Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
459
Einzelbild herunterladen

85 4 auf einer dieſer Höhen, der Stadt zunächſt, erhebt ſich der alte Bau en Pmr. 1 eines Schloſſes, auch hier, wie faſt überall in Weſtfalen, Hünenburg Zafrein⸗ genannt. Die Stadt ſelbſt, in grauer Vorzeit befeſtigt, iſt in einer ind lber gewiſſen Regelmäßigkeit gebaut, doch iſt der ländliche Charakter en tugen keineswegs verdrängt.. rſ d Die Pfarrkirche i*ſt von einem großen freien Platze umgeben, däd den wiederum alte mächtige Linden einfaſſen. Natürlich iſt dort der laen Sammelplatz der Jugend zu allen Zeiten des Jahres. Da fliegt der ides, Fangball, da wird der Kreiſel gedreht, der Schneemann gebaut und Lebenaluſ der Schlitten geſchoben, und der frohe Lärm der Knabenſchar ſtört ſein denn nicht ſelten den einſam⸗-frommen Beter im ſtillen Kirchlein. Die bei äner Straßen ſind rein und die Häuſer ſind blank. Auch der Bach fehlt de wurde, nicht, er durchrinnt klar und plätſchernd den Ort, treibt die Mühl⸗ Regungen räder zum wirbelnden Schwunge und iſt bald dort, bald hier der Sammelplatz plaudernder Wäſcherinnen oder die Tränke für durſtige athen, nit Thiere. Im Winter ſind die Straßen öde und leer. Das Leben

ſogenannte lauf. Auf der Tenne pocht der Dreſchflegel den bekannten Takt, im die übrigen Stübchen ſchnurrt die Spule. it verlocken⸗

Spreu und rdect, fän⸗ der auf einer ar das Eiſen

zufällig ſich der Bewohner treibt in den Häuſern ſeinen faſt gleichmäßigen Kreis⸗

Zuweilen tönt im hellen Klange das Poſthorn oder der Peitſchenknall eines rüſtigen Frachtkärrners. Aber im Sommer iſt Leben überall. Mit der erwachenden Sonne beginnt die Beſchäftigung der fleißigen Bürger, mit der ſinkenden Sonne erſt ſteht ihr Tagewerk ſtille; ja im Hochſommer, wenn der Segen der Ernte eingeheimſt wird, gibt es auch dann nicht Ruhe

Lockoröckchen und manchem wird der erquickende Schlummer karg gemeſſen. eiß der Vor⸗ Die Stadt iſt im Genuſſe weiter Hutgerechtſame, und dadurch iſt enn die Kör⸗ es dem Kleinbürger möglich, Vieh aller Gattung zu halten, das ihn

gtur unſeres den Sommer hindurch wenig Mühe und Futter koſtet. Sobald ſich dd der unzee⸗ Anger und Weiden mit friſchem Grün bekleiden, beginnen die ver⸗ dieſer Stäte ſchiedenen Hirten ihr Ausbringen. Um 4 Uhr Morgens bläſt der Vrtzi und Kuhhirte ſeinen Reigen in langgezogenen Tönen. Da öffnen ſich

ſchlagen und alsbald die Stallthüren, und hier ſpringt in muthwilligen Sätzen ein i einem Aaaſe Rind hervor, dort ſchreitet bedächtig eine Kuh heraus. Je weiter he abbeißt un durch die Straßen, je mehr ſammelt ſich die bunte Schar, und in wenn ihm eiligen Schritten geht es der Weide zu. Wehe der Magd, die das

wird, darn it Auslaſſen der Kuh durch den Schlaf verſäumt! Allein muß ſie ihr zeiner Lebens⸗ Thier dem Hirten alhtrerben⸗ und durch das Hohngelächter der lier zur W. Wahl⸗ Burſchen und andern Mädchen läuft ſie geiſtig Spießruthen.

dlenthätigk keiten lun einige Stunden ſpäter gibt der Gänſehirte auf einer Pfeife her Kampf be⸗ das Zeichen zum Austreiben; alsbald füllt ſich die Straße mit den

atet di ſnen watſchelnden Zweifüßlern. Dann folgt der Geishirt und etwas Tiinss Fuchs ſpäter der Sauhirt, der freilich nicht wie der Sauhirt in Homers

Odyſſee erſcheint. Sein Signal iſt das Klatſchen mit einer rieſigen Peitſche, mit welcher er zugleich ſein grunzendes Heer lenkt und die ebweichenden Glieder deſſelben züchtigt. Am Abend kehrt eine Schar mach der andern wieder heim; oft kommt es vor, daß faſt alle Her⸗ den zugleich, die eine in dieſes, die andere in jenes Thor, in die Stadt ziehen. Da iſt dann ein wunderliches Durcheinander von Formen, V en böhle Farben und Stimmen; doch aus dem Chaos löſt ſich voll Berech⸗ 3 Bor karzen nung jedes einzelne Thier und mühelos findet jedes ſeine Herberge.

