—
—xi
—
—„„ 7 ———õ— ———-——
————
Eine Erzählung nach mitgetheilten Papieren von A. Mels.
(Fortſetzung.)
Vielleicht weiß der Leſer, daß zwei Fechtſyſteme exiſtiren, die beide ihre eifrigen Anhänger und Vertheidiger haben, die beide, wenn ich mich ſo ausdrücken kann, gleich gut ſind, jedoch faſt immer zu einem ſchrecklichen Reſultate führen, wenn ſie in der Praxis ſich eins dem andern gegenüber befinden. Ich ſpreche von der neapolitaniſchen und der franzöſiſchen Schule, erſtere, die im Angriff ſo Bedeutendes leiſtet, letztere, die aus viel menſchlicheren Principien all ihre Kunſt auf die Vertheidigung gewendet und darin ſeit einigen zwanzig Jahren es ſo weit gebracht hat, daß bei ihren Anhängern die Duelle ſelten einen gefährlichen Ausgang haben. Doch wie geſagt, wenn ſich die beiden Schulen auf dem Terrain gegenüber befinden, kommt es faſt nie vor, daß die Begegnung keine ernſte— ſogar ſehr ernſte Folgen— hat— und ſchon beim„Auslegen“— hatten ſowohl ich, als alle Anweſenden begriffen, daß dieſer Fall ſich hier darbot, — Salviati hatte die neapolitaniſche Garde mit geſtrecktem Arme— ich die franzöſiſche mit gebogenem!...
Ich wäre unfähig, dem Leſer die Einzelnheiten dieſes Duells zu ſchildern, auch würden die techniſchen Erklärungen der geſchickte⸗ ſten Attaquen Salviatis und meiner ſehr glücklichen Paraden ihn wenig intereſſiren; ich kann ihm nur betheuern, daß, obgleich mein Lehrer ſowohl in Deutſchland, als auch in Paris mich für einen ſehr befähigten Fechter gehalten, ich in Salviati einen wenigſtens ebenbürtigen Gegner gefunden hatte. Er machte die kühnſten, gewandteſten Angriffe— er ſuchte auf alle mögliche Weiſe eine Zeit lang meine Aufmerkſamkeit zu täuſchen, und als ihm dies nicht ge⸗ lang, verſuchte er, mich einzuſchüchtern, indem er mit wilden Aus⸗ rufungen und Flüchen wie das Wetter auf mich eindrang.
Ich wiederhole es, ich war vollkommen ruhig, und mein deut⸗ ſches Phlegma leiſtete mir vortreffliche Dienſte, er konnte machen, was er wollte,— ich blieb in meiner Parade wie in einem Thurm eingeſchloſſen, und alle ſeine Stöße, ſie mochten ſo geſchickt und ſo kräftig wie nur möglich ausgeführt ſein, prallten entweder an meiner Klinge oder am Korbe meines Degens ab. Einmal ſogar hatte ſich der Cavalier, welcher mir ganz nahe zu Leibe gerückt war, ſelbſt an der Spitze meiner Waffe unbedeutend am Vorderarme verletzt.
Plötzlich jedoch ſchien er ſeine Taktik ändern zu wollen— ſeine Attaquen wurden ruhiger, beſonnener, langſamer und viel leichter zu pariren. Ich glaubte, er wolle mich dadurch zum Angriff verleiten und hob deshalb die Augen zu ihm empor.
Ich fand ſeinen Blick mit einem fremdartigen Glanze und einer eigenthümlichen Starrheit auf mich geheftet;— ich konnte dieſen Blick nicht ertragen— er traf mich wie ein Stachel— ich ſenkte den meinen zu Boden.
Und immer fort dauerte der Kampf. Salviati blieb ſeiner zu⸗ letzt angenommenen Taktik treu— er ſchien mit mir nur ſpielen zu wollen,— vielleicht wollte er mich nur ermüden— dachte ich— um nachher mich durch einen ungeſtümen Angriff deſto leichter zu überwältigen.
Ich weiß nicht, wie mir geſchah, ich begann mit einem Male zu fürchten, daß ſich dieſe Vorausſetzung meiner Ermüdung realiſiren würde— ich fühlte eine Schwere in allen Gliedern, die von Augen⸗ blick zu Augenblick zunahm— einen Druck auf die Schläfen, der zu⸗ erſt kaum merkbar, in wenigen Secunden aber faſt ein Schmerz ge⸗ worden war.— Ich ſchüttelte mich gewaltſam auf— warf einen Blick auf den Secundanten, um zu ſehen, ob die ſieben Minuten des Kampfes, nach denen eine Pauſe eintreten muß, noch nicht verfloſſen wären— parirte mit ſchwachem Arm einen langſam ausgeführten Stoß... und unwillkürlich, oder, um mich beſſer auszudrücken, wider meinen Willen, lenkte ſich mein Blick auf meinen Gegner.
Die ſchwarzen Augen Salviatis leuchteten mir eben ſo ſtarr, ſo unheimlich wie vorhin entgegen...
