geſtehen, daß nicht der Inhalt der Gebete, ſondern nur
d die Sprache Doch plötzlich hielt er inne,— ſein Blick ſiel auf das Gebet⸗ V und Form derſelben meinen Geiſt beſchäftigte. 4 buch, welches er in der Hand hielt— das Pue keni Augen War 2„So... ſol.. und wenn ich mich an Ihrer Ausſprache nicht wie durch einen Zauberſchlag erloſchen— ein unbeſchreiblicher Aus⸗
täuſche, obgleich Sie trefflich die Sprache des Dante reden, ſo ſind Sie kein Italiener, mein Sohn!“ „Richtig gerathen, Padre!“—„Ein Franzoſe?“
druck von Wehmuth und Schmerz lagerte ſich auf ſeinem Geſicht- er nahm das Kreuz, das an ſeinem Gürtel hing— küßte es inbrün⸗
ſſtig— ſeine Finger fuhren durch den Roſenkranz, und ohne ſich um ⸗Ein Deutſcher!“ mich zu bekümmern, murmelten ſeine Lippen ein leiſes Gebet, das „O!... mi allegro!... ich liebe die Deuiſc. ſie beſitzen aus der tiefſten Tiefe ſeiner Seele zu kommen ſchien. er mehr poſitives Wiſſen als alle andern Völker.“ 2 Ich ſah ihm erſtaunt— bewegt zu;— plötzlich wandte er ſich ſas V„Sie beſchämen ig, Padre, ich ſah ſo eben in Ihrem Gebet⸗ wieder mir zu, ſein bleiches Geſicht erſchien mir noch bleicher, als V buche, daß die elaſſiſche Sprache ſich mir faſt entfremdet hat; ich be- vordem;... aber mit einem Male ſtieg in meinem Gedächtniſſe eine S V griff aur das das Latein Ihres Gebetbuches...“ längſt vergeſſene Figur auf— ein Name, der ſeit zwölf Jahren nur kor V„Nun? 8. wenige Male, aber ſeit einigen Monaten faſt täglich in meinem Gei et V„Verzeihen Siel.. es iſt ein abſcheuliches Latein,“ ſagte ichlachend. wiedertönte, ſchwebte auf meinen Lippen— ich wich vor wnaeif ſein b„Hm! hm! meinte er,„Sie haben vielleicht ſo unrecht nicht einen Schritt zurück... der — ich habe das ſchon vielfach gehört; aber glauben Sie mir, Gott„Marcheſe...“ ſtammelte ich...„Marcheſe...Palla Caſſotti geb. ſſieht mehr auf das Herz, das zu ihm betet, als auf die ſyntaktiſche...Sie... Sie— Dominicaner⸗Mönch?“ V Stellung der Worte, welche die Lippen murmeln.“ Bei der Nennung ſeines Namens fuhr mein ehemaliger Se⸗ der .„Sehr richtig, Padre! doch freue ich mich, Ihnen dieſes Buch cundant zuſammen, ſeine Stirn legte ſich in Falten, und ſein Auge Möu V wiedergeben zu können, Sie ſcheinen es ſeit langen Jahren zu ge⸗ leuchtete. V brauchen...—„Wer ſind Sie? Signore?“ ſagte er mit jener kurzen, accen⸗ „Ja, mein Sohn— ſeit dem Augenblicke, wo die Gnade des tuirten Stimme, die den Officier und den Genueſer zuſammen ver⸗ ¹Heern mich auf der ſchwindelnden Bahn des Lebens, die zum Ab⸗ rieth,„welchen Namen nannten ſie da?“ men f grunde der Verderbniß führt, erreichte und ſeine Vaterhand mich zur„O, Marquis!“ rief ich,„erkennen Sie mich denn nicht mehr, einige Reue, zur Buße, zur Beſſerung führte.“ den Gegner Salviatis im Duelle im Olivenhain bei Ihrer Villa auf fehler Wir ſchritten langſam in der ſchattigen Allee vorwärts, und ich der Straße nach Oneglia?“ geiſtl 4 ſah mir den Mann, der neben mir ging, jetzt genauer an. Er ſchien Wiederum fuhr er wie von einem elektriſchen Schlage getroffen noch jung, noch nicht vierzig Jahre alt zu ſein, doch bezeugten die zuſammen— ſein Geſicht ward aſchfarben; ein bitteres Lächeln zuckte tiefen Furchen ſeines feingeformten Geſichtes, daß das Leben mit all um ſeine Lippen, dann ſagte er: auf eit ſeinen Stürmen darüber gefahren war; ſeine Augen leuchteten noch„Ja, ja! ich entſinne mich— entſinne mich.... Sie waren wie die eines Mannes und hatten nicht jenen apathiſchen Ausdruck, der Freund des Majors..... jener Deutſche, der ſo unbeſonnen den ich bei anderen Mönchen ſo oft bemerkt und der mir in ſo hohem focht!“ Grade mißfiel. Güte und Liebe lagen in ſeinem Blicke, aber auch„Und wollen Sie mir die Hand nicht geben, Padre,“ ſagte ich,
Leben und Kraft und Energie.
„Ich ſehe, daß auch Sie, Padre, dieſen anmuthigen Spazier⸗ gang lieben,“ ſagte ich.
