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„Salviati, mein Sohn, iſt ein großer Böſewicht.“
„Ich kann es mir denken!“
„Er hat ſich in der öffentlichen Meinung eine ſolche Stellung zu verſchaffen gewußt, daß es äußerſt ſchwer werden wird, ihm bei⸗ zukommen!“
„Gut— wir werden ſehen;— aber der Obriſt?“
„Iſt faſt kindiſch geworden und von Salviati mit Argusaugen bewacht!“
„Aber das alles wußte ich ſchon... und...“
„Sie wußten jedoch nicht, daß das Teſtament des Obriſten Salviati zum einzigen Erben einſetzt.“
„Ich konnte es mir denken— aber Camillos Kind?“...
„O mein Sohn!— es wäre vielleicht beſſer, wenn Sie ſich gar nicht darum bekümmerten.“
„Aber... was ſagen Sie?“
„Ja, mein Lieber;— wenn Gott eines ſeiner Kinder zu ſich ziehen will, darf der Menſch ſich ſeinem heiligen Willen nicht ent⸗ gegenſetzen!“
Ich ſah den Marquis mit großen Augen an— er war ſeit dem vorhergehenden Tage ein anderer geworden; ſein Auge leuchtete nicht mehr, ſein Geſicht hatte ganz den energiſchen Ausdruck verloren— in einem Worte, der Abglanz des Officiers war gänzlich ver⸗ ſchwunden— und ein Mönch— ein wirklicher Mönch— ſaß mir zur Seite. Ich hatte mich ſchnell gefaßt und beſchloß auf meiner Hut zu ſein.
„Dürfte ich Sie bitten, ſich näher zu erklären?“ ſagte ich— „ich faſſe den Sinn Ihrer Worte nicht recht.“
„Das Kind Camillo Ginozzis iſt für den Dienſt des Herrn in einem Kloſter beſtimmt,“ ſagte er mit zagender Stimme, indem er mich faſt ſchüchtern anſah.
„So!“ ſagte ich—„damit der Herr Cavaliere Salviati auch das Erbtheil, welches der Großvater als Pflichttheil ſeiner Enkelin hinterlaſſen muß, empfangen kann— und das nennen Sie Gottes heiligen Willen?“
„Auch die Schlechtigkeit des Schlechten dient ihm, um die Seelen der Erwählten zu erretten.“
„Padre,“ ſagte ich gereizt—„ich verſtehe nichts von Dogmatik; ich kann Ihnen hierauf keine Antwort geben— aber bei meiner Ehre ſchwöre ich Ihnen, daß das Schlechte hier nicht triumphiren ſoll, ſo lange ich fähig ſein werde, zu handeln...“
„Beruhigen Sie ſich...“
„Nein, ich begreife Ihre Scrupel, Marquis— und da ich Sie kenne, achte ich dieſelben auch. Nachdem Sie erfahren, daß ein Kloſter Camillos Kind aufnehmen ſoll, iſt Ihr Eifer erkaltet, und
Sie bereuen, mir Hilfe verſprochen zu haben.— Ich will jenes Kind retten...“ „Es iſt gerettet, wenn es ſich ſeinem Heilande anvertraut...“
„Gut, wir wollen uns darüber nicht ſtreiten; wir müſſen uns trennen; lebe. Sie wohl, Padre, ich werde den Kampf allein aus⸗ kämpfen und wenn ich unterliege, mögen Sie es nie bereuen, mir Ihre Hilfe verſagt zu haben.“
Ich ſtand ſchnell auf, doch ich ſah deutlich, welch ein Kampf im Innern des Dominicaners tobte; er hätte mich ſicherlich ſo gerne wie möglich zurückhalten mögen, doch ſeine Ueberzeugung ſprach dagegen. Auch er erhob ſich vom Divan und ergriff meine Hand im Augen⸗ blicke, wo ich mich entfernen wollte.
——, Ich thue meine Pflicht,“ ſagte er mit unſicherer Stimme,„wie
Sie die Ihre... wir müſſen uns trennen.. Sie... ich werde für Sie beten... ich es thun!“
„Danke Padre— ich danke Ihnen,... doch der Perron füllt ſich mit Paſſagieren— ich muß herausgehen— ich erwarte hier jemand... einen Bekannten!“
Und ohne ihn anzuſehen, öffnete ich die Thüre des Salons und trat hinaus.— Ich muß geſtehen, daß ich wüthend war und daß ich wahrſcheinlich, wenn ich länger bei ihm geblieben wäre, ihm herbe Worte über ſeine Meinungsänderung geſagt hätte; denn dieſe hatte zu plötzlich und zu unverhofft all meine Pläne durchkreuzt, als daß ich vernünftig darüber hätte nachdenken können. Das bute Gewühl der zahlreichen Paſſagiere, die nach und nach den Perron erfüllten, zerſtreute mich, und ich begann ſpähende Blicke durch die Menge zu
.. aber.... glauben und aus ganzer Seele werde
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gehaltenen Cigarre mit dem kleinen Finger abklopfe, oder ſich gewaltig die Naſe reibe.— So war ich einige Minuten auf und abgegangen und hatte nichts entdeckt, als ich plötzlich fühlte, daß jemand meinen Arm berühre. Ich wandte mich haſtig um.... Fra Angiolo ſtand mir zur Seite.