Plötzlich durchſtreifte ein Gedanke wie ein glühendes Eiſen
Griſier— der größte Fechtmeiſter unſeres Jahrhunderts, der Mann, der es als ſeinen höchſten Ruhm betrachtete, während ſeiner langen Carriere gegen zweihundert Duelle verhindert zu haben,— Gri⸗
„ 2
ſier hatte uns oft gewarnt, uns vor... Magnetiſatoren beim Duell zu hüten, und wie natürlich, da kein vernünftiger Menſch an Magnetismus glaubt, hatten wir ſeine Warnungen belächelt und die Beiſpiele von der Macht des Blickes gewiſſer Spadaſſine, die er ci⸗ tirte, als Fechtſaalaneedvten betrachtet.
Wie geſagt, plötzlich kam mir der Gedanke, daß der Cavalier mich zu magnetiſiren und ſo meine Körper⸗ und Geiſteskräfte zu para⸗ lyſiren ſuche— und all die eigenthümlichen Symptome, die ich an mir fühlte, ſtimmten vollſtändig mit dieſem Gedanken überein.
Pfeilſchnell hatte die Furcht, die ſich meiner bemächtigt, mich aus der von Secunde zu Secunde zunehmenden Apathie aufgerüttelt, ich begriff, daß ich verloren wäre, wenn ich nicht eine verzweifelte Kraftanſtrengung mache, um mich zu retten Ich parirte im ſelben Augenblick einen geraden Stoß des Cavaliers und faſt mit meiner letzten Kraft ſtürzte ich mich auf ihn...
Eine Viertel Secunde ſpäter fühlte ich ein kaltes Eiſen in meiner Bruſt... die Waffe entſank meinem Arme ich ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte zu Boden.
IV.
Ich ſchlug die Augen auf und befand mich zu meiner großen Verwunderung in demſelben Zimmer, in welchem ich die vorher⸗ gehende Nacht verbracht. Ich ſah mich überall um und wunderte mich, daß vor meinem Bette ein Fauteuil ſtand, in welchem ein Mann im Schlafrock ſchlief. Ich heftete den Blick auf dieſen Mann, doch er hatte den Kopf der anderen mir entgegengeſetzten Seite zuge⸗ gewandt, auch ich konnte ſein Geſicht nicht ſehen, jedoch unwillkürlich fiel mein Auge auf den Schlafrock— ein gänzlich unbekanntes Klei⸗ dungsſtück in Italien— und ich konnte den Blick nicht davon ab⸗ wenden.
Wo hatte ich dieſen Schlafrock geſehen?— Ich forſchte ver⸗ gebens in meinem matten Geiſte danach. Eine Bewegung, die ich machte, verurſachte mir einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt— ich fuhr mit der Hand nach der Stelle, wo ich den Schmerz gefühlt und fand meine Bruſt mit Binden umhüllt. So kam mir auch das Ge⸗ dächtniß wieder! In einem Augenblicke zergliederte ſich in meinem Geiſte alles, was am Morgen vorgefallen— die Duellſcene ſtellte ſich mir in ihrer ganzen Lebhaftigkeit vor die Augen— ich ſah noch einmal alles... Camillo, Salviati, den Fürſten— ja alles,.... aber wer war der Mann im Schlafrock, der da neben meinem Bette ſchlief?
Die Anſtrengung, die mein Gedächtniß gemacht hatte, ſchien meinen Geiſt erſchöpft zu haben— meine Augen ſchloſſen ſich von neuem, und ich ſchlief ein.
Als ich erwachte, ſchien es Nacht zu ſein, denn eine Lampe mit grünem Schirme Warnte auf dem geöffneten Secretär— mein Blick fuhr nach dem Fauteuil zur Seite meines Bettes— und ich fand ihn leer— ich ſuchte den Mann im Schlafrock, und miein trübes Auge fand ihn endlich vor dem Secretär ſitzend und ſchreibend. Das Pro⸗ fil ſeines Geſichtes, welches ich dunkel ſchimmern ſah, zeigte mir be⸗ kannte, wohlbekannte Linien, aber ich war nicht fähig, irgendwie in meinem Gedächtniß einen Namen meiner Erinnerung zu geben. Plötzlich drehte ſich der Schreiber um— mir zu— und eine heftige Erregung bemächtigte ſich meiner!— Wenn das falbe Licht der Lampe mich nicht täuſchte, ſo ähnelte dieſer Mann zum Täuſchen der mir theuerſten Perſon auf Erden.—
Jetzt hob er ein klein wenig den Schirm der Lampe in die Höhe, ſchaute nach mir hin— ich ſah ſein Geſicht und ſtieß einen Schrei aus——
„Vater,— Vater!“ rief ich.
Er ſprang auf, eilte auf mich zu und ſchloß mich in ſeine Arme!
„Gott ſei Dank!“ rief ſeine geliebte Stimme,—„Gott ſei Dank, die Vernunft iſt ihm wiedergekehrt!...“
Ich wollte ſprechen, fragen, Auskunft haben,— doch er legte
—