üͤtuig gen S Sohf Doch genug von dieſem! Vielmehr will ich verſuchen, eine

2h ſeban 48 chilverung von ſolchen Feſten und Gebräuchen der Bewohner zu

ir ie me e Hitte Pben, die aus meiner Kinderzeit voll ſchöner Erinnerung mich grüßen s biſim unter⸗ und die noch jetzt beſtehen. Die Feſte ſind, wie überall, ſo auch Jagd ſjer, an die Jahreszeiten geknüpft und von dieſen bedingt, und ſo der aa möge denn der alles belebende Lenz auch hier den Reigen eröffnen. Da ic riß g Oſtern! welch eine Fülle von neuen Empfindungen hebt die em vpie dern Seele! Hallelujah! Alles iſt erſtanden! Die Lerche trägt in den ſe verſ geklärten Aether ihr ſchmetterndes Lied, ſchon ſchleppt der Spatz und

uerhalb u ſimm Fink zum Neſte. Der Schlehdorn iſt mit tauſend Sternchen bedeckt, d ihn an, di jungen Gräſer ſprießen hervor, aus denen leuchtend Maßliebchen mn noch homn und Butterblumen mit den bekannten lieben Augen ſchauen. Primel Als un en und Schneeglöckchen ſind längſt gefunden, und an den Hecken, o Wonne, on aufe ſa üi verräth ſich ein beſcheidenes Veilchen. dbm, Vun der Der Nachmittagsgottesdienſt iſt beendet. 95 Fihwaa Hunden eellg den Kirchhof, wo ſonſt noch manches Wort gedechſelt n wird. Die r nif den 4 männliche Jugend legt das Feſttags⸗Oberkleid ab und ſchlüpft eilig n in pie Hülle der blauen Blouſe, denn es gilt das Stroh zu dem Oſter⸗ ſeuer zu ſammeln.

Auf den Hauptſtraßen vereinigt ſich die jugendliche Menge, drei er Feuer an den verſchiedenen Thoren müſſen mit ihren Flam⸗ nen die Feier des Tages bekunden. Alsbald kennt jede Abtheilung

459

ihre Arbeit. Die Schuljugend ſpielt eine Hauptrolle. Jeder Hausbe⸗ ſitzer bringt gerne ſeinen Tribut, denn jeder Halm für das Oſterfeuer verzehnfacht ſich im kommenden Erntejahr für ſeine Scheune. Bald mehren ſich die Strohgebinde zu hunderten. Vor dem Thore, auf einem höher liegenden Anger, iſt der Feſtplatz, da hinaus geht es mit dem geſammelten Material. Einige der Burſchen kommen mit einer großen Stange, die ein freundlicher Ackerwirth geſchenkt; andere wälzen eine leere Theertonne hinaus, die ein Kaufmann als ſein Gabentheil geſpendet hat. Dieſe Tonne kommt als Haupt auf die Stange, um welche aufgerichtet ſich das Stroh haushoch emporbaut.

Während dieſer Zeit hat ſich auch die weibliche Jugend vor die Thore begeben; auf einer Wieſe ſammelt ſich die bunte Mädchenſchar. Einige ermuntern durch hellen Zuruf die ſchleppenden Burſchen, an⸗ dere vereinigen ſich zu einem Spiele, während einzelne Pärchen die Veilchen an den Hecken aufſuchen und ſich dabei gegenſeitig die ſüßen Geheimniſſe des Herzens entdecken. Noch haben die Spiele keinen rechten Zug; bald aber kommen die Burſchen Nungs, denn die Arbeit iſt gethan, und zum Anzünden des Feuers iſt es noch zu früh. Nun aber wird die Wieſe der Tummelplatz der lauteſten Freude, denn ein Spiel nach dem andern, wie es von Geſchlecht zu Geſchlecht ſich fort⸗ geerbt hat, ſetzt alles in Bewegung. Blindekuh, Fangen, Plump⸗ ſack und wie die Spiele alle heißen. Da glühen die Wangen, da leuchten die Augen, da pocht das Herz. Und über dem heitern Bilde durchwandelt die goldene Frühlingsſonne den blauen Himmel, bis ſie ſich endlich im Weſten hinter die Berge neigt. Nun geht's zum Anger hinauf, denn die Dämmerung ſinkt und der Abend kommt ſchnell. Bald dringt aus dem Strohhaufen eine dichte Rauchſäule, und dann ſchlagen die hellen Flammen empor.

