Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
482
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geſandt hat mir die Namen genannt... kurz faſt alles nun hören Sie... indem ich die Treppen dieſes Hotels hinaufſtieg, ſah ich auf dem Corridor zwei Perſonen, die in der nächſten Beziehung zu Ihrer Angelegenheit zu ſtehen ſcheinen; denn man nannte Ihren Namen zu verſchiedenen Malen. Würde es nicht gut ſein, daß Sie nachſehen, wer dieſe beiden Damen ſind?

Damen? rief ich.Ja, eine ältere und eine jüngere.

Warten Sie, warten Sie! und ich ſtürzte zum Zimmer hinaus, der Treppe zu! Ich ſah niemand! ich lief den Corridor entlang; ſtieg die Hintertreppe hinauf... ſpähte überall... nie⸗ mand!... niemand! Entweder mußten ſich die Damen entfernt haben, oder jener Menſch hatte ſich getäuſcht. Noch einige Augen⸗ blicke lang horchte ich ließ meinen Blick über das Geländer und durch die langen Corridore ſchweifen dann kehrte ich langſam in mein Zimmer zurück. Die Thüre ſtand noch angelehnt, ebenſo wie ich ſie verlaſſen ich öffnete ſie es war mein Zimmer, ich hatte es mit dem erſten Blicke wieder erkannt und dennoch trat ich, nachdem ich einen Schritt in demſelben gethan, verwirrt zurück ſtammelte ein:Scusi SignoreVerzeihen Sie mein Herr und war wieder auf dem Corridor.

In der That, ich mußte mich getäuſcht haben, es war nicht mein Zimmer und dennoch Nr. 58 es iſt dennoch mein Zimmer, ich trete von neuem ein, und ſehe wie vor einem Augenblicke einen kleinen, ältlichen Herrn in hellen Sommerkleidern, der gemüthlich in einem Armſtuhl liegend, den Kneifer auf der Naſe und eine Cigarre zwiſchen den Lippen, ein Buch lieſt... und dieſes Buch... wahr⸗ haftig, ich täuſchte mich nicht das iſt mein Buch da liegt mein Rock da ſteht mein Koffer da hängt mein Hut es iſt mein Zimmer und...

Mein Herr, rufe ichwas machen Sie hier?

Er hebt langſam den Kopf in die Höhe und ſieht mich ſchmun⸗ zelnd an!Nun? ſagt er,haben Sie die beiden Damen nicht auf dem Corridor getroffen?

Man kann ſich vorſtellen, daß ich einer Statue gleich daſtehe und nicht fähig bin, ein Wort auszuſprechen, doch der Eindring⸗ ling erhebt ſich, legt langſam Buch und Cigarre bei Seite und kommt auf mich zu.

Treten Sie doch näher, ſagt erman könnte über den Corridor kommen und Sie dort ſtehen ſehen.

Aber wer ſind Sie, Herr?.... rief ich.

Habe ich Ihnen denn nicht ſchon vorhin meine Empfehlung des Fra Angiolo übergeben? antwortet er ruhig.

Sie? ſtotterte ich...

Ja, ja, ich! aber treten Sie nur ein ich habe Ihnen gleich einen Beweis meiner Geſchicklichkeit geben wollen deshalb habe ich Sie aus dem Zimmer entfernt aber kommen Sie doch näher hören Sie da kommt jemand die Treppe hinauf.... Hören Sie!...

Faſt willenlos vor Erſtaunen faſt erſtarrt, laß ich mich ins Zimmer hineinziehen, welches jener hinter meinem Rücken ſchließt. Ich glaube, es hätte lange Zeit gewährt, ehe ich zu mir ſelbſt gekom⸗ men wäre, wenn ich nicht auf einem Stuhle, welcher an der Thüre des Alkovens ſtand, den berühmten, hellbrannen Rock hätte liegen ſehen, den der Abgeſandte Fra Angiolos bei ſeinem Eintritt in mein Zimmer trug.

Aber ſind Sie es? rief ich Augen trauend.

Zu dienen, Excellenz! Beppo Mangini Diener.

Aber wer.. kerade?

Fra Angiolo hat mir erzählt, daß Sie mich vielleicht unter vielerlei Geſtalten gebrauchen würden, und deshalb wollte ich Ihnen gleich ein Probeſtückchen ablegen, daß ich auch fähig wäre, allerlei Geſtalten anzunehmen. Wer ich bin? Mein Name, wie ich vor⸗ hin ſchon die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen, mein Name iſt Beppo Mangini was ich bin? das iſt ſchwieriger zu ſagen was ich war, iſt leichter. Von Geburt bin ich Huſar, in Betracht, daß mein Vater Wachtmeiſter im Regimente von Piacenza war, in dem ich aufgezogen wurde, und wo ich auch die Bekanntſchaft des Herrn