„Gewiß!“ meinte er,„ſo oft ich die Erlaubniß habe, mein Kloſter zu verlaſſen, komme ich vorzugsweiſe hierher und ſehe den Fiſchern zu— Wollen wir etwas ſchneller gehen? wenn ich mich nicht
„die Hand, die der Marquis Palla Caſſotti mir ſo edelmüthig das mals reichte?“
Er ſtreckte mir ſeine magere Hand entgegen und drückte die meine.„Wunderbar...“ murmelte er...„wunderbar... geſtern be⸗ gegnete ich einem Cameraden, mit dem ich auf der Kriegsſchule und dann beim Regimente Jahre lang zuſammen geweſen bin, und er er⸗
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irre, ſo werden ſie weiter oben bald die Netze aus dem Fluſſe ziehen, kannte mich nicht... und Sie...“ erkt 9 — ich ſehe das ſehr gern.“„Iſt es Ihnen unlieb, Padre, ſo will ich es vergeſſen.“. kin W 1 Wir verlängerten unſere Schritte, und ich konnte meinen Be⸗ Er ſchwieg,— nach einigen Minuten ſagte er dann: 2 mor gleiter immer näher betrachten. Wenn man viel geeeiſt iſt, viele„Sie wiſſen wohl, daß Fürſt Cibo in der Schlacht bei der An ſen
Mieuſchen geſehen hat, ſo fällt man oft ſelbſt mit dem beſten und Tſchernaja geblieben iſt?“„Ich wußte es nicht.“ giolo ſcchärfſten Gedächtniſſe in eigenthümliche Verwirrungen.— Ich ging„Nun Addio— mein Sohn— gute Promenade... ich muß e. d u1
ſchweigend neben dem Mönche her, und ſicherlich hätte er ſich ſehr gewundert, wenn er errathen, was mit einem Male ſo ausſchließlich
Kloſter V meine Gedanken beſchäftigte.— Ich ſuchte nämlich in meinem Kopfe
ins Kloſter zurück— ich freue mich, Signore, Sie wohl zu ſehen!.. Leben Sie wohl!“ V Ich begriff, wie unangenehm es ihm ſei, daß ich ihn erkannt.
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V zu entwirren, wem von den tauſenden, mit denen ich in ſpecielle ſchweigend reichte ich ihm die Hand. ualaßn Berührung gekommen, dieſer Dominicaner ähnlich ſähe! Wo hatte„Padre,“ ſagte ich,„verlaſſen Sie mich nicht ſo— unſere Be⸗ 1v. ung ich dieſen leuchtenden Blick, dieſe gerade, ſtolze Haltung und dieſes gegnung kann keine zufällige ſein. Kommen Sie, ſetzen wir uns auf unde de feine Lächeln, das, ihm ſelber unbewußt, ſelbſt bei den ernſteſten 24
jene Bank, ich werde Ihnen erzählen, warum ich nach Turin gekom⸗ men, und dann werden Sie ſelbſt richten, ob der Zufall mir den, noch welcher den letzten Seufzer Camillo Ginozzis gehört, auf den Weg wechde geführt, oder ob eine höhere Hand uns hier einen Fingerzeig gibt, dem wir dankend folgen ſollen... Hören Sie.“ uu Er folgte mir auf die Bank— anſcheinend ruhig, doch mit mühſam unterdrückten nervöſen Bewegungen hörte er mir zu, dem R„n. ich ihm alles das erzählte, was der Leſer weiß. Als er den Brief Vne Camillos, den ich ihm zum Leſen gegeben, mit den Augen überflog, ett zitterte die Hand, die ihn hielt, merklich— und als ich endlich meine. Erzählung beendet und meinen Blick zu ihm us ſchien es mir, in
Worten ſeine Lippen umzuckte, ſchon geſehen?— War es in Paris, London, Madrid?— war es in Damascus oder in Valparaiſo, in Schottland oder in Marokko? Ich ſann— ſann und ſann, gab dem guten Padre ziemlich zerſtreute Antworten— quälte meinen Geiſt (uf eine unerhörte Weiſe und fand nichts. Plötzlich wurde meine Aufmerkſamkeit auf zwei Soldaten, die ziemlich angetrunken zu ſein ſchienen, gelenkt, die auf uns zukamen und das bekannte Fratelli c'ltalia ſangen. Sie ſchwankten hin und her, betrachteten uns mit trüben Blicken, gingen aber, ohne uns zu beläſtigen, vorüber. Mein Blick fiel auf meinen Begleiter, ich wollte irgend eine heitere Bemer⸗ kung über die luſtigen Burſchen machen, doch ich ſchwieg, als ich leeinen eigenthümlichen Ausdruck auf ſeinem Geſichte ſah. Er hatte
als wenn ein Verklärter mir zur Seite ſäße.— alteten Händen,
mit gen Himmel gerichtetem Blicke ſaß er da, und ſein bleiches Geſichtͤ
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ſich hoch und gerade aufgerichtet und ſchaute den beiden Soldaten mit glänzte von einem faſt überirdiſchen Scheine. Ich fand kein Wort iie eeinem Blicke von unermeßlicher Begeiſterung nach. mehr... tief ergriffen ſah ich auf den ehemaligen Marquis. A d’„Herrliche Jungen!“ ſagte er,„brave Kerls,— drittes Ula⸗„Und Sie ſind aus weiter Ferne hergeeilt, um das Kind des eii Ac naenregiment— dieſelben, die bei Montebello unter General Sonnaz Mannes zu ſchützen, den Sie nur während einer Nacht gekannt?“ n dü b ddie berühmte Charge machten!.... Ah, wenn ſie ſo zu Pferde ſitzen ſagte er endlich.—„Natürlich!“ erwiderte ich. V aug Jeld i V und die Lanzen in die Luft ſchwenken und mit dem Kriegsruf ihres„O,“ fuhr er fort und ein Ausdruck tiefer, inniger Verachtun e 2 Königs:„Savoya! Savoya!“ in den Feind ſtürzen... Hax welche lagerte ſich plötzlich auf ſeinem Geſichte—„und ich— ich— habſ 6 V Luſt... welche...“ e ſſeit neun Jahren nicht an jenes Kind gedacht!“ 1 8 V—;—ꝛᷣy;B———:———————— d——
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