Jetzt verſtummt die Freude, ein ſtiller, geweihter Ernſt erfaßt die Menge, man ſchließt einen Kreis um das Feuer und aus der Stille erſchallt plötzlich der Geſang:Chriſt iſt erſtanden! Mächtig erfaßt der Geſang in der freien Natur das Gemüth, und niemand würde es wagen, die Feier zu unterbrechen, bis der letzte Vers des Liedes verklungen iſt. Inzwiſchen iſt es völlig Nacht geworden, und wer jetzt aufblickt, der gewahrt ringsum auf allen Höhen als Nach⸗ bargruß die Oſterfeuer anderer Ortſchaften.

Der Kreis um das Feuer lichtet ſich, und die Knaben wagen ſich an daſſelbe heran, um ihre Oſterkerzen anzuzünden. Für dieſe Kerzen wird ſchon im Herbſt geſorgt, es ſind die hohen, ſamenbedeckten Kol⸗ ben der Königskerze. Wo ein Knabe ſie auf ſeinen Streifzügen durch Feld und Wald entdeckt, da wird ſie ſorglich mit nach Hauſe genommen, und jeder ſucht eine Ehre darin, daß er die beſte Kerze hat. Am Feſttage erlaubt dann ein Kaufmann gern, daß dieſe Ker⸗ zen in ein ihm gehörendes, mit Theer gefülltes Faß getaucht werden, und dann ſind ſie vorzüglich) zu dem beabſichtigten Zwecke präparirt. Wohl gibt's da zum Verdruß der Mütter Flecken auf Mütze und Wamms, aber es iſt ja Oſtern, und da wird nicht leicht eine Rüge ertheilt

Während die Knaben mit ihren lohenden Kerzen den Anger um⸗ ſtürmen, iſt das Feuer nur noch eine zuſammengeſunkene Glut, in der allein die ſchwere Holzſtange und die zerſprungene Theertonne einige Flammen bilden und nun beginnt ein neuer Abſchnitt der Freude: das Springen. Zuerſt bilden die Burſchen und Mädchen eine Kette, und in dieſer Verbindung umſpringt oder umtanzt man den glü⸗ henden Feuerreſt. Bald aber löſt ſich die Kette auf, und nun faßt ſich Paar um Paar und in wilden Sprüngen geht's über das Feuer hinweg. Dabei iſt es ein förmlicher Wetteifer, recht weit zu ſpringen, denn es herrſcht der Glaube:je weiter der Sprung, je länger der Flachs. Wohl faßt die emporzüngelnde Flamme oft das fliegende Gewand einer Maid, doch es iſt Oſtern und da läßt man ſich alles gefallen; wohl faßt eine Dirne bei dem kühnen Sprunge das Ziel zu weit, und ein Fall iſt unvermeidlich, aber der kräftige Arm des mit ihr ſpringenden Burſchen trägt ſie durch die Luft und rettet ſie vor der Glut. End⸗ lich iſt nur noch ein Häufchen glühender Aſche übrig; das Springen verliert ſeine Schwungkraft und die Nothwendigkeit zur Heimkehr iſt geboten. Aber wie geſchieht dieſe? Nicht in eiliger, wilder Auflöſung, nein in feierlich ſtiller ODrdnung. Die Männer und Frauen in ſich geſondert, Paar auf Paar gehen ſie in langem Zuge durch die Straßen der Stadt nach der erleuchteten Kirche. Dort vereinigen ſich die Theilnehmer aller drei Oſterfeuer und auch andere Kirch⸗ gänger kommen hinzu. Nach einem kurzen Gebete zerſtreut ſich die Menge, und nun eilt alles nach Hauſe, denn es warten daheim im kleinen behaglichen Kreiſe die Oſtereier. Ludwig Bund.