immer noch nicht meinen Ihr gehorſamſter

wer ſind Sie denn und warum dieſe Mas⸗

Marquis Palla Caſſotti machte, bei dem ich Jahre lang als Burſche

fungirte. Als dieſer edle Herr den Dienſt des Königs verließ, litt

es auch mich nicht länger beim Regimente und ich nahm meinen Abſchied. Da jedoch eine entſchiedene Antipathie gegen den neuen Stand des Herrn Marquis mich bewog, mich von ihm zu trennen, ergriff ich eine Carriere, für die ich mich durch das Schickſal beſtimmt glaubte; denn ſeit meiner früheſten Jugend ging all mein Sehnen und Trachten dahin ich wurde Schauſpieler. Doch ohime Sig nore! Italien iſt nicht mehr das auserwählte Land der Kunſt und Poeſie; der Materialismus iſt zu groß in unſerem Lande ge⸗ worden, Signore ich habe viel Unglück gehabt als Schauſpieler, und der Dienſt eines undankbaren Publicums hat mir fünf der ſchönſten Jahre meines Lebens geraubt. In Folge einer Kataſtrophe, die Sie nicht intereſſiren wird, verließ ich Thaliens Dienſt... und trat wiederum in den Dienſt des Staates, in welchem ich mich noch heute befinde und recht wohl befinde, Signore mein Wort zum Pfande!

Ein Staatsdiener wie ſoll ich das verſtehen? ſagte ich, nachdem ich der langen Erzählung meines neuen Adjunetus mit großer Aufmerkſamkeit zugehört hatte.

Ja, ich diene dem Staate im allgemeinen erwiderte er

und dem Herrn Queſtore di Polizia im beſonderen.

Ach ſo!... Sie ſind!...

Ja, ich weiß, unterbrach er mich mit leiſem Achſelzucken, man gibt der ſo nützlichen Charge, die ich bekleide, nicht ganz ehren⸗ werthe Namen; aber das ſind kleinliche Ausbrüche eines ohnmächtigen Zornes, und ich bekümmere mich wenig darum. Ich habe mein ganzes Leben mit Cavalieren zugebracht, habe dann von der Bühne aus mein Volk belehrt und zu beſſern verſucht, und jetzt bin ich ein thätiges und nützliches Glied der Kette, welche die Geſellſchaft be⸗ ſchützt ich verſichere Sie, Signore ich laſſe das unwiſſende Volk ruhig die Worte ſagen, die unſeren Stand bezeichnen, und kümmere mich eben ſo wenig darum, wie damals, als daſſelbe Volk mich auf der Bühne auspfiff! V

Aber wie kommt denn Fra Angiolo dazu einen... einen Agenten der geheimen Polizei zu meiner Dispoſition zu ſtellen? fragte ich. O das geht hier ſehr gut, und das iſt eine Neuerung, die der Herr Queſtore eingeführt hat und die recht ſegensreiche Früchte trägt! 4 Wenn man z. B. eine Angelegenheit vor hat nun wie Sie in dieſem Augenblicke, ſo kann ein bekannter und geachteter Mann ein⸗ fach hier auf die Polizei gehen, und der Herr Queſtore ſtellt einen Agenten gegen Caution zu ſeiner Verfügung. Wir ſind vereidigt und wachen ſelbſt darüber, daß derjenige, der unſere Dienſte in An⸗ ſpruch nimmt, nichts Unrechtes von uns verlange, und ebenſo haben wir die Macht, in unſerer Qualität als Diener der Polizei die Gegner desjenigen, dem wir dienen, augenblicklich unſchädlich zu machen. Sie ſehen, Signore, daß dies eine äußerſt praktiſche Einrichtung iſt; jedoch ſie erfordert Agenten nun ich will mir nicht ſchmeicheln aber ich habe oft ſchon rühmlichſt meine Miſſion erfüllt!

Alſo Sie verzeihen meine Frage werden Sie von alle dem, was Sie in meinem Dienſte unternehmen, gleich oder ſpäter dem Herrn Queſtore Nachricht ertheilen müſſen? V

Sie entſchuldigen dem iſt nicht ſo ich bin ſo zu ſagen

aus dem Polizeidienſte geſchieden, indem ich in den Ihren trete, und der Herr Queſtore bekümmert ſich gar nicht mehr um dieſe Angelegen⸗ heit es wäre denn, daß ich gezwungen ſein ſollte, irgend eine Arreſtation zu vollziehen, die ich natürlich nachher vor ihm zu ver⸗ antworten hätte.

Hm... Sie ſprachen von einer Caution. 8

Ja, der Abgeſandte Fra Angiolos, der, wie Sie ſich denken können, ſich in ſeinem Dominicanergewand nicht auf der Polizei zei⸗ gen wird, hat hundert Napolcons deponirt.

So!.... ſagte ich, indem ich den Zweck begriff, wozu der

Mönch mein Gold verlangt hatte,und wer war dieſer Abge⸗ ſandte?... Der Abgeſandte?.... o ſicherlich wird Fra Angiolo Ihnen ſeinen Namen nennen antwortete er mir;ich kannte ihn nicht. Ich ſah meinem neuen Diener feſt ins Geſicht. Sie ſind discret, ſagte ichund das iſt recht werden Sie aber auch für mich eben ſo discret ſein, wie für den Marquis?* Ich wäre unwürdig, das Vertrauen meines Vorgeſetzten zu genießen, wenn ich anders handelte. Nun, ſo antworten Sie mir offen und wahr wie kamen Sie darauf, mir zu ſagen, daß zwei Damen die eine älter un

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