„Geſtatten Sie mir noch einige Worte!“ ſagte er mit faſt flehen⸗ dem Tone...„kommen Sie mit mir, dort am Ende des Perrons können wir ungeſtört ſprechen.“
Faſt wider meinen Willen folgte ich ihm dahin— indem ich vorher noch einen Blick über die Menge ſchweifen ließ.
„Mein Sohn,“ ſagte er zu mir— mit faſt demüthiger Stimme, „handeln Sie gnädig gegen mich— ſehen Sie, Sie ſind ein Kind jener Länder, wo unſere heiligen Inſtitutionen nicht beſtehen— Sie können nicht darüber richten! Erſt heute Morgen erfuhr ich, was man mit dem Kinde vorhabe, mein Gewiſſen quält mich— wollen Sie mir nicht wenigſtens einen einzigen Tag gewähren, damit ich mich im Gebete ſtärken könne und dann erſt einen Entſchluß faſſe!... O ich bitte Sie darum— nicht wahr, Sie thun es?“
Ich war ganz verwirrt über dieſen Antrag und den, ich wieder⸗ hole es, faſt demüthigen Ton, in dem er mir gemacht wurde.
„Denken Sie getroſt nach, Padre!“ ſagte ich—„ſo lange es Ihnen beliebt, und wenn Sie beſchloſſen haben, mir zu helfen, dann werde ich, wie ich es geſtern gethan habe, Ihre Hilfe dankbar an⸗ nehmen. Uebrigens begreife ich es ganz wohl— die ganze Sache liegt Ihnen ja ſo gar fern; Sie haben den Major nur einige Stunden gekannt, und die Sorge um ſein Kind iſt nicht Ihnen, ſondern mir anvertraut worden...“.
Der Mönch richtete ſich plötzlich kerzengerade auf— ſein Geſicht nahm wiederum jenen merkwürdig kühnen Ausdruck an, der ihm eigen war— er ergriff meine beiden Hände mit Kraft und ſagte mit einer Stimme, in der, wie es mir ſchien, der Zorn wiederklaug:
„Mann!... welche Worte ſprechen Sie... dieſes Kend... wiſſen Sie... ich gäbe meinen letzten Tropfen Blut, um es glücklich lächeln zu ſehen— ich... ich... o Thor, Ihre kalte Freundſchaft will ſich mit dem glühenden, brennenden, verzehrenden Gefühle ver⸗ gleichen, welches aus dem Officiere einen Mönch, aus dem that⸗ kräftigen Manne ein Skelett unter der Dominicanerkutte gemacht hat!... O reden Sie nicht ſolche Thorheiten— und wenn Sie Ihr Leben einſetzten, würden Sie dennoch nichts anderes für jenes Kind thun, als das, was ich von Gott täglich erflehen werde, thun zu können— thun zu dürfen...“
Der Leſer wird begreifen, daß ich keine Antwort fand; die Ueberzeugung machte ſich in meinem Geiſte geltend, daß der Verſtand des Marquis zeitliche Störungen erleiden müßte, denn, wie man ſich erinnern wird, hatte ſchon am Tage vorher eine ähnliche, wenn auch nicht ſo heftige Antwort mein Erſtaunen erweckt. Ich beſchloß, ſo zu handeln, wie man es gewöhnlich mit kranken Menſchen thut, näm⸗ lich auf ſeine Ideen einzugehen.
„Sie haben Recht, Padre,“ ſagte ich,„wir Nordländer können das Leben und die Anſchauungen deſſelben im Süden nicht recht be⸗ urtheilen,— wir wollen über das Vorhergeſagte kein Wort mehr verlieren— kommen Sie nach vorne, es ſcheint mir, als wenn man uns beobachte— hören Sie, da läutet es— wir müſſen den Bahn⸗ hof jetzt verlaſſen, um kein Aufſehen zu erregen.“
Und ich ſchritt vorwärts, dem Gedränge zu und zwang ihn auf dieſe Weiſe, mir zu folgen. Er bebte faſt vor innerer Aufregung am ganzen Körper, und ich fürchtete ernſtlich, daß wir Aufſehen erregen würden, zumal, da er mir ſtets zur Seite ſchritt und ganz nahe der langen Reihe von Coupés, die faſt ſchon alle mit Reiſenden ge⸗ füllt waren.— Ich ſah mich überall nach meinem Agenten um... und fand nichts, ich wünſchte ſehnlichſt, mit dem Mönche ſchon
draußen zu ſein und verlängerte ſo viel wie möglich die Schritte...
da plötzlich— o, ich werde es mein Lebenlang nicht vergeſſen— er⸗ tönte neben uns aus einem Coupé eine Stimme... eine klägliche, weibliche Stimme:*
„Palla Caſſotti!— Palla Caſſotti!— Marquis!“ rief dieſe Stimme,„retten Sie mich! retten Sie....
Wie feſtgenagelt ſtanden wir beide da.. ich etwas noch vor⸗ wärts, Fra Angiolo faſt vor dem Fenſter des Coupés, aus dem die Stimme ertönte. Ich trat einen Schritt— warf einen B in) das te des Wagens— und, Herr im Himmel!— was ich üc
a, die von einem Mannesarm zu
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