſt ein Herr, welcher eine Flaſche wahren, echten Cyperwein trinken möchte, ich habe ihn zu Euch geführt.

Ihr träumt, Herr! erwiderte der dicke Fiſcher,bin ich viel⸗ leicht ein Weinhändler? Seht Ihr nicht an meiner Kleidung, daß ich ein Barchettaiolo(Kahnführer) bin?

Ja, ja, Vater Geronimo, erwiderte Beppo lachend,Bar⸗ chettaiolo für die Schiffe von Levante! Andiamo! ich habe ſchon mehr als eine Flaſche bei Euch getrunken, und der Cavalier, der bei mir iſt, bezahlt gut.

So? dann iſt es etwas anderes dann avanti Signori! ich glaube, ich habe noch eine letzte Flaſche in meinem Keller, und die ſteht zur Dispoſition meiner Gäſte!

Wir traten ein, und während wir durch den dunklen Haus ſchritten, ſagte Beppo leiſe zu mir:

Sie werden hier Wein zu trinken bekommen, wie ihn der König nicht auf ſeiner Tafel ſieht dieſer Kerl iſt ein Wein⸗ ſchmuggler, wie es deren viele in Genua gibt. Wenn Sie Lieb⸗ haber ſind, ſo empfehle ich Ihnen die Firma.

Aber was thun wir hier, Beppo?

Vor allen Dingen können wir hier ungeſtört plaudern, Signore!

Wir traten in ein ſchmutziges Zimmer, ſetzten uns auf eine Bank und erwarteten Geronimo.

Aber ſagt mir, Beppo, wie kommt Ihr nach Genua? fragte ich, unfähig, meine Neugierde länger zu zügeln.

Ganz einfach, Signore! Auf dieſelbe Weiſe wie Sie, mit demſelben Zuge, Signore!

Wie?... in dieſem Augenblicke erſt ſeid Ihr angekommen?

Gewiß, wir waren Reiſegefährten.

Aber erklärt mir warum? was habt Ihr in Genua zu thun? 20.

Sie befahlen es mir ja geſtern!Ich? 3

Gewiß, Signore! Sie ſagten mir, ich ſolle Sie auf dem Bahnhofe erwarten, aber Sie nicht enſprechen, wenn ich Sie in Be⸗ gleitung fände, ſondern Ihnen folgen... nun, ich bin Ihnen gefolgt, that ich Unrecht?

Im Gegentheil! Aber auf welche Weiſe?

O ganz einfach, Signore! Als ich Sie mit einem Male Fra Angiolo von ſich ſtoßen und in ein Coupé ſpringen ſah, da that ich daſſelbe nur daß ich in das Dienſtcoupé des Zugführers trat der mich natürlich dai wieder hinaustreiben wollte, aber der Zug ging gerade ab, und..Und?.

Ich zeigte ihm meine Karte, die mich legitimirte, und mir er⸗ laubte, einen jeglichen Zug zu benutzen und von allen Beamten Hilfe und Beiſtand zu verlangen!

*) Das in Norditalien ſo häufig zum Gruße angewendete Wort Tschao iſt eigentlich nur eine Corruption des Wortes Schiavo, Knecht, Diener iſt aber durch den Gebrauch ein ſelbſtändiges Wort geworben und lat die ein⸗ zige Begrüßungsformel. D. V.